Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 32 (12.8.1909)
- Date
- 1909-08-12
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Feuilleton-Beilage zu Nr. 32 des „Fsraelit" euilleton. ver Scdutr. Novelle von S. Lutz, Mannheim. (Fortsetzung.) „Wissen Sie was, Bochur? Chaskel Blauschild ist gewohnt, mit seiner Frau zusammen am Seder zu sitzen." „O, Reb Chaskel", siel Daniel schnell ein, „das versteht sich, daß der Rebbe und seine Rebbezin zusammen eingeladen sind". Diese Schmeichelei, daß er ihn Reb Chaskel genannt, gab den Ausschlag. Chaskel Blauschild wiegte den Kopf von rechts nach links und von links nach rechts, drückte den rechten Arm fest an sich und hielt den Körper verrenkend die Innenfläche der Linket: nach oben. „Ein feines Jüngel, ein choschewer Bochur", sagte er, „ich geh mit euch, ich nehm die Einladung an für mich und meine Frau." Jsenstein war Daniel dankbar, daß er seinen Wunsch so schnell in Erfüllung gebracht hatte, aber er hielt es nicht für nötig, ein Wort zu verlieren, nur durch die Ehre, die er seine:: Festqästen erwies, vom ersten Augenblick an, als sie sein Haus betraten, zeigte er seine Genugtuung. Die drei Männer gingen zum Abendgotteddienst nach dem eine Viertelstunde entfernten Zippelmannshagen, wo einige jüdische Familien wohnten, und wo die zehn zum öffentlichen Gottesdienst nötigen männlichen Erwachsenen vorhanden waren. Wie erstaunt und überrascht war Daniel, als er vom Gottesdienst zurückkommend, das Wohnzimmer betrat, das in den letzten zwei Tagen, nachdem auch darin geschüttelt worden, abgesperrt geblieben war. Niemand durste es betreten, man behalf sich beim Essen mit irgend einem Eckchen, um den frisch gescheuerten Boden zu schonen und zu verhüten, daß ein Krümchen Gesäuertes hineingetragen werde. Zunächst siel Daniel das Sederhandtuch und die Ueberzüge der Sederkissen in die Augen. Das Handtuch, breit an der Wand neben dem Sofa herabhängend, war in bunter Seide gestickt, in der Mitte die Segenssprüche über die Mazzoth und die Bitterkräuter, in den Ecken die vier Söhne, von denen in der Haggadah die Rede ist; der Weise, der Böse, der Einfältige und der kindlich Unerfahrene, die sich Jeder in seiner Weise nach Grund und Zweck der Sedergebräuche erkundigen. Tie Kissenüberzüge waren von schwerem gelben golddurchwirkten Brokat. Als Daniel das Handtuch, das im Leinen mehrere zerschlissene Stellen zeigte, näher betrachtete und versuchte, die am unteren Ende eingestickte Jahreszahl der Herstellung zu entziffern, erklärte Jsenstein mit sichtlicher stolzer Befriedigung, daß seine Ur-Ur-Urgroßmntter dieses Handtuch als junges Mädchen gestickt und aus ihrem Brautkleid'selbst die Kissenüüerzüge angefertigt habe, daß das Handtuch seit mehreren Generationen nicht mehr als solches gebraucht, sondern nur zur Zierde an die Wand gehängt werde, während man sich zum Abtrocknen der Hände eines gewöhnlichen Handtuches bediene. Die verschlissenen Stellen fügte er hinzu, seien nur von dem jahrhundertelangen Liegen entstanden. Dann machte Jsenstein noch auf die schöne, am Rande durchbrochene Sederschüssel aufmerksam, und auf den Reichtum der Becher und Weinkannen aus getriebenem Silber, die den Festtisch zierten. „So was kauft man heute nicht mehr", sagte Jsenstein, das ist alles seit