Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 46 (18.11.1909)
- Date
- 1909-11-18
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Veite 14. Nr. 46 Der JSraüit. 18. November 19C9. r Ostfrieslands durch die Krone Preußen sei dem ß Beer ein Wartegeld von 80 Rthlr. jährlich beir gelegt worden. An Stelle dessen solle eine Pension £ treten wegen des hohen Aliers des Beer. Auch | die Juden in Rheiderland sollen zur Zahlung f: herangezogen werden. J- Auf diese Verfügung hin beruhigte sich Beer nicht. Unter dem 6. April 1819 übergab er aberfmals eine Vorstellung der Provinzial Regierung t zu Aurich. In diesem Schreiben Beers heißt es: t ..Was die Frage anlangt, ob der Beweis geführt werden kann, daß die Verfügung des holländischen § Consistorii ihre Bestätigung von den französischen P Behörden erhalten, so kann solches bejaht werden. Denn x a) hat das israelitische Konsistorium zu Amsterp': dam durch die Verfügung vom 12 van Winter- | maand (Dezember) 1809 ausdrücklich verordnet: daß wenn gleich der Parnaß Beer seines bis- 5f Herr gen Postens als Parnaß und Oberlandrabbiner £ als unverträglich mit der Organisation des | israelitischen Kultus und dem Zivilgesetze für [-• verlustig, er dennoch für berechtigt zu erklären, h. seine rückständige Besoldung bis den 1. Januar 1810 ein zu fordern, auch ihm eine Entschädigung *■' jedoch allein wegen seines geistlichen und nicht wegen seines Richter-Amtes zuzuerkennen, welche so lange von den israelitischen Gemeinden — mit Ausschluß der Gemeinde zu Emden — zu bezahlen, bis daß er in Emden oder einem andern Orte des Königreichs Holland mit einem gleichen oder höheren Gehalt angestellt werden würde." Diese Verfügung sei von der französischen Regierung nicht aufgehoben. (Schluß folgt.- iücherschan. Stunden der Andacht und Erbauung in realwiiscuschastlicher Religion. Bon Prof. Dr. Julius Baumann. Gotha 1909. Friedrich Andres Perthas. VI u. 308 S. Es handelt sich vei dem vorliegenden Werk nicht etwa um ein Erbauungsbuch im gewöhnlichen Sinne,' der Verfasser will vielmehr diejenigen Punkte eines positiven Waudens festhalten, die sich nach seiner Ansicht mit realer Wisienschaft vereinigen lasien, und er zittert dabei den Ausspruch Addisons, vernünftige Bewunderung, in der Seele erregt, sei nicht weniger als Anbetung. Das Bekenntnis realwisienschaftlicher Religion, das an die Spitze gestellt wird, enthält den Glauben on Gctt als „den Schöpfer und Erhal:er der Wett uon Ewigkeit zu Ewigkeit"- es geht in dieser Welt nichts verloren, indem in anderen Verbindungen die Elemente, körperliche und geistige, stets weiter bestehen. Vom Christentum wird das „Eigentümlichste" sestgehalten, „daß die Größe des Menschen im Dienen bestehe", was, genau genommen, nicht diel mehr als eine Hvflichkeitsverbeugung ist. In der Tat kritisiert Baumann denn auch in scharfer Weise nicht nur das offizielle Christentum, sondern auch das der liberalen Theologie. Immerhin ist es anerkennenswert, wenn ein Mann der Wissenschaft es unternimmt, zu zeigen, daß der Begriff eines einzigen Gottes als Schöpfer und Erhalter der Welt auch der heutigen Wissenschaft nicht widerspricht, daß sie vielmehr mit zwingender Notwendigkeit darauf führt. Und die Fülle wissenschaftlichen Materials auS den verschiedensten Gebieten verleiht dem Werke Baumanns noch besonderen Wert. Freilich, wenn wir dm GotteSbcariff des Berfaffers etwas naher ins Auge fassen, so Ist er sehr nahe verwandt mit dem aristotelischen, der nicht mehr darstellt alS einen philosophischen Grenzbegriff. Baumanns Gott ist eine mathemat sch-mechanische Intelligenz, bei der von Liebe, Barmherzigkeit und ähnlichen Eigenschaften nicht die Rede sein kann. Neben Gott, der von Ewigkeit zu Ewigkeit ist, existieren auch die Elemente stets weiter (man vergleiche die Ewigkeit