Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 38 (23.9.1909)
- Date
- 1909-09-23
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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Seite 20 m. 38 Der Mraeltt September 1SV9. Lin UMtt eiues llicdtjuüen über zKevtum.' " die Heiligkeit des rotr Geltung haben bei Menschen, denen nichts gilt als die Aeußerlichkeit? Uns, meine Brüder und Schwestern, macht man in der Jetztzeit den Vorwurf, daß wir an Aeußerlichkeit und Eitelkeit, an Aufwand und Prunksucht alles zu überbieten suchen, daß in unserem Kreise Jeder durch auffallende Hausführung, durch auserlesenen äußeren Schmuck die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken trachtet. Und diese Anklage ist gegen Manchen von uns nicht ganz unbegründet. Die Schwere dieses Vorwurfes trifft uns umsomehr, weil es eben in unserem Kreise ganz anders sein müßte. Bieten uns doch unsere treuesten Freunde, rütp und JirDtP n3P, die Innerlichkeit und in ihrem Gefolge die Genügsamkeit, die Entbehrungsfähigkeit, die Entsagungskraft, die Einfachheit, die Seelenfreudigkeit als die höchsten Schätze dar. Ach, so lange wir diesen treuen Freunden die gebührende Achtung und Ehrung zollten, war das Innere unserer Häuslichkeit ausgeschmückt mit frommer Sitte, da bestand der Schmuck der Frauen in gemütlicher Frömmigkeit, da zierte keusche Unschuld unsere Töchter, da glänzten unsere Jünglinge durch Liebe zum Wissen, da überboten wir Alles durch Opferwilligkeit für Glaube und Religion. Wohlan denn! Die beiden treuen Freunde sind heute unsere hohen Gäste, beherzigen wir die Lehren, befolgen wir die Ratschläge, die sie heute gemeinsam erteilen. Sie verweilen heute bei uns den ganzen Tag. Bei ihrem Scheiden werden sie ausrufen ihr sollt rein sein, ihr sollt rein bleiben. Der allgütige Herr, der uns beide als die Schutzengel eueres Lebens ausgesandt, Er, der Allbarmherzige, der uns rar? und praw ratr genannt, gewähre euch für die Vergangenheit Verzeihung und Vergebung, für die Zukunst Festigkeit und Unerschütterlichkeit. Ein Innenleben habt ihr heute zu führen begonnen, Verinnerlichung soll auch ferner cuere Losung sein. Kommt einer von uns, der nahe wohnende Freund, der Sabbath bald wieder, er finde euch eheiligt und gesegnet, geheiligt durch die Standaftigkeit in der Glaubenstreue und in dem tatsächlichen Glaubensbekenntnisse, gesegnet durch liebevolle Hingebung an eueren heiligen Beruf und an euere erhabene Bestimmung. Und darauf sagen wir aus der tiefsten Tiefe der Seele: Amen, Amen! (MW Zolle« vir eine Sukkob baue«? Das Wesen des Judentums, sein heiterer Frohsinn, muß unterstrichen werden. Man wirft das Judentum mit anderen Religionen zusammen. Man ist sich aber nicht klar über den himmelweiten Unterschied, den das Judentum von all dem scheidet, was sich Religion nennt. Zählen wir nur einzelne Beispiele auf. Ueberall sonst gewahren wir, daß der Kranke und Schwache religiös gestimmt wird. Das liegt im Menschen. Auch der Jude wird ernst in der Stunde des Ernstes. „Er soll seine Taten untersuchen, wenn Leiden ihn heimsuchen" — raten unsere Weisen. Er soll Fehltritte bereuen und gute Vorsätze für das weitere Leben fasten. Allein, wodurch das Judentum sich auszeichnet, wodurch es im Leben bekannt wird, das ist die Tat. Die Uebung von Pflichten bildet des Judentums wesentlichen Inhalt. Für die Tat aber gilt der Grundsatz: „Durch sie zu leben und nicht zu sterben." Vor Schwäche und Tod tritt die Pflicht zurück. Ja in der Stunde der