Jahrhunderten in der Familie fortgeerbt von Geschlecht zu Geschlecht." Daniel konnte seine Ueberraschung und Verwunderung nicht verbergen, denn er hatte geglaubt, jedes Eckchen und jeden Winkel des Hauses zu kennen und Nun zeigten sich seinem Blick Schätze, von denen er nichts gewahrt, nichts geahnt hatte. Chaskel Blauschild zuckte nur mit der Achsel, ihm war der Fttmilienbesitz Jsensteins gleichgiltig; oder wollte er nur andeuten, daß er gewohnt sei, an so reich gedeckten Tischen dem Seder beizuwohnen? Jsenstein ordnete die Sederschüssel. Er stellte die Dinge nach der Reihe wie er sie brauchte, zunächst den Kerbel und das Salzwasser, dahinter die Brunnenkresse und den Meerrettig als Bitterkräuter und daneben den aus gestoßenen Mandeln und Aepseln hergestellten süßen Brei, und zuletzt die nur zur Erinnerung an Zeiten der Festopfer, nicht zum Essen, bestimmten Tinge, wie das gebratene Ei und den gebratenen Knochen. Nachdem man an der Tafel Platz genommen und den Weinsegen des Festeinganges gesprochen, erfolgte der Hinweis auf die Mazzoth als Erinnerung an die Zeit der Sklaverei, die allgemeine Aufforderung an alle Bedürftigen, heranzukommen und am Mahl teilzunehmen, und dann der Ausdruck der Hoffnung auf eine bessere Zukunft in Freiheit und Unabhängigkeit. Und nun, als man anfangen wollte, die Haggadah zu lesen, jene Sammlung von Bibel- und Talmudsprüchen, von Erzählungen und Deutungen, die auf das Pessachfest Bezug haben, war der Augenblick gebimmen, daß Daniel seinerseits seinem Herrn eine ebenso große Ueberraschung bereiten konnte, wie Jsenstein sie ihm mit seinem geheim gehaltenen Familienreichtum verschafft hatte. Der erste Abschnitt der Haggadah mit den Fragen und Antworten, wodurch sich diese Nacht von allen andern unterscheidet, wurde im Hause Jsensteins wie in jedem andern von dem jüngsten Miglied der Familie vorgetragen. Recha hatte bisher diese Aufgabe immer nur stotternd und buchstabierend mühevoll fertig gebracht, aber heute trug sie nicht nur flott hebräisch lesend vor, sondern sie übersetzte auch fließend ins Deutsche und hörte nicht auf, als der Absatz beendet war, sondern trug noch einen großen Teil weiter in fließender Uebersetzung vor. Jsenstein rieb sich vor Vergnügen die Hände und nickte Daniel freundlich zu. Wenn es Sitte ist, die Sederfeier möglichst heiter zu gestalten, so trug auch Chaskel Blauschild das seinige dazu bei, die Familienfestfeier zu heben. Er gab zu verschiedenen Bibelstellen witzige und anekdotenhafte Erläuterungen, und es wurde ihm leicht, sich in der Meinung der einfachen Leute ein Ansehen tiefer Gelehrsamkeit zu geben. Nur Recha mußte sich anstrengen, über die lebhaften Gesten, mit denen er seine Erklärungen begleitete, nicht in lautes Lachen auszubrechen. - Nach einem reichlichen Mahle begann Jsenstein das Tischgebet mit der bekannten feierlichen Anrede: „Meine Herren, wir wollen beten," und als die Angeredeten vorschriftsmäßig geantwortet hatten: „Der Name des Herrn sei gelobt von nun an bis in Ewigkeit." ließ Jsenstein die Formel folgen, daß er selbst mit Erlaubnis des gelehrten Rabbi und der Herren das Tischgebet verrichten wolle u. s. w. Jsenstein hatte teils aus Ueberzeugung, teils aus Höflichkeit seinem Festgaste den Titel Rabbi beigelegt, aber Chaskel machte ein so