Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 50 (16.12.1909)
- Date
- 1909-12-16
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14. Rr. 50. Der ASraettt. 16. Dezember MOT. oder anderen kommt, hängt ganz von dem Lebensschicksal, von den äußeren Verhältnissen und gesellschaftlichen Faktoren ab, unter welchen der Betreffende sich entwickelt und lebt". („Liszt, Strafrechtliche Aufsätze" Band 2 S- 12). Aus diesen Worten des Meisters der deutschen Strafrechtswiffenschast ergibt sich dann folgende weitere, hochbedeutfame Konsequenz. Da das Vorhandensein der hereditären Belastung das Verbrechen nicht als eine notwendige Folge nach sich zieht, so hat man Mittel zur Bekämpfung des Uebels. Wie ein erblich übernommener körperlicher Defekt durch eine rechtzeitige, geschickte Behandlung beseitigt werden kann oder doch wenigstens seine gefährliche Bedeutung verliert, ebenso ist es möglich, den zum Verbrechen Veranlagten durch zielbewußte Einwirkung von seiner verbrechischen Laufbahn fernzuhalten. In diesem Jdeengange ist aber kein Raum mehr für den geborenen Verbrecher oder ,,den moralisch Irren", wie man diese in ihrem Vorstellungsleben Getrübten auch wohl genannt hat, und die Theorie vom „domo äelingusus" als eine unbewiesene Hypothese fällt in sich zusammen. Wodurch jedoch, so fragen wir uns weiter, soll die soeben angedeutete Bekämpfung des Verbrechens Erfolgen? Die Antwort, die von der heutigen Strafrechtswissenschaft hierauf gegeben wird, lautet: Durch eine geeignete Sozial- und Kriminalpolitik. Erstere begreift das Verbrechen als eine soziale Erscheinung, als einen Krebsschaden am Bolkskörper, während die Kriminalpolitik das Verbrechen als ein Ereignis im individuellen Leben des Einzelmenschen auffaßt. Die Sozialpolitik will die gesellschaftlichen Bedingungen des Verbrechens beseitigen, sucht also der Gesamtheit zu nützen, während die Krtminalpolitik ihre Maßnahmen mehr dem einzelnen Jndividium zugute kommen lassen will. Als sozialpolitische Präventivmaßregeln kommen in erster Linie eine Verbesserung des Wohnungswesens der arbeitenden Klassen und die Zwangserziehung jugendlicher, der Verwahrlosung naher Personen in Betracht. Gerade unterdem Wohnungselend leidet die größere Masse der Bevölkerung außerordentlich. Wenn man bedenkt, daß häufig Eltern mit den Kindern beiderlei Geschlechts in demselben Raum die Nacht verbringen müssen, so versteht man, daß das Schamgefühl schwindet und damit die Scheu der Sittlichkeitsdelikten immer mehr abnimmt. Was die Zwangserziehung an geht, so soll der.Staat nicht erst dann etngreifen, wenn das Kind die Verbrecherlaufbahn bereits betreten hat, sondern sobald es in den Zustand sittlicher Verwahrlosung zu geraten droht. Eine solche ist namentlich dann zu befürchten, wenn der Vater den ganzen Tag in der Fabrik arbeitet, während die Mutter sich außerhalb des Hauses Arbeit suchen muß, so daß die Eltern die Erziehung der Kinher nicht selbst in die Hand nehmen können. In kriminalpolitischer Hinsicht soll vor allem die Freiheitsstrafe, namentlich die kurzfristige, durch andere Strafmittel ersetzt werden, so namentlich durch eine erweiterte Anwendung der Geldstrafe, Wirtshausverbot, Hausarrest, Prügelstrafe und Zwangsarbeit ohne Einsperrung. Dieser Kampf gegen die Freiheitsstrafe erklärt sich aus den traurigen Erfahr»' gen, die man hinsichtlich der Wirkung dieses Strafmittels gemockt hat. - - _ (FortsetzurchrAlgt.)!