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Der Israelit · 1909-09-23 · Heft 38 (23.9.1909) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 38 (23.9.1909)
Date
1909-09-23
Page
– (sequence 12)
Language
German
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rr»- u euilleton Das Sefermabl. Bon Arthur Kahn. Ein notwendiges Vorwort. Wenn sich die häufig gehegte Befürchtung, daß es in absehbarer Zeit keine Dorfjuden in Deutschland mehr geben wird, erfüllen sollte, (wovor uns der Himmel behütten möge) dann würde auch ein Stück jüdische Vergangenheit verloren gehen, das so reich an großen menschlichen Zügen ist, so viele mit urwüchsiger Kraft gepaarte Poesie birgt, daß dieser Verlust in nichts mähr zu ersetzen wäre. Darum hat der Verfasser dieser Erzählung, besonders von den Verehrern seiner bescheidenen Muse häufig angeregt, beschlossen, aus dem reichen Schatz seiner Erinnerungen vom Dorfe so vieles festzuhalten, als ihm wichtig genug erschien, der Nachwelt zu erhalten. Mit dem Verfasser dieser jüdischen Dorfgeschichten, dürfte wohl der letzte jüdische Belletrist dereinst zu Grabe getragen werden, der noch aus eigner Anschauung und noch aus eignen Erlebnissen, Menschen und Dinge im deutschen Judentum schildern konnte. Das Judentum, das er kannte war der unverfälschte Typus des seit Jahrhunderten deutschen Judentums, wie es in den Städten und Dörfern Mitteldeutschlands, insbesondere am Rhein mit seinen uralten Gemeinden existierte. Während das osteuropäische Judentum eine große Zahl jüdischer Belletristen, Dichter und Schriftsteller besitzt, die oft mit meisterhafter Feder und wunderbar seinem psychologischen Verständnis Zeitbilder aus der Vergangenheit und Gegenwart ihres Volkes festhalten, hat Deutschland selbst nicht einen einzigen jüdischen Schriftsteller, der Land und Leute aus der jüngern Vergangenheit, etwa der Mitte des vorigen Jahrhunderts zum Vorwurf seiner Erzählungsgabe gemacht hätte. Und das ist dasselbe deutsche Judentum,das eine fast u nübersehbare Menge Literaten, Belletristen, Journalisten, überhaupt Schriftsteller jeder Gattung seinem Vaterlande geschenkt hatdarunter viele, die der deutschen Literatur ein eignes persönliches Gepräge gegeben haben. Und dennoch kein einziger jüdischer Schriftsteller von Ruf und Bedeutung! Woran liegt dieses für die deutsche Judenheit so tief beschämende Faktum? Ich will es auf einem kurzen Umweg zu erklären suchen: Goethe hat einmal gesagt: „der deutsche Schriftsteller, ein deutscher Märtyrer!" Was Härte Goethe erst über einen jüdischen Schriftsteller gesagt?- Und Berthold Auerbach sagte einmal — es war im Jahre 1866 und in Gege, wart des Verfassers dieser Erzählungen — „Hätte ich anstatt meiner Schwa^wälder Dorfgeschichten jüdische geschrieben, so würde ich kaum jemals in Deutschland genannt werden sein/' Das eben ist die Misere in der deutschen jüdischen Belletristik: Jemand, der die Fähigkeit der Darstellung und WS dazu gehörige historische Empfinden besitzt Wb seine Kraft in den Dienst der Judenheit stellt, bedarf einer heroischen Entsagungs- und Willenskraft, um nicht schon in allerersten Zeit fahnenflüchtig zu werden. Ja, (und das hat ein sehr bekannter deutscher Schriftsteller und Herausgeber einer sehr angesehenen Zeitschrift einmal zum Verfasser sagt,) „ein jüdischer Schriftsteller, der nur für die Juden und jüdische Zeitschriften