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Der Israelit · 1909-12-30 · Heft 52 (30.12.1909) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 52 (30.12.1909)
Date
1909-12-30
Page
– (sequence 12)
Language
German
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euilleton. Die tage der Derzeit. Bon Babette Fried in Prag. (Smktfetznng.) Strahlend in Schönheit und reichlichem Schmuck saß die jugendliche Braut da, und ihr noch unverhüllteS Gesicht blickte mit siegreichem Lächeln umher, als wollte sie sagen: ,Melche von Euch, ihr Frauen und Mädchen, könnte sich mit mir messen? Welche nimmt eine Stellung ein, gleich mir?" Da trat der Narr mit seiner Geige vor die Braut. Schon die ersten Töne des offenbar von Künstlerhand geführten BogenS machten alle Zwiegespräche im Saale verstummen. Diese zarten und doch so tiesergreifenden Töne nahmen alle Herzen gefangen. Selbst die Braut, welche doch gegen jede tiefere Gemütsregung abgehärtet schien, erschauerte leise. Ein tiefes Weh, ein lang verhaltener Schmerz kam in diesem Spiele zum Ausdruck. Jetzt begann der Spieler auch zu singen, sich selber auf der Violine bereitend. Seine Stimme klang heiser, verbraucht. Et war kein Meister des Gesanges, sein Spiel war besser, vollendeter als sein Gesang. Der Inhalt des Liedes aber, das er vortrug, der war fast mehr noch geeignet, die Herzen zu rühren, als es das Spiel gewesen. Er sang von Liebe und Treue, der Zierde deS Frauenherzens, von ernsten Pflichten, deren Verletzung den scharfen Stachel der Reue ins Herz drückt, von Selbstvorwürfen, welche jedes Glück vernichten, von Gewissensqualen, welche — Eumeniden gleich den Menschen verfolgen. Er gemahnte die Braut daran, daß sie ihrem Auserwählten im Wohltun und Edelsinn gleichen möge, wodurch allein sie alles gut machen könne, was sie in jugendlichem Leichtsinn gefehlt habe. Das Haus ihres Zukünftigen möge von ihr in alter Weise weiter geführt werden. Die wohl oberflächlich gesinnte, aber nichts weniger als beschränkte Braut fühlte den Stachel .heraus, der in diesen Worten versteckt war, und Tränen des verletzten Stolzes und der Reue netzten ihre Augen und Wangen. Aber es war nicht die Reue über die auf ihr lastende Schuld, sondern die Reue, daß sie diesen unbequemen Moralprediger selber hierherberufrn habe. Sie wollte den, den sie haßte und verachtete, an ihrem Ehrentage um sich haben in feiner Eigenschaft und Tracht als Narr — und er stand vor ihr als strafender Richter. Ein Gemurmel des Beifalls durchbrauste den Saal, als Borgstein mit einem Maseltow sein schönes rührendes Lied beendet hatte. Was voroem niemals geschehen war, konnte man heute sehen. Alle Hände streckten sich dem Schalksnarren entgegen, ein vielstimmiges Jejascher Koach, gemischt mit Bravorufen tönte ihm von allen Seiten entg^en. Borgstein verneigte sich dankend nach allen Setten. Die Schale, mit welcher er gewöhnlich nach dem Kalleliede unter den Gästen einsammeln ging, Mich ungebraucht in seiner Tasche, oder er hatte He, .vielleicht gar nicht mitgebracht. Hoch aufge- WW entfernte sich der Narr. Die Trauung ging in gewohnter Weise vor sich, dann ordnete man sich znr Tafel. Als sich Sommer nach dem Narren umsah, um ihm einen Platz an der Hochzeitstafel anzuweisen, war dieser nicht aufzufinden. "Er nahm wieder einen Boten, mit welchem er