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Der Israelit · 1909-09-02 · Heft 35 (2.9.1909) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 35 (2.9.1909)
Date
1909-09-02
Page
– (sequence 11)
Language
German
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J)cWarfi Judentum und Kunst im Geiste $. R. Kirschs. Bon I. Strom. I. Eine der herrlichsten, bedeutungsreichsten Gaben, die uns der Genius Samson Raphael Hirsch's gebracht, ist die Einheit jüdischen Denkens allen Tatsachen der Geschichte und Kultur, allen Aeußerungen des geistigen Lebens der Menschheit in Vergangenheit und Gegenwart gegenüber. S. R. Hirsch hat diese Einheit an vielen Stellen seiner Schriften gefordert, und er hat ihr in der Gesamtheit seines Geisteswerkes eine Erfüllung gegeben, die nicht nur diesem, die seiner ganzen Persönlichkeit das vielleicht charakteristischste Gepräge giebt. Denn zu dieser Einheit konnte nur derjenige gelangen, dem min so Zentralsonne alles Denkens und Seins war, daß jede Erscheinung des Denkens und Tuns der Vor- und Mitwelt mit zwingender Consequenz und Notwendigkeit, von ihrem Lichte bestrahlt und erklärt, sich harmonisch dem Sonnensystem dieser seiner Weltanschauung einsügte. So fällt das Tiefste, was man von seinem Werk sagen kann zusammen mit dem Höchstziele eines jüdischen Lebens, ein srinpi p'ns zu sein. Das Wesen der von ihm dargelegten Philosophie des Judentums ist der Ausbau des Weltbildes, zunächst dieses Judentums und die Stellung von Jude und Mensch, begriffen als ein von nun gelehrtes Ideal. Was die Gotterschaffene Welt dem Gotterschasfenen Menschen und er ihr sein soll, Welt und Mensch aus Gott begriffen, das ist der Ausgangspunkt, das Sichere, das Absolute. An diesem Weltbild, wie Gott es als seinen Willen dem freien Menschen zur freien Erfüllung gegeben, wird die Welt der Tatsachen, die der freie, irrende, zu erziehende Mensch geschaffen, gemessen und ans ihm begriffen. Ich spreche von seiner Philosophie des Judentums, nicht von seiner Religionsphilosophie. Er hat ja eben gezeigt, wie Judentum sich scheidet von der nur eine Seite menschlichen Lebens beherrschenwollenden Religion und zu einer das ganze Sein und Denken gestaltenden Lebens-Anschauung Und -Aufgabe sich erhebt. Und wie es ein Idealbild giebt, nach dem die Welt geschaffen mina ö'ao n\n n"3pn oViyn toini — und in dem alles Harmonie und Schönheit ist, so winkt — von Prophetenmund verheißen — dessen Erfüllung am Ende der Zeiten. Was zwischen der Idee und ihrer, mit der absoluten Sicherheit eines Gottesgedankens kommenden, Verwirklichung liegt und noch liegen wird, ist Welt- und Menschheitsgeschichte. Da haben wir die granitene Grundlage der Einheit in seinem Denken. Wenn andere jüdische Philosophen sich an das philosophische System, das die Geister chrer Zeit beherrschte, anlehnten und einen Ausgleich mit demselben in das Judentum hineintrugen, so hatten sie vielleicht sich und ihrer Zeit genug getan. Samson Raphael Hirsch hat gezeigt wie man das Denken aller Zeiten als Jude aufzufassen und zu resorbiren hat. Eine Weltbetrachtung, die bei dem Tatsächlichen in Natur und Geschichte einsetzt und wie andere Erscheinungen auch min und Judentum betrachtet, wird und muß leicht irren. Dieses scheinbar voraussetzungslose Denken ist tatsächlich geschmiedet an die Voraussetzungen, die ihm seine Zeit und ihre Gedankenarbeit, ja ihre ganze Lebensrichtung, bringen und geht nicht zurück aus die historischen, überlieferten Facta von D^iyn n*r"Q und fno min, wenn der Standpunkt der Zeit sie aus dem Gedankenkreis verbannt hat. Wenn die Denkarbeit eines Einzelnen auch einen Ausgleich der Zeit-Ideen mit dem im Herzen lebenden Judentum zu Stande bringt, so bleibt derselbe doch unfruchtbar für die Erziehung der Mit- und Nachwelt. Das Denken wird vielfach uneinheitlich und zerrissen. Auf der einen Seite denkt und fühlt man jüdisch, geht aber andererseits auf in außerjüdischen Anschauungen, ohne sich zu fragen, wie hat sich ein Jude mit lebendigem Bewußtsein der Wahrheiten, die dieser Begriff ihm gibt, dazu zu stellen. Wie viele Juden sprechen und schreiben über natur- und menschengeschichtlicke, soziale und künstlerische Gegenstände in einer Weise, die in bestem Falle