der Materie bet den griechischen Philosophen), so daß von einer Schöpfung im eigentlichen Sinne nicht gesprochen werden kann. Aus dieser Auffassung resultiert auefj die Unmöglichkeit für dm Menschen, in ein näheres Verhältnis zu Gott zu tretenseine Liee zu Gott kann höchstens die spinozistische amonr mtellectusUs dei fein, entbehrt aber der Innerlichkeit, wie M wahrhaft religiösen GemütLäußerungen (Psalm»») offenbart. Religion ist eben auf Wissenschaft allein nickt aufzubauen, ganz abgesehen davon, daß, wie der Verfasser bemerkt, „reale Wissenschaft selb st mit einer Hypothese anfängt." Bon Interesse sind die Aeußerungen des Verfassers über die anderen Religionen und, was «ns besonb rS angeht, feine Bemerkungen Über -aS Judentum. Baumann will alle Religionen in die menschliche Entwicklung ein ordnen, und bas Judentum macht natürlich keine Ausnahme. Er steht bet seiner Betrachtung im wesentlichen auf dem Standtpunkte der EntwicklungStheorettker, und doch sagt er selbst mit Recht, daß eS unmöglich sei, „eine Geschichte der Religion als Entwicklung durch bestimmte Stufen hir durch" zu schreiben. Am bedauerlichsten aber ist, daß seine Houpiquelle für die Beurteilung des Judentums Josts „Geschichte des Judentums und feiner Sekten" ist, ein Werk, das nicht nur veraltet, sondern auch tendmztös gefärbt ist. Man kann sich denken, was dabei herauskommt. So meint er mir Jost, das meiste vom Judentum sei erst durch und nach Esra entstandendie Prophetenschulen vergleicht er mtt der Prbertättweihe der Wilden- (!!) und als Eigenschaften, welche die Juden erhalten haben, bezeichnet er ErwerVSeifrigkeit, eifriges Familienleben, Mäßigkeit im Genießen und daS Bewußtsein, einer Gemeinschaft anzugehören, d e den einzelnen nie ganz fallen ließ. Das wesentlichste, daS Fe st halten an der Lehre, das koch auch objektiv als ein Moment geistiger und sittlicher Förderung angesehen werten mutz, wird kaum erwähnt, geschweige denn gewürdigt. So muß auch Baumanns Beurteilung des Judentums, trotzdem er keine öffentliche Antipathie gegen dasselbe zeigt, als schief und ungerecht bezeichnet werden. Dr. I. U. Vom Kriegsschauplätze der israelitischen Religionswissenschaft. Eine gemeinverständliche Schi - derung der Kämpfe auf dem Gebiete der modernen Bibelwissenschast. Bon Dr. Sigmund I a m p e l, Frankfurt a. M, I. Kauffm ann. 1909. 52 S. Auch für den überzeugten Juden, dem die Wahrheit der biblischen Berichte von vornherein f< ststeht, ist es von höchstem Interesse zu sehen, wie diese Wahrheit langsam, aber sicher an Boden gewinnt und wie, namentlich infolge der Ausgrabungen, auch die erbittersten Gegner der jüdischen Wahrheit zu Zugeständnissen gezwungen werden. Die vorliegend ' Schrift, deren Verfasser sich durch verschiedene vortreffliche Arbeiten auf dem Gebiete der Bibelwissenschaft schon einen Namen gemacht hat, schildert den gegenwärtigen Stand der einschlägigen Forschungen. Er stelle zuerst die Ansicht der extrem-radikalen Schulen (Graf Wellhausrn, Stade) dar, die bis vor kurzem auf die Alleinherrschaft Anspruch nrachten und ihre Hypothesen als gesicherte Ergebnisse der Wissenschas hinstellten. Sie übertnigen die Entwicklungstheorie auch auf die Religionswissenschaft und behaupteten, daß der reine Monotheismus in Israel sich erst im Laufe einer langen Zeit nach und nach über verschiedene Zwischenstufen herausgebildet habe. Natürlich muß e, um dies zu erweisen, den biblischen Berichten in der unglaublichsten Weise Gewalt angetan werden. Trotz der inneren Widersprüche jener Theorie ist ihr völliger Zusammenbruch doch erst durch die babylonischen Ausgrabungen angebahnt worden, die erwiesen haben, daß schon vor der Zeit Abrahams eine höhere Religionsform existiert hat, als die Entwickiungsiheoreiiker sie Israel für die Zeit der Propheten zugestehen