ein reichliches Honorar und Speisen nebst einer Flasche Wein dem Verschwundenen nachsandte. Als der Bote bei Borgstein ankam, befand sich gerade Mina bei diesem, der er die Erlebnisse des heutigen Tages erzählte. DaS ihm auf eine so feine Art Gesandte durfte Borgstein nicht zurücksenden, und er verbrachte mit Mina einen heiteren Abend beim Genüsse der köstlichen Speisen und des Weines. Daß ihr Gespräch sich hauptsächlich um die Hochzeit in Drahobtl drehte, ist selbstverständlich. „Du kannst mir gar nicht glauben, Mädel, wie wohl und leicht mir ums Herz ist, daß ich der hochmütigen Maid in so feiner Weise öffentlich die Wahrheit gesagt habe. Du hättest nur sehen sollen, wie sie geweint hat, das Herz im Leibe hätte Dir gelacht." „Das nicht, Herr Borgstein, ich hätte vielleicht mitgeweint." „Was Du sagst, Du gutes Herz, Du hättest sie vielleicht gar entschuldigt, wie Du schon einmal bist." „Möglich! Sie hat David nicht geliebt, vielleicht nicht recht gekannt, sonst hätte sie ihn lieben müssen. Hätte sie ihn wirklich von Herzen geliebt, so hätte sie ihn nicht von sich gelassen und alles wäre anders geworden." „Ja, wenn man alles voraus wissen könnte. Wenn ich damals gewußt hätte, was für ein Prachtmädel Du bist, Minateben, dann wäre auch alles anders geworden und besser." „Vielleicht/ vielleicht auch nicht", meinte Mina. „Leben und Schicksale der Menschen sind ick Gottes Hand; der lenkt sie in seiner Weisheit und Güte, und wir müssen es hinnehmen, wie es sein unerforschlicher Wille verhängt hat." V. Reb Salme Borgstein war einmal ein angesehener Kaufmann gewesen. Fleißig und streng redlich, wie er war, hatte er sich in der kleinen Gemeinde, in welcher er lebte, einen geachteten Namen gemacht, der auch von der nichtjüdischen Bevölkerung des Städtchens anerkannt wurde. Er ließ sich überall gebrauchen, wo es galt eine Mizwa zu machen. Er vertrat! — natürlich ohne Entgelt — den Vorderer, wettn dieser unwohl war, oder durch eine wichtige Abhaltung dem Gottesdienst fern bleiben mußte, war am Neujahrstage und am Versöhnungstage Schacharischasen und Bal Tekoa. In Gesellschaft erheiterte er alles durch seinen allzeit schlagfertigen, wenn auch harmlosen Humor. Et spielte gut Violine und Guitare, und ließ sich! dazu herbei, bei Hochzeiten, namentlich von Whisen mädchen, den Lustigmacher zu spielen. Seine Frau, Liebele, konnte sich mit letzteren nur allzugemütlichen Leistungen ihres Mannes nicht befreunden^ sie suchte ihn auf alle mögliche Weise davon abzuhalten, — aber was Salme Borgstein als Mizwä betrachtete, davon ließ er sich von niemandem abbringen, auch nicht von seiner innigst geliebten Liebele. Es war dies auch die einzige MeinungSdifferenz im Leben der beiden Ehegatten. Sie hatten von mehreren Kindern bloß einen einzigen Sohn groß gezogen, den sie mit aller möglichen Liebe und Sorgfalt umgaben. Nicht leicht wurde es Salme un > seiner Frau, ihren hoffnungsvollen Sohn seinSladium unterbrechen zu lassen, aber auch er sah keinen andern Ausweg und mußte sich fügen. Liebele Borgstein wurde von riesem harten Schicksale ganz niedergebeugt. Der Verlust ihres Vermögens und die dadurch entst mdenen Entbehrungen und Demütigungen hatte ie gottergeben ertragen,^ aber das Aufgeben' der \ verspannten Hoffnungen, die sie in die Zukunft ihres Sohnes H gesetzt, das vermochte