schreibt, kann viel eher seine Reputation bei seinen Glaubensgenossen als Schriftsteller verlieren, als je in die Lage kommen, sich auch nur notdürftig mit seiner Feder zu ernähren." Ich danke daher dem lieben Gott an dieser Stelle mit der ganzen Inbrunst meiner Seele, daß ich nicht auf das ägyptisch armselige Brod der jüdischen Schriftstelleret angewiesen, sondern nur aus anhänglicher Pietät an mein Judentum schreibe und nicht, wie mir schon so oft geraten wurde, mich unter die übrigen Schriftsteller begeben habe, wo mehr Lorbeeren und Äingender Lohn zu erwarten wären. Es mußte einmal an irgend einer Stelle über diesen wunden Punkt in der jüdischen Literatur gesprochen werden, damit der Leser jüdischer Belletristik und Lyrik auch einmal innewerde, wie, trotzdem heute in der sogenannten „Renaissance des jüdischen Bewußtseins", in der Gründungszeit jüdischer Literaturvereine, jüdischer Jugendvereine, zionistischer Vereine und Ortsgruppen, jüdischer Logen mit Jugendliteraturcommissionen und weiß Gott mit was sonst für jüdischen „Problemen" fortwährend Fanfaren geblasen werden, alle genannten in Wort und Schrift und eigener Tat alles andere eher fördern, als echt jüdische Belletristik. Leute, die die Wahrheit nicht vertragen können und sich betroffen fühlen, mögen den Verfasser gefälligst widerlegen. Wenngleich diese Vorausschickung mit dem „Sefermahl" nichts zu tun hat, so glaubte der Verfasser dieser Erzählung dennoch, endlich einmal nach den Ursachen forschen und sie seinen Lesern darlegen zu müssen, warum wir in Zukunft in unserer schöngeistigen Literatnr nebst manchem andern Genre, auch keine Dorfgeschichten mehr finden werden, soweit unser deutsches Vaterland in Betracht kommt. Indem der Verfasser diese Bemerkungen als Vorwort zudem geplanten Büchlein: Jüdische Dorfgeschichten, vorausschickt, fühlt er sich auch noch veranlaßt, von der modernen Schablone des Erzählens diesmal wesentlich abzuweichen. Aber auch das hat seinen guten Grund. Die jetzige Generation weiß durchwegs so wenig mehr von unserer letztverflossenen Vergangenheit, kennt so wenig von den gang uns gäbe gewesenen, in Fleisch und Blut übergangenen Ausdruckweisen unserer Altvordern, sodaß dem jüdischen Schriftsteller Schwierigkeiten erwachsen, die bei andern Nationen kaum bekannt sind. Die heute fast verschollenen Hebräismeu wußten abcr in seinen Dorfgeschichten notwendigerweise vom Autor beibehalten werden, wenn das.Bild, die Personen und die Handlung lebenswahr geschildert werden sollten. So sind denn die Ausdrücke auch hier beibehalten worden, die heute in Vergessenheit geraten, höchstens noch hier und da auf oem Lande gebräuchlich sind. Wer von den Lesern diese Geschichten mit jüdischem, Heiden und Interesse liest, wird sicher keinen Anstoß daran nehmen. Möge der freundliche Leser, der noch hebräische Ausdrucke versteht, nicht beleidigt sein, wenn der Erzähler sie in Klammern verdolmetscht. Bor fünfzig Jahre hätte ein Leser, bei dem man Unkentnis solcher Hebräismen angenommen hätte, den Autor wegen Beleidigung verklagt. Heute könne es dem jüdischen Autor passiren, von seinen Lesern verklagt zu werden, wenn er von ihnen erwartete, daß sie solches „Jargonhebräisch" ja verstehen sollten. Denn wenn auch sonst im Leben jede Unkenntnis als Bildungslücke empfunden wird, der man sich zu schämen hätte, so ist das bei uns modernen Juden mit dem Hebräisch