Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 35 (2.9.1909)
- Date
- 1909-09-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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3. September 1909. Der Israelit. Und was nun? Werden die solange durch die Souveränität und Autorität der Thora nur mühsam konzentrierten, im Grunde widerstrebenden Interessen in der heiligen Stadt sich nun, da der Führer und Sammler gegangen, endgiltig teilen, oder gelingt es noch, sich auf einen Mann zu vereinigen, der dazu berufen wäre, die Traditionen des Rabbi aufzunehmen und in seinem Geiste weiter zu wirken? Kenner der Verhältnisse glauben leider allen Grund zur Befürchtung zu haben, daß mit dem Heimgang des Kttrnp HDD die einigende Kraft aus Jerusalem gewichen sei . . . Daher ist die Trauer in Jerusalem eine ungeteilte und tiefinnige. Man fühlt, daß man Halt und Stütze verloren hat, und daß man schweren Zeiten entgegengeht, in denen man des Führers starke Hand sehr vermissen wird. Und dieses dunkle Gefühl lag auch der unsäglichen Angst und Sorge zugrunde, die sich schon während der Krankheit des Rabbi aller Kreise bemächtigten. Und so Plötzlich und unvermittelt kam es. — Nur zehn Tage war der Greis eigentlich krank. Es wußte es anfänglich außer den Vertrauten keiner. Man hoffte noch und wollte der Oeffentlichkeit die Aufregung ersparen. Nach drei Tagen aber fing man in den Talmudtorah- und Jeschiwohanstalten, lauter Schöpfungen des Rabbi, an, für den erkrankten Meister zu beten. Dann zog es wie eine Wolke durch die heilige Stadt, düster und unheilschwanger . . . Nun war das Gebet allgemein und lautes Schluchzen erfüllte alle Gotteshäuser. In diesen Tagen verstummte der Parteien Haß und Hader, alle, Aschkenasim, Sefardim, Jemeniten und Bucharim vereinte ein Gefühl von Furcht und Hoffnung . . Am p"ttf suchte man noch die Angst zu bezwingen. Am Sonntag Abend war es aber bereits geschehen. Die letzte Hoffnung wich, und an ihre Stelle trat Trauer, tiefe, düstere Trauer, die alle Herzen erfüllte und vereinigte. Er starb im Studium der Thora. Er sprach, so lange er sprechen konnte, auf seinem Krankenlager min '->21. Selbst im Zustande der Agonie bewegten sich seine Lippen fortwährend. Seinem Arzte sagte er am Vorabend seines Todes: „Ich wünsche, daß Sie morgen erst mein Hospital besuchen und dann zu mir kommen. Ist es für mich bereits zu spät, so haben Sie dann meinen letzten Wunsch erfüllt. . Er kam zu spät. Hunderte Thorajünger der vom Rabbi begründeten Jeschiwoth, beschlossen am Sonntagabend in den Nebenräumen des Krankenzimmers die Nacht betend und lernend zu durchwachen. In den lauten, noch hoffnungsfrohen Massenchor der Lernenden mischte sich aber bald das aus dem Sterbezimmer dringende erschütternde MV-Gebet. Und als gegen halb 11 Uhr auch dieser Ruf verstummte und nach einer kurzen schwülen Pause das Schluchzen der das Haus umlagernden gewaltigen Menge wie ein Orkan losbrach: „Der Rabbi ist tot!" — da beschlossen die Talmudjünger ihr „Lernen" p'12M noiM^ die ganze Nacht fortzusetzen. Im Beisein der Mitglieder des piS 1"2 und Vorstände der p"n usw. wurde dann die hkix de- Rabbi geöffnet, in der Voraussetzung, daß sich darin auch Bestimmungen betreffs der 71112p finden dürften. Man täuschte sich nicht. Der Rabbi verbat sich darin jeden Nachruf und jede besondere Ehrung, auch die Aufstellung seiner Bahre in irgend einer Synagoge oder von ihm geschaffenen Anstalt. 