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Der Israelit · 1909-09-02 · Heft 35 (2.9.1909) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 35 (2.9.1909)
Date
1909-09-02
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nachdem man sich nochmals über die Kunst des Schofarblafens ausgesprochen und versichert hatte, daß Jsenstein in seinem Leben noch nicht so gut geblasen habe wie heute, eine Versicherung die jedes Jahr wiederkehrte, und nachdem man auch Daniel nochmals einige Lobeserhebungen gezollt hatte, meinte Wolf Löwenstein, es wäre doch schön, wenn die Gemeinde, die daganze Jahr so wenig geistige Genüsse hätte, an einem so heiligen Tage einmal daS Vergnügen hätte einen religiösen Vortrag zu hören,, und da er gehört habe, das Reb Chaskel beim Seder inder Familie Jsenstein einen so schönen Vortrag gehalten habe, hoffe er, daß er auch heute den Gemeindemitgliedern diese Freude gönnen werde. Reb Chaskel war dazu sofort bereit, denn erstens hatte man ihm auch die Ehre angetan ihn mit dem Rabbititel zur Thora aufzurufen — Reb Chaskel hatte, nebenbei gesagt, diese Gelegenheit benützt als dankbarer Sohn auch dem Namen seines Vaters den Rabbititel hinzuzufügen, wodurch er als Rabbi, Sohn eines Rabbi, in noch hellerem Glanze strahlte — zweitenwußte er, daß die Gemeindemitglieder seinen Bortrag schon durch eine größere Gabe lohnen würden, wenn er am Tage nach dem Feste sein Alnwsen fordern würde. Reo Chaskel schickte sich deshalb an, dem geäußerten Wunsche unverzüglich nachzukommen. Er strich einige Minuten seinen Bart, beugte den Kopf mit geschloffenen Aürgen nach hinten, als ob er tief nachdächte, und schaukelte dann mit dem ganzen Oberkörper vorwärts und rück» wärts. Alle diese Vorbereitungen waren nötig um sich ein größere- Ansehen zu geben; zum Nachdenken wären sie nicht notwendig gewesen, denn Reb Chaskels Reden waren alle nach einem und demselben Muster zugeschnit «n. Ist es schon im allgemeinen zu bemerken, dv.ß die Werke großer Geister trotz aller scheinbaren Vielseitigkeit eine gewisse Gleichmäßigkeit im Aufbau, Gedankengang und Ausdruck zeigen, so daß man sagen kann, wer eines ihrer Werke kennt, kennt sie alle, so ist das bei den weniger großen Schriftstellern und Rednern in noch höherem Maße der Fall, und namentlich diese alten Orchim bekamen rs oft fertig mit einer nnzigen Rede für alle Gelegenheiten auszukommen. Hat sich ein solcher Magid einmal darauf eingeübt über Korach zu reden, so wird er von Korach reden selbst wenn man ihn auffordert über Abrahan, zu sprechen. Er wird mit kühnem Schwung sagen: Abraham war ein gast, freundlicher, ein freigebiger Mann, nicht ähnlich dem Korach, der sich durch Geiz auSzeichnete und dann wird er fortfahren über Korach zu sprechen bis keine Zeit mehr bleibt von Abraham zu reden. Reb Chaskel hatte diesen Fehler in der ausgesprochensten Weise, und fing denn auch nach minutenlangem Schaukeln und scheinbar tiefem Nachdenken an: Was haben wir heute für einen Tag? haben wir Sonntag? neinhaben wir Montag? neinhaben wir Dienstag? nein, sog ich, nein - vielleicht haben wir Mittwoch oder Donerstag oder Freitag oder Sabbath? nein, sag ich nein. Was haben wir denn für einen Tag? Wir haben heute den Tag der Welterschaffung, den Tag, wo der Heilige gelobt sei Er hat geschaffen die ganze WÄt (wenn er das Wort ganze benutzte, riß er den Mund weit auf und dehnte die erste Zeile auffallend