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Der Israelit · 1909-11-11 · Heft 45 (11.11.1909) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 45 (11.11.1909)
Date
1909-11-11
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Anmeldungen hierzu nimmt Herr Seminarlehnr Stern, Berlich 10, bis zum 14. November entgegen. Für den Nachmittag ist ein kleiner Ausflug vorgesehen. Reisekosten werden teilweise vergütet. Der Schriftführer. Der jüdische Lehrer und die Landwirtschaft. Bon B. I. Seit einer Reihe von Jahren ist die „Rückkehr zur Landwirtschaft" in weiteren jüdischen Kreisen ein beliebtes Schlagwort. Man erwartet und erhofft von der bäuerlichen Tätigkeit der jüdischen Landbevölkerung eine größere Bodenständigkeit derselben, ein Abflauen des Zuges nach der Großstadt, eine soziale Hebung der jüdischen Landbewohner und ihre gesundheitliche Erstarkung. Nun hat jede neue Idee und Bewegung in ihren Anfängen einen gewissen Grad von Ueberschwänglichkeit/ so auch hier. Man nivelliert zu viel — eines schickt sich nicht für alle/ man idealisiert zu viel — Idyllen gibt es meist nur in der Literatur.: man erwartet zu viel — auch in der nichtjüdischen Landbevölkerung herrscht doch Landflucht/ man übersieht zu viel — jüdische Feiertage und staatsgesetzliche Ruhetage — -oder, übersieht man die in gewissen Kreisen nicht nur absichtslos? In der Tischei-Nummer des „Jüdischen Volksboten" hat ein praktischer Landwirt zur Frage der Landwirtschaft unter den Juden Deutschlands Stellung genommen und ist zu dem sehr richtigen Schluffe gekommen, daß als ausschließlicher Erwerbszweig die Landwirtschaft für unsere Verhältniffe sich nicht empfehlen lasse, daß es aber aus den verschiedensten Gründen sehr wünschenswert sei, wenn der jüdische Landbewohner neben seinem Haupterwerbszweige, dem Handel, auch einen entsprechenden Grundbesitz und sei es auch nur ein Stück Gartenland sein eigen nenne und — selbst bearbeite. + Wenn ich nun auch — aus Erfahrung — den Optimismus nicht teile, daß dann „die größte Gefahr der ländlichen Judenfrage vorbei sei", das verkenne ich nicht, daß eine solche Praxis viele gute Seiten hat. Uebrigens ist gerade in Süddeutschland und besonders in Unterfranken dieberegte Erscheinung nichts Seltenes. Fast jeder Metzger und Viehhändler — und das sind immer noch die weitaus meisten Juden auf dem Lande in Franken — hat einen größeren oder kleineren Feldkomplex, an dessen Bebauung er tätig mitarbeitet. Daß allerdings alle Arbeit von den jüdischen Familienmitgliedern selbst geschieht, habe ich noch nicht beobachten können. Das wird sich auch im Handumdrehen nicht bewirken lassen, dazu bedarf es einer gewissen Schulung, einer Art Uebergang. Vielleicht dürfte über den selbsttätigen Gartenbaubetrieb ein Weg zur eigenen Feldbewirtschaftung führen. Der Gartenbau ist näherliegend, augenfälliger und auch wegen der „Küchenregion" dem weiblichen Teile der Familie vielfach mehr Interesse abgewinnend. Es käme also vor allem daraus an, den Gartenbau zu pflegen. Bemühungen von Vereinen und Korporationen in dieser Hinsicht werden solange erfolglos sein, als sie nicht Vorkämpfer, Bahnbrecher am jeweiligen Orte selbst haben. Ich möchte nun durchaus nicht in ierte Manie verfallen, die in dem Lehrer das „Mädchen für alles" sieht, die, ob es sich um Darlehensvereine oder Maikäserfang, um Volkszählung oder Viehzählung, um Volksgesang oder Denkmalspflege u. s. f. ad infinitum handelt, die Dienste des Lehrers beansprucht / ich rechne nur mit bestehenden Tatsachen und konstatiere einfach, daß bei der Mehrzahl der christlichen Schulstellen aus dem Land ein größerer oder kleinerer Landkomplex zu den Stelleneinkünften gehört, daß fast immer der christliche