sie nicht ruhig hinzunehmen, und gar oft murrte sie und fragte sich kummervoll: Habe ich denn so Schweres verschuldet? Muß denn gerade mein frommer Mann derart ygestraft werden? Wo bleibt die göttliche Ge- / rechttgttgkett? ' ‘ 4% VI. '. David hatte Glück gehabt. Er kam in die , 7 große, weitverzweigte chemische Fabrik Bernhard Sommer in Drahohil als Comptoirpraktikant gegen ganz freie Station. Da er brav, fleißig und anstellig war, übernahm sein Chef auch Die Verpflichtung, ihn zu kleiden. Er war daher versorgt. Nicht so leicht war es seinem Vater, einen ' Erwerb für sich und sein Weib zu finden. Zn der Stunde der Verzagtheit sagte er oft: Kr, / es ist wahr: Die materiellen Mittel zu einem ehrlichen Erwerbe zu finden, das ist so schwer, >. wie das Teilen der Wellen am Schilfmoor war. r Als alle angestellten Versuche fehlschlugen, da raffte sich Reb Salme zu einer Tätiget auf, die er in besseren Zeiten zu seinem Vergnügen, oder \ sonst um ein Mizwe zu machen, ausgeübt hatte: --- Er ging zu Hochzeiten als sogenannter Schalks?*■ narr. Jetzt aber gegen Entgelt. Bald wurde ' £ es in einem Umkreis von mehreren Meilen be- .. kannt, daß Reb Salme Borgstein ein Profes- > sions-Narr geworden sei, und keine Hochzeit C wurde gefeiert, zu der man nicht Salmele Narr,' ~ wie er jetzt hieß, geladen hätte. Da fiel für den > unglücklichen Ex-Kaufmann so viel an klingender Münze ab, daß er mit seiner Frau anständig v leben konnte. Diese hatte sich von dem Tage an, wo ihr^ Mann offen als Hochzeitsnarr aufgetreten, ganz' -% von jeder Geselligkeit zurückgezogen. ES kostete fie anfangs nicht geringe Ueberwindung, an Sabbaten und Festtagen in „Schul" au gehen, und sich daselbst auf ihrem Sitze, dem Einzigen, was ihr von ihrem früheren Wohlstände geblieben war, , niederzulaffen. Hatte es damals schon ihren Stolz ~\> verletzt, als Salme an Hochzeiten sang und spielte und selbstverfaßte Verse vortrug, wo er es „leschem nizwa" tat, wie mußte sich dieser Stolz erst unter %; der Tatsche aufbäumen, daß ihr teurer Salmaleben, der einst hochgeachtete Kaufmann Aller-ä weltsnarr abgeve für Geld, das unter den Gäste» J für ihn eingesammelt wurde. Was sollte nicht alles aus ihrem David,. werden! - . 'A - Keine Lebensstellung schien den Eltern zu 7 hoch, oder gar unerreichbar für ihren David, ihrem Abgott, zu sein. Er sollte ein hochgebildeter, angesehener Mann > werden von dem man überall mit Bewunderung P sprechen sollte. / Jung Davids körperlichen und geistigen E Eigenschaften, waren auch geeignet, ein solches : Vertrauen in seine Zukunft zu rechtfertigen. Schön, und kräftig gebaut, mit einem lebhaften durchdringenden Geiste begabt, verfügte er auch^4 über einen Grad von Fleiß und Willensstärke,^ welche das beste für seine Ausbildung etmxto&fy ließen. . - .M Auch schien den Eltern kein Opfer zu aroUD zu sein, um das vorgestreckte Ziel zu erreichen. Aber das Unheil kam mit Sieben meilerrstiefeln^ herangesaust. In dem Laden, in dem fettffe ganzes Vermögen in Waren sich befand, waDÄ durch Unvorsichtigkeit eines Angestellten FeueDH ausgebrochen, welches das ganze WareylagMK samt der angrenzenden Wohnung mit deren Wn^H richtung binnen weniger Stunden v so daß die Familie nichts als das nackte retten konnte. (Fortsetzung folgt.)

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