Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 32 (12.8.1909)
- Date
- 1909-08-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der Israeli Wmrn Ein Cenfraloraan tfir das orfhodoxe Judentum KfSS^ Begründet 001 Dr. Lebnann in Mai« ul 50. Jahrgana. BS9 Franhfurfa. M.. Sen nbomument Pro »terteljahrr Gewöhnliche Ausgabe Mk.1.50, HestauSgabe (Kunstdruck) Mk. 3.—. Auslandspreise: Gewöhnliche Ausgabe: Oesterreich-Ungarn 2 Kr., Rußland 1 Lud., England 2 sh., Amerika 50 cts., Niederlande 1.20 fl., Frankreich Frs. 2.50. Abonnements bei allen Postanstalten, Buchhandlungen, sowie direkt bei dem Verlag. HestauSgabe nur dirett. Der JSraelit erscheint jeden Domrerftag. Inserate: 30 Pfennig für die sech-gespaltene Lolouel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Jnferatenannahme nur durch Haasenstein u. Bögler A^G.. Frankfurt a. M., und deren Filialen. Za hin« ge» können außer direkt au den Verlag erfolgen per: Eonto bei dem Postscheck-Amt Frankfurt a. M. No. 344, Aonto bei der 2. 2. Postsparkasse Wie« Ro. 796M. «onto bei dem 2. Postsparkasfenamt Budapest »*. 18424. Lonto bei der Rigaer Lommerzbank in Riga und deren Filialen. ver Nachdruck der Hrfifief und Correfponöen?en des „Israelit4* M nur unter genauer Quellenangabe, und, soweit es fich um gröbere Ruftfibe handelt, nur nach vorheriger Genehmigung gestattet i Das Scbmebticgel» Problem. Ein Vertreter des Londoner „Jewish Chonicle" hatte vor kurzem Gelegenheit, den Rabbiner Dr. Ascher aus New Dort, Rabbiner der orthodoxen B"n Gemeinde, über die religiösen Zustände in New Aork zu interviewen, und es verlohnt der Mühe, die zum Teil überraschend wirkenden Aeußerungen Dr. Aschers im Wortlaut wiederzugeben, weil sie dem jüdischen Politiker manche beachtenswerte Anregung bieten. Dr. Ascher behauptet vor allen Dingen, daß 90 °/o der jüdischen Bevölkerung in New Aork dem Judentum verloren gehen werde! Kompetente Autoritäten, wie Dr. Joseph Jakobs, Profeffor Sch echter und Jakob H. Schiff hätten festgestellt, daß nicht mehr als 10 "ja von den jüdischen Kindern in New Uork irgendwelchen Religionsunterricht erhielten. „Meine eigenen Nachforschungen ergaben", meinte Professor Ascher, „daß die Zahl sogar noch geringer ist. Um die Situation richtig zu verstehen, müssen Sie wissen, daß unser Unterrichts-System konfessionslos ist und daß wir in unseren Schulen noch nicht einmal, wie in England, einen sogenannten konfessionslosen Religionsunterricht haben. Der Religionsunterricht muß privat erteilt werden, und wo dies nicht geschieht, wachsen die Kinder ohne jede Kenntnis ihrer eigenen Religion auf. Erst vor kurzem brachte mir eine Mutter ihren Knaben von beinahe 13 Jahren und erzählte mir, er habe „das Alter" erreicht und es sollte „etwas" für ihn getan werden. Sie stand unter dem Eindrücke, daß eine feierliche Zeremonie stattfinden müsse und bat mich, diese anzuordnen. Ich gab ihr zu verstehen, daß dies die Barmizwoh sei. „Barmizwoh, ja, das ist das Wort!" rief sie aus. Wenn die Unwissenheit der Mutter außergewöhnlich war, so war die des Knaben noch erschreckender. Er war ein prächtiger munterer Bursche, und ich stellte verschiedene Fragen an ihn. Er war noch niemals in der Sonntagsschule gewesen und hatte noch niemals die Bibel gelesen. Er wußte nichts von Moses oder Abraham und kannte noch nicht einmal die zehn Gebote.' Er war überhaupt absolut unwissend in den Hauptgrundlagen des Religionsunterrichts, selbst in dem Teil,- der, wie man annimmt, von jedem gebildeten Menschen beherrscht werden sollte. Verschiedene Ursachen rufen diese grauenvollen Zustände hervor. Hauptsächlich das abnorme Wächs- Mt der Wmevwe». Nnv Work könnte tatsäch- Erziehung nicht Schritt halten. Wenn der Staat mit all seinen Hilfsquellen hierzu unfähig ist, so bietet dies für die jüdische Gemeinschaft, die auf freiwillige Hilfe angewiesen, ist und mit besonderen religiösen Gegensätzen zu kämpfen hat, gewiß eine Entschuldigung. Der Zuwachs der wohlhabenden phllantropischen Klassen stand nicht in richtigem Verhältnis zu dem der Allgemeinheit und die zu unserer Verfügung gestellten Hilfsmittel mußten für die zum Leben notwendigen Bedürfnisse aufgehoben werden, die, selbst wenn alles andere vernachlässigt wird, unbedingt befriedigt