>MM ücherschau Sadbathftimmrmge«. Bon Arthur Sahn. Jüdischer Bottsschrtktenverlag, G. m. b. H., Frankfurt a. M. Preis drosch. 30 Pfg., ged. 80 Pfg., Geschenkbd. SO Psg. Bor mir liegt ein kleiner Dkizzenband. Stimmungen hat ihn der Verfasser d scheiden genannt. Ich meine, es ist mehr, wrir mehr Ich finde hier Bäder von künstlerischer Hand ge;eichnet und wchlgetrofftn. Dem Sabbat sind diese Bilder geweiht, der beseligenden Ruhe seines Friedens huldigen fie. Sie erzäslen von der stillen Glückseligkeit, c te der Sabbat im Herzen de8 Juden auslöst, und sie erzählen dies in einer so anspruchslosen Natürlichkeit, daß uns die Menschen, die uns in btcfen Skizzen entgegentreten, bald gute Freunde werden. Es ist des Berfasiers Jucend, die in diesem Büchlein zu Worte kommt. Es find die Erinnerungen seiner KindheitStage, die auf diesen Blättern lebendig werden, und der ganze Zauber einer Kinderseele ist über ste gebreitet. Es liegt viel Liebe in diesem Büchlein, Liebe zu Gott und dem - abb. t. Liebe zu den Menschen und innige Liebe zum Elternhaus. SS liest fich, als ob ei» Kind die Bilder seiner Eltern und ihr Tun festyalten möchte, alS ob eS vrrgangcne Zelten aufs neue mit Leben erfüllen wollte und vor den Gräbern ein still s Gebet gesprochen hätte. Das Leben mit seinem Ernst und seinen Freuden spiegelt sich in diesen Bildern. Trauer wechselt mit Heiterkeit, und wir freuen uns mit jedem Erlebnis, werden erg iffm von seinem Ernst, werden froh von seiner Freude. Ein jeder sollte diese Sabbatslimmungen lesen. Groß und Klein sollte ste kennen lernen. Dann werden ste ihre Aufgabe, die Liebe zum Sabbat in die Herzen zu streuen, in reichem Maße erfüllen können. G. Sch. rWtPn Ein Jahrbuch zu 5670 der vereinigten „Allgemeinen NUN - Schule" und der „Hochschule pJ7"* Jerusalem. Wenn diese, vom Oberrabbtner Samuel Galant T'äCf gegründeten und in seinem Geiste geleiteten A statten schon in manchen innerlichen und äußerlichen Einrichtungen fich vor den meisten hiestgen Jnsttiuten, vorteilhaft auszeichnen, so haben fie in ltterari'cher Beziehung durch Herausgabe von lehrreichen und nützlichen Werken und Broschüren neue Pfade etngeschlage,, deren Nachah ung seitens der übrigen Anstalten der Thora und der Humanität in Ecez Israel sehe wünschenswert wäre. Auch in diesem Jahrbuch begnügen fie stch nicht mit dem Abdruck eines Kalenders, der Statuten ufw. In einem längeren, in aut erlesener und do li ieichifaßltcher hebräischer Sprache abgefaßten Artikel N2VN rißlpfl wird mit sachkundiger Genauigkeit über die WitterungSv-rhältnifle, den „Gesundheitszustand" und das Tourtstenwesen in Palästina referiert, ebenso die Wirkungen der Konstitution auf die Entwicklung des Landes und der heiligen Stadt geschildert. Auch führt unS der Autor der Büchleins, etn bekannler fY'fl und gewandter hebräischer Schriftsteller, der Sckcetär dieser Thoraschulen.Herr Je chiel Tukoztnski, die wichtigsten Ereignisse des letzten Jahres tn der h iltgen Stadr vor Augen. In den Artikeln "rmrnpn nrnv und "mspnn pna« werben die P obleme der ö’JtPH n^’2p und der niSIpn ausführlich behandelt. In einem Artikel berichtet Herr A. L Gordon an Hand von Beisp elen eingehend, wie die Rechenkunst tn der Talmud - Thoraschul' gelehrt wird. Ausschluß über die chemische Zusammens>tzung vieler Genußmittel, die mit Ruckficht auf die „Ka'chruSfrage" von größtem Werte ist, gibt uns derselbe Schriftsteller tn dem Artikel „Chemische Arbeit". Möge dieses Werk anregend