Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 38 (23.9.1909)
- Date
- 1909-09-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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(1 Der IsraeWJ Ein Centralorgan ISr das orthodoxe Judentum i Begründet dod Dr. Lehmann in fflainz m 50. Jahrgang Sranhturta. ITT., den 23 September 1909. 8. Tifchri 5670. M 38. Abonnement pro Vierteljahr: Gewöhnliche Ausgabe Mk. 1.50, HeftauSgabe (Kunstdruck) Mk. 3.—. Auslandspreise: Gewöhnliche Ausgabe: Oesterreich-Ungarn 2 Lr., Rußland 1 Rub., England 2 ab.. Amerika 50 ets., Niederlande 1.20 0., Frankreich Frs. 2.50. Abonnements bei allen Postanstalten, Buchhandlungen, sowie direkt bei dem Berlog. HeftauSgabe nur dirett. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate : 30 Pfennig für die sechsgespaltene Colonel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Jnseratenannahme nur durch Haasenstein u. Bögler A.-G.» Frankfurt a. M., und deren Filialen. Zahlungen können außer direkt an den Verlag erfolgen per: Conto bet de« Postscheck-Amt Frankfurt a. M. No. 344. Conto bei der ft. ft. Postsparkasse Wien No. 79605. Conto bei dem ft. Poftsparkastenamt Budapest No. 18424. Conto bei der Skigaer Coanmerzvauk jN'Nßga und deren Filialen. ver NacbSruck Ser Nriikel unS eorrefponSenzen #9es „Israelit“ ifl nur unter genauer Quellenangabe, und. soweit es fidi um größere NuksSbe bsnSelt, nur nach norheriger Genehmigung gestattet üon HbcrnJ 3U übend. nvv *:ts> bw .^npn rjn bv: cipen nun bv ♦D'i'isjtn üv bbtnnb pw» wk Kol Nidre-Stimmung! Noch einmal, ehe der große und furchtbare Tag alles zum Verstummen bringt, geht geschäftige Bewegung ourch die Reihen der Gemeindeder Freund eilt zum Freunde, auch zu dem, der noch gestern fein Feind war, zum Bruder der Bruder — stummer Händedruck oder ein Blick aus feuchtem Auge erzählt von Wünschen und Gebeten, die ein unsichtbares Doppelband schlingen um die Betenden drunten und ihren einzigen Vater im Himmel. Cherubim gleich — die Schwingen nach oben gebreitet und doch Eines Antlitz dem andern zugewandt —, so steht in ihrem verjüngten Heiligtum, ihrem Mikdoschmeat, jede kleine Minjan- Gemeinschaft vor ihrem Schöpfer, ein Abbild des großen jüdischenVolkskörpers, der in des Heiligtums Cherubim - Gestalten dereinst auf Moria seinen plastischen Ausdruck fand. Wer wagt es, die seelische Fülle eines solchen Augenblicks auszuschöpfen und zu profanieren ^nVn. nrpb« nn»i *6 pi?? Vor meiner Seele aber erhebt sich die ehrwürdige Gestalt eines verehrten Mannes b"X1, in dessen Nähe mir jahrzehntelang die Augenblicke der nahenden DT77 WHp f]pfl zu erleben vergönnt war. Langsamen Schrittes bewegt sich der Greis dem Araun hakaudesch zu, an die Seite des Vorbeters, neben jenem der Freund und Lerngerwsse - - Das Beth-din steht vor Gott, vor der Gemeinde, ein Beben geht durch die Reihen: WtCTp^O DB2?Dn '2- Und nun beginnt der Greis — erst ganz tonlos, wie der Gerichtsschreiber eines kleinen Amtsgerichts, der -täglich „im Namen des Königs" zwanzig arme Schlucker zu sieben Tagen Selbstbesinnung verurteilt — mit leisem Untertan accompagnicren die Genossen — * allmählich aber hebt sich die Stinime, sie zittert und bricht/ wie der Gedanke sich entwickelt und. entschleiert, lösen sich auch die Gefühle aus der von wochenlanger Spannung bedrängten Seele, und nun ist's kein Sagen, kein protokollarischer Gerichtsbeschluß mehr, der da den Lippen des greisen Aw-Bethdinentströmt: ein Schluchzen ist's, ein Strom von Tränen, auf dem die Worte nur wie ein deutender Kommentar einhergetragen werden: ,ntsö bw nbi?