Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 25 (1884)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1884)
- Date
- 1884-01-03
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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11 fahren getränkten Stätte unter freiem Himmel die Andacht zn verrichten*) Dieser Theil der Westmauer, Köthel hamaarabi, ist <50 F. hoch und bestehet ans 23 Steinschichtcn. Die untern neun Lagen bestehen aus uralten Quadersteinen, deren Größe den Beschauer in Erstaunen setzt. Die Alten bauten um den Tempel Eyklopenmauern, die Josephus „unbeweglich für alle Zeiten" nennt, aus riesigen Felsblöcken, geeignet dem Zahne der Zeit zu widerstehen. Im Allgemeinen sind hier Steine von 16 F. Länge und 3 F. Höhe, und an der Südwestccke kommen ungeheure Blöcke von noch bedeutender Größe zum Vorschein. Der Eckstein an der Westseite mißt 30 F. 10 Zoll in der Länge bei 6Va F. Breite und manche andere wechseln zwischen 20 bis 27 F. Länge bei 5 F. Dicke. Es ist aber nicht der große Umfang dieser langen Quadersteine allein, welcher die Verwunderung des Beschauers darüber erregt, daß diecolossalcn Masten in das unebene Jerusalem herbeigeschleppt werden konnten, sondern auch ihre eigenthümliche Bearbeitung, welche Fugenandcrung genannt wird, ist geeignet, die Aufmerksamkeit in hohem Grade zu fesseln. Nachdem nämlich die Oberfläche behauen und glatt gemacht worden, ist längs der Kanten ein schmaler Streifen von 2 bis 3*/* Zoll Breite und lU bis Va Zoll Tiefe niedriger als die übrige Oberfläche geschnitten. Die so geränderten und znsammengesugten Steine bilden in der Mauer vertiefte Streifen, welche der Wand ein getäfeltes Aussehen geben. Die Steine in den oberen Theilcn der Westmauer sind klein, ungcrändert und augenscheinlich neuern Ursprungs. Das Aussehen der Mauern an dieser und den andern Seiten deutet mit Bestimmtheit darauf hin, daß sie auf alten Grundlagen einer zerstörten und weit mastivcrn Mauer aufgcsührt sind. Die Scheidungslinie zwischen der untern antiken, stark verwitterten und den obern modernen Theilcn hat einen unregelmäßigen Verlauf, ist jedoch sehr deutlich zu erkennen. Was das Alter des antiken Theils betrifft, so erhebt es die Größe der Steine und ihre dem altjüdischen Baustyle eigenthümliche Fugenränderung über allen Zweifel, daß wir hier einen bedeutenden Theil der alten, unveränderten, westlichen Tempelummaucrung vor uns haben, welcher einer der Zeit des Herodes lange vorhergehenden Periode angehört. Bei der Zerstörung durch Titus verschwand das Heiligthum von der Höhe des Moriah, von den äußersten Umfassungsmauern aber erhielten sich einzelne Theile, denn die Römer warfen von der *) Bekanntlich liegt seine Oberfläche 394 M. unter der deS Mittelländischen Meeres. Die nun folgende Angaben entnehmen wir dem trefflichen Buche .die heilige Stadt und ihre Bewohner" von Dr. B. Neu mann, Hamburg, 18??. Höhe alle Steine, herab, die sich an den äußern Mauern so aushäustcn, daß dadurch ihre untersten Theile in der Tiefe geschützt und die gigantischen Neste für die folgenden Jahrtausende als ewige Zeugen der Größe und (5rhabeliheit des Werkes bewahrt wurden. Da in der Erzählung, welche uns von dem zweiten Tempelban durch Jerubabel unter Darius Hystaspis erhalten ist, diese äußerste Mauer nicht erwähnt wird, so ist es höchst wahrscheinlich, daß sie zn den Zeiten Salomo's errichtet wurde. Der salomonische Tempel wurde von den Ehaldäcrn unter Nebuchadnezar durch Feuer zerstört; diese Mauer aber vom Brande nicht beschädigt, ist später bei dem zweiten Bau des Tempels wieder benutzt worden. Die Westmaucr war den Israeliten nach der Zerstörung des Tempels immer heilig, und ein Gegenstand großer Verehrung, wohin sie öfters gingen, um daselbst zn beten. Der große Rabbi Akiba ging mit einigen Freunden zu diesen Ueberresten des Tempels, als sie dorthin gelangten, brachen sie in lautes Klagen aus und sprachen: Unser Hciligthum, unser Ruhm, wo unsere Väter einst Gott gepriesen haben, ist verbrannt und all unsre Herrlichkeit zerstört." Da lief ein Fuchs durch das verwüstete Gemäuer mid an ihnen vorüber. Dieser Anblick erhöhete ihre Trauer und sic singen bitterlich zu weinen an. Rrbbi Akiba aber lachte. „Wie kannst Du, Rabbi," fragten sie ihn erstaunt, „lachen, wenn Du das sichest, was prophezeihet wurde: Auf dem verwüsteten Berge ziehen Füchse einher." Er aber antwortete ihnen: Esten die Erfüllung dieser Prophezeihung ist mir eine Bürgschaft für die Erfüllung einer andern, die da spricht: Ich, der Herr, werde Zion erbauen und werde es mit einer Feuermauer umgeben." Im 12. Jahrhundert, zur Zeit des R. Benjamin von Tudela war hier der herkömmliche Gebet- Platz der Jsiacliten und ihn haben sie sich jvon der türkischen Negierung durch große Opfer bis heute zu erhalten gewußt. Die Mohammedaner ehren die frommen Gefühle der Andächtigen und legen ihnen kein Hinderniß in den Weg. Sehr häufig wird an dieser geweihten Stätte das Minchah-Gebet verrichtet. Dann wird der 79. Psalm mit feinen bitlern herzergreifenden Wehklagen rccitirt; auch einige Kienoth, in denen die Verwüstung des heiligen Ortes beklagt wird. Möge Gott bald die Thräncn der Trauernden trocknen und die Schmach Seines Volkes hinwegnehmen wie er es verheißen. „Denn Dein Volk sind wir, die Heerde, die Du weidest. Ewiglich werden wir Dich bekennen- und von Geschlecht zu Geschlecht erzählen' Deinen Ruhm." (Psalm 79, B. 13.)