höchsten Lebensgefahr wird die Pflichtübertretung selbst zur Pflicht. Wer sich zum Gebet hinstellt, statt dem Kranken zu helfen, begeht Sünde. Wir haben ein Pflichtenleben im Judentumaber die Pflichten sind Lebenspflichten. Was nützen Pflichten, wo kein Leben ist? Ein weiteres Beispiel. Unsere Priester, die geborenen Aroniden — andere Priester, eine Geistlichkeit nach anderem Muster, haben wir nicht — werden nicht nur nicht in der Sterbestunde gerufen: sie müssen die Stätte des Todes fliehen. Stellen die Zeichen sich ein, die wie ein trüber Schatten das Herannahen des traurigen Ereignisses verkünden, muß der jüdische Priester (Kauhein) das Krankenbett verlassen, wenn nicht gerade Eltern, Geschwister, Gatten und Kinder die Sterbenden sind. Die die Lehre des Lebendigen, des Ewigen, des Leben Spendenden zu künden haben, sollen nicht an Tod und Vergänglichkeit erinnern. Die Lehre, die sie vermitteln, ist das lebendige Wort des Lebendigen an die Lebenden. Ihr Wirkungskreis ist das Leben. Wir könnten die Beispiele vermehren aus dem Leben des Tempels und der Gegenwart Es genügt uns zu wissen, daß das Judentum das Leben will. Es kann darum kein weltfliehendes Büßertum sein, das wir am Rosch-Haschonoh und Jaum Kippur in den jüdischen Synagogen gewahren. Es sind keine Totenmessen, keine Büßerstunden, die wir da verleben. Es sind wohl Stunden des Ernstes. Denn das Leben ist ernst. Es sind die Gedanken an die Pflichten der Einzelnen und der Gesamtheiten sowie der Menschheit als solcher, die uns bewegen. Wir gewahren die noch weite Entfernung von der Lösung der Aufgaben, in der Mensch und Menschheit verharrt. Wir forschen nach dem Grund des Mangels. Wir geloben uns die Lücken auszufüllen. Aber immer bleibt das Lebensziel und als Ziel das Leben uns vor Augen. Nimmer Verzweiflung, nimmer Verzicht, kein Todesschatten und kein Todesbangen. Nein, Hoffnungsfreude, Lebensmut. Vertrauen auf die Vergebung der wirklich bereuten, nie zu wiederholenden Sünde richtet uns auf. Die m£D, diese herrliche Spende des frei waltenden Schöpfers über Natur und Leben, ist das kostbarste Lebenselexir. Die Sünde verliert die Wirkungskraft, die Ursache löst keine Folgen aus. Die ganze unbelebte Natur lebt durch diesen Zusammenhang von Grund und Folge, Ursache und Wirkung, und die Menschenwelt lebt durch die Aufhebung dieser „eisernen Naturnotwendigkeit". Wo ein freier Wille waltet und alles Geschehen der Freiheit Hauch verspüren läßt, da hebt der reine Wille zum Guten die Tat auf, die der Wille zum Bösen geschaffen. Da schaut der Allerbarmer das lautere Herz und in der Freiheit Seines Wesens, Herr Seiner Schöpfung, greift Er in den Gang der Natur ein und lenkt sie zum Guten des Menschen, der frei das Gute will. Diese mS3 baut uns die Häuser, schmückt uns das Leben, schützt unser Dasein, segnet unsere Arbeit. Der freie Gott dem freien Menschen, die freie Güte dem freien Guten. Das ist die Frucht, die der Jaum „Kippur" uns spendet, die wir froh genießen in der Sukkoh, der wir huldigen mit dem Lulow. Mit der schützenden Wolke, die den Machteinfluß Gottes in Natur und Menschheit versinnbildlicht, umgab Gott unsere Väter in der Wüste. Unsere Väter hatten keine Vergangenheit, hatten nur eine Zukunft. Um dieser Zukunft willen wurde ihrer eigenen schlechten Taten in Aegyten nicht geachtet. Und wenn auch uns unsere sittliche „Armut" am Jom Kippur zum „Bewußtsein" gekommen ist — wir verzagen nichtdenn auch unsere Väter hat Er geschützt um ihrer, unserer Zukunft willen. Um