Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 34 (26.8.1909)
- Date
- 1909-08-26
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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Seite -0 9h. 34 Der N»«elti 26. August lsov Nicht minder aber rufen wir mahnend den Synagogengemeinden zu, der in Westfalen sehr vernachlässigten Schechitah ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden. Wir haben seit der Gründung unseres Vereins dieser religiösen Institution unsere ganze Aufmerksamkeit zugewendet; unsere Berichte geben die Kunde hiervon. Ist es auch traurige Tatsache, daß erst durch die Gefahren von außen indifferente Kreise aufgerüttelt wurden, so würden wir es immer noch begrüßen, wenn jetzt Abhilfe geschaffen wird. — Die Schechitahfrage ist eine akute vor allem deshalb, weil noch immer die Erkenntnis sich nicht allenthalben durchdringt, daß der Träger des religiösen Amtes eine religiös streng gewissenhafte Persönlichkeit sein muß und einen Befähigungs-Nachweis (Kabboloh) von einem jüdisch lebenden Rabbiner zn erbringen hat über seine gründliche theoretische und prakttsche Ausbildung als Schauchet. In allen unseren Verbandsgemeinden haben wir — trotz mancher Anfeindung im eigenen Kreise — für die Durchführung dieser religiösen Grundsätze gekämpft. Es erfüllt uns mit Genugtuung, daß eine Reihe unserer Gemeinden besondere und tüchtige Schechitahbeamte angestellt hat, zumal unter diesen Gemeinden einige sind, die überhaupt die Schechitah- Jnstitution noch nicht besaßen. Wir haben wiederholt Subventionen zur Ausbildung von Schauchtim gewährt und sind jederzeit bereit, bei vorhandener Voraussetzung für die Ausbildung junger Leute Sorge zu tragen. Nur wenn wir in religiöser Beziehung einwandsfreie Schauchtim besitzen, können wir auch etroften Mutes an die Bekämpfung der Gegner er Schechitah denken. Mit Erfolg sind wir in den jüngsten zwei Jahren in Wort und Schrift gegen jeden Versuch, das Schächten als eine inhumane Tötungsart hinzustellen, aufgetreten. Es haben uns einsichtige Kreise sofort Angriffe der Presse zugeschickt und unsere sachlichen Erwiderungen machten stets Eindruck. Wirksam unterstützt wurden wir durch zahlreiche Gutachten von Männern der Wissenschaft wie der Praxis, die wir seit zwei Jahren erlangten. Nach eingehenden Besprechungen erreichten wir u. a. dem Schächtwesen günstige Gutachten von den Professoren der Anatomie und Psychologie der Universität in Münster wie des höchsten Beterinärbeamten unserer Provinz, Gutachten, die wir der Sammlung des Herrn Dr. Hildesheimer zur Verfügung stellten. Welche hervorragende Rolle diese unsere Gutachten bei den bekannten Schächtverboten Warburg-Bielefeld spielten, ist bekannt. Wir müffen aber bei dieser Gelegenheit auch darauf Hinweisen, in welch umfassender Weise wir bei dieser großen Gefahr für die westfälische Judenheit eingriffen. Wir hatten auf die Kunde von den Verboten telegraphisch einen Empfang bei dem Herrn Regierungspräsidenten in Minden erbeten und erhalten. Der Erfolg derselben war, daß festgestellt wurde, daß die Regierung selbst sich nicht als Gegner der Schechitah bekannte, daß sie nur als höchste Polizeibehörde für die Durchführung der seit Jahrzehnten bestehenden Polizeiverbote, die nur nicht in Kraft getreten waren, ordnungshalber eintreten mußte. Wir erreichten zunächst, daß von einer augenblicklichen Durchführung des Schächtverbotes, bis zur gerichtlichen Entscheidung über die Gültigkeit des Verbotes an und für sich, abgesehen werden sollte. Ein erbetenes Memorandum unterstützte am folgenden Tage unsere