68 Jahre hindurch hatte es reiner gewagt, dem Willen des Meisters zuwiderzuhandeln, nach seinem Tode fiel es jedoch schwer, seinen letzten Wunsch zu erfüllen. ... So gingen denn in der ersten Morgenstunde des folgenden Tages die nach Zehntausenden zählenden Massen stumm und voll stumpfer Trauer der einfachen Bahre nach, an den zur Ehre des Toten geschloffenen Läden und Werkstätten vorbei. Ohne ein Wort des 1SO.1 traten doch nach einander die Größten der Aschkenasim unp Sefardim an die Bahre, unter ihnen auch Eljasch ar und Panisel und zitierten einige auf D'pHX nn'v sich beziehende D'piDS, die Ströme von Tränen auslösten. Dann bewegte sich der Zug weiter. Voraus die Spitzen der Behörden und Vertreter aller Konsulate in ihren blinkenden Uniformen. Umringt war die Bahre von den Schülern aller hiesigen jüdischen Schulen und gefolgt vom weitaus größten Teil der gesamten aus allen Nationalitäten bestehenden Bevölkerung der heiligen Stadt. Die Mohammedaner verehrten in Rabbi Salant einen Heiligen und nahmen an der Trauer durch Arbeiteinstellung und Geleite aufrichtigen Anteil. Unzählige christliche Geistliche sah man ebenfalls im Leichenzuge. Es fiel sehr schwer, die Ordnung aufrecht zu erhallen und die türkische Polizei, selber von der allgemeinen Trauer mit hingerissen, gab bald ihre Versuche, die vordringenden Massen zurückzuhalten, auf. Der Berg Zion erstrahlte im Sonnenglanz als wir gegen Mittag vom o^nn n'2 zurückkehrten. Eine Sonne war uns untergegangen. Mögen die dunklen Schatten, die wir am Horizonte ziehen sehen, das leise Aufdämmern eines neuen Morgens bedeuten . . . Jerusalem, 17. Aug. Die Bestattung unseres hochverehrten Oberrabbiners Samuel Salant fand gestern unter ungeheuerer Beteiligung aus allen Kreisen der Bevölkerung statt. Man schätzt die Menge, die der Bahre folgte, auf mehr als 10000 Köpfe. Auf ausdrückliches Verlangen des Heimgegangenen unterblieben die sonst üblichen W1LOH vermlrcbter. Köln, 1. Sept. Der „Verein für die jüdischen Interessen Rheinlands" empfiehlt seinen Stipendiensond, aus welchem bedürftige Lernende jeden Berufes unterstützt werden sollen, zur Ablösung der Rosch-Haschonoh-Korrespondenzen. Geldsendungen wolle man gefl. z. H. des Herrn Rabbiner Dr. Wolf, Köln, Hohenstaufenring 14 I richten, damit die Veröffentlichung im „Bolkssreund" erfolgen kann. Es gingen bisher von folgenden Spendern dem Stipendienfond des Vereins für die jüdischen Jnteresien Rheinlands (E. B.) Gelder zu als Ablösung der Roich - Haschono - Korrespondenz: Samuel GrünSfeld-Cleve, Rabbiner Dr. MoseS Auerbach- Pelhach Ttkwah (Palästina), Alex. Hehmann-Stonimeln, Jacob Salomon-Cöln-Deutz. Lehrer Emil Silbermann- Ballendar, Lalomon Gottschalk-Mühlheim (Ruhr), B. Lewertoff-Köln, Felix Müller-Düfieldorf, H. Hoffmann- Norderneh und Esten, M. L. Munk-Köln, Jakob L. Marcus-Rees, B. Bernhard-Rees, Lehrer Levisohn-ReeS, <5. Hanauer-Eusktrchen, L. Sallmann-Köln, Ebr. Cohn- Calcar, C Bermann-Köln, N. N.-Neuß, Rabbiner Dr. Wolf-Köln, N. N.