Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 41 (14.10.1909)
- Date
- 1909-10-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der Israeli Ein Centralorgan für das orthodoxe Judentnm Begründet oon Dr. Lehmann in mainz 50. Jahrgana, sg SranMurfcu M.. Sen £14. Moder 1909. 29. Ttfdiri 5670. M*1. MBounemeni pro Vierteljahr r Gewöhnliche Ausgabe Mk. 1.50, HestauSgabe (^mstdruM Mk. 3.—. Auslandspreise: Gewöhnliche Ausgabe: Oesterreich-Ungarn 3 Kr., Rußland 1 Rnb., England S sh., Amerika 50 ets., Niederlande 1.20 fl., Frankreich Frs. 2.50. Abonnements bei allen Postanstaltm. Buchhand! u kgm. sowie direkt bei dem Verlag. HestauSgabe nur direkt. Der Israelit erscheint jeden Domnerftng. Inserat«; 30 Pfennig für die sechsgespaltene Tolonel-Zeilr; Rabatt nach Tarif. Inserate« annahme nur dmch Haasenstein u. Vogler A^G^ Frankfurt a. M., und deren Filialen. Zahlung«« können außer direkt an den Verlag erfolgen per: Conto bei dem Postscherk-«mt Frankfurt a. M. No. 344. Conto bei der «. « Postsparkasse «Sie« No. 78605. Conto bei de« « Postsparkaffenamt Budapest No. 18424. Cout» bei der Rigaer Com«er»ba«r in Riga ' und deren Filialen. Der Nackdruck 9er flrflhel unfl Correfpon9en?en des „Israelit“ ff! nur unter genauer Quellenangabe, und, soweit es lick um gröbere Dufffifce handelt, nur nadi vorheriger Genehmigung geffattet. Zm\ Mabmmgen zum Ulüitemmestcr. JüSifche Soliöarifäf. Man schreibt uns: Einer leider nur zu sehr vernachlässigten Pflicht des jüdischen rnaiy, der jüdischen Solidarität gelten diese Zeilen, der heiligen Pflicht gegen unsere schulentwachsene Jugend, gegen die juugen Leute, männlich oder weiblich, die als Handlungs- oder"Gewerbe-Lehrlinge, Gehilfen und Gehilfinnen fern vom Vaterhause weilen, ihr Brot, ihre Existenz suchen müssen. Schweren Herzens oft entschließen sich Eltern, ihr Kind von sich in die Fremde, in die große oder kleinere Stadt in die Lehre zu geben. Der Vater sorgt für eine Lehrstelle in einem am Sabbath geschloffenen Geschäft. Damit ist seine Fürsorge für sein Kind erschöpft, mutz oft erschöpft sein, wenn er nicht in der glücklichen Lage ist, gerade an dem Orte, an welchen sein Kind kommt, Verwandte oher Bekannte zu haben, die liebevoll den jungen Menschen in ihr Haus aufnehmen und ihm die Familie, das Vaterhaus im fremden Lande ersetzen. Der schwere Kampf ums Dasein, die Sorge für Zukunft des Kindes, doppelt schwer und sorgenvoll für den Jehudi, dem die HeilighaltUng des Sabbalhs am Herzen liegt, läßt dem Vater, besonders wenn er auf dem Lande oder in der kleinen Stadt wohnt, leider nicht oft die. Möglichkeit, sehr wählerisch in der Lehrstelle für den Sohn zu sein. So kommt unser Held, oft kaum 14 Jahre alt, aus der Schule in die Stadt. Sagen wir zunächst einmal in die kleinere Stadt. Gewöhnlich wird er hier wohl Kost und Logis im Hause des Lehrherrn haben. Und wenn dieser sich der Bei» pflichtung, die er mit der Aufnahme eines so jungen Menschen in seinen Hausstand aus sich nimmt, voll bewußt ist, wenn er in dem Lehrling nicht nur die gewerblich auszunutzende und dafür miteffende Kraft, nicht nur allenfalls den in seinem Fach auszubildende» Lehrling sieht, sondern ihm auch als Lehrherr für jüdische Lebenslehre und Lebensführung zur Seite steht, ihm nach Möglichkeit den Vater zu ersetzen sucht, dannkann wohl der gute Keim, den hie Eltern zu einem lebens- . Lehrherren! Genügt Ihr alle dieser Eurer Pflicht? Ist in allen Euern Häusern der Lehr ling auch ein Lehrling im „Mensch- und Jehudi Werden"? Ihr habt diese jungen Menschen in der Hand, in den Jahren, da das Herz noch weich, das Gemüt noch empfänglich! Verabsäumt nicht Eure heiligsten Pflichten! Denkt an Eure Kinder, denkt an die Eltern der Euch zur Lehre übergebenen Kinder, denkt der Bürgschaft, die Ihr eingeganaen! Prüfet, ob Ihr diesen Kindern, ob Ihr überhaupt all den jungen Leuten, die in Eurem Geschäft tätig sind, der Freund, der väterliche Führer und Warner auf dem