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Der Israelit · 1909-12-16 · Heft 50 (16.12.1909) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 50 (16.12.1909)
Date
1909-12-16
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Feuilleton-Beilage zu Nr. 50 des „Fsraelit". euilleton. Die Lage der Uorzeit. Bon Badette ftrieto in Prag« I. Im Hause des Fabrikanten Bernard Sommer wurden Borbereitungen getroffen, welche auf eine außergewöhnliche Feier hinwiesen. Klara, die älteste Tochter des Hauses, sollte am nächsten Neumondsfest ihre Vermählung mit dem Prager Kaufmann Popper feiern. Der Bräutigam war ein älterer Herr, der ganz wohl Klaras Vater sein konnte, aber er schien sehr vermögend, ein Ehrenmann durch und durch und in der Prager Mischen Gemeinde wohl angesehen, Eigenschaften, welche Sommer zu würdigen wußte. Auch die Braut setzte sich über den Altersunterschied leicht hinweg. Sie würde in dem großen schönen Prag, dem Ziele ihrer Sehnsucht wohnen, würde die bisher entbehrten Vergnügungen, welche dort in reichem Maße geboten wurden, genießen. Dies füllte ihr ganzes Denken so vollständig aus, daß sie den Ernst ihres Schrittes nicht bedachte. So kam es, daß die Nähe ihres Hochzeitstages die Braut in immer heiterere Stimmung versetzte. Schließlich hatte sie schon einmal eine große Enttäuschung erlebt, die sie wohl üKrwunden, aber auch mit dem Verlust eines guten Teils jugendlicher Ideale hatte bezahlen müssen. Die erste Frau Poppers war eine einfache, bescheidene Frau gewesen, deren Lebenszweck in Pflege ihres Gatten, in Leitung ihres Hauswesens bestanden, die sich an allen Arten von Liebeswerken beteiligte. Aus diesem Grunde wählte Popper zur zweiten Gattin ein Mädchen aus der Provinz, aus einem ebenfalls wohltätigen und streng religiösen Hause, damit sein Haus in gewohnter Einfachheit und Frömmigkeit weiter geführt werde. Versprochen hatte ihm Klara all dies, tun wollte sie aber, was ihr selber paßte. So war der Vorabend der Hochzeit herangerückt. Jetzt nennt man ihn Polterabend. In den 50 er Jahren des vorigen Jahrhunderts war dieser Ausdruck bei den Juden noch nicht allgemein gebräuchlich, wenn dieser Abend auch wie jetzt laut und polternd gefeiert wurde. Lauter vielleicht als jetzt, wo lärmende Gefühlsausbrüche als unmodern betrachtet werden. Die Freundinnen der Braut waren im Hochzeitshause erschienen, auch fehlten die jungen Männer nicht, welche sonst auch in dem gastfreien Hause Zutritt hatten, auch die Beamten dcr Fabrik waren geladen worden und vollzählig gekommen. Die Bewirtung war eine reichhaltige, mit dem Weist wurde nicht gespart. Wenn es auch kein schäumender Champagner war, der den Gästen geboten wurde) so war es doch die beste Sorte aus Sommers gut bestelltem Keller,- da wurde getrunken, gi jungen und toastiert. Klara beachtete es auch kaum, daß der Bräutigam sich von d.m lärmenden Treiben der jungen Welt in ent Nebenzimmer zurückgezogen und dort in ernstem, anregendem Gespräche mit einigen älteren gebildeten Hochzeitsgästen verweilte. Er fehlte ihr nicht. Ja, er wäre ihr vielleicht bei den lauten Scherzen ihrer Gesellschaft im Wege gewesen. Die Braut rief einige ihrer vertrautesten Freundinnen zu sich und sagte ihnen: „Mädchen, wißt Ihr auch, welches Vergnügen auf morgen Eurer wartet? Eigentlich sollte es eine Ueberraschung sein, aber ich gönne es Euch, wenn Ihr Euch