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Der Israelit · 1909-07-01 · Heft 26 (1.7.1909) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 26 (1.7.1909)
Date
1909-07-01
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Ieuilleton-Beilage zu Nr. 26 des „Israelit". ’eiuüeton. Zweierlei Bildung. Novellen von Arthur Kuh«. (Schluß.) Jsak wurde von Tag zu Tag stiller. Stundenlang saß er in der dunkelsten Stubenecke und sah brütend vor sich hin. Vergeblich versuchte Salmechen ihn anzuregen, aufzuheitern, zu einer anhaltenden Tätigkeit zu veranlassen. „Ich bin an allem selber schuldam Tode meiner Frau und meiner Kinderich Hab' schwer gegen sie gesündigt und alles wird bestraft. . . . Salmechen versuchte ihn zu zerstreuen und wollte ihn durch Kartenspielen wieder aufmuntern. Zuweilen gelang dies für kurze Zeitdoch bald verfiel Jsak wieder in Trübsinn. Auch das einzig übrig gebliebene Kind, das vortrefflich gedieh, konnte ihn nicht umstimmen. Die zarten Aufmerksamkeiten Salmechens nahm er mit einem melancholischen Lächeln hin. „Ich Hab' das sicher nicht um dich verdient, Salmechen. Aber du bist tausendmal feiner und besser wie unser Bruder Doktor, der nicht einmal mir 'ne Zeile geschrieben und in meinem großen Unglück kein Wort des Mitleids für mich gehabt. Ja, ja, die studierten, feinen Herren, mit den vielen, dicken Büchern und den vornehmen Schildern an ihren Türen, . . . ja, ja, Bruderleb, jetzt weiß ich, was gebildet ist - jetzt weiß ich's sehr gut und genau." Eines Mittags kam Jsak nicht zu Tisch - auch Abends nicht. Als es Nacht wurde und er immernoch nicht zurück war, eilte Salmechen voll böser Ahnungen durch die Straßen, die Anlagen, vor die Stadt auf die Brücken. Am ftühen Morgen meldete Salmechen das Ausbleiben auf der Polizei. Dann schrieb er eine Belohnung aus, doch auch das vergebens. Wochen vergingen in Angst und Unruhe. Auch an den „gestudierten" Bruder, mit dem er seit dem Tod der Mutter keine Silbe gewechselt, wandte er sich. Die Antwort, nur wenige bedauernde Zeilen, teilte mit, daß Jsak nicht dort eingetroffen sei. Nach weiteren zwei Wochen wurde Jsaks Leiche gcländet. In der Rocktasche befand sich ein Abschiedsbrief an Salmechen und dessen Familie. Das Wasser hatte die Schrift stark verlöscht. Nur so viel war zu entziffern, daß Jsak für die viele unverdiente Liebe, die Salmechen ihm erwiesen, dankte, ihn wiederholt um Verzeihung bat und die Hoffnung aussprach, er werde seinem Knaben, für den zu sorgen er nicht mehr die Kraft besitze, den Vater ersetzen. Das hat Salmechen getan- und noch mehr. Kam auf Jsak die Rede, dann wurde seine harte Stimme merkwürdig weich und er entschuldigte ihn stets mit denselben Worten: „Er war newwich ein unglücklicher Mensch, mein armer Bruder." Der Großvater hatte die Erzählung beendet - es herrschte eine Weile Stille. Die jungen Mädchen waren sichtlich ergriffen von dem eben gehörten. Hertas Augen war es noch anzusehen, daß sie geweint hatte. Zu irgendwelchen Betrachtungen über die wahre Bedeutung des soviel gebrauchten und so viel mißbrauchten Wortes Bildung schien Niemand heute Lust zu haben. Still gi,g die kleine Gesellschaft auseinander. Der Großvater blickte sinnend zum Himmel, der im Westen von weißgoldnen Wölkchen besäumt war. .— jacopo Pozzo. Von Aleffaudro Coe r. — Aus dem Italienischen übersetzt von Emma Dessau-Goitein. Vor zehn Jahren, an einem Sommertag, fuhr ich per Post auf der Landstraße, die von Pesaro nach Urbino führt. Die Pferde bewegten sich mit müdem Schritt vorwärts und wirbelten große Staubwolken auf, und jedesmal, wenn ich die Augen vom Buche erhöh, in dem ich las, erblickte ich dasselbe einförmige Bild: Niedrige Hügel, mit gelben von der Sonne verbrannten Stoppeln bedeckt, oder mit kleinen Weinstöcken von schmutzigem Grün in dichten Reihen bepflanzt. Hie und da der schwarze Schatten einer einsamen, riesenhaften Ulme, hie und da ein verschlafener stiller Weiler mit geschloffenen Fensterläden. Das Waffer des fernen Flusses schien unbeweglich und sandte seinen Schimmer und das blendende Glitzern seiner weißen Kieselsteine zu mir herauf. Nein, es war nicht die Wahrheit, daß ich las — das Buch lag nur aufgeschlagen auf meinen Knieen. Es gibt Bücher von undefinierbarem Charakter, die ich nicht recht in unsre Literaturgattungen einreihen kann, weil ich nicht weiß, ob sie eigentlich zur schönen, zur philosophischen oder gar zur wissenschaftlichen Literatur zu rechnen sind - solche Bücher lese ich nur in stiller Nacht in der Einsamkeit meines Zimmers, aber sie sind meine treuen Begleiter, wenn ich zu langen Stunden der Unbeweglichkeit verurteilt bin Da gibt ihre leise Berührung meinen Gedanken Flügel, und sie schwingen sich leicht und froh ins Reich der Phantasie. An jenem Sommertag war es ein Buch von Schopenhauer, das auf meinen Knieen