Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 28 (15.7.1909)
- Date
- 1909-07-15
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Der Wirt hat alle Ursache auf die glänzende Entwicklung seines Unternehmens stolz zu sein, aber wer unsre alten Gebräuche und Sitten liebt, kann sich eines Gefühls der Trauer nicht erwehren, wenn er Tag und Tag das Alte mit seiner zarten und charakteristischen Poesie schwinden sieht Ich denke mit Liebe an das alte Restaurant zurück, das in einer jener kleinen Gäßchen lag, die von der gewundenen, maleÄschen Via Astagno abzweigenan das hohe, schmale, von einem Bogen überwölbtes Tor, an die steile Treppe, die in die geräumige Küche führte. Ich sehe sie noch vor mir, die beiden sauberen Gastzimmer mit den großen, viereckigen Tischen, die von blendend weißen Tischtüchern bedeckt waren, und wo alles vom Geist einfacher Frömmigkeit und frommer Anspruchslosigkeit durchtränkt schien. — Vor einigen Jahren war Vito Astrologo dort allabendlicher Stammgast. Er war Zollbeamter, etwa 40 Jahre alt, Junggeselle, und stammte aus irgend einer kleinen Stadt in Piemont. Mit seiner kleinen Gestalt, seinem beweglichen Gesicht erinnerte er ein wenig an Heinrich Heine - darauf war er nicht wenig stolz. Er sprach fließend, mit harmonischer Stimme und erzählte gerne aus seinem Leben allerlei Geschichten, für deren Wahrheit ich nicht bürgen kann. An einem regnerischen Herbstabend gab die Anwesenheit eines Jnfanteriesoldaten Veranlassung zu einer heftigen Diskussion über den Mut bei den Juden- und nachdem zwei Geschäftsreisende Almagia und Pesaro sich darüber beinahe in die Haare gekommen waren, blieb ich schließlich mit Herrn Astrologo im Speisesaal allein. Er saß wie gewöhnlich am untersten Ende des Tisches, und nach dem er eine Zeitlang mit größter Aufmerksamkeit einen großen Teller betrachtet hatte, auf dem zwischen gemalten Blumen das Wort „koscher" in roten Buchstaben prangte, sagte er zu mir: „Du mußt nicht glauben" — er machte stets solch kleine Abschweifung, ehe die eigentliche Erzählung begann, „daß ich dir mit diesem Erlebnis aus meiner Kinderzeit irgend etwas zu beweisen gedenke, also z. B. daß die Juden mutig find. Ich rühme mich, keinerlei Meinung in diesem Punkt zu haben, und beschränke mich darauf, dir eine einfache Begebenheit, so wie sie sich zugetragen hat zu erzählen: den ersten Unterricht erteilte mir mein Vater selbst im Hause, und so kam es, daß ich erst mit 12 Jahren eine öffentliche Schule zu besuchen brauchte. Ich kannte nur die Einsamkeit meines väterkichen Hauses und fühlte mich am ersten Tage recht unbehaglich in der Schule, wo ich unbekannte Gefahren zu fürchten begann, als die vielen Kinderaugen mich von oben bis unten so unbarmherzig musterten. Ich hörte Murmeln und ein spöttisches Kichern, in dem ich schließlich die Worte unterscheiden konnte „er ist ein Jude". Als die Stunde zu Ende war und ich mich damit beschäftigte, meine Schulbücher zu ordnen kam einer der Knaben auf mich zu. Er war klein und zart gebaut, aber die har manische Entwicklung seiner Glieder ließen au eine kräftige Konstitution schließen. Es lag etwas unglaublich gewandtes und kühnes in der Art, wie er sich bewegte. Sein feingeschnittenes, dunkles Gesiebt ward von schwarzen lebendigen Augen erhellt, in denen bald Stolz, bald nachdenkliche Schwermut lag. So steht das Bild des Knaben vor meiner Seele, wenn ich jetzt an ihn denke, aber in jenem Augenblick sah ich nur sein Zigeunergesicht und die großen dunklen Augen, die mich feindselic anzublicken schienen. „Du bist ein Jude" sagte er. Ich glaubte, er wolle mich beleidigen und wandte den Kopf zur Seite, ohne ihm zu antworten. „Warum antwortetst du nicht?" drängte er freundlich, „auch ich bin ein Judeich heiße Sachs". Wir verließen die Schule zusammen. Unser Weg war der gleiche und auf der Straße erzählte er weiter: „Mein Vater ist Steuerbeamter und wir wohnen erst seit vierzehn Tagen in dieser Stadt." Seit jenem Tag waren wir Freunde, aber nie kam es zwischen uns zu einer großen Vertraulichkeit. Wir waren einander zu unähnlich. Sachs war sehr klug und strebsam und liebte die Einsamkeit. Eine große Zurückhaltung, eine gewisse Aristokratie ließ ihn unfern lärmenden Spielen fernbleiben und stieß ihn von allem Gemeinen zurück, während ich mit meinem schmiegsamen Temperament mich längst meiner Umgebung angepaßt hatte. Nach den ersten unvermeidlichen Kämpfen, fühlte ich mich wohl