auf die übrigen größeren Anstalten Jerusalems, die ja zum größten Teil über gediegene schriftstellerische Talente verfügen, wirken, aus welchem Wetteifer man eine Erweiterung der hebräischen und, worauf es am meisten ankommt, echt jüdischen Literatur erwarten könnte. NV2N nmn DnBID DKp* Jerusalem A. Weber. Sclbsterzichung Bon Dr. Paul Dubais, Prof, an der Universität B nt. Bern 1909. Verlag von A. Francke. Aus dem Französtschen übersetzt von Dr. med. «£. Ringer in Kirchdorf. ES ist der Arzt, der mitleidsvolle, hochherzige Psychiater, der in dieser Zeit dcr Nervenüberreizung und der daraus hervorgehenden psychischen Abspannung stch hier an die Menschy ir wendet. Er beschwört fie geradezu, einen Augenblick innezuhalten, tn all dem Hasten, Drängen und Jagen, fich selbst zu suchen, Selbnkrittk zu üben, an der S.lbsterztehnng, der ethischen Entwicklung der Persönlichkeit zu arbeiten. In achtzehn geistvollen Essays, beginnend mit btt „Erlernung des Glücks", endend mit „Idealismus", sp icht der Verfasser von verschiedenen Richtungen, Einflüssen, seelischen Eigenschaften, die bestimmend auf die Charakterbildung des Menschen wirken. Er sucht uns zum Bewußtsein unserer Schwächen und Fehler zu - bringen, uns zu veredeln, lehrt unS Selbstläuterung, Selbstdervollkommnung, Altruismus - er erstrebt eine go stig gesunde, hochentwickelte, eins ethisch erprobte 'liienschheit, ein „Stchausleben" in des Wortes idealster Bedeutung: „seiner Persönlichkeit den ganzen Wert zu verleihen, besten fie überhaupt fähig ist, und ste in den Dienst der anderen zu stellen." Dieselben erhabenen Lehren, wie ste unsere Thora so prägnant in den Worten grdt: Sr schuf den Menschen Sich zum Bi de". — und „du sollst ltevm deinen Nächsten wie dich selbst". Ts ist ein geistiges Turnier, da« er anordnet, Sport, wenn man so sagen darf, auf seelischem Gebiete zur Ersta kung der Psyche. Der Bttfaffer huldigt den Determinismus: „Der Wille ist keine seelische Eigenschaft, keine kscuitss. In der langen Kurve, die mit einer zufälligen geistigen Vorstellung beginnt, um nach tauf nd Unschlüssigketten, nach einer förmlichen UeberlegungSarbett in die Tat auszumündcn, bildet der Wille nur einen methodischen Punkt, der den Ueberqang vom endgültigen Wollen in die daraus resultierende Tat bezeichnet. Unser End - Begehre« nennen wir unfern Willen." Aber es ist nicht ein Determinismus, der de« Willen lahm legt, der tatenlos, hoffnungslos den Ereignissen wie ttnem blinden ^at >m gegenübersteht, oder Verbrechen entschuldigend, Verbrecher fretsp licht: nein, der Etnschrän- ' kung von innen und außen bewußt, heißt tt alle Kräfte fich anspornen, um auf den Fehlern und Jrtümern der Vergangenheit eine hellere Zukunft aufzubauen. Bausteine und Denksteine. Religiöse Betrachtungen von Dr. M. Krakauer, SttftSravdiner. Verlag Jakob B. Brandet«, BreSlau. Der erste Band deS vorliegenden elegant auSgestatteten Werkes enthält Betrachtungen und Homilien zu den Wochenabschnitten der ersten drei Büchern der Thora. Die Betrachtungen zeugen von gründlicher Kenntnis der heil. Schrift, des Midrasch und des talmudischen Schrifttums und erstrecken sich über alle Gebiete des Lebens, dieselben tn das Licht der Religion rüchrnd. Wir stoßen auf neue beherzigenswerte Gedanken und Lehren in reicher Ab Wechslung. Die Darstellung zieht sehr häufig zum Belege der Lehren Beispiele aus der biblischen Geschichte und der talmudischen Agada heran. Die Sprache