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Der Israelit · 1909-10-28 · Heft 43 (28.10.1909) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 43 (28.10.1909)
Date
1909-10-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Der Israeli all Ein Centralorqan [Qr Jas iirthodnxe Juigntam llfS& I /II EESS2SB3 Begründet oon Dr. Lehmann in IRainz 50. Jahrgang. IWVI Sranhfurfa. M., den 28. Oktober 1909. 15. Marsltieilhwan 5670. M «3. A-»»«c«e»t pro Vierteljahr: Gewöhnliche Ausgabe Mk. 1.50, HestauSgabe (KunstdruG Mk. 3.—. Auslandspreise: Gewöhnliche Ausgabe: Oesterreich-Ungarn 2 Kr., Rußland 1 Hab., England 2 sh., Amerika 50 cts., Niederlande 1.20 fl., Frankreich Frs. 2.50. Abonnements bei allen Postanstalten, Buchhandlungen, sowie direkt bei dem Verlag. HestauSgabe nur dirett. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate: 30 Pfennig für die sechsgespaltene Eolonel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Jnseratenannahme nur durch Haasenstein u. Vogler &*<&., Frankfurt a. M.» und deren Filialen. Zahlungen können außer direkt an den Verlag erfolgen per: Conto bei dem Postscheck-Amt Frankfurt a. M No. 344. Conto bei der K. «. Postsparkasse Wien No. 78 605. Conto bei dem K. Postfparkaffenamt Budapest No. 18424. Conto bei der Nigaer Commerzbank in Riga und deren Filialen. Dar natfiöru* 9er flrfihei un9 Correfponflenjen 9es „Israelit“ UV nur unter genauer Quellenangabe, un9, soweit es fidi um gröbere fiuffäfee hanöelf, nur nach norberiger Genehmigung gestattet Das östliche Knlturproblem. (Brief eines galizischen Juden) Ein deutscher gesetzestreuer Jude, der es versuchte innerhalb der osteuropäischen Orthodoxie, für die Interessen des alten Judentums zu wirken, hat mir gegenüber einmal die Aeßerung getan: Eine Kugel, die auf einer schiefen Ebene sich befindet, kann man im Rollen schwerer aufhalten, als wenn sie einmal ganz unten angelangt sein wird) da wird es vielleicht leichter werden sie wieder hinaufzubringen. Damit wollte er sagen,, daß wir quasi auf die Rettung der östlichen Orthodoxie vor den über ihr zusammenschlagenden Wogen moderner Kultur jetzt verzichten müßten, bis man einmal dort an der Stelle angelangt sein würde, wo die deutsche Judenheit vor dem Auftreten S. R. Hirschs V'xr und seiner Genossen sich befand. Dieses oder Aehnliches kann man von allen jenen zu hören bekommen, die es versucht haben, den Fluch zu überwinden, der auf uns zu ruhen scheint, von allen, die es versucht haben, die furchtbare Discrepanz zwischen moderner Kultur und dem gesetzestreuen Judentum in Galizien zu überwinden. All diese verzweifeln endlich und überlassen die Dinge ihrem Lauf. Was sie alle erfuhren und was sie alle abschreckte, war, daß sie kamen um für die heilige Lehre zu wirken und anstatt dessen für moderne Kultur wirken muß ten, und nun auch , noch selber Wunden schlugen, wo sie heilen wollten. Die Lage aber kann nicht entsetzlich genug geschildert werden. Es schwindet auch hier schon das Thorakönnen und die Massen verfallen dem größten Materialismus und der seichtesten Irreligiosität. Der Sozialismus erstickt das religiöse Gefühl des Proletariats, und Genuß und Halbbildung ziehen die Mittelklassen herab bis zu einem öden Caffeehausleben und elenden Kartenspiel. Die berufenen Hüter aber stehen thatenlos dem ganzen Treiben gegenüber und können sich nicht helfen, weil es ihnen an modernen Hilfsmitteln fehlt. Es ist ihnen jeder Einfluß auf Massen und Intelligenz unmöglich, da sie nicht mehr die nötige Autorität besitzen. Jeder Halbwisser dünkt sich höher als jene „ungebildeten" Alten. So düster dieses Bild ist, noch schwärzer stellt die Zukunft sich jg£~ Die zukünftige Thoraz, jene JugeM, die noch von Eltern und der Thora erhalten^ wird, verläßt uns es nicht, dieselben vor moderner Kultur abzuschließen und die besten, lautersten unter ihnen sind die ersten, welche hinaus wollen, und schon dem ersten Strahl moderner Kultur stehen sie ungewaffnet und hilflos gegenüber. Nicht ein einziges Buch ist bereit, das ihre Zweiftl lösen könnte. Ja oft verfallen sie der ohne recht zu wissen wie, ohne innern Kampf,' sie erliegen dem sicheren Tone moderner Bücher und erwerben langsam, unbewußt eine naturalistische Weltanschauung; alles erscheint ihnen von diesem Standpunkte aus verändert und sie können sich nicht helfen. Sie sind nicht befähigt mit einem modernen Buch sich