werden müssen. Eine andere Ursache ist der Mangel an religiösem Interesse überhaupt. Wenn das Volk sieht, wie durch einen Schutzmann an jeder Straßenecke für die „Zivilisatton" gesorgt wird, so erblickt es keine Notwendigkeit zu einer religiösen Basis. Das Gewissen hält es für unnötigen Luxus. Es fühlt wie Matte Antoinette, welche einst äußerte, daß, solange es Kuchen gäbe, sie nicht einsähe, warum die Leute nach Brot jammern. Was braucht man zu den ersten Grundsätzen zurückzugreifen, für was überhaupt ein Gewissen kultivieren, solange sozusagen eine öffentliche Verpflichtung zur „Zivilisation" besteht?" Die Resultate dieser Verhältnisse zeigen sich in allen Klaffen der Gemeinschaft. Vor einiger Zeit traf ich bei Dr. Felix Adler einen Professor an einer Universität in New Uork, der mir erzählte, daß er diese Woche sein Kind aus einer Privatfchule herausgenommen habe, weil so viel Juden dorthin gingen. Ich wies ihn ganz erstaunt und erzürnt zurecht und fragte ihn, wie er nur so illiberal reden könne. Er antwortete mir, daß er niemals nur daran gedacht hätte, seine Kinder aus der Schule zu nehmen, wenn die Schüler wirkliche Juden gewesen wären Aber sie seien keine Juden mehr, und er könne es nicht dulden, daß dieselbe Raffe, die der Welt die zehn Gebote gegeben habe, sie ihr jetzt wieder raube! Das war seine Meinung. Er meinte, daß die jüdischen Kinder in der Schule gänzlich materialistisch gesinnt seien, und auf diese Weise die Schüler fast alle zu Heiden würden. In den ärmeren Streifen kann man die Wirkung dieser traurigen Zustände schon aus der Jnftitutton schließen, die in den letzten Jahren notwendig wurde: The Jewish Proteetory, ein jüdisches Protettorat für jüdische Kinder. Mr. Jakob Schiff und Mr. Louis Marschall, die Begründer der Anstalt, erklärten öffentlich, daß sie religiöse Tendenzen wahren müsse, um die Schäden, Ein dritter Faktor, der die Situation beleuchtet, ist vielleicht in der Angabe zu finden, die der Kommissär Bingham in bezug auf den großen Prozentsatz von jüdischen Verbrechern machte, eine Behauptung, die, wenn sie in ihrer übertriebenen Form auch noch so unbegründet war, in ihrem Wesen doch immerhin zu viel Wahrheit enthält, um von uns gerechtfertigt werden zu können. 60 % mögen davon unwahr sein, aber selbst 10 °/o ist zu viel." „Können die Synagogen nichts zur Besserung dieses mangelhaften Zustandes beitragen?" „Sie könnten, wenn sie existierten. Aber wir müssen mit der verblüffenden Tatsache rechnen, daß in dem östlichen Teile 80 bis 90000 Juden wohnen, die Englisch sprechen, und die nicht eine einzige Synagoge besitzen, um ihren religiösen Anforderungen zu genügen. In dem unteren Stadtteil besteht nicht eine Synagoge, in der ein englischer Gottesdienst nach orthodoxem Ritus abgehalten wird. Ein oder zwei Versuche sind schon unternommen worden, um diesem Mangel abzuhelfen, aber sie sind alle vollständig fehlgegangen. Wir brauchten dazu mindestens vierzig gutausgebildete, englischsprechende 'TD^n, die den Ansprüchen der alten Generation genügen und die junge auf die Anforderungen des modernen Lebens angemessen vorbereiten könnten." „Was geschieht mit denjenigen Immigranten, die mit jüdischer Vorbildung nach Amerika kommen?" Sie gehen religiös zu Grunde. Betrachten Sie einmal den Unterschied zwischen dem, was für die Immigranten in England, und dem, was in New Jork getan wird. Es ist wahr, daß Ihr sie zu anglisieren sucht, aber zu gleicher Zeit zeigt Ihr ihnen, daß ein typischer Engländer seine Tefillin anlegt und am Sabbat seinen Laden geschlossen hält, daß er jede öffentliche Ehre erwerben und doch ein treuer Jehudi bleiben kann. Die Anglisierung erscheint ihm nicht als etwas seinen religiösen Pflichten oder seinen geistigen Idealen Entgegengesetztes. Bis er dieses Endziel erreicht hat, mag er wohl oft verzweifeln. Aber wenn er sein - Streben auf seine Kinder weiteroerpflanzt, dann tut f er es nicht in dem Gefühle, daß er seine Nach- T kommen einem vollends fremden Einflüsse übereben müffe; er sühlt stets, daß er sein Kind ei sich hat, deffen religiösen Geist er heranbilden und leiten kann. In New Aork ist es gerade umgekehrt. Unter Amerikanisierung verficht man hier vollständige Entjudung. In Fische 8 »i niineit "iwr v" 1