lange), wir haben heute den Gerichtstag, wo der Heilige gelobt sei Er sitzt zu Gericht über die ganze Welt, Er sitzt in einem HauS, das ist so groß wie die ganze Welt und in dem Haus ist ein Zimmer, das ist so groß wie die ganze Welt und.in dem Zimmer ist ein Thron, her ist so groß wie die ganze Welt, und auf dem Thron fitzt der Heilige gelobt sei Er der ist noch größer wie die ganze Welt, und da kommt der Satan, der ist so klein — er zeigte an seinem Finger wie klein der Satan ist, und machte dabei eine Grimasse die deutlich ausdrückte wie wenig Achtung Reb Chaskel vor diesem kleinen Satan habe — aber, fuhr er fort, dieser kleine Satan reißt auf sein Maul so weit wie die ganze Welt und will verklagen sein heilige- Volk die Kinder tsrael, aber da steht ein Mann, der hat ein »chofar, daS ist so groß wie die ganze Welt, und er blast, daß man hört den Ton von dem Schofar über die ganze Welt, und da steht noch ein Mann -der hat eine Stimme so lieblich und so groß, daß inan sie hört über die ganze Welt, und auf die hört der Heilige gelobt sei Er mehr als auf die Stimme des Satan und Er wirft ihn in ein Waffer, das ist so groß wie die ganze Welt. Was sagt der König David: Vertraut euch nicht auf den Schutz von Fürsten, vertraut euch nur auf den Schutz von dem Heiligen gelobt sei Er." Und' nun wieer nach, daß eine Gemeinde, die einen solchen Schofcnbläser habe und einen Mann, der in so schönen Tönen für sein Volk Israel beten könne, sicher den Schutz des Allmächtigen genießen werde, usw. Alle Zuhörer waren von dieser Rede sehr begeistert und sagten dem Reb Chaskel ihren herzlichsten Dank, nur Pinchas Erlenbusch, der Schadchen von Zippelmannshagen und zehn Meilen in der Runde, hätte beinahe einen Mißton in die Stimmckvg gebracht. Pinchas Erlenbusch litt nämlich etwas an Schwerhörigkeit. DaS war für feine Tätigkeit als Schadchen ja recht vorteilhaft, denn dadurch brachte er es fertig, die begründetst» n Einwürfe gegen seine Heiratsvorschläge einfach zu überhören. Wenn man ihm sagte: „Das Mädchen, daS Sie da Vorschlägen, schielt ja," so antwortete er ganz ruhig: „Recht haben Sic, viel Geld hat sie, viel Geld." Vom Vortrag hatte er nur die Worte „Schutz und Fürsten" verstanden und sagte deshalb zu Daniel: „Recht hat er, den Schutz müssen fie Dir geben, aber den Fürst »rauchen wir dazu nicht, das macht der Landrat und den will ich bearbeiten, denn ich bin sehr gut bekannt mit unserer Frau Bürgermeister und die Cousine von der Frau Bürgermeister ist Köchin beim Herr Landrat." Aber auch diese Protektion erwies sich nicht kräftig genug, denn Daniels erneutes Gesuch um den Schutzbrief wurde, obgleich die Frau Bürgermeister von Zippelmannshagen mit ihrer Cousine gesprochen hatte, rundweg abgewiesen. Daniel arbeitete ruhig und fleißig weiter im Hause seines, Herrn und nahm nicht nur dessen Handelsgeschäfte treulich war, sondern arbeitete an den Sabbath- und Sonntagnachmittagen eifrig weiter an seiner eigenen und RechaS Ausbildung. Die Bücher schaffte Jsenstein bereitwillig an, Und da Daniel jedes Buch gründlich und vielmals wiederholt durchging, bis er und Recha sich den Inhalt ganz zu eigen gemacht, waren die Ausgaben' dafür nicht allzugroß. Daniels Lohn war in Ansehung seiner Erfolge im Handel nach und nach erhöht worden, sodaß er sich allmählich ein kleines Kapital ersparen konnte, und diese Sparsamkeit erhöhte noch die Achtung seines