Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 43 (28.10.1909)
- Date
- 1909-10-28
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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28. Oktober 1909. Sette 14. Nr. 43. in gehobenster Stimmung m über die Mitternachtsstunde zufammenhielten. Besonderen Beifall erwarb sich Herr Oberkantor Weiß durch seine Gesangsvorträge, wobei die Teilnehmer Gelegenheit hatten, seine melodische Stimme und die angenehme Art seines wirklich herzergreifenden Bortrages zu bewundern, und es ist dem Vorstande ein Bedürfnis, dem Herrn auch an dieser Stelle nochmals öffentlich zu danken. II. Der zweite Konferenztag wurde durch ein Hoch auf Se. Majestät den-deutschen Kaiser eröffnet. Nachdem dies verklungen war, hielt Kollege Strauß-Papenburg seinen Vortrag Religion und Naturwissenschaft. Es ist schwer, aus der Fülle der Gedanken dieses formvollendeten und gediegenen Vortrages einen kurzen Auszug zu geben. Nach einleitenden Worten verbreitete sich der Referent über den in neuerer Zeit immer schärfer hervortretenden Konflikt zwischen Religion und Naturwissenschaft und bespricht an der Hand verschiedener Streitschriften die Uebergriffe der letzteren. Die Anschauung, daß Natur und Gotteslehre Werke eines und desselben Urhebers seien, stellt den Gläubigen auf eine hohe Warte, von der aus er mit der weitgehendsten Hochherzigkeit allen Arbeiten der Naturforschung entgegensehen kann, ohne daß er durch die Ergebnisse irgend welcher Forschungsarbeiten an seiner religiösen Anschauung auch nur den allergeringsten Schaden zu leiden braucht. Der jüdischen Religion liegt es überhaupt fern, über naturwissenschaftliche Probleme absolut endgiltige Entscheidungen treffen zu wollen. Das wolle man niemals übersehen, wenn man über unser vorliegendes Thema urteilen will. Die Religion beabsichtigt gar nicht, eine natürliche Erklärung der Dinge zu gebensie will das Einzelne im Ganzen, die Schöpfung als unmittelbare Tat Gottes betrachtet wiffen. Deshalb werde der jüdische Forscher durch seinen Glauben in keiner Weise gehindert, als Forscher zu arbeiten, weil ja zwischen den Wahrheiten der Religion und den Wahrheiten, welche die Wissenschaft zu erforschen sich bemüht, ein Widerspruch gar nicht möglich ist. Es würde zu weit führen, den Vortrag in seinen einzelnen Punkten zu skizzieren. Die Arbeit war einer Jubiläumssitzung tatsächlich würdig und hinterließ bei den Zuhörern einen nachhaltigen Eindruck. Um diesen nicht abzuschwächen, wurde von einer Diskussion und Besprechung der Thesen abgesehen, und der Vorsitzende gab dem Beifall der Versammlung für die schwierige und tiefdurchdachte Arbeit in warmen Worten der Anerkennung für den Referenten Ausdruck. Nach einer kurzen Pause folgte nun der Vortrag des Kollegen Wolff-Aurich: Die geplante Zwangsorganisation für die preußischen Synagogengemeinden und die gesetzestreue Lehrerschaft in der Provinz Hannover. In der Einleitung erörterte der Referent zunächst die Wichtigkeit des 11. Gemeindetages und berichtete, daß er selbst von 5 ostfriesischen Gemeinden zu deren Vertreter ernannt worden sei und an allen Sitzungen des Gemeindetages teilgenommen habe. Er schilderte, welch niederdrückenden Eindruck gleich die Vorversammlung, die schon vor Ausgang des Sabbats begonnen, auf ihn und viele Gesetzestreuen gemacht habe. Auch die Beratungen an den beiden Haupttagen konnten den Eindruck nicht verwischen, daß hier ein Hauptschlag gegen die Orthodoxie im Werke sei. Das rechte Wort habe nach dem Empfinden des Referenten der Vertreter für Kassel gefunden, der den ganzen Entwurf