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Der Israelit · 1909-07-29 · Heft 30 (29.7.1909) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 30 (29.7.1909)
Date
1909-07-29
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Organ des Bundes gesefeesfreuer jüdischer Lehrer Deutschlands. Crzid^utig und Del; Der Scdwrvsrtt-S. Bon Lehrer G. Bär in Gemen. Wenn es wahr ist, daß der jüdische Religionslehrer auch der Lehrer der Erwachsenen sein soll, dann muß seine Einwirkung auch eine planmäßige und überlegte sein, sie muß nach pädagogischen Prinzipien erfolgen und so wenig man es billigen kann, wenn in der Schule handwerksmäßig gearbeitet wird, so wenig darf man sich der Forderung entziehen, daß die Erziehungsarbeit an den Erwachsenen und geistig Mündigen nach allen Regeln der Kunst erfolge. Ja ich möchte behaupten, daß gerade dieses Erziehungswerk, als der weitaus schwierigere Teil unserer Aufgabe, in viel höherem Maße unserer gespanntesten Aufmerksamkeit und Ueberlegung bedarf als das Wirken bei den Kleinen. Diese gleichen doch dem weichen Wachs das sich verhältnismäßig leicht formen und bilden läßt, dem zarten Bäumchen, das sich gerne anschmiegt an die ihm gebotene Stütze und noch leicht zu biegen ist. Auf spröden Stoff einzuwirken, dem knorrigen Stamm noch ein gutes Reis aufzupfropfen, dazu gehört Kunst, hier bedarf es der ständigen Frage: Wie erobere ich mir die Herzen meiner Gemeinde wie gewinne ich sie am leichtesten miay min □HOn mVoai. Wie überzeuge ich sie am besten von der Schädlichkeit vorhandener Mißbräuche, wie begeistere ich sie für alles Gute, Wahre und Schöne? Neben dem eigenen mustergültigen Vorbild ist die religiöse Belehrung das wichtigste Mittel um auf die Gemeinde einzuwirken, der Schiurvortrag ist die geeignetste Form hierzu und die Chewroh der richtigste Ort. Es ist ein Verdienst der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums", daß sie mit großer Wärme für die Erhaltung und Kräftigung dieser altehrwürdigen Institution eintritt. Aber sofort erhebt sich eine große Schwierigkeit: es fehlt uns an geeignetem Material für den Schiurvortrag/ das ist die allgemeine Klage. Ist sie aber berechtigt? Es wäre ja eine schreiende Ungerechtigkeit gegen die Verfasser der vorhandenen Schiurbücher, der v'iLvnOiv, wenn man lieblos den Stab über diese ihrer Geisteskinder brechen wollte/ sie waren wohl gut für die Zeit, in der sie entstanden sind und angemessen den Kreisen, für die geschaffen wurden. Das Alles kann Und darf uns aber nicht an der Erkenntnis hindern, daß sie fast alle gänzlich veraltet find und deshalb vollständig wirkungslos bleiben. Sie predigen ja vor allem imv — woher ihr Name — Demut, Sanftmut, Friedensliebe, Genügsamkeit usw./ sie dienen vorzugsweise der Ermahnung und Erbauung, es fehlt ihnen aber in der Regel der für uns wichtigste Teil: die Belehrung. Zu einer Zeit, wo in jeder jüdi- ' scheu Gemeinde, in jedem jüdischen Hause lebhaftes religiöses Leben pulsierte, wo in der Schule reichlich Muße vorhanden war, die Vorschriften des jüdischen Pflichtenlebens aus den Quellen schöpfen zu lassen, da bedurfte es wahrlich keiner großen Anstrengung, um die Erwachsenen für die erhabenen Aufgaben des Judentums zu begeistern. Man brauchte ihnen die Erfüllung der selbst kaum an das Herz zu legen, sondern ihnen höchstens rrroawi rppnpl »TDIS klar zu machen. War es zu jener Zeit notwendig nachzuweisen, daß Gott der Schöpfer der Welt sei? Keineswegs; der erste Vers der heiligen Schrift beweist es ja! Oder bedurfte es etwa eines Beweises für fv mm? Mit Nichten / daran zu zweifeln war ja schon schwere Sünde. Die Zeiten haben sich geändert und leider nicht zu ihrem Vorteil/ wir stehen einem in religiösen Dingen unwissenden, aber recht zweifelsüchtigen Geschlechts gegenüber, wir bedürfen ganz anderer Waffen, um im Kampfe gegen Unwissenheit, Spott- und Zweifelsucht zu siegen. Der jksr? kämpft immer mit den modern sten Waffen und wir sollten uns der alten und verrosteten Waffen bedienen, als welche sich die meisten Schiurbücher darstellen. Die Werke von Seligsberg wie v^pv Ty, Tn rrviö, min “nt* und andere ähnliche haben sich nie durch