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Der Israelit · 1909-12-23 · Heft 51 (23.12.1909) · page 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 51 (23.12.1909)
Date
1909-12-23
Page
– (sequence 15)
Language
German
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euilleton. Die Lage der vorreit. Bon Babette Ariein Prag. (Fortsetzung.) „Nehmen Sie die Sache nicht so tragisch, Herr Borgstein! ES gehört ein hoher Grad von Intelligenz und Geistesfrische dazu, immer schöne Verse zu machen, und auS dem Stegreife zu dichten. DaT muß jeder anerkennen, und Sie darob bewundern. Schließlich ist es ein ehrlicher Erwerb, und bester als von Almosen leben." „Du kannst schön sprechen, mein Kind, und immer hast du mit deinen schönen Worten meine Bitterkeit verscheucht. Heute aber wird eS dir nicht gelingen. Nie zuvor ist mir mein niederer Erwerb so schmählich geschienen, wie heute, Ach, wenn du wüßtest Mädchen, was mir heute zugekommen ist!" Und wieder bedeckte er sein betrübtes Antlitz mit den Händen. Voll tiefer Teilnahme blickte ihn das Mädchen an. Angesichts des tiefen Schmerzes ihres alten Freundes wagte sie nicht mehr ein tröstendes Wort zu sprechen. Selbst das zarteste wäre ihr banal erschienen. Was konnte dem Manne nur zugestoßen sein, das ihn derart erschütterte? So hatte sie ihn niemals gesehen, selbst damals nicht, als er den Abschiedsbrief seines Sohnes erhalten hatte.. So war er selbst damals nicht. Ihr anhaltendes Schweigen wirkte auf den Akten beredter, als es viele Worte getan hätten. Bei diesen hätte er vielleicht in seiner verzweiflungsvollen Stellung verharrt, diese Stille rüttelte ihn daraus empor. „Du bist noch immer da, Mina?" „Gewiß, ich muß ja warten, bis Suppe gegessen haben, die ich Ihnen Ich setze mich indessen zum Ofen, und zählen Sie mir hübsch, was Ihnen men ist." ' „Essen werde ich, denn ich bin hungerig geworden. Die Natur ist ein erbarmungsloser Gläubiger. Sie verlangt unter allen Umständen ihr Neckt. Aber erzählen werde ich nicht. Ich Mmemich." Mina war von ihre Sitze beim Ofen -uf- Sie die gebracht, dann erzugekom- „Älso kann ich gehen, Herr Borgstein! Sie hüben das Vertrauen zu mir verloren, so habe W hier nichts mehr zu tun." „Du bist mir doch nicht böse, Kind?" „Böse nicht, wie könnte ich auch! Aber es M mir weh, daß Sie mir den Grund Jhres Schmerzes nicht Mitteilen wollen. Verdiene ich D nicht mehr?" M „Doch, doch," meinte der Alte, „bleibe noch S Weilchen, dann will ich sehen, wie ich es zu ge bringe." Unterdessen hatte Borgstein die ihm von tna Vorgesetzte Suppe verehrt, und den Teller zschiebend, sagte er: „Das hat geschmeckt! rgelt's Gott, Minalrben, die Suppe war ltch." Mcht so arg," meinte Mina mit einem zu lächeln. „Sie haben einfach Hunger ist der beste Koch. Also jetzt rie. „Morgen wird bei Sommer in Drahobil Hochzeit gefeiert. Das Mädchen, dessen Ränke meinen David Vertrieben hat, heiratet nach Prag, bekommt einen angesehenen Mann, einen Ehrenmann in des Wortes schönster Bedeutung. Wo bleibt die waltende Gerechtigkeit?" „Das also hat Sie derart aufgeregt, Herr Borgstein? Lassen Sie nur den lieben Gott wirtschaften. Der weiß schon was er tut. Daß sie nicht ihren David zum Manne bekommt, ist schon Strafe genug für sie. DaS Schicksal dieses eitlen Mädchens ist mir gleichgültig, und sollte es auch Ihnen sein." „Auch mich kümmert es wenig. Ich habe nur gelegentlich diese Bemerkung gemacht. Der eigentliche Grund meiner Aufregung ist ein ganz anderer. Heute vormittag ist ein Bote aus Drahobil zu mir gekommen, mit der Aufforderung, morgen in meinem Narrenkostüm dort zu erscheinen, um der Braut nach alter Weise vor dem Bedecken das Kallelied zu singen, und dann bei der Festtafel für die Unterhaltung der Gäste zu sorgen. Man werde es mir gut bezahlen." „Sie habm doch nicht zugesagt, Herr Borgstein," rief das Mädchen ganz erschrocken. „Ich habe zugesagt, mit schweren Herzen, aber dennoch. Der Winter ist vor der Türe, ich habe keine Feuerung im Hause, bin den Zins schuldig, und wenn Du, gutes Mädchen, mir nicht aushelsen würdest, so könnte ich gar oft hungrig zu Bette gehen. Die Verdienste sind jetzt schlecht. Bei vornehmen Hochzeiten nimmt man jetzt selten den Narren, da setzt man sich über diese altertümliche Gepflogenheit hinweg, und bei gewöhnlichen Hochzeiten trägt die Narrethei nicht viel ein. Es ist mir auffallend genug, daß in einem so noblen Hause, wie bei Sommers, noch auf einen Narren reflektiert wird. Umsoweniger kann ich den Verdienst ausschlagen. Vielleicht bringt mich das wieder in Mode," so schloß er in bitterer Selbstironie." „Ich wäre aber dvch dafür, daß Sie lieber auf dieses