ist dem Stoffe angemeffen: ernst und würdig, nie trivial, nie geschraubt oder in Übel angebrachtes Pathos fich der-' lterend. Die einzelnen Betrachtungen, wohl disponiert und abgerundet, behandeln den Vorgesetzten Gegenstand mit einer gewiffen tiefen Gründlichkeit. Das Werk ist für gebildete Leser sehr empfehlenswert, Herren, welche religiöse Borträge zu halten haben, werden vielfache Anregungen daraus schöpfen. Ganz besonders eignet fich bas Buch zu Geschenken an ernst denkende Jünglinge «nb Jungfrauen. Dr. M. K. tn E. Skizze« aus Littaue«. Bon S. Schachnowttz. Band l. Jüdischer Bolksschriftenverlag, G. m. b. H., Frankfurt a. M. Preis drosch. 30 Pfg., geb. 5U Pfg. Geschenkbd. 90 Pfg. Der kritische Leser mag über Hetmattunst im allgemeinen seine eigene Meinung Habens er mag mtt Recht behaupten wollen, daß Schöpfungen dieser Art über selbstgesteckte Grenzen nicht hinauswtken können, und daß der höchste Gradmesser der Kunst nicht an fie gelegt werden darf. Anders die jüdische Heimatkunst. Heimatlos zieht ein Bott seit bald zwei Jahrtausenden über die Erbe. Kein Land nennt es sein eigen, und dennoch schlingen fich tausend Fäden zu allen Zeiten um die zerstreuten Volkesbrüder und ketten die Herzen tn Einheit zusammen: Denn seine Heimat ist sein Gesetz. In ihm wurzeln die gewalttgen Kräfte, die Jahrtausende überdauern, und ste find der Hetmatboden, dem unerscköpfllche Lebenskraft und -freude entquillt. So findet denn jeder Jude tn der Heimat des andern die eigene wieder, mag jene nun nah oder fern, trostlos, oder glücklich sein, und darum wird auch die jüdische Heimat ku n st den Weg zu unserem Herzen finden, solange ste nicht aufgehört haben, für die Heiligtümer unseres Volkes zu schlagen. Es ist das Verdienst des Berfasiers der „Skizzen aus Llttauen", die, jüdische Heimatkunst um ein wertvolles Büchlein bereichert zu haben. Die Skizzen, die nunmehr gesammelt den Weg an die Oeffenritchkeit nehmen, bringen uns Grüße aus ihres Schöpfers Heimatland, und wir können uns herzlich über fie freuen. Mit dem Blicke des Poeten hat Schachnowitz das kleine Hetmatstädtch.n mit seinen winkligen Gaffen und armseligen Häusern angesehen und mit dem Schieier btt Poesie umwoben. Schilderungen von ergreifendem Ernste stehen hier neben Zeichnungen au« dem alltäglichen Leben,- die ob ihrer inneren Wahrhaftigkeit und eines ursprünglichen köstlichen HumorS kleine Kunstwerke darstellen. Wer könnte sich wohl dem Mieten W h entstehen, daS aus „Echo" unS emgegenkltngt, wer den alten Chason vergessen, wer ungerührt bleiben bei der Schilderung «an Kussel dem Schulkivpfer, wer schließlich Nicht Yen sonnigen Humö< empfinden, der tn den übrigen Skizzen .zutage tritt? Schachnowttz hat eS verstanden, Menschenletd. und Menschenfteude mit zartem Verstehen zu schildern. Er ' selbst steht bescheiden im Hintergründe, er legt seinen Menschen nicht s.tne Worte tn den Mund und nicht sein Empfinden tn daS Herz. Er will vielmehr nur dtt Dolmetscher sein, der ste alle zu den Brüdern in der wetten Welt sprechen läßt. Die Anspruchslosigkeit in dtt Darstellung ist ein Hau,tschmuck deS Büchleins und daS Ungekünstelte bedeutet stellenweise künstlerische BollendtMg. - Wir find arm an guten Poeten, und wir hoffen und wünschen, daß Schachnowttz diesem ersten Bändchen noch / ma> che andere wird folgen taffem Und wenn auch alle nur . aus Ltttauen erzählen sollten, so wollen wir ihm herzlich dankbar sein. Hermann Schwab. .