Lebenswege seid! Wenn nun aber in der großen Stadt der Anschluß an die Familie des Prinzipals fehlt, .wenn, wie es jetzt ja selbst in der kleinen Stadt meistens der Fall ist, der junge Mensch keine Aufnahme in den Hausstand des Chefs findet? Eine Pension oder ein möbliertes Zimmer mit Speisen in der Restauration, das wird des jungen Menschen Los. Jeder Anschluß an ein Haus fehlt. Selbst solchen zu suchen, ist er zu unbeholfen, zu jung. Die Folge: Freundschaft mit Kollegen, Ausgehen mit ihnen rc. Und nun beginnt bei den Allerjüngsten schon das Wirtshaus, das Cafö die Heimstätte zu werden. Wohin sollen sie auch in ihrer fteien Zeit? Das Zimmerchen ist ungemütlich, dürftig, im Winter kalt, im Sommer heiß, Bücher bekommt man nicht oder doch nur für teueres Geld in der Leihbibliorhek, und was für welche sind's! Und wo sie lesen? Man muß ja ständig in die Wirtschaft flüchten. Daist der erste Schritt und nun gehts munter weiter: Trinken, Billard, Karten! Am SchabboS erst rechtwohin auch mit dem ganzen langen Tag? Schaut Euch nur am Schabbos in der kleinen oder mittleren Stadt um! Seht nur hinein in die Cafes, in die Bierstuben! Und fteut Euch an dem Anblick dieser jungen Burschen, die vor noch nicht Jahresftist als Kinder zu Euch kamen. Sie haben sich gut „heräusgemacht"! ly. Auf! Ihr, alle die Ihr noch Gefühl für üdische Lebenspflicht habt, auf, Ihr Väter, )te Ihr selbst Kinder heranwachsen seht, Kinder, Ne Euer ganzer Stolz, Eure Hoffnung sindöffnet weit die Pforten Eur^r Häuslichkeit diesen iltnd ins Leben schreitenden Gesellen. Von selbst aber kommen sie nicht, Ihr müßt sie Euch holen, leranziehen, immer, immer wieder. Gebt ihnen en Balsam des Vaterhauses, den schlechte Gesell- - - - -atz das jüdische Haus und Heim überall zu finden ist, für sie offen dasteht! Kein Familienkreis ist zu unbedeutend, kein jüdischer Hausvater, keine Mutter nicht im Stande, der so anspruchlosen Jugend ein Heim zu gewähren, einen Zufluchts- > ott für die freie Zeit, Freund und Berater für die Deinen Sorgen des Alltags zu sein! Bor Allem aber, auf, Ihr Rabbiner und Lehrer, die Ihr die Centren bildet inderJüdischkeit der kleinen Stadt! Auf, alle Ihr, die Ihr im Stande seid, außer dem Sinne für die Häuslichkeit auch min in die Herzen der Jugend zu pflanzen: Laßt nicht erst erkalten das Feuer, das jedes Kind aus dem jüdischen Baterhause mitbringt, facht die Fnnken zu Heller, heißer Glut! Und wenn es Euch nur bei einem einzigen jungen Menschen gelänge, Liebe und Begeisterung für unsere heilige nun zu wecken, zu erhalten, wäre es nicht reicher Lohn für Eure Mühe? ))dVk kV Vk*h*\ Es gibt noch überall Jugendherzen, die zu gewinnen sind. Sagt nicht im voraus: „Vergebene Mühe". Oeffnet, öffnet Eure Türen, öffnet Eure Herzen! Und doppelt gilt Euch der Ruf, jüdische Familien der Großstadt! Wie viel größerer Versuchungen ist hier die Jugend ausgesetzt, wo nicht einmal das Geschwätz der Kleinstadt, das jeden ihrer Schritte registriert, sie hindert „sich auszuleben", wie es der gute „Freund" augenzwinkernd rät. Glaubt nicht, daß die Jugendvereine, Lesesäle, Bibliotheken, Euch entbinden von der heiligen Pflicht der Gastfreundschaft. nn*nV nms *]n'a \T Ziehet sie an Euch, die Jugend, erhaltet unsere Zukunft dem Judentum! Und Ihr Vereine, tut Ihr in dieser Hinsicht voll Eure Pflicht? Ihr gebt zwar in Eurem Rahmen Gelegenheit zur Ausbildung, zum Anhören von Vorträgen, Lehrstunden und Cyclen. Aber sorgt Ihr auch, daß die Elemente, die Eurer bedürfen, Euch finden? Die angesehensten, adelsstolzen Burschenschaften scheuen sich nicht „Füchse zu keilen". Warum steht Ihr zurück? Warum „keilt" nicht jedes Eurer Mitglieder, das einen Lehrling, einen jungen Mann kennen lernt, der noch „religiös" ist, diesen für Euch? Da der Berg nicht zu Mohammed kam, mußte Mohammed zum Berge gehen. Wenn die Jugend nicht zu Euch kommt, so müßt Ihr sie aüfsuchen, alle, die JhrEuch noch bewußt seid, daß: nta n? D'my Wittn V2!