wollten. Aber jene Ausgrabungen haben wiederum eine neue Anschauung erzeug', den Panbabylonismus oder Panorientalismus, der die Behauptung aufstellt, daß die jüdische Religionssti tung nichts prinzipiell Neues geschaffen, sondern nur Ideen wiedergegeben habe, die schon in Babylonien vorhanden gewesen seien. Demgegenüber wird von besonnenen Forschern, namentlich Professor Bartsch, gezeigt, daß die babylonische Religion irotz mancher Ansätze zu einer höheren Entwicklung im krassesten Polytheismus stecken geblieben sei, daß der Gottesbegriff der Bibel den babylonischen überwunden habe und daß erst hier ein ethischer Monotheismus wahrzunehmen sei. Möge es dem Verfasser der Schrift, deren populäre Form sie. für jeden empfehlenswert macht, vergönnt sein, seine verdienstvollen Arbeiten fortzusetzen, und möge er die dazu notwendige allseitige Sympathie finden. Dr. 1. U. Sitten und Gebräuche einer Jndengaise (Minhag Asch). Fürst, Dr. Alfred, Szekesfeherna 1908- Ed. Singersche Buchhandlung. 80 S. Es sind im allgemeinen die überall üblichen Minhagim, die der Verfasser hier an einem Beispiel, an der alten Kehilla Eisenstadt (V"n) in einem manchmal etwas sehr schwungvollen Stil schildert. Einzelnes ist interessant, wie die Mitteilung, daß in Eisenstadt noch heute den ganzen Sabbat die Judengosse durch Kette und Tor abgesperrt ist, damit die Sabbatruhe eine ungestörte sei. Die Ab«tdb«rg. »Roman von Bruno Wille. Jena 1909. Eugen DiedertchS Verlag. * Es ist ein fesselndes Buch, das man in seltsamer Bewegung aus der Hand legtein Roman, durchweht von inniger Frömmigkeit, die innerstem persönlichem Erleben entquillt, dabet verwoben mit Vorstellungen geheimnisvoller Naturbeseelung. In der Beziehung jedoch „auf den Urquell alles Lebens, den Einen, den Einzigen" wird dieser Naturdienst geadelt und jüdischer Denkart näher gerückt. Sein rein rel'givser Charakter leitet hinüber zu dem Gegenbild allheidnischer Gottesverehrung, die in der Phantasie des Volkes Jahrhu» derte lang noch nach scheinbar völliger Verdrängung lebte und namentlich zur Zeit wilder Religionskriege um die Mitte des 17. Jahrhundert-, die den historischen Hintergrund de- Romans bildet, in blutigen Menschenopfern ihren Ausdruck findet. In einer solchen Zeit ist eS verständlich, wenn ttef angelegte Naturen von den Gre eln des ReltaionShasses ur d Aberglaubens sich abwenden und in Weltflucht ihre Läuterung vollziehen. Bon diesem Gesichtspunkte > us betrachtet, ist die „religiöse Wiedergeburt" unseres Helden jüdischer Gedankenwelt fremd . rnd fern. Aber trotzdem mag die Lektüre deS Buches auch dem gläubigen Jude« zur Erbauung dienen. Der Dichter hat wohl nickt beabsichtigt, einen Tentenzroman zu schreiben, aber in dem altertümlichen Gewände der Sprache und Metaphern spricht er doch zu deutlich zu unserer Zeit mit ih'em unbegrenzten Streben nach Besitz und Macht und ibrer vielfach leichtfertigen Auffassung von Liebe und Ehe, wie Ltteratur und Bühne sie uns vor Augen führen. Die Abenövurg stammt aus uralter Zeit. Nur eine Ruine ist von dem stolzen Bau erhalten, und birgt nach alter Bolksüberliefei ung unermeßliche Schätze an Gold und Edelsteinen. In der Allegorie deS Romans bedeutet die Abendburg zugleich das menschliche Herz, in dem tas echte Geld, Liebe und Treue, zu finden ist. Den inneren Kampf deS Strebenrach äußeren und inneren Gütern entscheidet - er Held im edlen Sinne seiner früh verstorbenen Eltern und eines väterlichen Freundes. Die Läuterung seiner irdischen Liebe zu einem ihm ebenbürtigen Weibe vollzieht sich bis zur höchsten Entsagung. Der Herzensbund mit die er Schtcksalsgefährtin wird durch die Unruhen der kriegerischen Zeit nach kurz währendem Llebekgücke zerstört. Ruhelos ziehen die Getrennten durch die Lande, um im Augenblicke des Wtcderfin'ens aufs neue