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Der Israelit · 1909-11-04 · Heft 44 (4.11.1909) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 44 (4.11.1909)
Date
1909-11-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Der Israelit Ein Centralorqan tür das orthodoxe Judentum //f)BE III fasgq Begründet oon Dr. Lehmann in lllainz ssss 50. Jahrgang. sag SranMurta. M.. den Bssa •*** Ahonnemeat pro Vierteljahr: Gewöhnliche Ausgabe Mk.1.60, HeftauSgabe (Kunstdruck)' Mk. 3.—. Auslandspreise: Gewöhnliche Ausgabe: Oesterreich-Ungarn 2 Kr., Rußland 1 Rub., England 2 sh., Amerika 60 cts., Niederlande 1.20 fl., Frankreich Frs. SÄ). Abonnementbei allen Postanstalten. Buchhand'ungen, sowie direkt bei dem.Verlag. HeftauSgabe nur dirett. Der JSraelil erscheint jeden Donnerstag. Inserate: 80 Pfennig für die sechsgespaltene Eolondl-Zeile; Rabatt nach Tarif. Inserate» anuahme nur durch Haasenstein u. Bögler A.-G« Frankfurt a. M.» und deren Filialen. Zahlnnge« können außer direkt an den Verlag erfolgen per: Lonto Sei de« Postscheek-Amt Frankfurt a. M. ft». 344. ikonto hei der ft. St. Postsparkasse Wien «o. 73333. Ponte bei bem ft. Postsparkassenanet Bnhapest ft». 18434. «onta hei der «igaer «onnnershank in Niga und deren Filiale«. ver Iladtörudi Ser ftrsskel un9 Correlponöenjen 9es „Israelit“!ff nur unter genauer Quellenangabe, un9, soweit es fldi um gröSere Rufffifce kanSelt. nur nach vorheriger Genehmigung gehaftet Die russische Judenheit vor schwerer Entscheidung. Was die russische Judenheit zur Zeit in Atem hält, ist die Einberufung der Rabbiner- Kommission. Die dadurch verursachte Wahl- Campagne, läßt die prinzipiellen Gegensätze, die die verschiedenen Gruppen der russischen Judenheit von einander trennen, so kraß an den Tag treten, daß man fast hoffen dürfte, aus diesem politischen Ereignis eine gute und in mancher Beziehung wünschenswerte Klärung der Begriffe erwachsen zu sehen. Vorausgesetzt allerdings, daß der erwartete Segen nicht von Unberufenen, die sich mit aller Gewalt der Sache zu bemächtigen suchen, in sein Gegenteil umgewandelt wird. Es ist ein ganz eigentümliches Ding um diese Rabbiner-Kommission, die ihresgleichen in keinem anderen Lande der Welt aufzuweisen hat. Seit den Zeiten Nico laus I. besteht die Einrichtung, von Zeit zu Zeit, gewöhnlich einmal in fünfzehn Jahren, eine Rabbinerversammlung einzuberufen, die unter Teilnahme des Ministeriums des Innern sich über Fragen, zumeist konfessioneller und religiöser Natur, zu äußern hat. Nach den diesbezüglichen Bestimmungen soll die Kommission aus 7 Rabbinern bestehen, welche von den Gemeinden des ganzen Landes gewählt und delegiert werden. Die auf Grund der Beratungen (die in Petersburg stattfinden und in der Regel 2 Monate dauern), gefaßten Beschlüsse haben nach Genehmigung des Ministers entscheidende Kraft. Die Kommission dagegen behält keine permanente Bedeutung, sondern muß von Zeit zu Zeit durch Wahlmänner, die wiederum von den Gemeinden bestellt werden, neu gewählt werden. Eine Hauptfrage, die die letzte Rabbinerkommission im Jahre 1893 beschäftigte, war, um ein Beispiel anzuführen, wie die Eheverbindung der lebenslänglich zur Zwangsarbeit in Sibierien verurteilten Männer zu trennen sei u. s. w. Man begreift leicht, wie viel der orthodoxen Judenheit in Rußland daran liegen muß, daß diese einzige legislative jüdische Behörde, der die Aufgabe zufällt, in religiösen und religionspolitifchen Dingen die letzte bindende Entscheidung zu treffen, nuraus wirklichen berufenen Kennern und Vertretern der Thora und der heiligsten religiösen Bolksintereffen bestehe. Allein den Machenschaften der verhältnismäßig kleinen, aber ungeheuer viel mögenden Gruppe der jüdischen Assimilanten standen bislang die schwachen, mit der Sprache und den Allüren der Behörden und Regierungskreise wenig vertrauten geistigen Führer der Gemeinden machtlos gegenüber. So kam es denn auch, daß sich auf Grund eines Gesetzes, welches auch die Wahl von angesehenen Laienmitgliedern an Stelle der Rabbiner zuläßt, sich ganz ungeeignete, auf dem Boden der Assimilation stehende Elemente in die Rabbinerkommissionen der früheren Jahrzehnte hineinschleichen konnten, um auf Jahre hinaus Unheil und Verwirrung anzurichten. Waren doch bekanntlich die Hauptsprecher in der Rabbinerkommission vom