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Der Israelit · 1909-12-30 · Heft 52 (30.12.1909) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 52 (30.12.1909)
Date
1909-12-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Ein Centralorgan lür das orthodoxe Judentum i Begründe! non Dr. Lehmann in IllaiflZ i 50 Jahrgang SNI Sranhfurf a. M.. den 50. De?ember 1909, 18. Teroefh 5d707 M »s Aban»e«e«t pro Vierteljahr: Gewöhnliche Ausgabe Mk.i.so, HestauSgabe (sinnstdruck) Mk. 3.—. Auslandspreise: Gewöhnliche Ausgabe: Oesterreich-Ungarn 2 Kr., Rußland l Rub., England 2 sh., Amerika 50 ets., Niederlande 1.20 fl., Frankreich Frs. 2.60. Abonnements bei allen Postanstalten. Buchhandlungen, sowie direkt bei dem Berlag. HestauSgabe nur direkt. I Der Israelit erscheint jeden Donnerstag Inserate: 30 Pfennig für die sechSgespalttne Colonel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Jnseratenannahmc nur durch Haasenstein u. Bögler A.-G. j Frankfurt a. M.» und deren Filialen. Zahlung*« können außer direkt an den Verlag erfolgen per: «-ntbei der ft. ft. Postsparkasse «len 91a. TOMS, «onto bei de« ft. Postsparkassena«t «ndapest Ra. 18484. (Eonta bei der Rigaer Ca«ttet&*mf i» Riga und deren Filialen. Dar llsckiSnick der Hrtiftel und Correfpondewen des hanöel „Israelit“ iff nur unter genauer Quellenangabe, und. soweit es fidi um größere Hufffifte [f, nur nach vorheriger Genehmigung geftaftet Var Scbmelztieaelproblem. Bon Dr. Arthur Kahn in Charlvttenburg. IV. Gegenüber den schwierigsten aller Probleme, die die Judenhett der Gegenwart zu lösen hat, bleibt das Auswanderungsproblem, das eben das „Schmelztigelproblem" umfaßt, das allerschwierigste. Dreiviertel der gesamten, in den Ländern des Ostens wohnenden Juden werden davon berührt, dreiviertel der Judenheit der WM! Keine menschliche Macht vermag die Abwanderung aus diesen Ländern zu hemmen. Und gäbe es heute ein Land, das nur einige wenige bessere Chancen bieten würde als Amerika für diese nach Brod, Luft, Freiheit und Menschlichkeit Lechzenden, so würde man eine Völkerwanderung erleben, dergleichen die Geschichte der Menschheit nicht aufzuweisen hätte. Aber diese Armen sind an die Scholle, die sie nicht ernährt, nicht duldet, nicht schützt, durch ein grausames Schicksal gebunden. Sklaven, die an der Kette rütteln, welchen die Furcht vor ihr und der ihnen bedrohenden Lebensgefahren, die ruhige Ueberlegung und die Besinnung raubt. Hier in ihrem Geburtslande ein ewiges, mit dem Eintritt ins Leben schon beginnendes und bis zum Lebensende dauerndes Martyrium,' dort die weite Freiheit, Menschenwürde, Selbstbestimmungsrecht, Selbstetttfaltüng. Das muß man verstehen, um chie großenteils ganz unüberlegte, planlose Auswanderung ins Blaue hinein nicht völlig zu verdammen. Aber selbst bei den innigsten Sympathien mit unfern armen, unglücklichen Brüdern, Wrsen wir keinen Augenblick außer Acht lasten, chüß das Verlassen Ruß'ands, Galiziens sind Rutäniens, um aufs Geratewohl noch Amerika zu hren, das Problem nicht löst, Hilfe nicht bedeutet, sondern das Elend nur an einen anderen Ort verpflanzt. ' Stehen wir nun auch dieser geradezu elementaren Erscheinung fast ganz machtlos gegenüber, .so können wir dennoch manche Aufgabe dabei erfüllen. v Solche Aufgaben sind naturgemäß zweifacher Art, negativer und positiver. Wir können dann ichmerhm noch viel Gutes bewirken und manches Mstheil verhüten. Unsere negative Aufgabe befände darin, daß wir unter keinen Um- ^stÄwden die Auswanderung solcher Perbegünstigen, die nicht schon vor Be- MmMrer Abreise aus ihrer Heimat bis zum ^Abschluß derselben und Ankunft an ihrem Ziel, aus AWuen Mitteln die Kosten zu bestreiten ver- - - •- , ■ mögen. Jede wie immer geartete Unterstützung mußte konsequent verweigert werden. Auch die wirkliche Tatsache, daß drüben irgendwelche Personen für das Weiterkommen des oder der Emigranten Sorge tragen zu wollen vorgeben, darf an diesem Prinzip nicht das Mindeste ändern. Wer in Amerika wirklich in der Lage ist, zurückgebliebenen Freunden oder Verwandten als Pionier zu dienen und weiterzuhelfen, ist auch in der Lage, die Kosten für die Ueberfahrt zu schicken. Leute, die bie> nicht tun und nicht können, find auch in sicher 95 unter 100 Fällen nicht in der Lage, drüben für eine Existenz sorgen zu helfen. Selbst die Kosten der Rückreise, wo Leute