Darlegungen. Hier in Minden aber hatten wir zu unserer großen Bestürzung erfahren, was wir bis jetzt aus begreiflichen Gründen noch nicht veröffentlichten, daß der Anlaß zur Ausgrabung der Bielefelder und Warburger Polizeiverbote eine Rundfrage des Herrn Oberpräsidenten nach bestehenden Schächtverboten bei den drei Regierungsbezirken war und von dorther noch eine umfassende Gefahr drohte. Wir ersuchten deshalb sofort bei dem Oberprädium um Audienz, an die sich fast ein Jahr lang hinziehende Verhandlungen schlossen. Mit einer großen Denkschrift, bei der wir sachgemäßen Rat zugezogen, die wir auf schriftlichen Wunsch des Oberpräsidenten anfertiaten, schließt diese Aktion ab, durch die wir sehr befriedigende Versicherungen der Behörde erhielten. Wir haben in verschiedenen Kommunen Schächtverbote im Keime erstickt und hoffen, daß es uns auch gelingen wird, in Altena (wie Warburg- Bielefeld auch nicht unserem Verband angehörend), fördernd einzugreifen. Wir bitten alle Gemeinden, so früh als möglich bei drohenden Verboten sich an uns zu wenden. Noch einer Denkschrift müssen wir hier Erwähnung tun: Gelegentlich einer Rundfrage bei den Regierungspräsidenten durch das zuständige Ministerium Einführung der vollständigen Sonntagsruhe betr. durch Umänderung der Gesetze wandten wir uns in einer kurzen Denkschrift au einen Regierungspräsidenten, der uns beruhigende Zusicherungen machte. Wie in den Vorjahren, haben wir auch in den vergangenen Jahren bei dem Generalkommando des VII. Armeekorps für Pesach und die hohen Feiertage den jüdischen Soldaten Urlaub und Dienstbefreiung erwirkt. Gesetzestreue Minoritäten innerhalb jüdischer Großgemeinden Westfalens sind wir zur Ermöglichung gesetzestreuen Lebens mit Rat und Tat zur Seite gewesen und dürste vor allem die unter unserer Mitwirkung gegründete Religionsgesellschaft in Dortmund in weiten Kreisen der jüdischen Gesetzestreuen begrüßt werden. In Dortmund hat sich neuerdings ein gesetzestreulebender Smo Herr Aüsbacher niedergelassen. Bei allen unseren aus Erhaltung und Förderung des Judentums gerichteten Bestrebungen konnten wir auf tatkräftige Hilfe unserer Gemeinden und westfälischen Mitglieder, aber auch vieler Freunde und Gönner außerhalb unserer Provinz rechnen. Wir müssen aber auch dringend um diese Hülfe weiter bitten, da von ihr allein der äußere Bestand unserer heiligen Sache abhängt. Dank sei an dieser Stelle besonders gebracht dem Verein zur Förderung ritueller Speisehäuser in Hamburg und der Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums, die durch ihre Subventionen es ermöglichten, Restaurationen und andere Institutionen zu beaufsichtigen und mit Beamten zu versehen. Unsere Stellung zu der „Freien Vereinigung" ist naturgemäß, und insbesondere seit ihrer großzügig entfalteten Tätigkeit, die denkbar innigste. Durch besonderes Uebereinkommen erwarben wir für die meisten unserer Mitglieder die Mitgliedschaft der Vereinigung und vermitteln diesen Mitgliedern den Bezug der Monatsschrift „Der Volksbote" kostenlos. So tritt ein weiteres Organ, das religiöse Leben vertiefend, in unsere Kreise. „Volksboten" und „Volksfreunde" mögen sie in Wahrheit unserer Sache werden. Der Vorsitzende unseres Verbandes Herr Dr. Rubens-Gelsenkirchen gehört dem Ausschuß der Freien Vereinigung als unser Vertreter an. Bei den Verbandstagen in Berlin und Frankfurt a. M. waren wir durch den Herrn Rabbiner Dr. Marx und einige Vorstandsmitglieder vertreten. Mit unserer rheinischen Schwestervereinigung verbinden uns gleiche Interessen und verdanken wir ihr manche fördernde Anregung, besonders