Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 47 (25.11.1909)
- Date
- 1909-11-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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I Der Israeli SWBflW Ein Cenfraloroan lür das orthodoxe Juienrtm JJJ csss&csa Begründet oob Dr.Lehmann in Mai« cs&ssa i 50. Jahrgang. essi Sranhfurf a. M. Ben ~ «ssa ^8 « Abonnement pro Vierteljahr r Gewöhnliche Ausgabe Mk. 1.50» HeftauSgabe (Kunstdruck) Mk. 3.—. Auslandspreise: Gewöhnliche Ausgabe: Oesterreich-Ungarn 8 Kr., Rußland 1 Rub., England 2 sh., Amerika 50 cts., Niederlande 1.30 fl., Frankreich Frs. 8.50. Abonnements bei allen Postanstälten, Buchhandi ungen, sowie direkt bei dem Verlag. HestauSgabe nur direkt. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate; SO Pfennig für die sechsgefpalteue Eolonel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Inserate« annahme nur durch Haasenstein u. Vogler Frankfurt a. M., und deren Filialen. Zahlungen können außer direkt an den Verlag erfolgen per: Eonto bei de« Postfcheck.Anet Frankfurt a. M. Ro. 344, «konto bei der ft. ft. Postsparkasse «ie» Ro. 79605. «onto bei de« ft. Postsparkastenamt Vudapest Mo. 184*4. «ont» bei der Rigaer «onunerzbauk in Riga und deren Filiale«. Her Nachdruck Ser flrflhel und £orrefponden?en des „Israelit“ iff nur unter genauer Quellenangabe, und, soweit es fldi um größere fluffäfee handelt, nur nach norheriger Genehmigung gestattet --Migration una ttieinrongrek. In der letzten Zeit war viel von der Einberufung eines allgemeinen jüdischen Emigration skongr es ses nach Wien die Rede. Die Initiative geht vom „Zentralverein der jüdisch-territorialistischen Organisation für Oesterreich" aus, und der Sammelruf fand zunächst ein freudiges Echo in allen JTO-Kreisen. Wenigstens hört man von Sitzungen und Versammlungen, die allenthalben, wo der territorialistische Gedanke des Herrn Zangwill Anhänger gefunden, in Beschlüssen und Resolutionen „die Einberufung des Kongresses mit Befriedigung begrüßen und von ihm die Schaffung einer einheitlich arbeitenden Weltorganisation zur Regulierung der jüdischen Auswanderung erwarten." Kongresse gehören im Großen und Ganzen zu den harmlosesten Vergnügungen einer reise- und versammlungsfreudigen Menschheit, zu den Dingen, diewenn sie nicht nützen, doch auch zu meist in keiner Weise schaden. Allein man muß einen dicken Strich ziehen zwischen Versammlungen, die etwa über theosopbische Fragen verhandeln oder vielleicht den an sich ehrbaren Zweck verfolgen, die Esperanto-Sprache zu fördern, und solchen Versammlungen, die die Lebensfragen einer ganzen Volksmasse zum Gegenstand ihrer Beratungen gemacht haben. Beratungen dieser Art, die vor der großen Oeffentlichkeit im Rahmen eines Weltkongresses gepflogen werden, können ein wenig nützen oder sehr viel schaden. Und den Schaden müßten in diesem zweiten Falle naturgemäß diejenigeu zu tragen haben, denen zu helfen die ehrliche und ernste Absicht der Einberufer war. Darum ist es das gute Recht, ja die Pflicht der ernsthaften Presse, dem angegekündigten Kongr sse ein objektiv prüfendes Wort inbezug auf seine Notwendigkeit und Zweckmäßigkeit vorauszuschicken. Es kann gewiß nicht bestritten werden, daß die Leiden der jüdischen Auswanderer sowohl während ihrer Wanderschaft als auch, und vielleicht noch mehr, bei ihren An^edelungsversuchen und Anstrengungen, sich dem neuen Leben anzupassen, ungeheuer groß sind, daß die Jammerbilder, die die jüdischen Wandergruppen auf allen Hafenplätzen bieten, in aller Herzen Mitleid erwecken und in den jüdischen auch noch den natürlichen heißen Wunsch, hier helfend einzugreifen. Aher gerade diese Erscheinung, aus der die Initiative zur Regulierung der Emigration geboren ist, lehrt uns mit krasser Deutlichkeit, wie schwer, ja vielleicht gar unmöglich — und in diesem Falle nicht ganz gefahrlos — ihre Ausführung sein würde. Wenn irgendwo, so zeigt es sich hier, wie wenig begründet und berechtigt das geflügelte Wort ist, das von Wollen in Verbindung mit dem Können spricht. , Wollen wir dem Uebel auf den Grund gehen und alle Momente, die sein Entstehen verursachen und die Voraussetzungen für sein stetes Wachstum bilden, klarlegen', so ist es die erste Frage, die sich bei uns regt: Gibt es denn eigentlich nur eine jüdische Auswanderung? Stellt nicht jedes