bereits sich auf den Weg gemacht haben, sollte mancher bezahlen, als die Weiterfahrt über das Wasser begünstigen. Ja diesem Falle erweist man dem Auswanderer sicher einen befferen Dienst, als ihn so gut wie mittellos in Amerika landen zu lassen. Sonst würde das Dichterwort gelten: „Weh' dem Fremdln g, den die Wogen warfen an den Unglücksstrand!" Männer, die das vierzigste Lebensjahr erreicht haben, sollte man ebenfalls von jeder Auswanderung auf gut Glück hin zurückhalten. In diesem Alter finden Arbeiter nur noch selten einen auskömmlichen Posten und müssen gewärtig sein, jeden Tag Knall und Fall entlassen zu werden. So hochherzig der Amerikaner in der Nächstenliebe sich auch häufig zeigt, so wenig Rücksichten und Gefühlsregungen kennt er im Geschäftsleben. Zudem wird der Arbeiter ungemein verbraucht und besonders die furchtbaren Hitzen im Sommer, wie der grelle Klimawechsel wirken auf den an Kälte gewöhnten Osteuropäer nachteiliger als auf den von Jugend an das amerikanische Klima Gewöhnten. Noch weniger darf man solche Auswandrer fördern, die eine mehr oder minder zahlreiche Familie zurücklassen ... Wie wir unter keinen Umständen die hier besprochene Kategorie von Auswanderern, — zu deren eignem Besten — fordern dürfen, so sollte man ebenso konsequent jede Beihilfe solchen Auswandrern versagen, die als Ziel die Städte New Aork, Chicago, Boston, Baltimore, Philadelphia, überhaupt große Centren, die bereits überfüllt sind als Domicil und Reiseziel wählen. Hingegen verdienen Leute, die sich nach dem fernen Westen und Südwesten begeben wollen, demnach auch Schisse wählen, die den Kurs nach solchen Häfen nehmen, eher Förderung Man mag vom Betrieb der Landwirtschaft durch die Juden auch gegenwärtig eine herzlich geringe Meinung haben, wiewohl gerade die letzten Jahre zeigten, daß, besonders in Amerika die Landwirtschaft überaus gute Resultate gezeitigt hat. Soviel steht aber jetzt schon fest, daß den künftig nach Amerika auswandernden Juden in der Urbarmachung deS Bodens eine Zukunft erwächst, die mehr Garantieen für die Erhaltung des Judentums bietet, als die Masseneinwanderung in die Großstädte, welche das erhaltende Element, die Tradition und die religiösen Bräuche vernichten. Da wir mit dem Judenproletariat der Großstädte das Judentum eher seinem Untergang als seiner Regenerirung und Stärkung zuführen, so wäre das schon allein Grund genug, uns dadurch diesem Zustrom zu widersetzen, daß wir alle Mithilfe dabei versagen. Noch bietet der amerikanische Riesenkontinent Raum für hunderte Millionen Menschen, Raum zu einer glücklichen Entfaltung. Für Menschen, die ihr Brod durch persönliche Bodenarbeit gewinnen und freie Herren in diesem fteiheitlichen Lande werden wollen, harren noch Rtesenländereien der Bebauung. Planvoll hat eine jüdische Gesellschaft in Cincinnaty mit vorzüglichemErfolgvon solchen Ländereien einen Teil mit jüdischen Bauern aus Rußland besiedelt. Diese russisch-jüdischen Bauern, die allerdings auch in ihrem frühern Heimatland dem Ackerbau obgelegen haben, bilden, nach einem mir zugegangenen Bericht bereits kleine jüdische Gemeinden oder den Ansatz zu. solchen. Dort wird zweifellos ein starkes Judentum, mit altjüdischen Institutionen erstehen und mit diesem jüdischen Eist die moderne Kultur, ohne deren Auswüchse, wie sie aus dem Großstadtleben in der Diaspora empürwuchern, harmonisch verbinden. Wenn sich nun jüdische Kolonisten, die von Jugend auf mit dem Ackerbau vertraut, aus den Ostländern Europas in Gruppen, von mindestens zehn bis zwanzig Familien genossenschaftlich verbunden, zur Besiedlung nach Amerika begeben wollten,so verdiente diese Klasse von Auswanderern alle erdenkliche Unterstützung. Ich verwahre mich dagegen, ein Utopist zu sein und gegen den Verdacht, unausführbare Projekte zu verfolgen. Ich will einmal an die Mormonen erinnern. Aus religiösen Gründen, die wir allerdings nicht anerkennen könne, in die schauerlichen Einöden des Salzsees verjagt, haben sie den Grundstein zum Staate Utah gelegt und aus dieser Wüstenei ein wahres Paradies geschaffen. Wer heute an der Hauptstadt Salt-Lake-Ctty vorbei durch diesen Staat fährt, kann sich kaum denken, daß der Fleiß von wenigen hundert Menschen diesen Fruchtgarten geschaffen hat und einen Wohlstand, an dem Einwandrer aus allen

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