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Der Israelit · 1909-08-05 · Heft 31 (5.8.1909) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 31 (5.8.1909)
Date
1909-08-05
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Feuilleton-Beilage zu Nr. 3l des „Fsraelit". euilleton. ver Schutt. Novelle von S. Lutz, Mannheim. (Fortsetzung.) „Unsinn, solche ungerechte Gesetze, die nur gegen einzelne gemacht sind, haben alle nur den Erfolg, daß sie umgangen werden. Mit Geld und Protektion kann man einen Schutzbrief bekommen." „Gut, ich will Ihr Meschores werden, wann kann ich eintreten?" „Gleich, mein Meschores mußte wegen Krankheit nach Hause." „Recht, ich bleibe da." „Du bekommst monatlich einen Taler und alle Jahr einen blauen Kittel und ein Paar gutgenagelte Schuhe." Mit diesem „Du" war Daniel der Familie angeschlofsen und nahm teil am Wohl und Wehe derselben, als wäre er ein geborenes Familienmitglied. Der Meschores unterschied sich vom Knecht oder Diener wesentlich, da er nur für geschäftliche Tätigkeit in Anspruch genommen wurde und auch selbständig Kauf und Verkauf ausführen durste, wenn er sich auch allen geschäftlichen körperlichen Handlanger- und Knechtsarbeiten unterziehen mußte. Er war weder Kommis noch Knechr, aber in gewissem Sinne beides. Am meisten fand man den Meschores bei den Viehhändlern, wo er ebensowohl die Stallknechts- und Viehtreiberarbeit verrichten mußte, wie er auf den Handel ging und rechtsgültige Geschäfte für seinen Herrn abschloß, doch hatten auch die Kaufleute, namentlich in kleinen Orten, ein solches Faktotum im Hause. Unser Daniel war also jetzt im Hause Jsensteins engagiert. Jsenstein machte eine Kopfbewegung nach seiner Frau: „Gieb dem Daniel eine Tasse Kaffee und ein Stück Brot und zeige ihm sein Zimmer, danlit er sein Ränzchen hinaufstellen kann." Als beides geschehen war, saß Daniel kurze Zeit still, Jsenstein schrieb immer noch an seinen Briefen, ohne sich um ihn zu kümmern. „Herr Jsenstein, darf ich der Recha ein Trendel schnitzen, ich bin Schreiner und kann —" Jsenstein drehte sich blitzschnell aus seinem Sessel herum. „Hör einmal, Daniel, ich. will Dir etwas sagen, weißt Du nicht, was der König Salomon gesagt hat? Es gibt eine Zeit für alles, hat er gesagt, es gibt eine Zeit zum Spielen und es gibt eine Zeit zum Arbeiten, jetzt ist die Zeit zum Arbeiten, jetzt kannst Du Düten machen und heut Abend nach dein Essen kannst Du Trendelchen schnitzen und kannst meinetwegen mit Trendelchen spielen, die Nüsse dazu will ich euch stellen." i Wenn auch die Bibelstelle nicht ganz genau zitiert worden war, so machte sich Daniel sofort an die aufgetragene A rbeit. Einer Anleitung bedurfte es nicht, da Daniels Vater das gleiche Geschäft hatte, ihm also alle vorkommenden Arbeiten bekannt waren. Der folgende Tag war ein Freitag. Als nachmittags das Geschäft für den Sabbath geschlossen, und die festliche Abendmahlzeit eingenommen war, legte Daniel sich nicht, wie es seine Vorgänger getan, auf die Ofenbank, um zu schlafen, sondern er holte sich aus seinem Zimmer ein Buch, setzte sich an den durch die siebenzackige Sabbathlampe erhellten Tisch und vertiefte sich ins Lesen. Jsenstein und Frau sahen sich verwundert an und sagten zunächst nichts; als aber ein rascher Seitenblick Jsenstein belehrt hatte, daß Daniel ein deutsches Buch las, und zwar ein solches, worin Gedichte standen, da konnte er sich nicht enthalten, seiner Verwunderung Ausdruck zu geben. „Was liest Du?" „Schillers Gedichte." „Wie kommst Du dazu?" „Ich habe immer gern gelesen und mein Lehrer hat mir immer 'Bücher geliehen, damit ich meiner Lust folgen konnte. Als ich vor dem Antritt meiner Wanderschaft Abschied von ihm nahm, hat er mir zum Andenken Schillers Gedichte geschenkt und mir geraten, ich solle, wenn ich kein Buch zum Lesen habe, nur Schillers Gedichte auswendig lernen." Diese Entdeckung veranlaßte Jsenstein, sich nach der Schulzeit Daniels zu erkundigen, und so erfuhr er, daß der neue Meschores in der Schule ein so guter Schüler gewesen, daß der Lehrer durch Privatunterricht sein Wissen in jeder Hinsicht gefördert hatte, und daß Daniel auch in jüdischen Dingen, ein mehr als gewöhnliches Wissen sein eigen nannte." „Du könntest mir einen Gefallen tun", sagte deshalb Jsenstein plötzlich. „Recht gern", antwortete Daniel. „Recha hat sehr wenig Kenntnisse in der Jüdischkeit, da wir hier so allein wohnen und sie keine jüdische Religionsschule besuchen konnte. Sie kann kaum ein bischen die Gebete A lesen. Willst Du ihr jeden Samstag und Sonntag nachmittags, wo doch nichts im Geschäft zu tun ist. Unterricht geben in Chumesch und Gebetübersetzen?" „Ach, recht gern." „Es soll Dein Schaden nicht sein." Schon am anderen Tage begann Daniel mit der neuen Aufgabe, und da Recha ein gewecktes Kind war, ging das Lernen so leicht, daß Lehrer und Schülerin Vergnügen daran fanden. Jsenstein