Herrn vor ihm. S"chs Jahre war Daniel nun schon im Hause JsensteinS, Recha war zu einer jungen Dame herangewachsen, ohne daßsich in den Verhältnissen etwas geändert hätte, denn Recha hatte sich gewöhnt Daniel wie einen Bruder anzusehen, unter dessen Schutz sie an den Sabbathnachmittagen spazieren ging, mit dem fie sich über geschäftliche Angelegenheiten oder über die gemeinschaftlich gelesenen Bücher arglos unterhielt. Eines Nachmittags, als sie wieder einmal durch die Felder wanderten und sich dann am Rande einer Wiese zur Unterhaltung niederfetzten, trieb es Daniel mit unwiderstehlicher Gewalt Recha zu umarmen um sie zu küssen. Glühende Röte überzog RechaS Gesicht und sich befreiend, rief sie: „Ich werde jetzt nie mehr mit Dir spazieren gehen." Beschämt bat er um Vergebung und ging schweigend neben ihr nach Hause. Er tat die ganze Nacht kein Auge zu, weil er sich Borwürfe machte darüber, daß er das ihm bewiesene Vertrauen durch sein Benehmen verscherzt hatte. Am andern Morgen bat er Jsenstein um seine sofortige Entlassung, und als dieser ihn nach dem Grunde fragte, gestand er offen und ehrlich sein Unrecht ein. Jsenstein machte ein bedenkliches Gesicht. „Das ist eine böse" Sache, sing Jsenstein an, „ob Du länger in meinem Hause bleiben kannst, muß ich mit meiner Frau überlegen, ich habe Recha Dir bisher anvertraut, als wenn Du ihr Bruder wärest, es ist sehr schlimm, was Du getan hast." „Herr Jsenstein," sagte Daniel mit Tränen in den Augen. „Daniel, sei ruhig, ich halte Dir eS zugut daß Du mir gleich Dein Unrecht eingestanden hast, ich verliere Dich nicht gern, aber ob Du länger in meinem Haufe bleiben kannst, das muß meine Frau entscheiden, geh ruhig an die Arbeit, in einigen Tagen, wenn wir die Sache reiflich Überlegt haben werden, will ich Dir Bescheid geben." Nach einigen Tagen ließ Jsenstein ihn ins Zimmer rufen, und zum erstenmal, sagte er ihm, anstatt ihm kurz eine Arbeit auszutragen: „Setz Dich, ich will ernstlich mit Dir reden." Daniel war bleich und zitterte vor Aufregung über die ungewohnte Feierlichkeit seines Herrn. „Ich möchte Dich nicht gern verlieren," fing efenstrin wieder an, „ich habe Dich in den sechs ahren kennen und schätzen gelernt. Da ich nur ein Kind habe, würde ich Dir in einigen Jahre»» meine Recha zur Frau geben und Dich ins Geschäft einsetzen." „Herr Jsenstein," rief Daniel erregt und sprang vom Stuhle auf. „Daniel, setz Dich und sei ruhig, es kann keine Rede davon feht, daß jetzt schon eine Verlobung stattflndet, erst mußt Du Deinen Schutz haben, daß Du auch heiraten kannstich werde mich jetzt selbst bemühen und werte sehen, wie ich Dir zum Schutzbrief verhelfe. Du mußt mir aber die Hand darauf geben, daß Du zu Recha nie von Heiraten sprichst und sie nie wieder zu küssen versuchen willst, bis Du das Recht dazu hast. Wenn Du das versprechen willst und es hältst, dann soll Dir Dein Unrecht verziehen fein." Daniel drückte mit Tränen im Auge die Hand seines Herrn und sagte nur: „Ich verspreche es und werde cs halten so sicher wie ich Anteil haben will am jenseitigen Leben." IV. Jsenstein warf nun sein ganzes Gewicht als vermögender Mann in die Wagschale und bemühte sich persönlich beim Landrat um für Daniel den Schutzbrief zu erlangen, aber nach monatelangem Hangen und Bangen wurde das Gesuch ohne weitere Begründung abgelehnt. (Fortsetzung folgt.)

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