Jahre 1878 ein Rechtsanwalt aus Grodno, ein Apotheker aus Kowno usw., so daß man dieser Rabbinerkommission ohne Rabbiner noch nachträglich drei Wittliche Rabbiner als Sachverständige zur Erteilung von Gutachten in religiösen Angelegenheiten beigeben mußte. Wie wird es wohl jetzt werden, und weß Geistes Kind wird die neue Rabbinerkommission nach ihrer Zusammensetzung und Gestaltung sein? Das ist die Frage, die jetzt alle Gemüter beschäftigt und die Führer mit tiefer Besorgnis erfüllt. Das Leben hat auch in Rußland in den letzten Jahren nicht stillgestanden. Es hat sich vieles geändert, und es ist in mancher Beziehung anders, beffer oder auch schlechter geworden. Allein die Judengesetze sind wie ein ruhender Pol in der Erscheinungen Flucht die gleichen geblieben und werden, ohne Rücksicht darauf, ob sie den veränderten Verhältnissen sich noch anpassen oder nicht, in gleicher Weise heute noch gehandhabt. Die Bestimmung, die evtl, auch Laienmitglieder zur Teilnahme an der Rabbinerkommission befähigt, besteht heute noch zu Recht, obzwar die Voraussetzung, die ihr damals zu Grunde lag, nämlich die Tatsache, daß die meisten Rabbiner von damals der russischen Sprache nicht mächtig waren und die zur gemeinsamen Arbeit mit dem Ministerium nötigen Verkehrsformen nicht beherrschten, durch die Verhältnisse längst überholt und außer Kraft gesetzt ist. Tatsache ist, daß es heute eine ganze Reihe von Rabbinern in Rußland gibt, die auch in profaner Bildung den Großtuern aus der neologen Fakultät nicht nachstehen und daß alle Rabbiner, auch die ältesten und berühmtesten, sich heute mehr als früher dem Leben zuwenden und sich mit all seinen Problemen, auch politischer und wirtschaftlicher Natur, eifrig und ernstlich befassen. Man denk nur an die, Organisation der W DD2D mb ihre Bestrebungen, die auch genügend Laienmitglieder in ihrer Mitte hat, welche, wenn schon jener Laienparagraph unbedingt beachtet werden soll, in erster Reihe sich dazu eignen würden, an der Kommission teilzunehmen. Aber leider kommen nicht diese beim Wahlkampfe in Betracht, sondern die „gelehrten" Juden, die als Inhaber akademischer Grade nach wie vor das Judentum bevormunden zu können glauben. Für diese hat nun die rege Agitation eingesetzt und zwar immer noch unter der alten Mär, die Rabbiner, wie überhaupt die Vertreter des überlieferten Judentums, besäßen nicht die nötige Weltbildung und Lebensklugheit, um auch über die sozial-politischen Fragen, die sie neben den religiösen ganz besonders erörtert wissen wollen, das entscheidende Wort zu sprechen. Ein unglücklicher Zufall will es, daß gerade jetzt ein Vertreter dieser „Jntelligenzgruppe" ein Herr Dr. Krips, dessen Wirksamkeit für die Sache des Abfalles noch von der Zeit her, als er Kronrabbiner in Odessa war, in frischer Erinnerung ist, zur Zeit als Sekretär im Ministerium des Innern tätig ist. Daß dieser Mann, wie die Dtnge einmal in Rußland liegen, einen ungeheuren Einstuß besitzt, ist leicht erklärlich, und nach welcher Seite er diesen Einfluß geltend machen wird, darüber kann gar kein Zweifel herrschen. * Und dabei steht die prinzipielle Bedeutung der heutigen Rabbinerkommisfion ungleich höher als die ihrer Bergängerinnen, nicht so sehr darum, weil die Probleme, die jetzt die jüdische Oeffentlichkeit bewegen, an sich wichtiger und bedeutungsvoller sind, sondern auch darum, weil alle Aussicht vorhanden ist, diese periodische Kommission in eine permamente Repräsentationsbehörde umzuwandeln, die, mit großenBefugniffen ausgestattet, dauernd über die vitalsten Interessen der Judenheit und des Judentums zu bestimmen haben wird. Es kann gewiß nicht der Wunsch der gesetzestreuen Kreise Rußlands sein, eine solche jüdische Oberbehörde ins Leben zu rufen. Sollte sie aber doch von der Regierung geschaffen und den Händen der von Macht- und Repräsentatiousgelüsten beseelten Herren anverttaut werden, so würde sie ein Unglück für die russische Judenheit bedeuten, dessen Tragweite noch gar nicht abzusehen ist. Es ist daher heilige Pflicht der gesetzestreuen Massen in Rußland, die Gott Lob auch in politischer und sozialer Hinsicht nicht mehr wie ehedem führerlos find, in den kräftigsten und wirksamsten Formen ihren Willen zur Selbstständigkeit zu bekunden und der

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