schon heute darauf freut. Also hört: Ihr klagt immer darüber, daß man jetzt bei Hochzeiten selten einen Schalksnarren beruft, der doch die ganze Hochzeit belebt und alle Gäste unterhält. Bet meiner Hochzeit wird einer sein. Dafür habe ich gesorgt. Das soll eine lustige Hochzeit werden, von der man in der Gegend noch lange wird sprechen müffen." Die Mädchen klatschten freudig in die Hände. „Das ist schön von Dir, Klara, daß Du daran gedacht hast," riefen sie jetzt fast einstimmig. „Gedacht habe ich schon längst daran, denn ohne Narren ist es ja doch nur eine traurige Hochzeit, und wir brauchen die Kosten eines solchen nicht zu scheuen, aber ich habe es nur schwer ducchgesetzt. Eigentlich erst gestern Abend, und wir mußten heute einen eigenen Boten zu ihm schicken uud ihn einladen. Der Bote brachte auch die Antwort, daß Selmele Narr zu Hause sei und rechtzeitig kommen werde. Ich hatte wirklich Sorge, daß er nicht kommen werde, weil wir es ihm so spät sagen ließen." „Wer hatte es Dir denn früher gewehrt?" fragte eines der Mädchen. „Alle. Der Vater meinte, es wäre ein rohes Vergnügen, einen alten würdigen Mann zum Schalksnarren zu stempeln. Wenn er Not habe, wie es heißt, werde er ihn anläßlich meiner Hochzeit mit einer reichen Spende bedenken. Die Mutter sagte, daß es schon nicht Mode wäre, Jemanden zur Unterhaltung der Gäste heranzuziehen. Diese mögen selber für ihre Unterhaltung sorgen. Zudem befürchtete sie, daß die großstädtischen Gäste, die mein Bräutigam erwartet, uns auslachen könnten. Am meister war dieser dagegen. Er sprach von seinen ernsten Jahren und daß er Witwer sti und daß er solche Narreteien nicht liebe. Mit dem bin ich gleich fertig geworden. Ich sagte ihm, wenn er so alt und ernst sei, so hätte er kein junges Mädchen freien sollen, so gab er nach. Und die Eltern kann ich um den Finger wickeln, wenn ich schmolle. So setzte ich es durch." „Wir freuen uns darauf, lieb Klärchen," rief die muntere Mädchenschar. Nicht so vergnügt ging es in einer kleinen ärmlichen Wohnung in einer jüdischen Dorfgemeinde in der Nähe der Provinzstadt Braunau zu. Dort saß ein alter Mann an einem Tische, auf welchem ein kleines Oellämpchen ein mattes Licht verbreitete. Petroleumlampen kamen damals noch nicht allgemein in Verwendung. Das Volk kam dem neuen Leuchtmaterial mit Mißtrauen entgegen und begnügte sich lieber mit dem schlechter leuchtenden und dennoch teueren Oele, als daß es sich der Gefahr einer Explosion ausgesetzt hätte. Aber selbst dieses matt flackernde Flämmcken fiel nicht auf die Gesichtszüge des in seine trüben Gedanken versunkenen Greises. Denn dieser saß, über den Tisch gebeugt, da, das Gesicht in den zitternden Händen verborgen, ohne aufzublicken. Die Stube war nur ärmlich eingerichtet. Ein Bett, ein Schrank, ein altmodischer Kasten, ein Tisch und vier Stühle, bas war alles. An der Wand war ein Brett angeschlagen, auf welchem einige hebrälscke Bücher aufgestellt waren. Nicht viele, nur oie notwendigsten. Auch alte Musiknoten befanden sich darauf. Der einzige Luxus dieser Wohnung bestand aus dem Bilde eines stattlichen jungen Mannes; zu beiden Seiten desselben hing eine Violine in ihrem Lei'.enfuterale und eine Guitarre an einem verblaßten blauen Bande. Trotz der mehr als einfachen Einrichtung der Stube waltete doch eine musterhafte Reinlichkeit und Ordnung darin. Alles war an seinem