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Der Israelit · 1909-08-19 · Heft 33 (19.8.1909) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 33 (19.8.1909)
Date
1909-08-19
Page
– (sequence 13)
Language
German
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euilleton Der Zcdskr. Novelle von S. Latz, Mannheim. (Fortfetzmrg.) Dabei blinzelte sie Recha zu und neigte den Kopf in der Richtung nach der Zimmertüre. Recha eilte hinaus und kam kurz darauf mit ein Paar Hausschuhen zurück, die sie im geheimen mit recht bunten Wollfänden und vielen Goldperlen auf Stramin gestickt, und die Frau Isenstein vom Schuhmacher ohne Wiffen ihres Mannes hatte für Daniel fertig machen laffen, damit er, wenn er von seinen mühseligen, ermüdenden Märschen nachhause kam, eg sich bequem machen konnte. Daniel war gerührt. Er war ja gewohnt in den Schuhen feines Herrn zu gehen, nämlich in den genagelten, die Jsenstein ihm kontraktlich zu liefern hatte, aber daß Frau Jsenstein so liebevoll-mütterlich für ihn gesorgt hatte, das war eine unverhoffte Freude, die ihn beglückte. Erfühlte es, .daß man ihn ganz wie einen Familienangehörigen behandelte, und dafür wollte er durch verdoppelten Fleiß und unverbrüchliche Treue sich dankbar zeig n. Und wenn er nicht den gesetzlichen Schutz verbrieft und gesiegelt erreichen konnte, um sich selbständig machen und --heiraten zu können, dann wollte er wenigstens den Schutz dieses Hauses sich erhalten, dann wollte er so lange er arbeiten konnte, für Jsenstein schaffen und wirken. Dieser Entschluß, mit dem er beglückt einschlief, sollte gar bald auf eine harte Probe gestellt werden. Kurz nach dem Peffachfeste machte Daniel mit seinem Herrn einen Gang nach einem Hofgute, wohin er die Waren zu schleppen hatte, die Jsenstein abliefern wollte. In jener Zeit, wo im deutschen- Reich noch so unendlich viele Zollgrenzen und Zollplackereien die Geschäfte erschwerten, namentlich in Gegenden, wo so viele große und kleine Fürstentümer zusammenstießen, war es.eine sehr beliebte Unterhaltung sich von Schmuggeleien und Täuschungen der Zollbeamten zu erzählen. Heute erzählte Jsenstein, wie Jemand — Namens-, und Ortsangaben vermied ma>» gern bei solchen Erzählungen — eine ganze Menge Kaffeesäcke mit weißen Bohnen gefüllt habe, die keinen Zoll kosteten, wie er dann mit diesen Säcken nach der Grenze gefahren sei, und wie die Zollbeamten herbeigeeilt wären um sich nach dem Inhalt der Säcke zu erkundigen. Jsenstein lachte jetzt noch vor" Vergnügen, als er in seiner Erzählung fortfuhr: „Weiße Bohnen habe ich," antwortete der gewisse Jemand, schlug auf die Pferde und jagte davon, was die Pferde laufen konnten. Natürlich glaubten die Zoll- Wächter nun erst recht nicht an die unschuldige Ladung amd eilten dem Wagen nach, alle Beamten ohne Ausnahme, daß die Grenze von Beamten entblößt war. Nach einer halben Stunde hielt der Wagen an, so daß die Beamten ihn einholen konnten. „Ich frage Sie noch einmal," sagte der oberste der Beamten streng, „was Sie in Ihren Säcken haben." „Weiße. Bohnen." „Ich werde Sie lehren, falsche Angaben zu machen," sagte der Beamte grimmig lächelnd, das kennen wir, man wird in Kaffeesäcke gerade weiße Bohnen tun, auf mit den Säcken."^ Der Mann öffnete langsam und gemütlich einen Sack nach dem andern und in der Tat, in allen waren weiße Bohnen. „Ja, warum sind Sie denn so rasch davon gefahren, wenn Sie gar keine zollpflichtige Sachen haben?" „Ich habe Eile," antwortete der Mann ruhig und die gefoppten Beamten gingen mißmutig - nach ihrem Posten zurück. „Daß während dieser Zeit der Entblößung der Zollgrenze ein Wagen mit gewöhnlichen Säcken, in denen Kaffee war, hinübergeschmuggelt wurde, das kannst du dir denken", sagte er leise zu Daniel, als ob ein Lauscherohr in der Nähe wäre. Zu Jsensteins Verdruß zeigte Daniel auch an dieser Geschichte, die er so schön und spannend erzählt hatte, gerade so wenig Interesse, wie an allen andern Schmugaelgeschichten. Er fing etwas anderes an, wenigstens glaubte Daniel, sein Herr hätte das Thema geändert. „Du hast dich beim Sederabend sehr gewundert, als du das viele Silber gesehen hast —." „Ich habe mich nur gewundert, weil ich es nicht schon vorher gesehen hatte." „Du hast noch vieles nicht gesehen, was im Hause ist, aber du bist jetzt so länge bei mir, und ich kenne dich so weit, daß ich dir schon etwas anvertrauen möchte; aber du mußt mir schwören,- daß dü das, was ich dir sage, für immer gehetmhalten willst." „Wenn Sie mir es nicht so sagen wollen, dann ist es bester, Sie laffen es, ich schwöre nicht." „Ich gebe mich ganz in deine Hand, wenn ich es dir sage." „Wenn Sie mir ohe Eid nicht traue»: »vollen, dann ist es bester, Sie sagen es mir nicht." „Kann ich mich aber auf deine Verschwiegenheit unbedingt verkästen?" „Ich gläube, das müßten Sie