Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1909)
- Date
- 1909-09-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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i l Der Israelit I Ein Centralorgan für das orthodoxe Judentum 50. Jahrgang Begründet non Or. Leftmann in ühinz SranWurta. m.. den M39. XfonmKxt pr» Bierteljahrr Gewöhnliche Ausgabe Mk. 1.60, 1 HeftauSgabe täimftbnidf) Ml. 8,—. Auslandspreise: Gewöhnliche 1 Ausgabe: Oesterreich-Ungarn 2 Kr., Rußland I Bnb„ England s sh., ] Amerika 50 cts^ Niederlande 1.20 fl., Frankreich Frs. SL50. 1 Abonnements bei allen Postanstalten, Buchhandlungen, sowie direkt l bei dem Verlag. HeftauSgabe nur direkt. J | Der ISraelit erscheint jeden Donnerstag. st | Inserate: 30 Pfennig für die sechSgespaltme st 1 Lolonel-Zeile; Rabatt nach Tarif. st | Jnseratenannahme st | nur durch Haasenstern u. Vogler A^G., st | Frankfurt a. M , und deren Filialen. j| Zahlnnge« «um« außer direkt an bewWWüstoÜoÜm $*& ■' Tfftttfr Bek Ihm WostsiHrdftstlW1 erewifntf a» Wf. Vßa» AAch,... «onto Sei der ft. ist. Postfparsaffe Edke» wo. Wtm*. Cmttf let de» K Vostfparrastenmiet Vndapeft Mo. Lstchststi. «onito bei der «ßgaer Gommertdanr tn Sttga QHttomaaUto. > Dar nachörudh Ser firtthel unö Correfpontiemen 0es „Israelit“ iff nur unter genauer Quellenangabe, un9. soweit es Qdi am artigere ftufitifce handelt, nur nadi vorheriger Genehmigung geffaftef. Uor dem Torum der Aeltgerichter. Verrauscht sind die Tage des Gerichtes mit ihrem schweren Ernst. In zehn Tagen der Selbstprüfung suchte die Seele, betend, bekennend und Sühne erhoffend, sich zu reineren Höhen emporzuringen. Nun find mit den letzten Neiloh-Tönen die Pforten des Gerichtes geschloffen, und geschäftig kehrt der Jude zum Leven, dem treibenden, hastenden, dem er stch abgewandt, eilig zum Genüsse, dem er sich, entzogen hatte, zurück. Ist das Urteil gefällt, >ist es gesprochen, und find wir des Sieges sicher? „Nein!" sagen die Kleinmütigen, wenn sie an bic; Einzelexistenz denken, an den jüdischen Menschen, dem es auch in den ernsten Tagen der Sammlung und Selbstabrechnung nicht geringen ist, den Schleier der Zukunft zu lüften und der am Ausgang der Versöhnungstages zu des Lebens Mühen, kleinen und großen Lasten und Sorgen zurückkehrt, ungewiß und unsicher wie zuvor und täglich. neuem der gnadevollen Leitung seines Vchöpftrs bedürftig. „Ja!" sagt aber das hoffende Gemüt, das sich so leicht und so frei fühlt, nachdem der großer Tag geendet. „Ja!" sagt auch die innere Stimme, die ein Widerhall der Gottesstimme ist, und „Ja!" sagt endlich die Tradition, die uns unmittelbar nach dem Tage der Selbstkasteiung den Festesstrauß in die Hand drückt und Sieges- und Jubellieder uns in beit Mund legt, Lieder, die Leben und Freude atmen, nicht jenen leichtfertigen, berauschenden, über den Daseinsjammer hinwegtäuschenden Freudentaumel, sondern echte gottgeweihte, aus innerem Erkennen hervorgegangene Lebensfreude. All diese Zeugen seines in diesen Tagen durchgerungenen Seelenkampfes rufen dem um die Zukunft woh'. noch besorgten Juden zu: „Ja!" das Urteil ist gesprochen und der Sieg ist dein: nnsn *]onV nnötto Vsk •}*> n8 o'pW nsn *133 '3 21V 3^3 „Zwei Parteien — dieses Bild gebrauchen unsere weisen Lehrer, um das Verhältnis des Freudenfestes zu den Tagen des Gerichtes zu veranschaulichen — standen vor dem Richter, und drgutzM hgrrte die Menge, neugierig, zu wessen GunsW^Ms Richters urteil ausfüllen würde. Da. trat der eine auf die Straße hinaus, einen Blumenstrauß in der Hand und Freudenlieder von beiden Parteien den Sieg davon getragen hatte?" Halten wir dieses in seiner schlichten Lieblichkeit bedeutsame Bild einen Moment fcft! Wenn die Weltgetchichte ein göttliches Weltgericht ist, so hat dieses das Urteil längst gesprochen und es durch Jahrhunderte immer von neuem bestätigt und bekräftigt. Bor dem Forum dieses Weltgerichtes — und wir dürfen es als Ergebnis der Bilanz, die wir bei der religiösen Jahreswende zu ziehen haben, auch heute ruhig ausfprechen — hat das jüdische Volk gesiegt. Das jüdische Jndividium leidet, die jüdische Einzelexistenz vermag selbst vom