-Söln, Familie Witwe David Bier-Köln, Blktor Weil-Köin, Herm. Kahn-Köln, Allte Wallg 33, Frau Viktoria Wolf-Frankfurt a. M. Ostrowo, IS. Aug. Am Mittwoch, den 11. Aug., fuhr der „Rebbe" von Gora Kalwaria (der sog. „Gerer Rebbe") auf der Heimreise von Wiesbaden hier durch - von weither waren auS Polen Anhänger hierhergekommen, um ihn bereits hier zu empfangen. Biele Rabbiner aus Rufst ch-Polen waren am htestgen Bahnhof anwesend, so aus Salisch, aus WieruSzow der ehrwürdige Rabbiner M. S. Stlbermann u. v. a. In Skalmiercyze, der Grenzstation, waren Hunderte von Menschen anwesend, die den „Rebbe" begeistert begrüßten. An Kalisch und Lodz war die Menge auf Tausende anaewachsen, sodaß auf diesen und den folgenden Stationen Militär requiriert werden mußte, um die Ordnung auf den Bahnhöfen ausrechtzuhalten. Lissa, 1. Sept. Das von Joseph Wollheim 1859 begründete und im Osten rühmltchst bekannte jüdische Krankenhaus Hierselbst feiert am 5. September sein 50)ähriges Jubiläum. Seit 25 Jahren ist der auch schriftstellerisch bekannte Sanitätsrat Dr. Simon Sch erbet Anstaltsarzt. Zweibrücken, 28. Aug. Laut Entschließung der Kgl. Regierung vom 24. August ist der Bezirksrabbiner Dr. Mayer von seiner Tätigkeit für Zwetbrücken und Bezirk suspendiert worden. Friedheim (an der Ostbahn), 24. August. Der Neubau unserer - ynagoge ist gesichert und beginnt im kommenden Frühling. — Zum Vorsitzenden der Gemeinde wurde Lkaufmann Isaak Machol gewühlt. Paris, 28 Aug. Die nach den Ausschreitungen in Casablanca dort von de« Mächten eingesetzte Kommission zur Prüfung der Schadenersatz- Ansprüche der Geschädigten hat auch alle Forderungen der damals hart betroffenen jüdischen Bürger, ebenso die der Alliance, deren Schule bei den Unruhen demoliert wurde, als berechtigt befunden und die marokkanischen Behörden zum vollen Schadenersatz verpflichtet. Seite 9. Nr. 35. Paris» 37. Aug. Der berühmte Bakteriologe 9t Chawktn, der sich durch seine Forschungen auf medizinischem Gebiete einen Weltruf erworben erhielt von der französtschen Regierung einen Preis von 40 000 FreS. Chawktn ist als russischer Jeschiwozögling vor 30 Jahren nach Paris einaewandert. Warschau, 38. Aug. Das Erscheinen der hiefigen hebräischen Zeitschrift „Haboker" wurde auf höheren Befehl von der hiesigen Zensurbehörde bis auf weiteres verboten. Artikel aufrührerischer Natur können die Schließung dieser Zeitung, die mebr literarischen Fragen denn politischen gewidmet war, nicht verursacht habm. Man vermutet aber, daß diese Maßregel mit der jetzt in ganz Rußland und Polen vor sich gehende Verfolgung des Zionismus und feiner Literatur im engen Zusammenhänge stehe. Kremeutschug (Rußland), 30. Aug. Eine furchtbare Feuersbrunst wüiete hier und machte üb r Rächt taufenoe jüdische Famllien brot- und obdachlos. Drei ganze, zumeist von Juden bewohnte Stadtvtetel, wurden binnen einigen Stunoen eingeäschert. Der Schaden betrügt mehr als drei Millionen Rubel. Madrid, 25. Aug? In Barcelona werden um» fasienbe Vorbereitungen getroffen für den im September unter dem Ehrenpräsidium des Königs dort staitfindenden Esperanto-Kongreß. Unter den geladenen Gästen wird sich auch der Erfinder der Weltsprache, Herr Dr. Samenhof auS Warschau befinden, dem ein ganz besonders herzlicher Empfang in Barcelona zuteil werden wird. Samenhof, ein in Polen in sehr bescheidenen Berhättntffen lebender religiöser Jude, wird in der seit vier Jahrhunderten judenreinen Stadt Gegenstand begeisterter Ovationen sein. Qtreiaswm«. Pretzbrrrg, 30. Aug. In der hiesigen v"V, wo allabendlich möJ borget tagen wird, beendete man heute p-n,13D 'DD* Der Vortragende, Herr Rabbiner F r i e d m a n n, verschönerte die Feier