Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 51 (23.12.1909)
- Date
- 1909-12-23
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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^rssi; vrxw^cifig and Letire PjUmgtM^t-BtiijyfM^LrMllf Organ des Bundes gesehestreuer jüdischer hehrer Deutschlands. Lehrermangel oder Lehrer- Überfluss. (Schluß.) Noch ungünstiger gestalten sich die Verhältnisse, wenn sich bei uns Juden Lehrermangel fühlbar macht. Wenn es an regulär vorgebildeten Lehrern fehlt, dann müssen die Gemeinden, ob sie wollen oder nicht, sich mit ungeprüften Lehrkräften begnügen, und je größer der Mangel, desto geringer das Ersatzmaterial,- eine Grenze nach unten hin gibt es gar nicht. Die Lage der Lehrer aber wird selbstverständlich dadurch nicht gebessert, sondern eminent verschlechtert. Es wäre also nur die Frage noch zu prüfen, ob die Zahl der vorhandenen geprüften Lehrer eine ausreichende ist oder nicht. Ist letzteres der Fall, dann ist es geradezu frivol und eine schwere Schädigung deS jüdischen Lehrerstandes, wenn man den Eltern den Rat geben wollte, ihre Kinder von dem Lehrerberufe zurückzuhalten. Zulässig wäre er nur, wenn ein Ueberfluß an geprüften Lehrern nachzuweisen wäre.' Bekanntlich fehlt es in Bezug auf jüdische Lehrerverhältnisse an zuverlässigem statistischen Material. Was der Verband der jüdischen Lehrervereine seinerzeit davon veröffentlicht hat, war nichts weniger als zuverlässig, sodaß man es nach dieser Richtung hin kaum verwerten , kann. Wir müssen deshalb versuchen, der Lösung der Frage möglichst nahe zu kommen. Daß es überhaupt zu einem Streite darüber kommen konte, ob Lehrermangel oder Lehrerüber- Mtz, liegt in der Eigenartigkeit -der Anstellungstmd Gehaltsverhältnisse der jüdischen Lehrer. Der Wkäat weiß in jedem Augenblick, wie hoch sich Hin Bedarf an Lehrern beläuft und er hat es, wie wir oben gesehen haben, ganz in der Hand, den Zugang zum Lehrfach zu regulierener wird in seinem eigenen Interesse nicht mehr Lehrer . aitzSbilden lassen, als er voraussichtlich verwenden kann. Einen Lehrerüberfluß kennt man dort überhaupt nicht. Scheinbar gibt es auch uns einen solchen nicht so leicht, denn die ihl der Gemeinden, die einen Kultusbeamten len, ist besonders jetzt sehr groß und viele len sind verwaist, weil die Gemeinden nach Würgern Annoncieren auch nicht die bescheidenste Lehrkraft gewinnen konnten. So kommt es, daß Ae Seminarabiturienten fast stets schon mit Ktellen versorgt sind, noch bevor die Schlußprü- Hing beendet istsie begnügen sich eben mit :ring dotierten Stellen, wenn die AuSmflir sie ungünstig sind und sie haben Anauf ein aüteS Unterkommen, wenn rage eine gesteigerte ist. Es fleht nun dich daS Einkommen des Mischen Lehrers i christlichen Kollegen in den ersten Iren nach dem Seminarübgang in der Regel übertrifft. Um so krasser tritt freilich die Ungleichheit in der Bezahlung später hervor und je älter der jüdische Lehrer wird, desto ungünstiger wird das Verhältnis zwischen dem, was die jüdischen Gemeinden an Bezahlung ihren Beamten bieten gegenüber den staatlichen Gehältern für Volksschullehrer. Dazu kommt noch ein ander Umstand, der ungünstig auf die Lage der jüdischen Lehrer einwirkt. Auch die Zahl der gut dotierten Stellen ist nicht so gering, als man gewöhnlich annnimmt - Einkommen von 2000 M. und mehr sind, wie die Annoncen in den jüdischen Blättern ausweisen, doch wahrlich keine Seltenheit, aber es hängt ganz vom Glück, von Zufall, von Protektion und dergleichen ab, ob ein Lehrer in den Besitz einer solchen Stelle kommt. Tüchtigkeit und Gewissenhaftigkeit allein machen es nicht, noch viel weniger die Anciennität, denn diese ist bekanntlich tu vielen Fällen sogar ein Hinderungsgrund und es kommt gar nicht selten vor, daß bei einem Wettbewerb ein ältener, verdienter Lehrer einem Seminarabiturienten weichen muß. Gäbe es für den jüdischen Lehrer eine regelmäßige Alterszulage oder auch nur ein gesichertes Aufrücken und Aufsteigen, so wäre in unseren Gemeinden noch Raum für eine ganz hübsche Anzahl von Kultusbeamten. Hier müßte der Hebel angesetzt