Geld verzichten, als sich gerade vor .diesen Leuten zu erniedrigen. Tun Sie eS mir zu Gefallen, und sagen Sie ab. Lassen Sie sich einfach mit einem plötzlichen Unwohlsein entschuldigen." „Das geht nicht. Ich habe mein Wort gegeben. Wie mir dabei zu Mute war, hast Du selbst gesehen." „Wenn Sie nicht anders wollen, so gehen Sie. Aber den Narrenanzug lassen Sie zu Hause. Fahren Sie in Ihrem sauberen schwarzen Anzug, mit einem anständigen Hut, wie ein anderer Hochzeitsgast." „Ja, das werde ich, daran habe ich auch schon gedackt." „Also, wenn Sie sich dazu einmal entschlossen haben, so gehen Sie guten Mutes. Vielleicht wird Ihnen dieser Weg aus Ihren Nöten helfen. Ich hätte zwar gerne das letzte hingegeben, um Ihnen das zu ersparen, aber da Sie nicht anders wollen, so nehmen Sie sich zusammen, daß Sie morgen was Rechtes leisten. Vielleicht hilft Ihnen daS zu manchem anderen Verdienste. Wenn man Sie zu Sommers berufen hat, so wird es zu anderen Hochzeiten, die in der Gegend gefeiert werden, auch geschehen,' das wissen Sie, nach denen richtet sich alles hier herum. Die sind tonangebend." III. Die Trauung war auf ein Uhr Mittags angesetzt. Pünktlich war Salmele Narr in Drahobil aygelangt und von der bereits anwesenden Hochzeitsgesellschaft mit Jubel begrüßt worden. Zwar gab es eine allgemeine Enttäuschung, als er, die Fiedel unter dem Arme, aber in seinem gewöhnlichen Anzuge einherkam, statt wie sonst in altdeutscher Tracht: kurze, enge Beinkleider, über dem Knie mit einer bunten Schleife befestigt, lange schwarzseidene Strümpfe und Schnallenschuhe, auf dem Kopfe das dreieckige barettarttge Häubchen. Schon dieses Narrenkostüm wirkte belustigend auf die Anwesenden, und paßte so gut zu seinem Metier, es wirkte so belustigend, noch ehe er den Mund zu einem Spaße aufmachte. Der Brauwater war ihm entgegengekommen und bot ihm die Hand zum Gruße. „Seien Sie mir willkommen Reb Salme, als lieber Gast, auch dann, wenn Sie nicht in der Sttmmung wären, durch Ihre Dichtungen zur Erheiterung der Gesellschaft beizutragen, was ich begreiflich fände." „Als Gast bin ich nicht geladen worden und auch nicht hiergekommen, sondern als Narr, um durch meine Späße die Hochzeitsgesellschaft zum Lachen zu bringen." Sommer führte den Alten in eine Fensternische, wo sie ungestört sprechen konnten. „Es geschah eigentlich gegen meinen Willen, daß man sie herbeigerufen, lieber Borgstein, wie so manches andere ohne oder gegen meinen Willen geschehen ist." „Lassen wir das Vergangene ruhen, Herr Sommer! Geschehenes läßt sich nicht mehr ungeschehen machen." „Das aber muß ich Ihnen sagen: Ich habe Ihren Geist und ihr Wissen immer hochgeschätzt, und an mir lag es wahrlich nicht, wenn sich das Schicksal so, und nicht anders gestaltete. Mir hat Gott, gelobt sei er, die Freude deS heutigen Tages beschieden. Hoffen wir zu ihm, daß er auch Ihr Herz aufrichte." Resigniert schüttelte Borgstein das Haupt „Nun, geben Sie nicht alle Hoffnung auf. Alles ist möglich. Wenn ich aber indessen etwas beitragen kann, daß sich Ihr Leben heiterer gestalte, soll es gerne geschehen. Was kann ich für Sie tun?" „Nichts." „Also nichts. Wie Sie wollen. Aber um eines möchte ich Sie bitten. Bei der Hochzeit meiner Tochter unterlassen sie den üblichen Firlefanz. Ich kann mich in Ihre Gefühle hinein-» denken, und ich wünschte nur, sie könnte oder wollten verstehen, was in meinem Herzen vorgeht." „Wenn Sie es nicht wünschen, so werde ich keine Narrenspossen machen,- aber das gestatten Sie mir doch, Herr Sommer, daß ich die ernste Aufgabe des Hochzeitsnarren erfülle, der Braut vor dem Bedecken etwas vorzusingen, und sie an die Pflichten, die. sie übernimmt, zu gemahnen." Fast unwillig antwortete Sommer. „Eigentlich wäre eS mir lieber, wenn auch das unterblieben, aber ick denke mir, daß es Ihnen für die Zukunft schaden würde, so soll es geschehen, wie Sie es wünschen." IV. So war es Mittag geworden. In einem dunkelgäinen Kleide aus schwerem Seidenstoff mit Myrthenkranz und langem Schleier geschmückt, sowie dem kostbaren Perlenhalsbande, dem Brautgeschenk des Bräutigams, saß Klara Sommer aus dem Deckstuhle, umgeben von den Unterführerinnen und den weiblichen Hochzeitsgästen, sowie aller jungen Mädchen Ortes und der Umgebung. Im Nebenzimmer befanden sich die Herren mit dem Bräutigam, und war daselbst auch der Trauhimmel vorberettet. Bald sollte der Rabbiner kommen und die Trauuungszeremonie mit dem Bedecken der Braut mit dem grünseidenen, mit langen goldenen Fransen gezierten Decktuche beginnen, wobei er den biblischen Priestersegen sprach. (Fortsetzung folgt.)

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