ganz das Gegenteil; man ist förmlich stolz darauf behaupten zu können, von der heiligen Bätersprache ebensowenig zu wissen, als von jüdischer Geschichte. Vielleicht lernen solche Leser hier doch etwas., t Die Geschichte von Sefermahl trug sich 1865 zu. Es war ein wunderbares Jahr. Am letzten Februartag sprengte die Sonne die meterdicke Eisdecke des Rheinstroms und seiner Nebenflüsse mit donnerähnlichem Krachen, aber ohne schadenbringendes Hochwasser. Und die Märzsonne lockte so schnell das junge Grün aus der schneebefreiten Erde, daß Wald und Wiesen wie wohlgepflegte Gärten aussahen. Im Mai erwarteten die Menschen schon frohgemut und zuversichtlich ein obst- und fruchtreiches Jahr und die Winzer waren einer an Qualität und Quantität gleich vorzüglichen Weinernte sicher. Fast jede Nacht ging in den Sommermonaten ein von starkem Regen begleitetes Gewitter nieder, und am Tage brannte die Sonne, als ob sie sich ganz besondere Mühe geben wollte, den Erdensegen auf allen Fluren zu mehren m d zu beschleunigen. Hvffnungsfroh, als habe jeder etwas besonders Gutes zu erwarten, wandelten Bauern und Städter umher und freuten sich der herrlichen Sonnentage, die ein wunderbar blauer Himmel tagsüber überspannte und der Nächte, die bevor die mitternächtigen Gewitter aufzogen die Sterne in selten gesehener Pracht erstrahlen ließen. Hatten auch die stets emsig arbeitenden Menschen, die Stadtleute, die Bauern und die Dorfjuden wochentags über nur wenig Zeit sich an der herrlichen Pracht dieses schönen Sommers zu erfreuen, so kamen, besonders die Juden dafür am Sabbatnachmittag umso zahlreicher auf der Chaussee zwischen den einzelnen Dörfern zusammen, wie es uralter Brauch war. So ging man gegenseitig nicht aus dem Tchum, wenn die Dörfer nicht nahe genug beisammen lagen und man sah sich dennoch im Freien und hatte dabei den Vorzug mit Freunden, Bekannten und Verwandten zusammenzutreffen, ohne von der Hast des Broderwerbs gedrängt zu werden, den Genuß der Sabbatruhe voll auszukosten. Auch aus der naheliegenden kleinen. Kreisstadt kamen die feiernden Juden mit Frau und Kind heraus, denn zwischen Stadt- und Dorfjuden bestand stets e'.n herzliches Verhältnis, zumal der vermeintliche oder auch wirkliche Bildungsunterschied keine Scheidegrenze und gar erst eine Fremdheit schuf. Von all zu einem feststehenden Brauch gewordenen Zusammenkünften am Schabbosnachmittag war in diesem Jahr eine sehr gewichtige Persönlichkeit durch Schicksalsfügung ausgeschlossen. Während sich der schöne Sommer mit seiner unbeschreiblichen Pracht über die von der Natur mit wunderbaren Reizen beschenkten Gegend ausgebreitet hatte, lag der Schimme Bär, schwach wie ein Kind, der Wiedergenesung von einer schweren Krankheit entgegenwachend, in seinem Bette. Wochenlang hatte sein Hünenkörper gegen die Pfeile des Todes stand gehalten. Nun, wo Freund Hein unverrichteter Dinge abzog, die seither nebelumwogten Sinne sich wieder allmälig lichteten, ein wohliges Schwächegefühl ihn wieder an sein irdisches Dasein erinnerte, während er in stundenlangem Grübeln mit halbgeschlossenen Augen an tausend Dinge dachte, lud sich Schimme vor das Forum seiner eigenen Vergangenheit. Er dachte nach über Leben und Sterben, über diesseits und jenseits. Dieses Nachdenken bedeutete bei Schimme etwas wichtiges. <Fortsetzung folgt.)

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