dura« einen prachtvollen halachischen Bortrag. Auch Herr I. Br ein er sprach sehr gediegene min H21- Pmotalie«. Frankfurt a. M., 24. Aug. Gestern wurde auf dem »"Nil?1'2 der hiefigen Israelitischen Religionsgesellschaft die für Frau Rosalte Ettltnger- H a l p e r n n "jj aufgerichtet, für eine Frau, die es verdient, baß die Erinnerung an fie in weitesten Kreisen wieder wachgerufen wird, wenn ste auch schon vor längerer Zeit in die ewige Heimat zurückgekehrt ist. .Einer geachteten, frommen Familie entstammend, war 'sie selbst von echter 2'VV nKT durchglüht, machte fie p"nn zur Richtschnur für ihr ganzes Tun und Lasten, erfüllte fie sowohl unter dem Sonnenschein des Glücks als auch unter den Stürmen des Mißgeschicks eifrig und pünktlich hie religiösen Pflichten. Ihrem gleichgesinnten Galten war fie die treue Genossin, die Freud und Leid mit ihm geteilt, die traute Gefährtin, die alle seine edlen Bestrebungen mit innigster Teilnahme begleitet und gefördett hat. Ihre drei Töchter, mit denen ihr harmonisches Eheleben gesegnet ward, erzog fie tn wahrer Frömmigkeit und Gottesfurcht, und eS war ihr vergönnt, dieselben beglückt und beglückend im Geiste dieser Tugenden an der Sette wackerer Gatten walten und wirken zu sehen. Ihr goldenes Herz schlug voll Liebe und Mitgefühl nicht nur für alle Glieder ihrer Familie, sondern auch fitt alle Mitmenschen, besonders für die Bedrückten und Bedrängten, so daß jeder, der ihr der Gastfteundschast stets geöffnetes HauS bettat, eine herzliche Aufnahme mld, wenn erforderlich, eine mit Freude und Freigiebigkeit gespendete Unterstützung gefunden hat. Als eine Priesterin, durch deren Tod „gleichsam deS BHpttn N'2" das Hei igtum seines Hauses, zerstörr wurde, wird ste von ihrem allgemein verehrten, vereinsamten Gatten betrauert - alS Vorbild mütterlicher Liebe und Treue lebt fie fort in den Herzen ihrer Töchter, Schwiegersöhne und Enkelkinder - als stets hilfsberette Freundin wirb fie in Wehmut vermißt von den Armen und uns allen wird fie unvergeßlich bleiben als eine Verkörperung der 2 TT Jlttftt die der König Salomo in seinem unsterblichen Liede besungen. A. C. Frankfurt a. M., i. Septbr. Im hohen Alter von 75 Jahren ist vor wenigen Tagen in L o n d o n, wo fie zu Besuch weilte, die älteste Tochter Samson Raphael HirschS i ^7, Frau Rabb.Dr. Guggenheim p**) abberufen würden Die Heimgegangene, auf d «n rerchgefegneteS LebenSwtrken wtt ausführlicher zurückkommen, hatte sich vis in Sie letzten Tage hinein ungeschvächter körperlicher Rüsttgkett und vor allem einer lebendigen, vielseMgen geistigen Beweglichkeitzu erfteuen, die neben der adligen Vornehmheit ihres Wesens auf jeden, der der alten Dame nahettat, dm tiefsten Eindruck auSübtt. ES blitztt in ihrem Auge ein Funke deS väterlichm Geistes, dem fie durch eine reiche belletristische und poetische Produktion erfolgreich zu ihrem Teile gedtmt hat. Such dem Feuilleton des „JSraeltt" war Frau Dr. Guggenheim p*} — unter dem Pseudonym Friedrich Rott — eme dm Lesem lieb gewordene, fleißige Mitarbeiterin. n"22üfl Bade« (Schweiz), 37. August. Etnm unersttztüzm Verlust erlitt die schweizerische, die gesamte gesetzrstteur Judmheit. Herr I. B. Dreifuß ist fett lrtztmFreitag m GrabeSfrieden gebettet. Die ihn kannten, fie tvnnm es kaum faffm, daß TodeSmacht ihn beug« tarnte. Erst vor kurzem verließ er unsere Gemeüwe, die ihn I ß % j I .s