Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 30 (29.7.1909)
- Date
- 1909-07-29
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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AasVX/eff cimf JLet> Üllusfrierfe Beil ,3sraelif* Oie Juden in der alten scbwSbiseben Reichsstadt Ravensburg. Bon Rabbiner Dr. Schweizer-Weikersheim. Ravensburg, eine Stadt mit über 12000 Einwohnern, im Königreich Württemberg, zwischen der Donau und dem Bodensee gelegen, hat eine große historische Vergangenheit. Wie die meisten schwäbischen Städte, war auch Ravensburg nach dem Untergange der Hohenstaufen und des Herzogtums Schwaben reichsunmittelbar geworden. Kaiser Rudolf von Habsburg, der im Jahre 1286 persönlich in Ravensburg weilte, verlieh der freien Reichsstadt das Recht, alle Samstage einen Wochenmarkt halten zu dürfen. Aus kleinen Anfängen entwickelte sich im Laufe der Jahre ein überaus lebhafter Handel in der Stadt. Es entstand die sogenannte „Große Ravensburger Gesellschaft", welche im Jahre 1431 über ein Kapital von 300000 Goldgulden verfügte und ihren Waren- und Goldhandel bis Mailand, Genua, Neapel einerseits und die Niederlande andererseits ausdehnte. Der lebhafte Handel Ravensburgs hat schon sehr frühe die Juden nach der freien Reichsstadt hingezogen. Sie waren die ersten gewesen, die auf den Gedanken kamen, .den an Ravensburg vorbei in den Bodensee fließenden Schussen-Fluß schiffbar zu machen. Im Jahre 1400 verlieh König Wenzel in der Tat der Stadt das Recht, „das Wasser, das von ihrer Stadt abrinnet in den Bodensee, und das man nennet die Schüssen, solcher Gestalt zu bauen und zu machen, daß es ein geladen Schiff bis in den Bodensee ertragen möge nach allen Städten". Der erste urkundlich überlieferte Name eines Juden von Ravensburgist Aaron. Im Jahre 1426 schwört Hans Murat von Meersburg Urfehde, daß er an Ravensburg die Strafe nicht rächen wolle, die er erhielt, weil er „Aaron, den Juden, Bürger in Ravensburg", darniedergeworfen, ihm das seinige genommen und ihn mißhandelt hat. Die Urkunde ist mit dem Siegel des Grafen Hugo von Werdenberg versehen. Das Ulmer Steuerbuch vom Jahre 1427 führt noch zwei andere Juden von Ravensburg auf: Es zahlt Jud Lee von Ravensburg 1 Gulden, Salomon von da 3 Gulden Steuer. Ein anderer Jude von Ravensburg wird urkundlich in Verbindung mit einem andern Glaubensgenossen von Colmar genannt, der eine Denunzierung begangen. Laßmann, Jud zu Ravensburg, war von Abraham, Juden von Colmar, beschuldigt worden, falsche Jnsiegel zu machen, er habe das selber gesehen. Laßmann wurde deshalb „gehaimet" (eingezogen) und in das „vangnuß" (Gefängnis) gebracht. Er verspricht, die Strafe nicht zu rächen. Die Urkunde ist mit dem Siegel des Hans Honburg und des Unterlandvogts Jorg Kröl versehen. lieber die rechtliche Stellung der Juden Ravensburgs wird nichts besonderes überliefert. Augenklinik in Jerusalem. Sie werden allem Anschein nach dieselbe Stellung eingenommen haben wie in allen Reichsstädten. Doch über den Judeneid hat die Stadt Ravensburg das Nähere mit folgenden Worten bestimmt: „Es ist zu wissen, wenn der Jud schwören soll über eine Sach, die er läugnet, so soll er gehen in die Juden-Schul, und soll schwören auf dem Buch, da die zehen Gebot unsers Herrn angeschrieben stehen, und soll also sprechen: Ich schwöre bei dem allmächtigen Gott und bei der Ehr, so unser Herre Gott vom Himmelreich Moysen gab auf dem Berg Sinai, daß ich der Sach, der man mich schuldiget, unschuldig bin, noch nit weiß. Der Jud hat den Gewalt, daß er schwören soll über zween Tag und sechs Wochen, so ihm ertheilt wird, daß er schwören soll, oder will er gern, so schwört er zumal (sogleich) wie vorgeschriebon steht." Man sieht, daß der Judeneid in Ravensburg nicht jene die Juden entehrende und tief kränkende Formen aufwies, wie sie zur damaligen Zeit in anderen Städten vorhanden waren. . Doch harrte ihrer im 15. Jahrhundert ein hartes Los,- mit blutgetränkten Lettern ist in der Geschichte Ravensburgs das Jahr 1430 verzeichnet, in welchem sämtliche Juden Ravensburgs infolge einer ruchlosen, völlig unbegründeten Anschuldigung den Märtyrertod erlitten. Es war die Zeit, wo man die Juden für alle vorhandenen Uebel verantwortlich machte, wo man behauptete, sie hätten die Brunnen vergiftet und Christenkinder gemordet, schon die bloße Beschuldigung war für die große Masse das Signal, über die wehrlosen, unschuldigen Juden herzufallen und sie ihrer Habe, ihres Eigentums zu berauben, und auf die gewaltsamste Weise chnen den Tod zu bereiten. So wurden am Ende des 14. und am Anfang des 15. Jahrhunderts an vielen Orten Schwabens die Unglücklichen grausam verfolgt, verbrannt und erschlagen. Den Märtyrern zu Ueberlingen, Memmingen, Lindau, Augsburg, Zürich, Schaffhausen,'Winterthur und Konstanz, folgten nun auch die zu Ravensburg. Am 2. Mai 1428 fand in Ravensburg die Hochzeit der einzigen Tochter des reichen Juden Lazarus, die einen anderen Ravensburger Juden heiratete, statt. Biele Juden aus den benachbarten Städten beteiligten sich an dem Freudenfeste des reichen Lazarus. Da lief, nach der phantasievollen Anklageschrift, ein Schulknabe namens Ludwig Etterlein aus Brugg bei Zürich, der das Ravensburger Gymnasium besuchte, mit anderen, ihm befreundetenJuden- Kindern in das Hochzeitshaus, um das Fest mitanzusehen. Als Lazarus den Ludwig sah, ließ er ihn in die Küche kommen, um daselbst den Braten zu wenden. (Schon dieses Moment beweist das Sagenhafte der Erzählung.) Der Zknabe war frohen Mutes in die Küche eingetreten. Als der Abend angebrochen war, soll nun Lazarus zwei bekannte Juden herbeigerufen haben, um ihnen sein Vorhaben mitzuteilen, daß er nämlich diesen Knaben ermorden und dessen Blut auffangen wolle, wozu die zwei Juden ihre Hilfe versprachen. Dem Knaben, nichts Böses ahnend, wurde der Hals mit einem Schleier verbunden