Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 4 (14.1.1884)
- Date
- 1884-01-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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„Ichkann es nicht loben, Herr. Doctor," sagte! Löwensteinindem er sich tief verbeugte. — j Voller Bestürzung schaute ich von Löwenstein j auf Hornstein. Unwillkürlich faßte ich mich an den 1 Kopf, da ich nicht genau wußte, ob ich träume, oder die Herren da wahnsinnig geworden. „Ich habe noch nicht die Ehre gehabt" — sagte ich etwas beklommen — „Ihre werthe Bekanntschaft zu machen, wiewohl ich das Vergnügen hatte, Ihr Reisegefährte von P . . . hierher zu sein!" Während ich mit dem Herrn sprach, ging ein schwarzbefrackter, ältlich aussehender Mann, der mich ehrfurchtsvoll begrüßte, vorüber und alsdann seine Augen suchend über die bei der Post stehenden Menschenmenge geleiten ließ. — „Ah, Herr Nathansohn!" redete ihn Hornstein an. „Kommen Sie mal rasch hierher und sehen Sie sich mal den Herrn da an! Er will in Abrede stellen, daß er unser Doctor sei!" „Na, na, Herr Doctor!" sagte er zu mir gewendet, mit seinem/ Finger drohend. „Im finstern Postwagen sind Sie" mit Ihrer Schlauheit gut durchgekommen, aber hier bei dem Glanze des Lichtes würde es vergebliche Mühe sein, sich noch ferner verleugnen zu wollen, da jedes Kind bestätigen wird, daß Sie unser Doctor sind." „Oder," sagte er, als ich noch immer sprachlos dastand und rathlos von einem zum andern schaute; „sollten Sie noch in der That zu behaupten die Lust haben, daß Sie nicht Herr Dr. Priester, unser praktischer Arzt, seien? Ha, ha, ha, in der That recht schlau! Das hätte ich Ihnen niemals zugetraut, Herr Doctor!" „Das will ich allerdings," erwiederte ich nun ebenfalls lachend, da ich erst jetzt zu begreifen änsing, daß eine Verwechselung meiner Person mit einer andern stattgefunden. „Ich bin weder Arzt noch in M. zu Hause, sondern ich habe die Ehre mich als Dr. Stein vorzustellen! „Der viel geschmähte, schwarze Eandidat," sagte ich zu Herrn Löwenstein gewendet. „Ah — seien Sie mir herzlich willkommen, Herr Rabbiner!" sagte jetzt der Herr, der mit Nathansöhn angeredet wurde. „Mein Name ist Nathansohn und habe die Ehre, der erste Vorsteher der hiesigen Gemeinde zu sein!" fügte er hinzu, während er sich erwartungsvoll verneigte. „Ich bin hierher geeilt, um Sie, geehrter Herr Doctor, abzuholcn, da ich aus Ihrem jüngsten Schreiben die Stunde- Ihrer Ankunft ganz genau wußte, bin aber an Ihnen vorübergegangen, weil ich in Ihnen unfern Arzt, Herrn Dr. Priester, zu sehen glaubte. — Ich bitte tausend Mal um Entschuldigung! Aber Sie sehen l in der That dem Herrn Dr. Priester frappirend ähnlich —" fügte er hinzu, indem er, wie bezweifelnd, meine ganze Gestalt musterte. „Und ich," sagte Löwenstein, welcher sich unterdeffen aus seiner Bestürzung erholt hat — „möchte noch immer bezweifeln, daß Sie. nicht Dr. Priester seien!" „Sie haben," sagte er, während seine Augen schalkhaft aufblitzten, „unsere Unterredung im Wagen belauscht und wollen uns eine Keine Lection geben, daß wir in solcher Weise von Leuten sprachen, die wir nicht kennen! Ha, ha, ha — Was meinen Sie, Löwenftein? Jetzt ist es aber genug mit den Scherzen! Wir haben Sie durchschaut. Sie Schlanmeyer — Sie! Rasch gestehen Sie ein, daß Sie der Dr. Priester seien und bringen Sie uns nicht in Verlegenheit!" - „Gerne würde ich Ihnen diesen Gefallen thun!" sagte ich, ernst werdend, „wenn ich dadurch keine Unwahrheit sagen müßte! — Was aber die Verlegenheit betrifft, von der Sie sprachen, so dürste meine Versicherung, daß ich entschuldige, wohl genügend sein!"— „O. wir bitten tausend Mal um Entschuldigung!" — sagten Löwenftein und Hornstein — „die verfluchte Aehnlichkeit!" — Seien Sie überzeugt, Herr Doctor, daß es gar nicht so böse gemeint war und daß Sie in uns gar keine Gegner finden werden!" „Und ich" — sagte ich lächelnd, „werde mich nach Kräften bemühen, das Schließen der Geschäfte am Samstag dnrchzuführen — Sie muffen aber den Anfang machen, Herr Löwenstein!" — „O weh," sagte Hornstein zu Löwenstein, in komischer Gebärde. „Sehen Sie, wie es die Schwarzen beginnen? Nehmen Sie sich in Acht! Löwenstein — am Ende werden Sie zuerst Tinte - schlucken und so liebenswürdig sein, mir zum Gefallen das Geschäft am Samstag zu schließen — ha, ha, ha — Gute Nacht, Herr Doctor! Auf Wiedersehen!" Lachend trennten wir uns, während der Herr Nathansohn dem wartenden Schammes meine Reisetasche übergab und mich bat, ihm in sein Hans zu folgen. (Fortsetzung folgt.) Die Fortsetzung der Erzählung „Nur standhaft" erscheint in d:r nächsten Nummer. Hierzu zwei Beilage». Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann in Mainz. — Verlag und Erpedition deS „Israelit* * gr. Bleiche 4L. * I. Gottsleben's Buchdruckerei (MainzerAnzeiger).