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Der Israelit · 1909-07-22 · Heft 29 (22.7.1909) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 29 (22.7.1909)
Date
1909-07-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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',!'.W?!ppjl'l ■-■ i '■■ ,-.l 4U.. L Der Israelit «tili EinCenfralorgan[QrdasarfhodnxeJudenlnm [f(]BB will EcgrOndetoonDr.Lehmanninfllainz 22 Juli 1909. JKS9. 50. Jahrgang sssa Sranhfurf a. M.. den 4. Nh Wb9. Abonnement Pro BierteljaHrr Gewöhnliche AoSgabe Mk. 1.50, HeftauSgabe (Kunstdruck) Mk. 3.—. Auslandspreise: Gewöhnliche Ausgabe: Oesterreich-Ungarn 2 Kr., Rußland 1 Lud., England 2 sh., Amerika 50 cts., Niederlande 1.20 fl., Frankreich Frs. 2.50. Abonnements bei allen Postanstalten» Buchhandlungen, sowie direkt bei dem Verlag. HeftauSgabe nur dirett. Der Israelit erscheint jedm Donnerstag. Inserate: 30 Pfennig für die sechsgespaltene Colonel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Jnferatenannahme nur durch Haasenstein u. Vogler A.-G.. Frankfurt a. M., und deren Filialen. Zahlungen können außer direkt an dm Verlag erfolgen per: Conto bet dem Postscheck-Amt Frankfurt a. SR. Ro. 344. Conto bei der St» St» Postsparkasse Wie» Ro. 79605. Conto bei be« St» Postsparkafsenamt Budapest Ro. 18424. Conto bei der Rigaer Commerzbank in Riga und deren Filialm. ver Nackdruck der Artikel und Correfponden?en des „Israelit“ ifl nur unter genauer Quellenangabe, und, soweit es fleh um größer«? fluffäfte handelt, nur nach vorheriger Genehmigung geftattet Cbora-Iudemum. Bon Rabbiner Dr. KckHn in Ehlingen. Es gibt Worte, welche, zu Schlagwörtern erhoben, großes Unheil angerichtet haben und immer noch anrichten, und es scheint fast unmöglich, diesen ungünstigen Wirkungen mit Erfolg entgegcnzutreten. Eines dieser Worte ist das berühmte „Judentum". Ursprünglich wurde mit diesem Wort das g e i st i g e Besitztum des jüdischen Volkes bezeichnet, diejenigen Güter, welche das ureigentliche Eigentum des Juden bildeten, also im engeren Sinne Thora und der Talmud, im weiteren noch der Midrasch, die jüdische Religionsphilosophie und die ganze Literatur, lvelche auf diesen Grundschriften fußt sowie die Gedanken- und Gefühlswelt, welche das Resultat der in jener Literatur enthaltenen Geistesschätze darstellt. In neuerer Zeit aber hat man mit dem Worte „Judentum" auch einen anderen Gegenstand bezeichnet, nämlich die „I u d e n h e i t", die Gesamtheit aller Juden; man bezeichnet also mit einem Worte, das eigentlich jenes innere Wesen, die geistige Welt der Judenheit, bezeichnet, die Träger desselben. Dies wäre nicht so schlimm, wenn nicht Folgendes eingetreten wäre. Von allen Kanzeln, auf allen Kathedern, in allen Zeitschriften und Gassen wurde — wenigstens von Juden — das Judentum als das höchste und hehrste von allen Dingen der Welt gepriesen, und die Beschäftigung mit dem Judentum, sein Studium, die Verwirklichung seiner Ideale, die Förderung desselben als die verdienstvollste Betätigung gelobt. Und mit Recht: Thauro, Awaudo und Gemiluthchasodim, insbesondere aber Beschäftigung mit der Thauro und die Aneignung ihrer Lehren wird in unserem Schrifttum für das tugendhafteste Tun erklärt. Seitdem aber das Wort „Judentum" auch „Judenheit" bedeutet, wurden die Angelegenheiten der Juden heit, selbst diejenigen, welche mit der Förderung des Judentums gar nichts zu tun haben, für ebenso wichtig und bedeutsam gehalten, wie die Beschäftigung mit dem Judentum d. i. mit Thora und deren Konsequenzen. Wer also dafür eintritt, daß Juden zu Re serveosfizieren ernannt und jüdische Knaben in die Nnteroffizierschulen ausgenommen werden, glaubt, sich um das Judentum ein Verdienst erworben zu haben. Ich' gebe^ja zu: indirek^ mag für das Judentum insofeM etwas heraus kommen, als die zurückgewiesenen Juden wegen ihrer Zugehörigkeit zur Judenheit, die man in christlichen Kreisen immer noch als ganz erfüllt vom Judentum ansieht, die Zurücksetzung erfahren haben; deshalb schließt das Avancement von Juden die Aufhebung der somit dem Judentum angetanen Schande und Minderachtung in sich. Aber das ist sicher, daß vom Standpunkt des wahren Judentums aus betrachtet, der Schaden den Vorteil mehr wie aufwiegt. Nun aber hat sich in den letzten Jahrzehnten diese Verwechslung von Judenheit und Judentum zu einem verhängnisvollen System ausgebildet. Auf der ganzen Linie