ganz losgetrennt ist von der jüdischen Wahrheit, oder ihr gar widerspricht. Sie merken's nicht, daß sie zwei Seelen in ihrer Brust haben mit einer gleichsam, automatischen llmschaltung, und daß die jüdische mehr und mehr nur noch ein Auswendiggelerntes reproduziert, statt der stets wache und tätige Mittelpunkt zu sein aller in sie einfallenden Erfahrungs¬ und Denktatsachen. Da muß man sich nicht wundern, wenn ein „noch" frommer Vater einen „schon" dem Judentum entfremdeten Sohn hat — oder ein solcher Lehrer einen solchen Schüler—, denn schon im Vater und Lehrer war das Judentum ein fremdes Element, nie so Sein und Denken erfüllend, daß es sich vererben konnte, ja mußte. In dieser Weise ist Bildung eine Gefahr fürs Judentum. Nicht aber, wenn nun den Mittelpunkt alles Denkens bildet, wenn an ihrem Geiste gereift, die Persönlichkeit, das geistige Wesen des Menschen, herantritt an das was Natur und Geschichte und alles was Geister darüber gedacht, ihr darbietet. Da wird alles, auch die ewig unlösbaren Fragen gerade durch die Gründe ihrer Unlösbarkeit, beitragen zu immer neuer, stärkerer Begeisterung für die von Gott in min gereichte Wahrheit. Das hat uns Samson Raphael Hirsch gezeigt und gelehrt. Es gibt wohl keine Seite menschlicher Geistestätigkeit und von ihr geschaffenen Anschauungskreise, in die er nicht mit der Fackel seines hellen, rnin-tragenden Geistes geleuchter, zu zeigen was sie sind und bedeuten auf dem Rückwege ins verlorene Paradies, als welchen die Weltgeschichte dem denkenden Juden sich darstellt. Seine Geistesarbeit ist eine so einheitliche, umfassende, daß die harmonische Verarbeitung des Gesamrwissens der Menschheit überall aus seinen Schriften hervorleuchtet, abgesehen von den Monographien über Einzelnes, die er uns geschenkt (z. B. über Geschichte in „Jesaias und seine Welt", „Judentum und Rom" über Naturgeschichte in „Die Natur und die Bibel in der Hand der materialistischen Weltanschauung" über Kunst in „der Hellenismus und das Judentum" rc. ec.) In einer Betrachtung über Juderitum und Kunst, aufgebaut auf seinen Bemerkungen darüber, möchte ich den Versuch machen an einem einzelnen Gegenstand zu zeigen wie sich seiner Weltanschauung eine der Geistesrichtungen anreiht, die stärkste Wirkungen im Guten und Bösen (von Judentum aus gesehen) in der Geschichte ausgeübt. Es sind verschiedene Gründe, die mich dazu bestimmen, gerade die Kunst — als Sammelname für Darstellung des Schönen mit den verschiedenen Materialien — für meine Betrachtung heranzuziehen. Sie ist ein Gegenstand mit dem sich, genießend und reproduktiv, fast alle Menschen beschäftigen und sich darin eine gewisse Sachkenntnis vindizieren. Sie scheint ein neutrales Gebiet zu sein, das keine Controüe am Maßstab des Judentums braucht und ist das bei näherem Zusehen nicht. Sie ist ein Schulbeispiel für eine vom Judentum und min losgelöste Geistestätigkeit, die diesen viel Herz, Sinn und Begeisterung, namentlich der Jugend entzieht. Auf die Frage, was ist das Schöne und seine angewandte Darstellung, die Kunst, werden wir so wenig eine Desinition geben können, die nicht mehr oder weniger bloße Umschreibung ihrer konkreten, bestehenden Aeußerungen ist, als dies die unabsehbare Reihe von Aesthetikern gekonnt, die es versucht. Es wäre außerordentlich interessant, das und die Gründe dafür an einer Anzahl dieser Desinitionen zu zeigen, würde aber zu weit führen. Was den meisten derselben eigentümlich ist, ist die Trennung der Begriffe des Wahren und Guten von demjenigen des Schönen. Das ist geradezu zu einem Axiom geworden. In der Kunst entscheidet das ,Mie" nicht das „Was". Wir sollen das Schöne aus uns wirken lassen als einen „sinnenfälligen" Genuß, ohne Rücksicht darauf, ob es wahr ist oder gut, ynd wie fein Gegenstand sich verhält zu unserm Denken und Wollen. Diese Forderung gilt zunächst in den bildenden Künsten und ist auch tatsächlich mit dem Wesen derselben am ehesten vereinbar, ja, eigentlich aus ihm erwachsen. Einer Statue des Phidias, einem Gemälde Raphaels kann ich. nur aegenüberstehen, die Schönhett von Form und Erscheinung genießend. Schwerer wird es den Aesthetikern diese Forderung bei der Mufik und

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