folgendermaßen charakterisierte: „Gut mag er sein, aber jüdisch ist er nicht." Hierauf erläuterte der Vortragende die Gefahren, die der Entwurf im Hinblick auf die Autonomie der jüdischen Gemeinden der Provinz Der KSraeltt. Hannover in sich berge und weist auf die Entrechtung der Verwaltung und die Ertötung des frisch pulsierenden Lebens in den Synagogengemeinden hin, wenn der vorliegende Entwurf Gesetz würde. Am längsten ver veilt er bei der geplanten Beseitigung der bewährten hannoverschen Gesetzgebung und erinnert auch daran, daß die Vorlage die Frage über Gründung von jüdischen Volksschulen ganz und gar ausgeschaltet habe und dadurch auf die gänzliche Unterbindung unserer vorbildlichen Schulverhältnisse hinwirke. Zum Schluß wurde folgende Resolution angenommen: In Erwägung, daß der Entwurf des Organisationsgesetzes für die jüdischen Gemeinden Preußens weder jüdische Gesetzesbestimmungen zur Unterlage hat, noch jüdisches Herkommen oder jüdische Gepflogenheiten berücksichtigt, so daß er des Gepräges jüdischer Anschauung selbst nach dem Urteil liberaler jüdischer Männer entbehrt - in Erwägung ferner, daß der Entwurf in die Autonomie der Gemeinden eingreift, und dahin strebt, das bewährte Judengesetz in der Provinz Hannover, insbesondere das Gesetz über die Rechtsverhältnisse der Juden vom 30. Sept. 1842, die Bekanntmachung des Ministeriums des Innern vom 19. Januar 1844, sowie die Schulordnung für jüdische Schulen vom 5. Febr. 1854 umzustoßen - in Erwägung endlich, daß der Entwurf die Frage der Errichtung öffentlicher jüdischer Volksschulen gänzlich ausgeschaltet hat, sieht sich der Verein jüdischer Lehrer in den Rabbinatebezirken E. O. Br. zu der Erklärung veranlaßt, daß er jene Zwangsorganisation verwirft und jeden Versuch, der auf Beseitigung der bestehenden Rechtsverhältnisse der Juden in der Provinz Harmover abzielt, energisch bekämpfen wird. Auch dieser Referent erntete für seine Arbeit reichen Beifall. Die nun folgende Vorstandswahl ergab die Wiederwahl des bisherigen Vorstandes. Am Schluffe der Verhandlungen gab der Vorsitzende in warmen Worten der Befriedigung Ausdruck, welche alle Teilnehmer über den Verlauf der Konferenz empfanden und mit dem Wunsche tö"rVD und auf ein frohes Wiedersehen strebte jeder seiner heimatlichen Scholle zu. r Vor Beginn der Konferenzverhandlungen am 1. Sept. hatten mehrere bereits anwesende Herren Gelegenheit, den Rechenapparat „Frisia" von Lehrer Assing in Norden kennen zu lernen. Assing erklärte an einigen Beispielen den Gebrauch des Apparates beim Rechenunterricht, derselbe fand den Beifall der Anwesenden und dürfte namentlich in stark besuchten Klassen gure Dienste beim Rechenunterrichte, und zwar ohne Benutzung des Rechenbuches, leisten. Der Schriftführer: A. Gottschalk-Esens. Die lottblldung des jüdischen Ccbrcrs. Von Ben Jakob. (Schluß.) Stehen D"tr und □'•poiS auf d.m Programme einer Konferenz, so wird, um nur ein Beispiel anzuführen, der Konferenzleiter irgend eine iOaiD anschneiden, wichtige Teile derselben mit D'iltriO und Dünnte vorlernen, den Gang irgend eines lN bis herunter zu unseren Kompendien verfolgen und schließlich Winke und Anregungen geben, daß die Kursisten in ähnlicher Weise bestimmte Gebiete selbständig bearbeiten. Der Nachweis solcher Arbeit wäre durch mündliche wie durch schriftliche Referate zu erbringen. Schriftliche und womöglich mündliche Ratserholung beim Konferenzleiter ist natürlich immer möglich und erwünscht. In ähnlicher Weise wird in allen Fortbildungsfächern gearbeitet werden. Es werden sich freie Besprechungen anschließen. Für den methodischen Teil