bemerkte bald mit geheimer Freude, daß seine Tochter Fortschritte machte im Unterricht, und daß sie auch anfing, Schillers Gedichte zu lesen, zu verstehen und auswendig zu lernen. Daniel wurde dadurch seinem Herrn immer lieber urrd das Verhältnis gestaltete sich bald so, als wenn er nicht ein bezahlter Diener, sondern ein Verwandter des Hauses wäre, besonders da auch seine geschäftlichen Hülfeleistungen befriedigend waren. Deshalb nahm die Familie Jsenstein auch immer mehr Anteil an Daniels persönlichen Interessen. Jsenstein hatte wohl schon bei dem ersten Eintritt Daniels, ehe er denselben als Meschores angedungen, davon gesprochen, daß das erste Streben eines jüdischen jungen Mannes daraus gerichtet sein müsse, sich den Schutzbrief zu verschaffen, weil er ohne einen solchen keine Aussicht habe, sich wirtschaftlich selbständig zu machen, das hatte er aber nur so im allgemeinen gejagt als Glaubensgenosse, der unter der gleichen 'Sonderbedrückung gestanden, wie Leidensgefährten sich uneigennützig unterstützen ohne seelisch miteinander verbunden zu sein. Nach und nach hatte Jsenstein jedoch dem anstelligen, treuen Dieners der auch das Wissen seiner Tochter eifrig förderte, ein herzlicheres Interesse zugewandt und nun saßen sie oft den ganzen Abend und berieten mit einander, wenn die geschäftlichen Anordnungen für den folgenden Tag erledigt waren, wie Daniels Schutz durch den größeren Einfluß des vermögenden Jsenstein zu fördern sein möchte. Mle Beamten in der Kreisstadt, denen Jsenstein durch Kredit oder durch irgend eine Besorgung je eine Gefälligkeit getan, ließ man Revue passieren und überlegte, ob man sie nicht in Anspruch nehmen könnte zur Empfehlung bei den maßgebenden Personen, von denen die Ausstellung des Schutzbriefes abhing. So oft Jsenstein einen vergeblichen Versuch gemacht hatte, so oft er nach reiflicher Ueberlegung zur Ueberzeugung kam, daß ein Versuch durch diesen oder jenen zum Ziel zu gelangen aussichtslos und deshalb zu vermeiden sei, immer endigte er die Besprechung mit den Worten: „Macht nichts, Daniel, nur Geduld und den Mut nicht verloren, ich ruhe nicht, bis ich Dir geholfen habe, Du mußt und sollst Deinen Schutz bekommen." II. Die Zeit des Pessachfestes nahte. Daniel hatte sich inzwischen so in die Familie eingelebt, daß er es mit seiner Manneswürde zu oer-, einbaren wußte, auch Frau Jsenstein beim „Schütteln" zu helfen und häusliche Hilfsleistungen zu tun, als wäre er ein Sohn des Hauses, der der Mutter gegenüber nicht peinlich abrechnet, ob er zu einem Dienste verpflichtet ist oder nicht. Er fühlte sich nicht als der bezahlte Meschores, der sich auf sein Recht beruft, daß er nur zu geschäftlichen Diensten herangezogen werden dürfe, er schleppte der Hausfrau Wasser bei zum Scheuern der Stuben, er half das gewöhnliche Geschirr hinwegräumen aus den Speicher, trug das Pessachgeschirr herunter und schnitzelte Papier spitzenartig aus, zum Belegen der Tellerbretter und dergleichen mehr. Am Rüsttage des Pessach ging er auf Geheiß Jsensteins hinaus ans die Wiesen und suchte Brmmenkresse, deren der Hausherr bedurfte als Bitterkraut auf der Sederschüssel. Es blinkte und blitzte schov alles im Hause, alles machte schon eine freudig-festliche Miene, nur Jsenstein schien nicht ganz zufrieden. „Weißt Du was? Daniel?", 'sing er plötzlich an, „mir fehlt noch was zum richtigen Feiertagsgenuß." „Was ist das?" „Der dritte Mann." „Ah, ich versteh, für das Tischgebet heute Abend beim Seder." „Ja wohl, Daniel, was hilft es mir, wenn ich beim Seder sage: Wer hungrig ist, komme und esse mit, wer es nötig hat, trete ein und feiere Pessach mit uns, es kommt doch keiner. Das ganze Jahr find die Wanderer froh, wenn sie bei mir ein Mittag- oder Abendessen bekommen, aber die Feiertage drängen sie sich alle nach der Stadt, sie wissen, daß gar Biele das : Tischgebet beim Seder gern mit M e s u m o n verrichten, wie es Vorschrift ist, und da vergeben sie sich wie eine Gunstbezeugung, man muß dankbar sein, wenn sie unsere Einladung und gute Verpflegung annehmen. „Ich mach's", sagte Daniel kurz, und ging sofort aus dem Hause. Auf der Landstraße vor dem Dorfe traf er, wie er erwartet hatte, einen Wanderer, der der Kreisstadt zustrebte und zwar einen recht ansehnlichen, dem der rötlich blonde Bart bis zum Gürtel wallte. Daniel trat rasch an ihn heran und lud ihn zum Essen während der Feiertage. „Bah", sagte er wegwerfend, „auf dem Dorf! nicht einmal eine Herberge ist da." „Wir werden den Wirt bestimmen, daß er Ihnen eine gute Herberg gibt aus unsere Kosten." Der Wanderer durchkämmte mit den Fingern seiner Rechten mehreremale seinen langen Bart, strich denselben, ihn wieder zusammenfassend, ebensoviele Male mit der Linken vom Kinn bis zur Spitze, kniff das rechte Auge zu und sah Daniel mit dem Linken blinzelnd an. (Fortsetzung folgt.)

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