die kostenlose Ueberlassung ihres Blattes „Jüdischer Volksfreund" für alle unsere Mitglieder. So hat denn unser Verein nach innen und außen eine rührige und G. s. d. nicht ohne Erfolg entwickelte Wirksamkeit betätigt. Gefestigter denn e steht er nach mehr denn 13 jährigem Bestehen da. Gefestigter auch in materieller Beziehung, da er eine Institution geschaffen hat, die ihn mit den Jahren hoffentlich daran wird denken ussen können, sich unabhängig von auswärtiger Hülfe zu erhalten. Wir haben durch die Errichtung von Jahrzeits- und Schi urstiftungen die Ansammlung eines eisernen Fonds angestrebt und in 2ll» Jahren 5000 Mk. unter Hinzuziehung der Spenden bei ernsten und freudigen Anlässen erreicht. Leisten wir auf der einen Seite die religiöse Gewähr für die Durchführung der übernommenen Pflichten (13 Stiftungen sind uns bisher geworden), so glauben wir wohl versichern zu können, daß das Andenken der Heimgegangen kein weihevolleres Gedenken erhalten könnte, als dadurch, daß deren Name verknüpft bleibt mit der Festigung, und Förderung des Judentums innerhalb unserer Provinz. Wir bitten dringend von dieser Institution Gebrauch zu machen und durch Stiftungen zur Erinnerung an Heimgegangene unsereSache zu fördern. Wir schließen unseren Bericht gedenkend auch der Freunde, die in den letzten Jahren durch Tod empfindliche Lücken in unserem Kreise hinterlassen haben: Unserem Mitgründer und langjährigen, unablässig uns fördernden Vorstandsmitglied, Herrn Samuel Kahn V'üT Cöln, an dessen Bahre unser Herr Rabbiner eine Trauerrede hielt, werden wir ein ewiges dankbares Andenken bewahren! Schmerzlich vermissen wir den Heimgang unserer Freunde, der Herren Jacob S. Heß, Jae. Laz. Posen-Franksurt a. M., Jacob Cramer- Fürth i. B., die seit der Gründung unseres Vereins uns gefördert haben, - Von unseren westfälischen Freunden nennen wir in wehmutsvollem Gedenken den Lehrer Kaufmann-Ahlen, der, hochbetagt nach langjährigem Wirken, betrauert von einem großen Kreise seiner Schüler, verschied. Wir ließen uns durch unfern Herrn Rabbiner bei der Beerdigung vertreten, der ihm einen ehrenvollen Nachruf widmete. — Möge das Leben und die Begeisterung unserer Freunde für unsere Sache beispielgebend weiter wirken. Nur ungern entschlossen wir uns, trotz Drängens unserer Freunde, einen Bericht, der unwillkürlich wie Eigenlob der Tätigkeit des Vereins erscheinen muß, zu veröffentlichen. Uns aber erscheint er heute mehr eine eindringliche Mahnung, die wir in die Worte zusammenfassen: Vieles ist getan, viel ist noch zu tun. Und dazu wünschen wir unserer Sache: Glückauf! Der Vorstand d. Vereins z. W. d. r. Interessen d. Judentums, in Westfalen E. V. Mum! Im Rödelheimer Luach vom kommenden Jahre 5670 ist ein Irrtum unterlaufen. Im Jahre 5670 sind "j^i v'222 nicht zusammen verbunden. Vielmehr wird am nattf .und 12'lKN am N22? zwischen niL'2 OV und TOID verlesen. ki«gegsngr«e Rücker. Religiöse Zeitfragen von Dr. L. N ü n z früher Rabbiner in Kempen (Prov. Posen), zweite revidierte Auflage, 1909 Berlin, Verlag von Louis Lamm, 117 Seiten. Inhalt: Vorwort zur ersten Auflage. Vorwort zur zweiten Auflage. 1. Was hat in >er neuen Zeit den Niedergang des religiösen Geistes bei den Juden herbeigeführt?!. Wie ist es in unseren Zeiten möglich, bei der Zugend eine religiöse Gesinnung bleibend zu begründen? 3. Das Zeugnis der Geschichte über ie Bedeutung des jüdischen Volkes. 4. Israels Trauer und seine Hoffnung. 5. Die Aufgabe es Seelsorgers in der jetzigen Zeit. Sachregister, vas Werkchen ist leicht faßlich geschrieben und ürfte manchem Lehrreiches bieten.