Versöhnungstage nicht in eine völlig sorgenfreie Zukunft hinüber geleitet zu werden; denn leiden war des einzelnen Juden Los von jeher. Allein was macht's. Der Jude, dessen Gebete, im Pluralis gehalten, nie chm, dem einzelnen gelten, sondern — I23^v ,1^38, — zum Allvater, für die Gesamtheit, als deren kleines Glied er sich fühlt, grichtet find, der Jude weiß es, daß die rechte, volle Freude am Dasein, die ungetrübte und nimmer zu trübende, nicht im Aust und .Ausbau der Einzelpersönlichkeit zu finden ist, sondern — os'pW 'n onnottn — nur in Allverein vor Gott, im Bestreben, mit seinem Einzelsein und Einzelwollen ganz aufzugehen in die den gemeinsamen Ausgaben angehörige nationale Gesamtheit. Und hier winkt der historische Sieg, der Sieg Gesamt-Israels und seiner ewigen Lehre. Der Jude hat gelitten, leidet und wird wohl noch fernehin im Kampfe mit dunklen Gewalten den Leiden unterworfen sein, indes das Judentum von Sieg zu Sieg schreitet und überall sein Banner auchißt. Mag die jüdische Einzelexistenz noch Anlaß zur Klage, zur Sorge haben, das Gesamt-Israel hat allen Grund den Festesstrauß zu ergreifen, Freudenfeste zu feiern und Jubellieder anzustimmen, Ihm, dessen Güte es stets erfahren und heute noch erfährt: NON "3 >8^' 82 **tiD8\ Wie oft haben sich doch die Parteien abgelöst, die in der Zeiten Wechsel mit Israel vor dem Tribunal des göttlichen Weltenrichters erschienen sind! Im grauen Altertum war es die heidnische Welt, welche ihr auf Gewalt gegründetes Recht dem Judentum gegenüber geltend machte. Das Urteil ist längst gesprochen und auch vollzogen. Die Träger der Gottesidee haben eine Wen und ihre Götzenstürzen sehen, sie Juden der Zeiten Stürmen macht- und mutvoll asid gegolten. - Ä „ Im Mittelalter hatten sich finstere Gewal und blinder Fanatismus gegen das jüdische Bold verschworen, und unsäglich waren die Lüden der um die jüdische Sache Kampsenden, aber auch da. ließ das weltgeschichtliche Urteil nicht lauge auf sich warten. Konnten es doch auch all die dunklen Mächte nicht verhindern, daß die Grundwahrheiten des jüdischen Gesetzes sich langsam durch die Umwälzungen der Jahrhunderte Bahn brachen und zu den Leitsternen einer neuen Kulturmenschheit geworden find. Wenn heute die gesamte zivilisierte Welt nach Recht dürstet, nach sittlicher Freiheit ringt, ist das nicht ein Erfolg der jüdischen Gotteserkennmis? Wenn heute überall Bibelworte ertönen und Psalmlieder erschallen, und unsere alte Thora, in alle dem viekästigen Menschenstamme zugänglichen Sprachen übersetzt, mit ihren ewigen Wahrheiten bis in die weltferne Negerhütte Jnnerafrikas hineinleuchtet, ist es nicht der vom Propheten vorausgesehene SiegeSzua der weit- und menfchenbezwingenden jüdischen Lehre? Und wenn heute überall in den Kulturstaaten Europas sich daS heiße Bestreben bemerkbar macht, durch rege soziale Arbeit oas Gemeinwohl zu fordern, dem <Aeyd. ru steuern und namentlich den arbeitenden und dienenden Volksschichten durch Schaffung von Wohlfahrtseinrichtungen, besseren Ruhe- und Erholungsmöglichkeiten das Leben zu erleichtern, ist es nicht der Sieg des jüdischen Gedankens, &cr in den Geboten für alle Zeiten niedergelegt ist, welche dem Knecht und Arbeiter Menschenrecht, dem Armen und Fremdling Anteil an der nationalen Festesfreude sichern? Freilich, wird man einwenden, ist es noch lange nicht Judentum, was heute von der Welt an Kulturwerten geleistet wird. Und oft genug müssen wir es leider erleben, daß unsere Gesetze in den Händen der Widersacher sich g egen uns kehren, wie die modernen Bestrebungen zu Gunsten des Ruhetages und des Tierschutzes lehren. Allein was soll das beweisen? Doch höchstens nur, welche ungeheure Summe von Aufgaben noch der Vorkämpfer der Wahrheit harrt, um der Gotteserkenntnis zum vollen Siege zu verhelfen. Die Entscheidung ist getroffen. Ist es wohl des Richters Schuld, daß diese von einer kleinen engherzigen Zeit hie und da verkannt und mißdeutet wird? Und man wird dabei nicht umhin können^ auch an eine andere Kategorie von Widersachern^ zu denken, die heute mehr als zu irgend e früheren Zeit unserer Geschichte mit dem ttrm nicht schm “ MMÜWW 4