Land und jedes Volk ein gehöriges Kontingent zu den Bevölkerungs-Bewegungen und Verschiebungen, wie wir sie heute mehr denn je allenthalben beobachten können? Vor kurzem ist auf einem Weltkongreß das Wort gefallen: „Die modernen Wanderungen übertreffen an Intensität und Ausdehnung die alten großen Völkerwanderungen. Sie reißen ganze Generationen aus dem heimatlichen Boden und verpflanzeu ganze Nationen in fremdes Land, vernichten hier ein Volk in seiner kulturellen Eigenart und lassen dort neue Stationen und Kulturen entstehen." Das ist absolute Wahrheit, ob es auch von einem Sozialdemokraten auf einem internationalen Sozialisten-Kongreß gesagt worden ist. Italien sendet z. B. nach Deutschland und Oesterreich zahllose Arbeiter, Handwerker, Südsrüchtehändler usw. Eine besondere Liebe und Warmherzigkeit für diese heißblütigen Söhne des Südens ist nirgends wahrzunehmen, aber eine Auswandererfrage in unserem Sinne gibt es in Italien trotzdem nicht, und von einer Italiener-Invasion hört man in Europa und Amerika ebensowenig. Gibt es doch ganze Industriegebiete, die ohne italienische Arbeitskraft gar nicht mehr denkbar sind. Ungeheuer große Scharen von Slaven wandern alljährlich von Rußland, Polen, Galizien und Rumänien teils nach Amerika, teils nach England und Deutschland aus, ohne welche die Rittergüter heute ebensowenig auskommen können wie das deutsche Berg- und Hüttenwesen. Gibt es doch heute im Industriegebiet ganze Inseln mit slavischer Bevölkerung. Irländer, Schotten und Norweger wandern in Strömen nach Amerika, ohne daß die große Welt sonderlich viel davon erfährt. Die Geschichte Amerikas weiß sogar von der Verfrachtung ganzer Negerstämme nach der Neuen Welt zu erzählen, um sie dort zu einem Bestandteil der Bevölkerung zu machen. Selbst die gelbe Gefahr, die Amerika in der massenhaften Einwandernng der Mongolen aus China und Japan seit neuerer Zeit erblickt, hat zu keinem Emigrationsproblem geführt, wie wir es leider bei uns kennen. Die Chinesen und Japaner sind im Westen Nordamerikas trotz ihrer Eigenart, die sie gewiß nicht zum Vorteil für das Land beibehielten, ein Lebenselement der dortigen betriebsamen Volkswirtschaft geworden. Und es ist eine Tatsache, daß die Kohlenindustrie und die landwirtschaftlichen Grundbesitzer aller anderen Länder Amerika diesen Gewinn an eminenter Arbeitskraft neiden und sogar überlegen, ob sie nicht ebenfalls die chinesische Auswanderung sich zunutze machen sollten. Man sieht, die Emigration als solche ist eine durchaus normale Erscheinung im heutigen Völkerleben. Zu katastrophalen Zuständen führte die Auswanderung nur bei uns Juden. Woran liegt das? Die Beantwortung dieser Frage ist nicht so schwierig, und das Aussindigmachen der Gründe für die traurigen Erscheinungen, die die jüdische Emigration gezeitigt, ist ungleich einfacher und leichter als der geringste Versuch, ihnen abzuhelsen. Der Grund liegt darin, daß die jüdische Auswanderung eine fluchtartige ist. Die anderen Völker wandern, um sich bessere Erwerbsmöglichkeit unter besseren wirtschaftlichen Verhältnissen und Bedingungen zu verschaffensie können in allen Fällen den geeigneten Moment abwarten und die Heimat nur dann verlassen, wenn sie die Gewähr haben, daß ihnen die Fremde, für die sie die heimatliche Scholle mit all ihren natürlichen Vorteilen austauschen, für die mit der Auswanderung verbundene Einbuße an Stellung und Ansehen auch vollauf entschädigen werde. Eine solcherart von jedem Einzelnen planmäßig vorbereitete, zielbewußte Emigration bedeutet, auch ohne jedes organisatorische Zutun, für die industriearme Heimat eine Entlastung, für den Auswanderer einen sozialen und wirtschaftlichen Fortschritt und für das Einwanderungsland einen bedeutenden Gewinn an erwünschter Arbeitskraft. Der wandernde Jude hingegen hat keine Heimat zu verlassen. Er wandert nicht, um sich bessere Lebensmöglichkeiten zu verschaffen, sondern in erster Reihe, um einer unmittelbaren oder mittelbaren Gefahr, auf jeden Fall unhaltbaren Verhältnissen zu entrinnen. Ihm kommt es zunächst nicht so schr auf das Wohin an, sondern darauf, das.Land der Not zu verlassen. Man braucht nur die Leiden der Auswanderer an der Grenze zu sehen, die Paßschrkanen, die unsägliche Drangsalierung seitens der Grenzbehörden, die jeder jüdische (Änigrant zu erdülden hat, um den-