unserer und der Menschheit Zukunft willen wird er auch uns Häuser bauen. Er wird uns „helfen", wird uns „Gelingen senden", wenn „unsere Augen nur auf Ihn gerichtet" sind. Es ist die Sukkoh drum das Sinnbild heitersten Menschenwesens, der Ausdruck felsenfesten Gottvertrauens, der Ausspruch heiteren Genießens, des Bewußtseins freien Menschentums und starken Waltens göttlicher Liebe für die Gesamtheit aller Seiner Menschenkinder. Wer könnte es da noch wagen wollen, eine Sukkoh nicht zu bauen? Rudolf Eucken in Jena, Zder7moderne Vertreter der Moralphilosophie, schreibt uns als Antwort auf unseren Artikel „Der Trost moderner Weltanschauung" in Nr. 7 unserer Zeitschrift unter dem 5. August ds. Js.: „Daß Sie meinen religiösen und religionsphilosophischen Bestrebungen eine so warme Teilnahme und eine so hohe Schätzung schenken, erfüllt mich mit lebhafter Freude. Seien Sie überzeugt, daß ich das Judentum mir seinem hohen sittlichen Ernst und seiner bewunderungswürdigen Lebensenergie aufrichtigst schätze, ja verehre, daß mir namentlich die Propheten und die Psalmen bei meiner Lebensarbeit stets gegenwärtig sind. Auch habe ich von Jugend auf freundschaftlichen Verkehr mit Bekennern des Judentums gehabt (ich wurde als Knabe immer gelegentlich des Laubhüttenfestes eingeladen), und unter meinen jetzigen Freunden und Gesinnungsgenossen habe ich ihrer eine stattliche Zahl . . . So betrachte ich die geistige Bewegung im Judentum nicht als etwas mir fremdes, sondern ich freue mich ihrer von Herzen . . . Täuschen nicht alle Zeichen, so stehen wir wieder vor einem Wiederaufsteigen der Religion im menschlichen Kreise. Mag die Verneinung noch immer weiter in die Massen dringen, auf der Höhe des Lebens wird die Unzulänglichkeit, wird die unerträgliche Leere einer bloßen Daseinskultur immer stärker empfunden, und zugleich entsteht ein aufrichtiges Verlangen nach einem gehaltvolleren in ewiger Wahrheit begründeten Leben. Auch hier in Jena, wo doch der „Monismus" eine besondere Pflegestätte hat, ist das aufs deutlichste zu bemerken. Lassen Sie uns in diesen Bewegungen und Kämpfen gut Zusammenhalten! . . ." Diese Worte, ein Ausfluß des ganzen ernsten Geisteskampfes, den Eucken führt, muten uns in dieser für die Treue der Judenheit zu ihrem Judentum so traurigen Zeit wie ein Aufschrei der nach Wahrheit lechzenden Seele an. Mögen sie wirken, wie die Worte der nichtjüdischen Schiffer, welche die Weisen als Texb der großen Büßpredigt am Versöhnungstage im Buche Jonah gewählt. Nichtjuden wenden sich in inbrünstigem Flehen zu Gott, derweil die Judenheit vor Seinem Antlitz fliehen zu können wähnt, derweil sie sich sorglos dem Schlafe hingibt. Die nichtjüdische Welt gewahrt in der Judenheit ja das Judentum nicht, sieht das Ideal seines Edelsinnes nicht betätigt, hört aus seinem Munde das Erlösungswort der Menschheit nicht mehr tönen — und weiß doch, daß im Geistesschatz des Judentums es verborgen ruhen muß. Nur die Judenheit vermag den Schatz zu heben. Da sie sich aber zur Zeit der sturmbewegten See des wogenden Ringens aller Elemente der wahrheitsdurstigen Menschheit schlafen legt, so senden die nichtjüdischen Lenker des Zeitenschiffes auf dem Gedankenmeer verzweifelt das Gebet zu Gott empor: „O Gott, laß uns nicht untergehen wegen der Geistesverfassung jenes Mannes und verhänge nicht den Tod 'über uns Unschuldige." (Jonah I 14). Trifft uns die Anklage 'gegen die Judenheit, die in dieser Arbeit' der guten Geister unserer Zeit liegt, nicht schwer?