Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 30 (29.7.1909)
- Date
- 1909-07-29
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Feuilleton-Beilage zu Nr. 30 des „Fsraelit". Der $cl>utz. ’euiüeton Novelle von S. Lutz, Mannheim. (Fortsetzung.) Wenn Jakob Jsenstein die Lichtlein ans Fenster gestellt hatte, um es der großen Welt zu künden, daß hier ein Glied des Volkes wohnte, das für die wunderbare Rettung aus Feindes¬ und Gewissensnot seine Dankbarkeit weithin sichtbar verkünden wollte, so hatte er damit nur einen geringen Erfolg, denn die christlichen Mitbewohner des Dorfes wußten ja alle, daß er Jude war und daß er seine „Weihnachten", wie sie das Chanukahfest benannten, dadurch feierte, daß er acht Tage lang jeden Abend ein Lichtchen mehr an seinem Weihnachtsleuchter anzündete, das wußten sie ebenfalls längst, sie schauten kaum darnach, nur legte hier und da einmal ein muntrer Junge oder ein neugieriges Mädchen von den Dorfkindern, dem die Lichtchen noch eine neue interessante Erscheinung war, verschämt oder dreist die Stirn an die Scheiben der niedrigen Fenster und freute sich, Weihnachtlichtchen zu sehen, die nicht in die Aefte enes Tannenbäumchen gesteckt waren. Sie dachten dabei so wenig an das Wunder, dessen Kenntnis Jsenstein verbreiten wollte, wie sie sich fragten, warum Jsenstein seine Mahlzeiten nicht im Zimmer nahm, wenn sie einmal durch das den Eingang deckende weiße Tuch hindnrchlugten in seine durch die Sabbathlampe erleuchtete Laubhütte. Sie waren an die Betätigung der jüdischen Gebräuche durch Jsenstein gewöhnt, das verwunderte sie nicht und lockte sie nicht. Jakob Jsenstein kümmerte sich auch nicht um den Eindruck, den sein Tun nach außen machte, er hatte die Lichtchen angesteckt und ging jetzt im Zimmer umher und fang in der über die weite Welt verbreiteten Melodie das bekannte Lied von der Tempelweihe in Vergangenheit und Zukunft: Dir, o Fels und Glückeshort Gebühren Dankeslieder. Führ uns bald zum hehren Ort Der Tempelstätte wieder. Den letzten Druck vernichte, Dein heiliges Haus errichte, Damit vereint Dein Volk erscheint Vor Deinem Angesichte. Als mich in Egyptens Land Der Dränger nicht verschonte, Und des Lebens Kraft mir schwand, Im schweren Dienst der Fronde, Da kamst Du zu erretten Dein Volk aus Sklavenketten, Den Feind hinab Ins Wassergrab, Ins kühle Meer zu betterr. Selbst im Tempel fand nicht Rast Ich vor des Feindes Drängen Weh', an Babels Weidenast Mußt' meine Har* ich hängen Da war in schwerem Bangen Ich siebzig Jahr gefangen Doch Babel fiel, Der Freiheit Ziel Könnt' ich aufs neu erlangen. Haman, des Hamdatha Sohn Erfüllt mein Herz mit Beben, Denn er strebte Dir zum Hohn Ganz Juda nach dem Leben, Doch durch dies bös Verlangen Ward selber er gefangen, Und mußt' wie zehn Ihm gleiche Söhn Zur Straf am Galgen hangen. Syrer unterjochten mich Zur Zeit der Hasmonäer, Doch die Macht der Feinde wich Der Macht der Makkabäer, Dein Volk erfaßte Reue Ob seiner Schuld, und treue Ergebenheit Für alle Zeit Gelobt es Dir aufs neue. Nach der Beendigung seines Gesanges, setzte er sich an seinen Schreibtisch, um Eintragungen in seine Bücher zu machen und einige Geschäftsbriefe zu erledigen, denn Chanukah ist ja kein biblisches Fest/ das jede Werktätiqkeit untersagt. Immerhin zeigte sich die Weihe des Tages auch im Ruhen der Arbeit, denn Frau Jsenstein und deren Tochter Rebba, die sonst nie einen Augenblick müßig waren, die, wenn im Haushalt oder im Laden nichts zu tun war, sofort den Strickstrumpf oder eine andere weibliche Arbeit zur Hand nahmen, sie arbeiteten heute nicht, wenigstens nicht so lange die Festlichtchen brannten. So war es denn recht still im Zimmer, nur das Knirschen des Federkiels auf dem Papiere war zu hören. Plötzlich mischte sich von außen das singende Pfeifen hinein, das der Fuß des Wanderers auf dem hartgefrorenen Schnee erzeugt und das Klirren eines eisenbeschlagenen Stockes, den der Wanderer in die glatte Schneefiäche stieß, als er von der Landstraße abweichend die etwas ansteigende Gaffe sich zum Hause heranbewegte. Die Haustüre klinkte, und schon wollte Frau Jsenstein sich erheben, um hinauszugehen und den vermeintlichen Kunden zu bedienen, als die Stubeulüre ein wenig geöffnet und gleich wieder geschlossen wurde. Nur die Worte: „Ein armer jüdischer Handwerksbursche" waren leise gesagt worden. Frau Jsenstein setzte sich wieder und der Hausherr rief: „Komm er herein." Herein trat ein junger, kräftiger