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Der Israelit · 1909-12-02 · Heft 48 (2.12.1909) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 48 (2.12.1909)
Date
1909-12-02
Page
– (sequence 13)
Language
German
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W? Feuilleton-Beilage zu Nr. ^8 des „Israelit". Var Zelermabl. euilleton Bon Arthur Kahn. (Fortsetzung) Sette Bär, die Schwägerin erwiderte empört: „Für welche deiner Kinder sparst du eigentlich? Oder denkst du vielleicht, du kriegst alles mit ins Kewer? Schäm' dich!" Erschrocken sah Veilchen die Schwägerin an. Bon Tod und Sterben konnte Veilchen ohne Schauder nicht reden hören. Trotzdem sagte sie noch: „Fünfhundert Taler kostet's doch den Schimme". Veilchens Schwächezufall wurde umso schneller vergeffen, als ganz unerwartet Falk's Salomon erschien. Das war wahrlich keine kleine Ehre, die Veilchen rasch wieder munter machte. Den ganzen Tag über war Salomon nicht mehr gesehen worden und die Leute glaubten, er sei schon längst wieder nach Frankfurt zurückgekehrt. Umso größer war die Freude, den ausgezeichneten Mann noch inmitten der Feiemden zu sehen. Augenblicklich hatte Salomon Marx mit dem ihm eignen Scharfblick die Situation erfaßt und ohne sich einen Moment zu besinnen begann er mit der ihm in so hohem Maße eignen Jmprovisationsgabe, indem er ein Glas ergriff: „Ist nun die Gesetzesrolle In den heil'gen Schrein gebracht, Kreis't der Becher nun, der volle, Und zur Freude winkt die Nacht/ Alt und Jung wiegt sich im Tanze, .Schimme schmunzelt, Bäilche lacht, Beiden froh im Jugendglanze Sei ein donnernd Hoch gebracht!" Ein Jubel, wie er nur auf dem Höhepunkte einer jüdischen Festlichkeit in seiner ganzen Herzlichkeit und Innigkeit zum Ausbruch gelangt, applaudierte die vortrefflich gelungene Verse, die Levi schleunigst zu Papier brachte, um sie weiter zu zitieren. Ein wahrer Strahlenkranz von Freude ging von dem hochgefeierten Manne aus. . Gesänge und Reden flössen jetzt von den Lippen der fröhlichen Zecher. Levi, der sich nicht wenig zugute auf seinen illustren ehemaligen Schüler tat, hatte dem Becher wacker zugesprochen und belustigte durch seinen ausgelasienen Humor, daß ein Fremder kaum mehr den Prediger von heute morgen in chm erkannt härte. Um Mitternacht wurde auf seinen Vorschlag das Tischgebet „versteigert", Schimme und sein Bruder, offenbar angeheitert, boten verwegen darauf los, wurden aber von Salomon immer von neuem überboten, bis die Summe von fünfzig Talern für einen wohltätigen Zweck erreicht war. Salomon Marx blieb Meistbietender und war es dann dem Nathe Bing „mechabbed", der, voller Seligkeit über den finanziellen Erfolg für seine geliebte Hachnosaß Kallo-Chewra in seiner meisterlich, n Weise das Tischgebet sang. Nachdem sich die Tischgesellschaft langsam auflöste, Levi in der nächsten Stube auf Schimmes Kanapee schnarchte, währenddem seine Bäffchen sich langsam von seinem fetten Hals ablösten, Kiewe seine geliebte Pfeife angezündet hatte, beschlosten - die °Gäste auf den Ball zu gehen und mit Schimme und Veilchen noch ein „Mizwetänzchen" zu machen. Als sie, Salomon Marx Veilchen am Arme führend, im Ballsaal erschienen, brach die Musik jäh ab und spielte einen Tusch / die Anwesenden aber brachten den Ankommenden brausende Vivathochs entgegen. Weilchen und Schimme, die noch nie zuvor so geehrt worden waren, nickten sreudesstrahlend nach allen Seiten. Als die Musik dann eine neue Polonaise anstimmte, trat