sind Uebungsschüler parat zu halten. Es soll sich also ein reges Leben nach jeder Richtung hin entwickeln. jjL Wer soll nun die KonfererHM leiten? Es dürfte mit Recht behauptet werden, daß die geringe Zahl der jüdischen fortbildungspfltchtigen Lehrer eine besondere Regelung der Konferenzbezirke erfordert. Die allgemeinen Fortbildungsbezirke decken sich geographisch mit den Bezirksamtssprengeln. Nun zählt allein der bayerische Regierungsbezirk Unterfranken mehr Bezirksämter als es jüdische Schuldienstexspektanten in ganz Bayern gibt. Für die Fortbildung in den jüdischen Religionsfächern müßten also mehrere Bezirke zusammengelegt werden. Sollen nun als Konferenzleiter die Rabbinen in Betracht kommen, so sind, ganz abgesehen von der Divergenz der religiösen Richtungen, Kompetenzkonflikte kaum zu vermelden. Dann aber fragt es sich auch, ob an jedem Rabbinatssitze die nötigen Hilfsmittel sich finden, in erster Linie eine entsprechende Uebungsschule. Endlich, wer soll unter den Rabbinen die entsprechende Auswahl treffen und nach welchen Motiven kann sie getroffen werden? Hier treten also die ersten Schwierigkeiten auf. Wie lassen sie sich beseitigen? Ich möchte hier einen Vorschlag zur Diskussion stellen, der vielleicht die größten Schwierigkeiten aus dem Wege räumen könnte: „Man sollte die Fortbildungskurse im Anschluß an das Seminar organisieren." Hier ist neutraler Boden, hier sind die nötigen Hilfsmittel inklusive der Uebungsschule vorhanden, hier sind für die einzelnen Sparten Fachlehrer, die eine entsprechende Bildungsvertiefung garantieren, hier fühlen sich die Kursisten an sich schon heimisch, hier ist ein einigender Mittelpunkt gegeben. Ich verkennenicht, daß auch hier die Sache nicht so ganz einfach ist. Abgesehen von allen anderen spielen Geld- und Zeitfragen eine nicht zuunterschätzende Rolle, aber es muß eben versucht werden, die Hinderniffe zu überwinden. Ich habe darum die ganze Angelegenheit zur Diskussion gestellt iqjv njntwv Daß den Kursisten die Reisespesen ersetzt werden müßten, steht für mich außer Frage. Hiefür werden angesichts der hohen Bedeutung der Sache unsere jüdischen Korporationen unschwer zu haben sein. Auch die Wegfrage ist nicht so gar schlimm, wie es auf den ersten Augenblick scheint, denn in den südlichen Teilen Bayerns sind zunächst wohl keine jüngeren Lehrer angeftellt. Schwierig allerdings bleibt die Sache für d:e Pfalz, wohin seit einiger Zeit ein starker Abfluß jüngerer Lehrer sich bemerkbar macht. Entsprechende Festlegung der Konferenztermine dürfte auch hier manche Erleichterung schaffen und schließlich — ohne Mühe ist nirgends ein Erfolg. Die Angelegenheit bedarf nach vielen Seiten hin der Klärung. Es ist ja auch schließlich noch fraglich, ob das Seminar diese Neubelastung übernehmen will und kann. Mögen darum zunächst vorstehende Anregungen einen regen, sachlichen Meinungsaustausch Hervorrusen. * * * Nachschrift der Redaktion: Wir würden es für recht erfreulich halten, wenn sich die jüdischen Seminarien in den Dienst der Fortbildungssache stellten und wenn sich auf diese Weise das Fortbildungsprogramm unseres geschätzten Mitarbeiters in seinem gesamten Um- .fang durchführen ließe. Insofern ist seine Anregung sehr wertvoll und wird hoffentlich auf fruchtbaren Boden fallen. Ob freilich der etwas umfangreiche und schwerfällige Apparat nur für die paar Schuldienstexspektanten in Bewegung esetzt werden soll, ist für uns mehr als zweifelaft: ^3 irapTni lanyaa. Wenn die jungen Kollegen mit erfahrenen und im Amte ergrauten Männern gemeinsam der Fortbildung Pflegen, das gibt eine gute Mischung.