Mann von 18 — 19 Jahren mit einem Anstug von Bart über das ganze Gesicht und stellte sich, die Mütze in der Hand, neben der Türe auf. „Wo kommt er her?" „Von Zippelmannshagen." „Und wo geht er hin?" „Nach Stählheim." „Führt da der Weg durch mein Haus?" fragte Jsenstein mit zusammen gezogenen Brauen und grimmigem Blick. „Sie haben mit Ihren Lichtern gewinkt und da habe ich geglaubt, wo ein jüdisches Hauist, da war auch ein jüdisches Herz." Sofort verwandelte sich die spaßeshalber aufgesetzte grimmige Miene Jsensteins in ein freundliches Lächeln. „Jung, er gefällt mir, er weiß auch auf eine Überzwerge Frage eine gescheite Antwort zu geben. Hat er denn schon entzünden?" „Nein, aber ich habe meine Wachskerzchen bei mir." „Das ist recht, da kann er gleich hier entzünden und über Nacht bleib«n, es ist doch mit Gefahr verbunden, bei dem Wetter in der Nacht noch bis Stahlheim zu gehen." „Recha", wendete er sich an seine Tochter, „geh einmal hin ans und hole eine dünne Leiste oder ein Bre tchen herein, wir werden Nägel durchschlagen, darauf können wir die Kerzchen stecken." Der Handwerksbursche stellte den Stock in die Ecke, legte sein Ränzchen daneben auf die Erde und blieb kerzengerade neben der Türe stehen. „Warunr geht er noch so spät?" „In Zippelmannshagen gabs keine Arbeit und da wollte ich noch bis Stahlheim, wo ick hoffe, morgen früh Arbeit zu finden, ich glaubte auch rascher vorwärts zu kommen, aber bei der Glätte kommt man nur langsam von der Stelle." „Was ist er?" „Schreiner." „Warum ist er Schreiner geworden?" „Sie wissen doch, daß bei den Juden nur ein Sohn den Detailhandel treiben darf und —" „Ich weiß, aber die meisten werden doch Metzger, Bäcker, Schuster, Schneider oder dergleichen, warum ist er Schreiner geworden, er wird doch als Jude nicht das Schreinerhandwerk ausüben können." „Das weiß ich, aber ich hatte besondere Lust dazu." „Merkwürdig. Was ist denn sein Vater?" „Bnchbinder." „Ach was, was für ein Geschäft er hat will ich wissen, nicht das Handwerk das er gelernt hat." „Er hat ein Gemischtwarengeschäft." „Bekommt er einmal das elterliche Geschäft?" „Nein, ich habe vier ältere Brüder." „Wo ist er her?" „Aus Steindorf." „Wie heißt er?" „Daniel Rosenberg." Recha brachte das gewünschte Brettchen und bald waren die Kerzchen in einer Reihe aufgesteckt, acht in gleicher Entfernung, das neunte, das zum Anzünden der vorgeschriebenen acht diente in einiger Entfernung davon. Daniel sprach mit wohltönender Stimme den Segensspruch über das Anzünden der Lichter und zwar so laut, daß Jsenstein, als der Name Gottes genannt wurde, mit einem kräftigen „Gelobt sei er und gelobt sei sein Name" und am Schluffe mit einem inbrünstigen „Amen" einfallen konnte. Dann reichte Jsenstein das Gebetbuch hin, damit Daniel auch das Weihegebet über Zweck und Bedeutung des Lichtanzündens sagen könne, aber Daniel sagte auch diesen weniger allgemein bekannten Spruch auswendig, so daß Jsenstein ganz überrascht zu dem jungen Mann aufschaute und dann sich nachdenklich an seinem Schreibtisch niederließ. Während Daniel für sich das Lied von der Tempelweihe sang, nickte Jsenstein wiederholt für sich hin. „Jung, er gefallt mir", sagte er dann noch einmal zu Daniel, nachdem er seinen Gesang beendigt, „ich will ihm einen Vorschlag machen, bleib er bei mir und werd er mein Meschores" „Ich muß aber drei Jahre wandern in meinem Handwerk." „Wohin will er wandern? Hier ist nach allen Seiten Grenze. Da ist Hannover, da Braunschweig, da Lippe, und er weiß doch, daß er als jüdischer Handwerksbursche nur in seiner Provinz, nicht einmal in einer andern preußischen Provinz arbeiten darf." „Leider Gottes, und dabei sollen wir doch mit Zwang ein Handwerk erlernen'" „Weiß er was? Werd er mein Meschores, in die Zunft wird er ja doch nie ausgenommen, und wenn er der geschickteste Schreiner der Welt wäre, er kann also auch nie das Handwerk ausüben." „Ich muß aber doch drei Jahre wandern." „Das ist eine Kleinigkeitwenn ich einem hiesigen Meister ein Paar Groschen in die Hand drücke, schreibt er ihn als Gesell ein und aus wie ich es haben will, das Wandern hat für ihn keinen Zweck, er muß nur sehen, daß er einmal seinen Schutz bekommt, damit er sich selbständig machen und heiraten kann." „Ich bekomme keinen Schutz; in unferm Kreis bekommt immer nur einer oder höchstens zwei von einer Familie Schutz, und in einen anderen Kreis darf ich als Jude doch nicht ziehen." (Fortsetzung folgt.)