Salomon, Veilchen mit weltmännischer Galanterie führend, an die Spitze der Tänzer. Wenn so ernste Männer, wie der Kiewe, seine Gattin am Arme, sich noch unte. 5ie Tanzlustigen begab, so brauchten sich selbst die ganz Alten, wie der Jokew und Manche nicht zu scheuen, die längst nicht mehr geübte Kunst noch einmal zu üben. Sie hielten sich in dieser Stunde noch für jung genug, um mir der Jugend zu wetteifern. Nur der alte Chanine, den ein neckisches Backfischchen zn einem Hoppser anseuern wollte, dankte energisch ablehnend, lutschte heimlich an einem Stückchen Kandiszucker und erzählte, wenn er einen Zuhörer fand, wie er einmal in einer Nacht zweimal vierundzwanzig Stunden lang, vor Napoleons Türe Wache gehalten. Nur die Raufbolde, die „Schmister" kamen nicht auf ihre Kosten. In Solomons Gegenwart eine Prügelei zu versuchen, hatte keiner von ihnen den Mut, dazu war der Respekt vor dem beliebten Gast zu groß In seiner herzgewinnenden Weise unterließ „Falks" Salomon nicht, soweit seine Kräfte dazu reichten, mit allen anwesenden Frauen und Mädchen zu tanzen, was mitunter oft mehr ein Opfer als Vergnügen war. Inzwischen ging es in Kaufmann Seligmanns Scheune nicht minder fröhlich zu. Während in dem nur spärlich erleuchteten Tanzplatz die Jungen tanzten, wozu die dörflichen Musikanten gar lustig, wenn auch nicht sehr melodisch mit Klarinette, Trompete und Geige spielten, war die Stube nebenan hell erleuchtet und gedrängt voller Menschen. Die Alten waren tatenlustig und hätten gern noch ein „Knaß"') zuwege gebracht/ aber die Jungen schienen mehr tanzals heiratslustig. Leibchen aus Wallhausen tanzte unentwegt mit Elias' Schwester Sarchen, die trotz ihrer Gewichtigkeit und des etwas holprigen Bodens leicht mit dem Wallhausener durch die Scheune schwebte. Wenn auch der Tänzer keinerlei bindende Liebeserklärungen seiner Dame zuflüstertq, so ahnte Sarchen dennoch mit dem nur dem Weibe in Liebessachen eigenen Instinkt, daß Leibchen in dieser Nacht seines Herzens Zug williger Untertan war. Sie lächelte leise über ihr frisches und wie von Oel glänzendes Gesicht, wobei ihre gesunden weißen Zähne blitzten, daß es förmlich leuchtete. Das gefiel dem Wallhausener erst recht an Sarchen und festigte umsomehr den Entschluß in ihm, diese Perle für sich und Wallhausen zu sichern, sobald nur die Vierhunderttalersache auch sicher war. Der Triumph, das schwerste Frauenzimmer in der ganzen Gegend einst sein eigen nennen zu können, erfüllte Leibchen schon jetzt mit seligen Empfindungen. Welche Dimensionen mußte erst ihre umfangreiche Persönlichkeit erreichen, wenn sie als dereinstige „Parneste" (Vorstandsgattin) erst einmal der Stolz Wallhausens war!^ Vielleicht konnte auch er einmal eine Seferwra schreiben lasten. Dann sollte Sarchen denn doch sich ganz anders ausnehmen als das dürre, kleine Leibchen. Elias Algesheimer hatte auf dem anderen Tanzboden verschiedene mißglückte Versuche gemacht, mit Mincheu Brandeis eine Harmonie der Füße herzustellen, die aber nur wenig gelingen wollten. Andere Tänzer warben bei Minchen und da mußte denn Elias betrübt zugeben, daß die Schuld nur bei ihm lag. Salomon Marx, der bereits mit allen Frauen aller Allerstufen „Mizwetänzchen" unternommen hatte, und eben noch Veilchen, die ihn eifersüchtig beobachtete, mit l) Verlobung. staunenswerter Geschicklichkeit durch den Saal geschleift, tanzte nun mit Minchen. Da war es für Elias entschieden, daß in dieser Nacht für ihn nichts mehr zu hoffen