ehrwürdiges Gesicht dazu und strich seinen langen Bart so feierlich und selbstbewußt vom Kinn bis zur äußersten Spitze, als ob in der Tat die Größe seiner Gelehrsamkett in direktem Verhältnis zur Länge seines Bartes stände. Nach dem Tischgebet fühlte Chaskel sich gedrängt, die ihm erteilte Rabbiwürde durch einen größer» Vortrag ins rechte Licht zu setzen und so fing er an: „Was haben wir heute für eine Nacht? haben wir Sonntag Nacht? neinhaben wir Montag Nacht? neinhaben wir Dienstag Nacht? nein, sag' ich, nein; vielleicht haben wir Mittwoch Nacht? oder Donnerstag Nacht? oder Freitag Nacht? oder Schabbes Nacht? rein, sag' ich, neinwas haben wir denn für eine Nacht? Wir haben die Nacht der Behütung, die Nacht, wo der Heilige gelobt sei er, uns in seinen besondern Schutz nimmt. Wie sagt der König David? Vertraut euch nicht auf den Schutz von Menschen, sagt er, vertraut euch nicht auf den Schutz von Fürsten, sagt er, vertraut euch nur auf den Schutz des Heiligen gelobt sei Ersagt er." Und nun verbreitete er sich, indem er dabei mit den Händen gestikulierte und mit dem ganzen Körper schaukelte über, den Schutz, den Gott von jeher seinen Kindern Israel besonders in der Pessachnacht hat angeoeihen lassen. Man hätte meinen können, CH iskel hätte den Tisch genossen ins Herz geblickt und hätte darin gelesen, wie sehr sie seit Monden ihren Sinn auf den Schutz der Regierung gerichtet hatten, damtt Daniel das große Glück erreichte, sich Schutzjude nennen zu dürfen, um sich einmal selbständig zu machen und heiraten zu können. Als Chaskel seinen mehr langen als grammatisch richtigen Bortrag beendigt hatte, wurde mit dem zweiten Teil der Haggadah begonnen. Jsensteins Bariton, Daniels Tenor und Chaskels Brumbaß stimmten harmonisch zusammen in den bekannten heitern Melodien, in welchen GotteS hehre Eigenschaften hebräisch und deutsch gesungen werden, und auch Rechas kindlicher Sopran schallte gar lustig darein. Frau Jsenstein und Chaskels Frau lauschten heiter und folgten aufnierksam den vertrauten, liebgewordenen Liedern - sie sangen nicht mit, weil das ihren religiössittlichen Anschauungen widersprach. Sie hätten ebensowenig in Gegenwart anderer Männer ihre Stimnie zum Gesang erhoben, als sie ihr Haar unverhüllt den Blicken eines anderen Mannes ausgesetzt hätten. Als auch der letzte Gesang, jene apologettsche Darstellung der ewigen Wiedervergeltung in der Natur, gesungen war, überraschte Recha zum zweiten Male ihren Vater, denn auch dieses Lied vom Lämmchen, das der Vater für zwei Gulden gekauft, und das in chaldäischer Sprache verfaßt ist, konnte Recha nicht nur lesen und singen, sie konnte es auch fließend in die deutsche Sprache übertragen. Jsenstein hatte die Leistungen seines Meschores seit seiner Einstellung wohl mit befriedigter Miene beobachtet, aber er hatte es unter seiner Würde gehalten mit lobenden Worten seiner Zufriedenheit Ausdruck zu gebenjetzt aber konnte er sich nicht enthalten Daniel ein gutes Wort der Anerkennung zu sagen. „Du hast mir wirklich eine große Freude gemacht," begann er, „Recha übersetzt ja wie eine Rebbezin, ich werde mir überlegen, wie ich mich dafür revanchieren kann." „Was ist da zu überlegen?" fiel Frau Jsenstein ein, „ein bischen Dank können wir gleich abstatten." (Fottsetzung folgt.) n^n m mm