besondere Tiefe der Gedanken ausgezeichnet/ sie hatten sich überlebt, bevor sie sich eingebürgert. Aber selbst solche, denen man Mangel an Tiefe wahrlich nicht vorwerfen kann, wie oder apy'D 2212 sind für unser Publikum ganz ungeeignet. Man täusche sich doch -nicht selbst, zu glauben, daß der Jude auf dem Lande der Entwicklung philosophischer Ideen, wie sie beispielsweise das letztgenannte Werk mit Vorliebe bringt, irgendwie Geschmack abgewinnen kann, selbst wenn er ihnen folgen könnte, was man billigerweise auch bezweifeln muß. Selbst der ü^n "plK von Schwarz, der sich wegen seines populären Tons mit Recht großer Beliebtheit erfreut, kommt für unsere Zwecke nicht iu Betracht, weil er schon zu bekannt ist. „Das haben wir schon oft gehört!", mit diesen Worten lehnen besonders die Gemeinden am Rhein und in Bayern den Portrag aus diesem Werke ab, denn jeder junger Lehrer stützte sich mit Vorliebe auf dieses Buch. Kein Wunder, daß sein Inhalt den Zuhörern nicht mehr mundet und sie nach anderer Kost verlangten. Der erwachsene Mensch gleicht eben nicht dem Kinde, das eine schöne Erzählung oder ein Märchen zum soundsovielten Male hören kann, ohne zu ermüden/ er wünscht Abwechslung wie in der leiblichen so auch in der geistigen Speise. Ich gehe aber weiter und behaupte, daß die gebräuchliche Verwendung der 0'"t£D njpttr, auch der besseren, nur einen recht problematischen Wertbesitzt. Nichts ermüdet bekanntlich rascher als das Borlesen, besonders wenn es sich um einen ernsten Stoff handelt. Man verlangt heute überall mit Recht das freie Wort, den freien Bortrag. Dürfen wir da im Ernste glauben, daß das mehr oder minder gute Uebersetzen aus dem Schiurbuch ein Publikum fesseln könnte, das entweder durch den vorausgegangenen Gottesdienst einigermaßen abgesp mnt, oder, wenn der Schiur am Nachmittag stattfindet, durch die Verdauung der reichlichen Sabbathmahlzeit behindert, nur mit halbem Ohr hinhört? Darf man sich wundern, daß in der Schiurstube das eben erst beendete Sabbathnachmittagschläfchen noch eine kleine Fortsetzung er-, fährt? Kann es da überraschen, daß Leute, die mit großer Gewissenhaftigkeit jahraus jahrein den Schiur besuchten, in religiösen Dingen noch ebenso unwissend sind als vorher? Wer für die Erhaltung der Chewroh wirken will, der muß auch für die Neugestaltung der Vortragsweise eintreten. Nur der freie Bortrag wird neues Leben und Interesse schaffen, denn nur er wirkt befruchtend und belebend. Bequem ist freilich der neue Weg nicht / er erfordert vielmehr eine recht gründliche Vorbereitung/ dafür kann er aber auch recht vielseitig gestaltet werden. Beim freien Bottrag kann der Lehrer zeigen, daß er etwas weiß. Er geht nicht mehr auf Stelzen einher, er bringt nicht mehr fremde Gedanken zum Ausdruck, sondern seine eigenen. Was er während der Woche gelernt und gelesen, seine Lern- und Lesefrüchte, hier findet er willige Abnehmer dafür. Alle Gebiete des menschlichen Wissens können Bausteine liefern für den allsabbatlichen Bortrag und insbesondere das große und weite Gebiet der jüdischen Literatur kann für den Schiur verwendet werden. Aller Stoff ist nur darauf anzusehen: „Ist er religiös-bedeutungsvoll? Ist er interessant? Geht er nicht über den geistigen Horizont meiner Zuhörer hinaus?" Wenn er diesen Anforderungen entspricht, dann kann man ihn ruhig verwenden, woher man ihn auch entnommen haben mag. Religiös-bedeutungsvoll vor allem muß der Stoff sein. Ich habe schon darauf hingewiesen, daß religiöse Unwissenheit auch häufig da noch herrscht, wo man sehr regelmäßig zum Schiur geht. Das dürfte eigentlich nicht sein. Wenn das Publikum den mn "plit f° gut kennt, daß es ihn nicht mehr goutiert, warum nicht auch, oder vielmehr, warum nicht zuerst den 7'ny T)>rp oder den ONK "kl? Wenn man die Leute nicht dazu bringen kann, daß sie selbst den pi aus dem Buch mitlernen, was hindett uns dann, ihn frei vorzutragen, ihn eingehend zu erklären. Dabei kann man sich ganz den Verhältnissen seiner Zuhörer anpaffen, auf Einzelheiten eingehen, da, wo noch fromme religiöse Uebung herrscht und nur die wichtigsten D'JH 4 4

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