innerhalb der Judenschaft Amerikas und Westeuropas ist das eigentliche Judentum zurückgedrängt, sind seine Interessen vernachlässigt, oft direkt bekämpft worden, ja der eingeschmuggelte Begriff ist an die Stelle des alten Judentums getreten und das geschilderte Surrogat verhält sich zu dem Geiste der Thora, des Talmuds, des Midrach ebenso wie Eichorie zu echtem seinem Mokka, sowohl in Hinsicht der Güte als auch des Wertes. Man kann von einem doppelten System reden. Das eine möchte ich das deutsche, das andere das zionistische nennen. Sie gehören beide demselben Stamme an, sind nur dessen verschiedene Aeste. Da sind zunächst diejenigen Juden in Deutschland, welche ihres „Judentums" bewußt, die Absicht haben, ihm zu dienen und das Judentum zu fördern, aber allerdings nach ihrer Auffassung und nach ihrem Geschmacke. Diese betätigen sich in den verschiedenen jüdischen Vereinen und Vereinigungen, von denen wir ja gegenwärtig eine so große Zahl haben, und die alle Zweige des politischen, sozialen, humanitären, wissenschaftlichen und sportlichen Getriebes bearbeiten. Aber so lobenswert auch im Einzelnen alle diese Bemühungen sind, obwohl sie sogar Bedürfnissen und zwar oft sehr dringenden entsprechen, obwohl sie zur Hebung der Wohlfahrt weiter jüdischer Kreise beitragen, eine unmittelbare Förderung des Judentums resultiert aus diesen Bemühungen nur in seltenen Fällen, weil eben die Träger aller dieser Bestrebungen die richtige Auffassung vom „Judentum" nicht mit zu ihren Arbeiten bringen,- weil sie eben unter Judentum nicht die religiöse Praxis verstehen, d. h. die Ausübung der Gebote der Thora und des Talmudsund weil sie in dieser Erfüllung der Religionsgesetze nicht den obersten höchsten Zweck des Lebens des einzelnen Juden und der Gesamt» heit erblicken. Sie selbst freilich fühlen sich^A ,^Zolljuden", ja sogar viele von ihnen verineMu und zwar" mit ehrlicher Ueberzeugung, die eigentlichen Juden zu sein, während die die Sabbat- und die Speisegesetze beobachtenden Israeliten nur eine Abart wären. Aber auch von ihnen hat in den allermeisten Fällen das eigentliche Judentum wenig oder gar nichts zu erhoffen. Der andere Zweig dieses Stammes sind die „reinen" Zionisten. Von der vorhin behandelten Klasse unterscheiden sie sich dadurchdaß sie in der Judenheit nicht wie jene eine Religionsgemeinschaft erblicken, sondern eine Volksgemeinschaft, eine Nation. Während die Arbeiten jener mehr oder minder auf einzelne 5kreise der Angehörigen der „israelitischen Glaubensgenossenschaft" sich beziehen und auch hierbei nur einzelne Tätigkeitszweige ohne inneren Zusammenhang und ohne Anstrebung eines gemeinschaftlichen obersten Zieles betrieben werden, richtet sich die Aufmerksamkeit der Zionisten auf das Volksganze. Gegenstand ihrer Arbeit ist die Gesamtheit aller Juden. Was sie beabsichtigen, ist zunächst der Zusammenschluß aller Juden zu einer Gesamtheit, zu einem Volke und darnach die Betreibung aller Angelegenheiten, welche dieser Gesamtheit zu Nutz und Notwendigkeit dienen. Und selbst die nötige Kleinarbeit wird nur im Hinblick auf das Frommen der Gesamtheit geleitet und geleistet. Daher diese großen Pläne, diese weitgespannteu Projekte, daher dieses großzügige Programm des Zionismus. Aber darin gleichen die Zionisten jener zuerst behandelten Gruppe, daß sie das eigentliche Judentum, als das wir Thora, Halacha und Agada bezeichnen, ausschalten, daß sie das Religiöse zur Seite lassen, und nur aus das ihre Arbeiten beziehen, was ihrer Auffassung nach Judentum ist, nämlich die Lebensäußerung der Judenschaft, d. h. die äußere Wohlfahrt und die geistige Entwicklung der Judenheit. Gewiß, mittelbar mögen sie dadurch vielleicht, wenn sie nicht direkt das Religiöse bekämpfen und zerstören, auch zur Förderung des eigentlichen Judentums beitragen, es ist dies theoretisch möglich und hie und da auch schon einmal praktisch in die Erscheinung getreten, aber ihr Ziel und ihre Absicht, ihr Programm ist es nicht. Wir brauchen hier nicht in eine weitere Darstellung des Zionismus und alles dessen, was mit ihm zusammenhängt, eintreten. Wir brauchen auch nicht zu betonen, daß er viel Gutes im Gefolge gehabt hat, daß viel Idealismus in ihm liegt u. s. w. Wir wollen untersuchen: „Ist ein Nationaljüdentum, losgelöst von der Thora, möglich?" Man könnte die Frage auch so fassen. ,Hst eine

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