auseinanderzusetzen, sie wissen nicht Facta von Hypothesen zu scheiden, ja, selbst ihr altes jüdisches Wissen ist ungeordnet und deswegen nicht mobil und bereit. Bei den Alten können sie aber nicht Hilfe suchen, weil sie da zumeist schroff zurückgewiesen werden, man geht gar nicht auf die Zweifel ein, sondern verbietet das So-d.enken, das So-lesen und -lernen. Wenn aber Einer es ja den Jungen gegenüber mit Belehrung versucht, so versteht er die moderne Denkweise nicht und kann ihr nicht folgen und der Junge und der Alte reden in einer Sprache unverstandener Worte. Es ist eine Not und ein Jammer um diese ehrlichen Menschen. Zumeist weiß der Alte nicht einmal den Umfang und die Gefahr der modernen Anfechtungen abzuschätzen und weist jeden Versuch der Apologetik zurück, er braucht sie ja nicht und versteht sie auch nicht. Nachdem man sich einmal nicht verstanden, beginnen Verbitterung von seiten der Alten und Haß von seiten der Jungen ihr böses Werk. Mit Macht will man Zweifel unterdrücken, schließt vor den kaum Angekränkelten das alte Lehrhaus mit seiner chassidischen Atmosphäre und treibt so manchen nun vollends weg, oder man kriegt ihn unter, und er wird — nicht geheilt — aber die Zahl der Indifferenten ist um einen vermehrt. Es soll aber die Constatirung dieser Tatsachen nicht eine Anklage gegen die Alten bilden, welche treu auf der Wacht stehen und mit Recht sagen müssen: Hier stehen wir und können nicht anders. Sie alle kennen die Lage, aber sie befinden sich in einem Zauberkreis und können nicht heraus. Einer der Chassidim-Führer hat die Aeußerung getan: „Wenn bei uns einer eine Adresse schreiben oder einen Schlachtbericht in der Zeitung lesen kann, so hat er einen Freibrief auf Irreligiosität." Der alte Rabbi hat unter den gegebenen Verhältnissen nur Recht. Nur ftomme Juden mit Bildung könnter^elfen, aber sowie sie hier Bildung erwerben, sind sie nicht mehr fromm, das ist der eireulu8 vitio8U8. Die Alten haben recht, und könnte man die Abschließnng mit Erfolg vollziehen, so wäre es kein zu großes Opfer für das machtvolle Judentum, das man dafür eintauschen würde. Da das aber nicht geht, so behalten die traurigen Verhältnisse Recht. Auch was oben von den Jungen gesagt wurde, ist nicht bei a l l e n wahr, es ist dies nicht der einzig vorkomxiende Entwicklungsgang, nicht alle Stürmer und Dränger meinen den Kampf ernst, es sind auch viele Nachläufer und Genußsüchtige darunter KTpsm. Aber was hier gesagt ward, betrifft die Besten, die Ernsten und Gutmeinenden. Um diese aber gilt der Kampf, wenn diese siegreich die Schlacht schlagen, werden sie die Mittelmäßigen und Schwachen hinter sich haben. Jetzt aber geht uns die geistige Elite der Jugend verloren und wandelt sich in Feinde um; — oder bleibt im Lager, ist aber innerlich gebrochen, laborirt ein Leben lang an einem ^eelenriß, den sie nie mehr überwinden kann. Die jetzt noch religiöse Jugend muß ober vorerst gerettet werden, das ist der religiöse Besitzstand, der erhalten werden soll. So liegen die Dinge in Galizien, Litauen, Polen u. Rußlan d —etwas anders in Ungarn — ganz so auch ist die Lage in Palästina, ja, rumeist gilt diese Auseinandersetzung der geistigen Not im letztgenannten Lande, die dort erst im Anbrechen ist und leichter geheilt werden kann, und uns mehr am Herzen liegt, da es das heilige Land betrifft. Alle Besonnenen in diesen Ländern schauen nach Deutschland hinüber und wollen von der deutschen gesetzestreuen Judenschaft lernen, wie man Thora und moderne Kultur vereinigen kann. Wie haben es die Hirsch und Hildesheimer y'ST zu Wege gebracht, eine Generation von modernen gesetzes'treuen Inden zu erziehen? Können wir es nicht auch so machen? Die Lage war ja in Deutschland dazumal ähnlich wie im Osten. Die Alten harten an Einfluß und Autorität verloren, sie sprachen nicht gut Deutsch, predigten unmodern und verschlossen sich gegen moderne Bildung. Jene Führer versuchten es aber, gut deutsch zu reden und modern zu predigen und standen an Bildung keinem Modernen nach; und siehe, es gelang ihnen sehr viel, und jetzt erst nach Ueberwindung der formalen Schwierigkeiten stand jenen Großen der Weg offen zu wirklichem Ringen mit der modernen Kultur. Man versuchte nachzuahmen, und mitunter griff auch die deutsche Orthodoxie helfend eint "; - rii n-:- ~ -r nmati iiti j-ii.i n

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