Lehrer in Bezug auf Gartenbau und Obstkultur vorbildlich und anregend wirkt und daß deshalb die Annahme nicht unberechtigt erscheint, daß auch der jüdische Lehrer für seine Schulgemeinde ähnlich wirken tönnte. Zwei Hindernisse bestanden bis jetzt: in vielen Fällen gehört kein Garten zur jüdischen Schule, so daß dem Lehrer das „Feld der Tätigkeit" mangelt, in fast allen Fällen aber — und das war der schwierigste Punkt — fehlte dem jüdischen Lehrer die theoretische^ und praktische Schulung für Gartenbau und Landwirtschaft. Abhilfe hinsichtlich des ersten Punktes zu schaffen ist.nicht schwer. Es erübrigt sich, darauf einzugehen, ists doch nur eine reine Geldbeutelfrage.*) *) An ihr' scheitern aber erfahrungsgemäß auf dem Lande die schön st e n Pläne - vielleicht greift auch hier die Simonstiftung durch Gewährung zinsloser Darlehen helfend ein. Die Redaktion. Mehr Schwierigkeiten bereitet der zweite Punkt, die technische Schulung des Lehrers. Hierin ist nun das jüdische Seminar zu Würzbürg mit Unterstützung der Simon-Stiftung in Hannover bahnbrechend*) vorgegangen, und es lohntsich wohl, darauf etwas näher einzugehen. In mehreren Beratungen mit dem Lehrkörper des Seminars suchte der Syndikus der Simon- Stiftung, Herr Dr. Katz, zunächst dafür Stimmung zu machen, daß Seminarabsolventen nach bestandenem Schlußexamen landwirtschaftliche Lehrkurse in Ahlm frequentieren sollten. Dem Lehrerkollegium erschien der Plan von vornherein aus den verschiedensten Gründen aussichtslos und dank dem liebenswürdigen Entgegenkommen des Seminarvorstandes, Herrn Rabb. N. Bamberger, wurde schließlich die Möglichkeit gegeben, am Seminare selbst zunächst versuchsweise einen Gartenbaukurs einzurichten. Für die nötigen Auslagen wollte die Simon-Stiftung eintreten. Da. in Würzburg eine theoretisch wie praktisch äußerst tüchtige Kraft in der Persönlichkeit des jüdischen Friedhofgärtners G. Behrens, früher Lehrgärtner in Ahlem, zur Verfügung stand, war es ganz natürlich, daß dieser Herr für die technische Leitung des Gartenbaukurses gewonnen wurde. Er konnte auch einen größeren Landkomplex zur Verfügung stellen. Bereits im Spätherbst 1908 wurden die Seminaristen mehrmals in seine Gärtnerei geführt, um die Spätjahrarbeiten kennen zu lernen. Während des Wintersemesters erteilte Herr Behrens theoretischen Unterricht in möglichst anschaulicher Weise im Seminar/ auch der übrige naturkundliche Unterricht, besonders in der Chemie, erteilt von dem Kgl. Inspektor an der „Landwirschaftlicheu Versuchsanstalt für Unterfranken", G. Schulhöfer, nahm in entsprechender Weise auf den Gartenbau Rücksicht, und so konnte man mit Beginn des Sommersemesters 1909 in die Praxis der Gartenbearbeitung eintreten. Vom Lehrpersonal des Seminars beteiligten sich die H.-H.-Seminarlehrer Anfänger und Seminar-Assistent Einstädter aktiv mit an den Arbeiten. Der ganze, sehr große Komplex wurde abgeteilt, sodaß zunächst jedem Kursteilnehmer mehrere eigene Parzellen zur selbstverantwortlichen Bearbeitung zugewiesen werden konnten. Außerdem wurde eine Anzahl größerer Beete als „Gemeingut" proklamiert und teils zur Nutz-, teils zur Zier- und Blumengärtnerei bestimmt. Sämtliche Arbeiten wurden von den Teilnehmern, Lehrern wie Schülern, selbst ausgefühlt. Umroden, Wegabteilen, Zuteilung für die verschiedenen Gartengewächse, Säen, Düngen, Gießen, Jäten, Versetzen, Anpflocken u. s. f. bis zum Abernten und eventuellen Neubepfianzen nach tem Wechselsyftem unter mög- * U. W. bestanden schon vor wehren Jahren an der jüdischen Lehrerbildungs-Anstalt in Ham ovrr ähnliche, wenn auch weniger umfangreiche Einrichtungen wie in Würzburg. Die Redaktion. 1 ■ 'S 3M -H

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