war. Aber dem weltgewandten Marx war es nicht entgangen, daß sich Elias kränkte, wenn er sich auch bemühte Fröhlichkeit zu heucheln. Ihn entging es ebensowenig, daß der zartbesaitete Elias für Minchen stark schwärmte. Er führte daher, in der freundlichen Absicht Amor Hilfsdienste zu leisten, Minchen zu dem in sich versunken dastehenden jungen Menschen. „Vielleicht werdet Ihr in euren Gedanken bester harmonieren als beim Tanzen" meinte er bedeutungsvoll lächelnd. Und als Elias wie ein junges Mädchen errötend, Minchen bittend ansah und zu Salomon dankbar hinblickte, wußte er, daß die beiden bald ein Paar werden würden. — — Viele Wochen lang blldete die herrlich verlaufene Seferchinuch den fast einzigen Gegenstand der Unterhaltung und der Wallhauser sorgte dafür, daß seine Verlobung mit dem dicken Sarchen noch zu weiteren nachträglichen Festbetrachtungen führte. Bei der Hochzeit erbat sich Leibchen das Unterführen von Veilchen und Schimme, denn diesen, behauptete der Waühauser, habe er eigentlich erst sein umfangreiches Glück mit Sarchen zu verdanken. Und überaus glücklich lebten die beiden siebenunddreißig Jahre, während denen Sarchen, sicher zur Freude ihres braven Leibchens, allgemach einen mächtigen Umfang und über zwei Zentner an Gewicht gewann. An Schimmes Geld war Segen, wie Leibchen häufig behauptete. Die vierhundert Taler Hachnosaß- Kallogelder, die Nathan Kahn dem Waühauser vor der Chuppe in lauter neuen Talerstücken aufzählte, vervielfachten sich im Laufe der Jahre. Und wäre nicht eines Tages das herzgütige Sarchen nach nur zweitätigem Kranksein in die Ewigkeit eingegangen, so hätte sich das Geld vielleicht noch weiter vermehrt und Leibchen hätte auch eine Torarolle gespendet. Mit Sarchens Tod hörte Leibchen aber auf zu handeln/ das Verdienen machte ihm keine Freude mehr. Auch für Elias sollte das Sefermahl eine Lebensfrage entschieden haben Zwei Jahre waren seit demselben hingegangen, da starb Minchens Mutter. Das Mädchen stand jetzt ohne Verwandte allein in der Welt da. Dem Schimme, der seit dem Abend, an dem er das Mädchen so lange beobachtet hatte, sich väterlich für sie interessierte, tat das Minchen aufrichtig leid. Da ging er, als das Trauerjahr um Minchens Mutter zu Ende war, zu seinem Freund Nathan Kahn. Der wußte sogleich Rat. „Ihr müßt dem Jung' Kredit verschaffen, Schimme", meinte der alte Praktikus/ „stellt euch hinter ihn." Schimme leuchtete das ein. Er ließ den Elias zu sich kommen und als dieser Schimmes Haus verließ ging er direkt in die Stadt, in Minchens Wohnung. Schon nach zehn Minuten kam er mit glückstrahlenden Augen zurück. Minchen hatte auf seine schüchterne Frage in ihrer ruhigen, sanften Weise ja gesagt. Auch sie sind ein glückliches Paar geworden. Schimme hat treulich Wort gehalten und so das seinige dazu beigetragen, das Glück dieser beiden bescheidenen Menschen zu ebnen. Und das war Schimmes letzte Mizwe. Auch hier beteiligte er sich mit Veilchen bei der Chuppe, Levi hielt wirklich, wie er in der geschilderten Sommernacht einst versprochen, eine hübsche Traurede und Kiewe eine schöne Tischrede. Eine dntte Heiratsfolge bleibt noch zu erwähnen. Während des Festmahls auf Minchens Hochzeit frug Mendel Herz mit der ihm eignen Unverblünithett den neben ihm sitzenden Bruder Schimmes, den Vater Rosäliens, wie dieser über ihn als Schwiegersohn eigentlich denke. (Schluß folgt.) ■-i ■! "3 '■r? % J D >, J .v

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