werden. Wie die Dinge aber heute liegen, ist die ganze Frage, ob Lehrermangel oder Lehrerüberfluß, mit einer anderen verknüpft, mit der Regelung der ökonomischen Lage der Lehrer. Die Nachfrage ist größer als das Angebot, das steht fest, also: .Lehrermangelder Lohn entspricht in den späteren Jahren nicht mehr der Arbeit und unwillig verläßt der Lehrer die Stätte seiner Wirksamkeit, er wird das, was man zu Unrecht „fahnenflüchtig" nennt und er verstärkt dadurch den Lehrermangel. An seine Stelle rücken aber sofort andere Arbeitswillige, die ungeprüften Lehrer und da, wie wir gesehen haben,, weder das Wissen, noch die Tüchtigkeit, sondern oft rein äußerliche Dinge, wie das klangvolle Organ, die repräsentable Erscheinung entscheiden, so kann eS Vorkommen, daß bei einem Wettbewerb der regulär vorgebildete Lehrer von dem ungeprüften geschlagen wird. Aus Verdruß räumt er ganz das Feld und macht abermals einem ungeprüften Kollegen Platz. Damit find wir an den springenden Punkt angelangt, der für uns bei der Beantwortung der ganzen Frage von entscheidender Wichtigkeit ist. So lang es in Deutschland mehr als 300 ungeprüfte Lehrer gibt, ist das Vorhandensein eines Lehrermangels gar nicht abzuleugnen. Niemand, der uns kennt, wird uns in Verdacht haben, als ob wir auf die genannten Kollegen geringschätzig herabblickten. Nein, wir mtnnen an, daß es unter ihnen Männer Mit reichem jüdischen und profanen Wissen gibt, daß viele von ihnen an Pflichttreue und Würdigkeit keinem von unS nackstehen. Ebenso sind wir weit davon entfernt, in der Absolvierung eines Seminars eine absolute Gewahr für Charakterfestigkeit und Pflichteifer zu erblicken. Nein, der staatliche Stempel allein macht es nicht, allein, wer sich aus den Boden der realen Verhältnisse stellt, wird anerkennen müssen, daß er nun einmal nötig ist, erstens, um den jüdischen Lehrerstand in den Augen der Behörden und der Regierung, auf deren Wohlwollen wir angewiesen find, als vollwertig und unseren christlichen Kollegen gleichwertig erscheinen zu lassen und zweitens, um unser Ansehen in den Gemeinden zu heben. Nur einem geachteten Lehrerstand wird eS möglich sein, den Kampf um seine Besserstellung in materieller und sozialer Beziehung mit Erfolg zu führen und der jüdische Lehrerstand wird um so geachteter dastehen, je mehr seine einzelnen Glieder in Ausbildung und Fortbildung allen Ansprüchen der Zeit genügen. Darum fordern wir auf der einen Seite: Entfernung aller Ursachen, die dem jüdischen Lehrer seinen Beruf verekeln und ihn zum Aufgeben desselben veranlassen, auf der anderen aber: Ausbildung einer solchen Anzahl von Lehrern, die hinreicht, um alle jene Stellen zu besetzen, die ihren Inhabern eine menschenwürdige Existenz bieten, sodaß eine allmähliche Ersetzung der ungeprüften Lehrer durch regulär vorgebildete stattfinden kann. Zum Schluß möchten wir noch eine Frage streifen, die mit Vorstehendem eng zusammenhängt : „Darf man - guttalentierten Knaben zur Ergreifung des Lehrerberufes raten?" Bekanntlich haben vor einiger Zeit die „Bl. f. Erz. und Unterricht" den „Jüdischen Bolksboten" stan angegriffen, weil dort der Lehrerberuf als verhältnismäßig aussichtsreich geschildert wurde. So lange die heutigen Verhältnisse andauern — das war die Quintessenz der Entgegnung — müsse den Eltern entschieden abgeraten werden, ihre Kinder diesem Berufe zuzuführen. Der betreffende Artikel trug zu sehr den Stempel der Leidenschaftlichkeit und zeigte zu unverhüllt die Feindschaft des Verbandsorgans gegen die „Freie Bereinigung", gegen den „Israelit" und seine „Hintermänner", als daß hier' eine ernste Polemik angebracht wäre. Wir „zetern", nicht über diese Angriffe, wir meinen im Gegenteil, daß je freimütiger das Berbandsorgan seine Feinschaft gegen gesetzestreue Korporationen, Institutionen und Bestrebungen an den Tag legt, umso rascher eine Klärung der Stellung von „Bund" und „Verband" eintritt. Wir möchten nur unseren Standpunkt nach der bewußten Richtung hin klarlegen. Wir begreifen es, wenn der Laie die materielle Lage unseres Standes viel günstiger beurtellt, -i-ji Ji