auf Jahre hinaus geschieden zu werden. Da endlich naht ihre Eriösungsstunde, aber sie dürfen einander nicht angehören. Denn daS Wetb, in der Annahme des sicheren Te des ihres Gatten, hotte, von der Treue und Fürsorge eines edlen Mannes hingerissen, sich diesem vermählt. Sie lebt neben ihm tn geschwisterlicher Gemeinschaft, denn sie wahrt dem Geliebten ihrer Jugend die Treue über das Grab htn»us. Ihr Leben welkt dahin, als sie entdeckt, daß dieser dennoch lebt. In Briefen feiern sie das Wtederfinben. Vom Abendschatten des Lebens verklärt, drängen ste das stürmische Verlangen nach einander zurück und der Tod versöhnt ste mit der Tragik ihres Lebens. Eine Dustwolke zartester Poeste umhüllt die Dichtung. Philosophisch e Dialoge, Gedichte von wunderbarer Schönheit und ÄAefe, eine meisterhafte plastisci e Darstellung geschichtlicher Ereignisse von Weltvedeutng vereinigen sich zu einem Werke, das uns zur Andacht stimmt. L. Ter Zukunflsglnube. Bon Michael Howscha, Rabbiner in Schkrdi (Rußland). Müllersche Buchdruck rci in Riga. Daß nicht jedes Buch ein Werk ist, braucht heute in einer Zeit, die dur.b ein? Hochflut von Druckerzeugnissen gekennze-chnet iv, nicht erst ouseinandergesetzt zu werden. Alle n so wie ein Wort, am rechten Orte und zur rechten Stunde gesprochen, immer eine Tat bedeutet, so darf ein Buch, dos solche Worte enthält, vor allem als ein Werk beze chret werden. Und es ist ein großes Merk der Aufklärung, der geistigen Aufrichtung, deren die Jugend in seinem Heimatlande so nötig bedarf, welches Herr Rabbiner Howscha in seinem vorliegenden Buche unternommen hat. Es sind keirre fremden, ung« kannten Welt n, in den n die Ideen und Gedankengänge des Verfassers wurzeln und sich bewegen. All dies ist schon von anderer Seite tiefer, eindringlicher und vielleicht auch wirkungsvoller und nachhaltiger gesagt und präzisiert worden. Aber nran merkt gleich das hohe Ziel, die leitende Tendenz des Buches, die uns über Kleinigkeiten und Atußerlichkeiten gern hinwegseben lassen. Wir sehen da zum ersten Mal ein n Rabbiner, einen wirklichen russischen Rabbiner zu den Gebildeten und Aufgeklärten seines Heimatlandes in einer europäisch n Sprache sprechen und ihnen auf Grund moderner Forschung und tiefer Thorakenntnis die Ueberzeugung bribringrn, daß .Thorajudentum, entgegen den Vorspiegelungen der Haskalah-Helden, in gar keinem Gegensatz zur Kultur, Wissenschaft, moderner Denkart und am wenigsten zum praktischen Leben stehe. Ja ausführlicher Weise U' d in einer auch dem Ausländer leicht verständlichen Sprache weist der Verfasser die Göttlichkeit der Thora nach, bekandelt die soziale Frage im Lichte der jüdischen Gesetz", die Wesensart des jüdischen Gebetes, die FriedenSidee im Jude' tum usw. und gibt geistreiche Erläuterungen zu vielen Kapiteln der Thora und Stellen des jüdischen Schrifttums, die zugleich auch wertvolle Streiflichter auf manche Zeit- und Streitprobleme, die heute die Menschheit beschädigen, werfen. Im Jmer.fse der wahren Aufklärung der jüdischen Jugend in Rußland dürfen wir dem Buche große Verbreitung wünschen, und es wäre ein löbliches Werk, wenn auch die gesetzestreuen Kreise in Deutschland, denen das Buch ebenfalls manches Neue bieten dürfte, durch Verbreitung desselben den berufenen Mann tn den Stand setzten, weiter auf diesem Gebiete zum Segen für das überlieferte Judentum zu arbeiten. Sch. Notiz. Der durch die Herausgabe verschiedener Werke bekannte Rabbiner S. A. W e r t h e i m e r in Jerusalem ist eben Jm Begriffe, die des verewigten ‘TH’ yi PKO”:/ genannt *Tn '*1 durch den Druck zu veröffentlichen. Es bittet Freunde der Thora und Schüler des großen Mannes, ihn durch Subskription |(4 Kronen) auf das Werk zu unterstützet,. Auch Herr R 'bbiner Dr. Kramer in Karlsruhe ist bereit Bestellungen entgegenzunehmen.