Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1884-02-04 · Heft 10 (4.2.1884) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
25 (1884)
Issue
Heft 10 (4.2.1884)
Date
1884-02-04
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/2446951-2449406-2449417--19547-2509036
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

162 hielt Sie tatsächlich für meinen Bruder, welchem Sie gar sehr, sehr ähnlich sehen! — Ja, ja, ich würde Sie sogar jetzt noch beharrlich für meinen Bruder halten, wenn ich nicht von der Ueberzeugung durchdrungen wäre, daß mein Bruder eines solchen herzlosen Spaßes unfähig sei. — Sie entschuldigen doch, Herr Rabbiner?" „Oh, bitte! — Ich wußte in der That nicht, was da noch zu entschuldigen sei, Jrrthümer und Täuschungen ist des Menschen Loos!" Fanny wurde plötzlich blaß, ihre Lippen preßten sich aufeinander. . „Oh," kam es klagend heraus. — „Ich werde es kaum mehr wagen, auf offner Straße meinen Bruder anzureden; werde ich doch stets befürchten müffen, daß meine Worte an eine falsche Adresse gerichtet werden!" „Ihr Herr Bruder, liebes Fräulein" — tröstete ich — „trägt seit heute helle Kleider; vielleicht werden dieselben etwas zur Abschwächung der Aehnlichkeit beitragen. Jedenfalls könnten die Kleider ein Merkmal für die Familie und Freunde Ihres Herrn Bruders sein, da ich nicht gesonnen bin, eine andere Farbe für meine Kleidung zu wählen. — Sie haben wohl seit gestern Ihren Bruder noch nicht gesprochen?" Sie strich mit der Hand über die hohe, schneeweiße Stirne, als ob sie ihre Gedanken dort erst sammeln müsse und sah mich dabei nachdenklich an, dann versetzte sie: „Nein. Herr Rabbiner! Wie sollte es auch geschehen sein? Vor wenigen Stunden erst traf ich hier ein. Ick war mit meiner lieben Mutter zu Besuch bei meiner Tante in P., wo wir acht Tage verweilten!? „Ah, ich vergaß! Sie erwähnten schon Ihrer Reise, als Sie mich noch für Ihren Bruder hielten.' Also mit Ihrer Frau Mutter waren Sie verreist gewesen? Ich wußte nicht, daß die Familie des Herrn Dr. Priester hier wohne." „Das wußten Sie nicht? dann wird es Ihnen auch fremd sein, daß Sie sich um ein Amt bewerben, in welchem mein Vater — seligen Andenkens — vierzig Jahre ununterbrochen gewirkt hatte?" „Das ist mir allerdings neu, liebes Fräulein. Ich bin ja hier noch ganz fremd und wußte nicht, daß der verstorbene Rabbiner Priester hieß." In Fanny's Augen leuchtete es spöttisch auf. „Da sind Sie noch immer nicht auf richtigem Wege Herr Doctor! Der Rabbiner, der erst kürzlich das Zeitliche gesegnet, hieß Dr. Plaut und kan» schon aus diesem einfachen Grund mein Vater nicht sein! Mein Vater ist leider schon zehn Jahre todt; mein Bruder war sechszehn und ich acht Jahre alt, als er starb. — Sie werden uns doch morgen die Ehre Ihres Besuches schenken? Ja? — Run, dann werde ich so ftei sein. Ihnen das Portrait meines seligen Vaters zu zeigen." — „Meine liebe Mutter" — fuhr sie fort — „wird sich ganz gewiß sehr freuen, den Doppelgänger ihres einzigen Sohnes kennen zu lernen. Zwar dürste der Umstand, daß die Gestalt meines Bruders, wie es bei Ihnen der Fall ist, im Einklänge mit dem echten Judenthume stehen kann, in ihr schmerzliche Gefühle erwecken. Meine liebe Mutter ist nämlich auch eine strenge Anhängerin des orthodoxen Judenthums, und daS irreligiöse Leben meines Bruders hat ihr schon gar manche trübe Stunde bereitet. Mein Bruder ist sonst ein sehr braver, edler Mann, der jedem Menschen gerne Gutes thut, allein seine Lebensweise sagt eben der Mutter gar nicht zu!" „Umsomehr Anklang wird wohl diese bei Ihnen finden?!" entfuhr es — gereizt durch das spöttische Lächeln, das über ihr Gesichtchen glitt — meinen Lippen und ich wartete mit athemloser Spannung auf ihre Antwort. „Da beurtheilen Sie mich falsch, Herr Doctor! Meine Gesinnung, die der meiner Mutter nicht unähnlich ist, verwirft ebenfalls das irreligiöse Lebe» meines Bruders. In meinem Herzen fanden eben die frommen Grundsätze und belehrenden Worte meiner Mutter einen fruchtbaren Boden, während eS meinem Bruder an Zucht und einsichtsvoller Belehrung des Vaters mangelte." - „Aber es ist an der Zeit, daß ich mich nach Haufe begebe. Sie sehen, Herr Doctor, daß ich keine unwürdige Tochter Evas bin! Ich schwatze da fort und fort und vergesse, daß heute Freitag ist und noch manches für Sabbat vorbereitet werden muß. — Also nichts für ungut! — Nicht wahr? Sie machen uns morgen das Vergnügen! Adieu, Herr Doctor, auf Wiedersehen!" Gemessen verneigte sie sich. (Fortsetzung folgt.) Die Fortsetzung der Erzählung „Rur standhaft" erscheint in der nächsten Nummer. Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaktion: vr. Lehmann in Mainz. — Verlag und Expedition der .Israelit* große Bleiche 45t " I. GottSleben'S Buchdrucker« (Mainz« Anzeiger).

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.