unter meinen Spielkameraden, besonders auch, weil ich vom großen Jakob, dem König der Klasse beschützt wurde. Die für sein Alter wahrhaft staunenswerte Körperkraft, über die er verfügte, sicherte ihm die unumschränkte Herrschaft, und manchmal wenn es ihm zum Ruhm gereichen konnte, benutzte er sie auch, um die Schwachen zu schützen. Jedoch in der Regel war er ein Rechthaber, ein kleiner Despot, der sich für unbezwinglich und heldenmütig hielt, weil ihm nie jemand entgegenzutreten wagte. An einem Sommermorgen war der französische Lehrer nicht gekommen, und so blieben wir bis zum Beginn der nächsten Stunde im Hose beisammen. Der Hof bildete ein großes Viereck, rings von hohen Bauten eingesch kosten, die früher Mönchen zur Wohnung gedient hattennur an einer Stelle war eine kleine Sackgaffe, die wohl zum Keller des aufgehobenen Klosters geführt haben mochte. In einer Ecke befand sich ein ganz mii Moos bewachsener Brunnen, und ein paar Bäume wuchsen verkrüppelt, weil ihnen die Sonne mangelte, hie und dort empor. Jakob hatte sich ein altes Seil angeeignet und gab damit Proben seiner schrecklichen Kraft. Er ganz allein gegen zehn von uns hatte das Seil als Sieger zu sich gezogen. Konnte man diesen Sieg wirklich nur seiner Kraft zuschreiben, oder hatten vielleicht Suggestion und Furcht auf unserer Seite auch ihren Anteil daran? Was wäre wohl geschehen, wenn er verloren hätte? Es war wirklich das Beste, wenn sich alles zu seinen Gunsten entschied. „Nochmal!" — sagte Jakob, während wir vom Boden aufstanden. Biele von uns hätten gar gerne mit diesem Spiel aufgehört, das weder für unsre Glieder, noch für unsre Kleider sehr vorteilhaft war. Aber wer von uns hätte Jakob zu widersprechen? je gewagt, dem nn die Wie immmer, wenn er etwas verlangt hatte, mußte man gehorchenwie immer mußte man seine Geschicklichkeit loben und die Muskulatur seines entblößten Armes bewundern, besten Sehnen er mit großer Anstrengung, wie Stricke hervortreten lasten konnte. — „Aber diesmal will ich zwölf gegen mich haben, zehn sind zu wenig" — so sagte er und ließ seinen Blick suchend über den Hof schweifen. — „Hierher Robert — hierher" — und ein dicker, krausköpfiger Knabe verließ langsam den Brunnen, an dem er gestanden hatte, und nahm widerwillig, aber gehorsam seinen Platz am Seile ein.^ „Sachs ist da, aber der spielt ja nie mit, der lernt stets." —„Wo ist das Mädchen?" rief Jakob, während in seinen hellen Augen ein Ausdruck des Hasses aufblitzte. „Er ist unter der Linde." Wirklich saß Sachs in seine Bücher vertieft unter dem Baum, ohne auch nur auf das Lärmen um ihn her zu achten. „Komm her Sachs, schnell" rief Jakob gewohnten Befehlshaberton. Sachs hörte den Ruf und hob langsam Augen vom Buche. „Was willst du?" „Komm, mach schnell, sage ich dir, einer fehlt noch zum Kampf." Sachs änderte seine Stellung nicht: „Ich habe keine Lust," antwortete er, „suche einen andern. „Schaut nur den zimperlichen Kerl," schrie Jakob, und näherte sich dem Knaben- „komm, spiel dich nicht immer als den Philosophen auf, komm und spiele mit uns." „Ich sagte dir schon einmal, daß ich keine Lust habe" wiederholte Sachs ruhig. Es war das erste Mal, daß Jakob sich eine Abweisung gefallen lasten mußte, und zudem konnte er Sachs nicht ausstehen, weil er sich nie um seine Spiele kümmerte und seine Kraftleistungen nie bewunderte. Mich beschützte Jakob besonders gern, weil ich Jude war, Sachs gegenüber wurde die gleiche Tatsache die Quelle eines immer stärkeren Haffes. Er wurde bleich vor Zorn. „Du weigerst dich mitzuspielen, um mich zu ärgern, nun wir werden schon sehen, ich werde dich einfach zwingen mitzuspielen" — er wollte eben auf Sachs losstürzen, als dieser sich erhob. Mit einer natürlichen und kühnen Bewegung stellte er sich seinem Feind gegenüber, und ihm gerade in die Augen blickend sagte er „ich fürchte dich nicht." (Schluß folgt.) TamilicmwcferieMcn. Geburten: LvuiS Grebenau (Stern) hier. — Joseph Blumentbal (Ullmann) Karlstadt a. M. — Joseph Hamburger (Flörsheimer) Alzenau. Verlebte: Rebekka Rom, Dr. med. Samuel Konto r o w i t s ch, Zürich-Jaffa. Verstorbene: Robert Schwarzschild, hier. 33 I. Sabbat - Anfang u. Ausgang 'pvvl fVlBÖ Anfang Dcktmm UhrjMin. ivo» | 5660 MrlANu. 17. 28. TamuS Dra«ks«rta.M. 7 50 Juli 9 Üb Berlin .... — — 9 17 MSmche« . . . 7 15 8 56 Straßburg . 7 30 9 15 Stuttgart. . . 7 15 9 11 Bose« .... — — 9 1 .* Nüruberg . . — — 9 06 Hamburg. . - — 9 45 Prag .... — — 9 10