ö bv ra'ttro /*?npn run bsi oipan run bv •.DT-oyn dj? puia NX „In des Gerichtes Namen dadroben in Hiivmelshöhen „In des Gerichtes Namen auf Erden „Im Namen Gottes „Im Namen der Volksgemeinde: Wir gestatten — zu beten — mit den Gesetzesüb ertretern —!!" Solange ich lebe, werd' ich dieses Weinen nicht vergessen — und — nicht die Gedanken, von denen dieses Weinen erzählt. „Ein Mensch tut Buße — „Und er will ein „Krotopoll" schreiben", ruft der alte Bauer in Tolstois erschütternder Tragödie der Reinigung dem Gerichtsbeamten entrüstet zu, der an Menschenleid und Menschensieg mit dem eiteln Handwerkszeug der zünftigen Justiz herümzustochern wagt. Hier möchte man umgekehrt rufen: Ein trockenes Gerichtsprotokoll und doch: eine ganze Welt menschheiterlösender Welt- und Lebensanschauung schaut uns daraus entgegen. Unsere Zeit — so paradox es klingen mag — unsere Zeit dürstet nach sittlicher Härte. Sie fühlt, die Tieferen und Befferen wenigstens fühlen es, wie ihr unter der Hand, im Lichte scheinbar lückenlosen Erkennens, die sittlichen Maßstäbe zerrinnen, die allein es vermögen, des kleinen Menschen Zufaüsdasein im festen Grunde höherer Ordnungen sicher zu verankern. Wir verzeihen alles, weil wir alles begreifen, und wir begreifen alles, weil — wir nichts für absolut schlecht, aber — und hier liegt der Jammer der Zeit — konsequenterweise auch nichts für absolut gut halten können. Aeußerlich zwar geht alles ganz hübsch seinen Gang. Unsere Gerichte richten, und hinter Gerichteten schließen sich Kerkertüren, in Talar und Barett werden mehr oder minder feierliche Todesurteile gefällt, und ruhig waltet der Scharfrichter seines heiligen Amtes. Hinterher schreibt dann der Ordinarius für Philosophie zu Leipzig ein gelehrtes Buch und beweist, daß in der Tat der „Gesamtwille" völlig genügend sei, um in der Ethik und ihrer praktischen Anwendung, der Justiz, die Stelle des begrabenen Gottes zu ersetzen. Aber im Herzen der Kulturmenschheit nagt doch der Gewiffenswurm, und ihre Dichter und Wahrtraumdeuter schreien es laut, daß Talar und Barett nur Mummenschanz, und daß die konstruierten Götter der Philosophie kein Ersatz seien für den lebendigen Gesetzgeber des Himmels und der Erde. Welch ein Glück, wenn wir hart sein dürften, wenn vor der Majestät eines von der Gesamtheit wahrhaftig anerkannten kategorischen Imperativs der Pflicht,' der Verbrecher, noch da er zerschmettert zusammensinkt, inneren Halt, die Gesellschaft, da sie richtet, innere Ruhe finden könnte! Hier aber, vor der weißverhängten Lade, die das vom Urgrund und Schöpfer des Weltalls offenbarte Gesetz in sich birgt, hier stehen sie, die jüdischen Richter. Was ihnen die Kraft gibt, hart zu sein, was sie, die Männer mit dem milden Herzen und dem demutvollen Selbsterkennen befähigt, über gut und böse richtend, den Verbrecher aus zu scheiden aus dem Kreise der Gemeinde: nbj?Ö Stt? n:WO und run Sj? Dlppn liegt die Wardeiung dieser Härte. Nicht Selbstschutz der Gesellschaft und nicht eine aus dem dunkeln Schoße der Sippe zur sogenannten Sittlichkeit emporreifende Stammessitte gibt ihrem richtenden Walten Weihe und Würde: droben über ter sinnlichen Welt, dort wo der „Ort" ist, in dem diese Welt wurzelt, dort ist das Gesetz ihres Gerichtes geboren, und die ganze Exi stenz der Volksgemeinschaft, in deren Namen sie Recht sprechen, ist nichts, rein nichts als Mittel und Vehikel für die endliche volle Verwirklichung jener Recht gewordenen göttlichen Sittlichkeit. Die die das Band zerschnitten, das sie mit der Volksgemeinschaft und ihrem Existenzgrund verknüpft, und die darum der Bannstrahl des Gerichtes auch äußerlich hinauswirs aus dieser Gemeinschaft, sie mögen sich, lebt noch ein Gottesfunken in ihnen, aus richten an diesem Bannstrahl. Er zündet nicht nur, er leuchtet auch! Denn er erzählt, daß es ein Gut und ein B ö^s e giebt von absoluter Geltung, und daß nicht von Zufall zu Zufall, von Nichtigkeit zu Nichtigkeit wie toller Maskenspuk des Juden Dasein zu Grabesmoder und Würmerftaß dahinschwindet. Aber siehe, die Männer des Gerichtes, sie weinen-! Sie lösen das eigene Urteil auf, und mit der Allgewalt der Liebe rufen sie schluchzend die Fernen, die Entftemdeten in den geheimnisvollen Glanz des dämmernden Jaum hakippurim hinein! ,nDD 7)2? N2'2?'21 r6j?a hw nwa fbnpn run bpi Divvn nvi bv : ♦aunarn dv bbütinb rrno uk