wiffen." „Nun, ich will dir vertrauen Es wundert mich nur, daß es dir noch nie ausgefallen ist, daß immer Kaffee und Gewürz und vieles andere im Laden ist, was du noch nicht aus dem Magazin geholt hast." „Das ist mir schon lange ausgefallen, aber was man mir nicht sagt, darnach forsche ich nicht, ich spionier nicht." „Weißt du, wo der Kaffee ist?" „Nein, und ich kann mir es auch nicht denken. Im Magazin habe ich noch keinen gesehen." „Nun, und oben?" „Oben war ich schon in allen Zimmer»», sowohl in den drei nach vorn als in den nach dem Hofe zu gelegenen und auf dem Speicher." „Und hast du nie die Kaffeesäcke gesehen?" fragte Jsenstein verschmitzt lächelnd. „Nein, es find auch keine da, ich ken»»e jede Ecke." „Nun, dann bist du auch nicht gescheiter als die Zollbeamten." „Wie meinen Sie das?" „Nun, die Zollbeamten waren schon oft da und haben nach geschmuggeltem Kaffee gesucht, sogar damals als sie mit den weißen Bohnen gefoppt »vorden waren, da haben sie sogar mit besonderem Eifer und mit geheimer Wut gesucht aber gefunden haben sie nichts." „Sie haben doch keine»» geschmuggelten Kaffee im Hause?" „Warum ich nicht?" „Sie?" fragte Daniel nochmals verwundert und ging dann still weiter vor sich hin. Auch Jsenstein ging eine Zeit lang stumm neben ihm her. „Hast Du schon einmal die Fenster »m Hause gezählt?" fragte Jsenstein nach einiger Zeit und Daniel freute sich, daß das ihm unangenehm gewordene Gespräch abgelenkt schien. „Ätein," sagte er ruhig, „warum sollt ich die Fenster zählen?" „Darin liegt aber das ganze Geheimnis, das ich Dir anvertrauen will, das außer mir und meiner Frau kein Mensch auf der Welt kennt, auch Recha nicht und keiner meiner frühern Meschorfim. Daniel hielt eS für das beste, keine Antwort zu geben, weil er nicht sicher war, daß diese Einweihung in ein so wohlgehütetes Geheimnis ein Vorteil für seine Stellung war. „Zähl doch einmal die Fenster in der Front," fing Jsenstein wieder an, „Du wirst sehen, es find sieben." „Nun?" „Nun," sagte Jsenstein etwas ungeduldig, „wenn Du denn gar keinen Verstand hast, zähle doch einmal die Fenster in den Zimmern oben, es sind drei Zimmer, und in jedem Zimmer sind zwei Fenster, das sind doch nur sechs." „Ah," sagte Daniel und sah seinen Herrn erstaunt an. „Verstehst Du dem noch nicht?" sagte Jsenstein, „es muß also doch ein geheimes Zimmer da fein, besten Eingang niemand sieht, rmd den auch niemand finden kann, wenn er das Geheimnis nicht kennt. Die Zollbeamten sind noch nie auf den' Gedanken gekommen die Fenster einmal zu zählen, sonst müßten sie ja trotzalledem schon dahinter Dir sein, gekommen zeigen." Am Abend will ich es heute Abend winkte Jsenstein, nachdem Frau und Tochter zur Ruhe gegangen, Daniel mit den Augen zu und führte ihn eine Treppe hoch auf den Gang, der quer durchs Haus lief. Man sah eine Tür links der Treppe, die in daS nach dem Hofe gelegene Zimmer führte, und eine rechts der Treppe, welche den Aufgang nach dem Spei cher abschloß. Auf der andern Seite sah man Türen, welche in die drei nach der Straße zu gelegenen Zimmer führten, und in der äußersten Ecke, dem Speicherausgang gegenüber die Türe eines tiefen Wandschranks, worin die eingemachten Früchte des Haushalts aufbewahrt wurden. „Nun suche die Türe zum geheimen Zimmer," sagte Jsenstein siegesgewiß lächelnd zu Daniel. Daniel beklopfte beide Endwäude des Ganges, und da er keine hohlklingende Stelle fand, bemerke er seinem Herrn, der Eiimang müsse in» Wandschrank sein. Ohne ein Wort zu sagen schloß Jsenstein den Wandschrank auf, nahm die Konserven heraus und entfernte die Querbretter. Daniel beklopfte die Rückwand »md die Seitenbretter des Wa»»dschranks, fand aber a»uh da keine Stelle, die durch hohlen Klang auf ein dahinter liegendes Zimmer schließen ließ. „Ich finde den Eingang nicht", sagte Daniel, „wenn Sie ihn mir zeigen wollen, so ist es gut, ich finde ihn nicht, mein Suchen ist vergebens." „Wohl", sagte Jsenstein selbstzufrieden, „auch die Zollbeamten haben alle den Wandschrank schon ausgeleert und abgeklopft und haben nichts gefunden, und doch liegt im Wandschrank der Eingang." Ein Druck Jsensteins an einer gewiffen Stelle genügte, und die rechte Seitenwand bewegte sich und öffnete den Eintritt in ein einfenstriges Zimmer, das mit geschmuggelten Waren angefüllt war, und zwar nur mit solchen, bei denen der Zoll besonders hoch war. Daniel er kn nute sofort, wodurch ein hohles Klingen der Tür verhindert war. A»r der Tür waren von innen kastenärtige Holzrahmen angebracht, die mit Steinen ausgemauert waren, so daß die Tür eine bewegliche Steinwand darstellte. „Nimm einen Sack Kaffee unb trage ihn in den Laden." Daniel folgte schweigend und ging dann ruhig und nachdenklich auf sein Zimmer. (Fortsetzung folgt.) 1 ji Z 4 •J I •.os*

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