Platz, kein Stäubchen war zu erblicken. Man sah, daß eine sorgsame Frauenhand hier waltete. Jetzt aber befand sich der Alte allein in der Stube. Es war Abend, aber nichts wies darau hin, daß er zu Abend gespeist hatte oder es tun werde. Da klopfte es leise an die Tür, und da der Alte es nicht zu hören schien, immer lauter und lauter, sodaß er endlich aus seinem düstern Hinbrüten geweckt wurde und sich zur Tür wendend rief: „Wer ist da?" „Machen Sie nur auf, Herr Borgstein, ich bin es, die Minna." Schwerfällig erhob sich der Gerufene von seinem Sitze, um den Riegel wegzuschieben. Er war hochgewachsen,- doch etwas nach vorn gebeugt. Seine Züge verrieten viel Intelligenz und Herzensgüte. Selbst der herbe Schmerzenszug um seine Lippen konnte dies nicht verwischen. „Haben Sie geschlafen, lieber Herr Borgstein, daß Sie mich so lange klopfen ließen?" „Geschlafen nicht, mein Kind, aber ich war in traurige Gedanken versunken." „Das sollen Sie nicht. Sie sollen sich aufraffen." „Wie kann ich das, er war doch mein einziges Kind." „Sie werden sehen, er kommt wieder," tröstete Minna. Traurig schüttelte Borgstein das Haupt. „Nie mehr werden ihn meine Augen Wiedersehen!" „Vielleicht doch. Gerade Ihre unablässige Trauer um den Verschwundenen läßt mich hoffen, daß er noch lebt,- denn was die Erde bedeckt, das vergißt man mit der Zeit, oder der wilde Schmerz verwandelt sich mit der Zeit in sanfte Wehmut. Aber nur um den Verlust Lebender kann man sich nicht trösten." „Du denkst an Vater Jakob, mein. Kind, der ebenfalls keinem Trostgrunde über den Verlust seines Sohnes Josef zugänglich war, weil dieser noch lebte, aber has ist erwas anderes. — Aber, was führt Dich zu so später Stunde noch her, Minna?" „Mutter kochte heute eine so gute Erbsensuppe zum Nachtmahle, und da sagte sie zu mir, ich möge Ihnen davon zu kosten bringen, da Sie doch gerne etwas Warmes zum Nachtmahl haben." „Ihr seid beide so brav zu mir, wo ich es doch nicht um Euch verdient habe." „Lassen Sie schon die alten Sachen ruhen, Herr Borgstein!" „Wie kann ich? Die Reue nagt an mir, wenn ich bedenke, wie schön es hätte werden können, und wie glücklich wir alle geworden wären, wenn der Hang nach dem elenden Besitze mir nicht die Sinne geblendet hätte. Jetzt muß ich die Strafe, die Gott mir aufgelegt, tragen, so hart sie auch ist. Gott Lob, daß es mein gutes Weib nicht erlebt hat." Minna schwieg, trotzdem ihr die Entgegnung auf den Lippen schwebte: Sie war ja an allem Schuld) sie hat ja durch ihren ungemeffenen Stolz das Unglück veranlaßt. Der Alte fuhr fort: „Gott hat in feiner Gerechtigkeit mich in dem Maße gestraft, wie ich gesündigt habe: Im Hochmut habeich das treue, edle Mädchen zurückgewiesen, weil es mir nicht vornehm genug für meinen vergötteren Sohn war — und durch den Hochmut eines anderen Mädchens ist mein Lebensglück zerstört worden Das verstoßene Mädchen ist nun in mSiner Berlaffenheit meine einzige Stütze geworden, der Trost meines Alters. Ich wollte höher hinaus, als es mir zustand, und ich muß mein Leben damit fristen, daß ich der Welt den Narren abgebe. Das ist mein Ende!" (Fortsetzung folgt.) Pr Bon \ Wi einer Schule -er Re scheider schaftli dem st Privat schafts! Weise friedig fast r> auf d Selbst maßen keit st verschi kunger und £ nicht c entspr wissen Schul« ruhen! orten Sie l und! 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