ruhte, und manchmal schloß ich das Buch, um wieder und wieder auf dem Einband zu lesen: „Von der vierfachen Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde." Ich war damals 22 Jahre alt und tauchte mit bitterer Wollust in das große Meer des Pessimismus. Wer nie in seinen schrecklichen Wogen zu ertrinken meinte, der lernt auch das Leben nie verstehen, denn nur durch den harten Umweg der vollständigen Verneinung, gelangt man zum gesunden Optimismus, zur religiösen Hoffnung. Vor mir stand das kraftvolle und ernste Antlitz des Frankfurter Philosophen, und ich vermeinte ihn zu hören, wie er als ein neuer Buddha erbarmungslos den Triumph der Formen vernichtete. Und während mein Auge über die äußere Erscheinung der Dinge hinglitt, meinte ich einen Todeshauch zu spüren, der die verdorrte Erde streifte, gleichsam als Fluch über den Trotz des Samens und die Zwecklosigkeit der Frucht. In der Postkutsche war außer mir nur ein Reisender und sein Anblick steigerte noch mein Sehnen, daß alles Sein zu ewigem Schlaf erstarren möge. Sein Alter sowohl wie sein Stand waren schwer zu bestimmen. Trotz der schrecklichen Hitze trug er einen grauen Paletot, der bis zum Kinn zugeknöpft warein steifer Filzhut, der für seinen Träger zu groß war, berührte ihm beinahe die Ohrenunter den viel zu kurzen gelben Hosen schauten zwei große altmodische Stiefel mit schiefgetretenen Absätzen hervor Sein rundes, aufgeschwemmtes Gesicht war von spärlichem und ungepflegtem Bartwuchs bedeckt, und die Augen, in denen die Iris so dunkel war, wie die Pupille, sodaß man nur zwei schwarze Punkte in Weiß schwimmen sah, standen unnatürlich weit offen und startten in die Helligkeit, ohne je die Lider zu senken. Der Ausdruck des Gesichts und die ganze Haltung des Menschen hatten etwas unglaublich Geistesabwesendes, eine Erstarrung, die an einen Träumenden erinnerte, bei dem man bang ein schmerzliches Erwachen fürchtet. Unterdessen waren wir in Cappone angelangt, wo ein kurzer Aufenthalt gemacht wurde, uni die Pferde zu wechseln. Ich verließ den Wagen, um irgend etwas Erfrischendes zu trinken und ging in das Wirtshaus. Mein Reisebegleiter folgte mir mechanisch und bescheiden, er schien zu glauben, daß auch dies zu den Verpflichtungen der Erdenpilger gehöre. Gleich bei meinem Eintritt in das Gastzimmer, erhob sich ein junger Mann, der an einem der Tische gesessen hatte, kam rasch auf mich zu, und während er mich überrascht laut bei Namen nannte, rief er ftöhlich: „Du kommst also in die Heimat zurück?" „Nur auf wenige Tage", antwortete ich, indem ich seinen herzlichen Gruß warm erwiederte. Er war ein früherer Mitschüler und Gespiele meiner Jugendjahre gewesen, jetzt war er Lehrer in einem benachbarten Ort. Nun half es nichts, daß meine Kehle nach gekühltem Waffer Sehnsucht trug, ich mußte das tradittonelle Quart Wein auf unsre Freundschaft mit ihm leeren. Die Pferde wurden eingespannt und sowohl ich, wie auch mein unbekannter Reisebegleiter nahmen unsre Plätze in der Postkutsche ein. Ein kühler Hauch kam jetzt von den Bergen, und die Landschaft zeigte beim Abnehmen des grellen Tageslichts so wunderbar zarte Farben, daß das Äuge sich nun in süßem Wohlbehagen auf ihnen ausruhte. Wieder schaute ich auf den Einband meines Buches, wieder breitete ich es offen auf meine Kniee, um mich, wie vorher, meinen Gedanken und Träumen hinzugeben. Mein Gefähtte jedoch schien nicht mehr in seiner entrückten Unbeweglichkeit verharren zu wollen. Zwei, drei Male räusperte er sich, wie man es vor dem Sprechen zu tun pflegt, und ich hörte, wie sein Körper die Bank streifte, als er mir langsam näherrückte. Ich ermutigte ihn mit keinem Blick, aber dennoch begann er mit unsicherer Stimme: „Sind Sie Jude?" Erstaunt hob ich den Kopf und nickte bejahend. „Auch ich bin Jude," fügte er jetzt hinzu untz versuchte schüchtern zu lächeln. Jetzt erst schaute ich ihn aufmerksamer an, und erriet nun auch, wen ich vor mir hatte. Er gehörte zu jenen wandernden Juden, die von Gemeinde zu Gemeinde ziehen und um Unterstützung bitten, ohne recht zu wissen, was sie im Leben eigentlich wollen. Ich habe von jeher große Sympathie für Landstreicher gehabt. Vielleicht stammt diese Neigung noch von unseren Ururvätern her, die als wandernde Hirten umherzogen - sicher ist, daß ich als Kind mit sehnsüchtigem Neid den Zelten der Zigeuner und den Wagen der Seiltänzer nachblickte, und ich erinnere mich aus jener Zeit, wie ich viele Abende lang einen solchen unstäten Wanderer meines Volkes betrachtete, der aus unbekannter Ferne gekommen war, ein lebendes Symbol jener Raffe, die dazu verurteilt ist, alle Nächte ihres Lebens unter fremdem Himmel zu schlafen. Ich erwiderte sein Lächeln, ein Wort gab das andere, bis er mir schließlich seine Lebensgeschichte erzählte, die grotesk, auch so unendlich traurig ist. Ich will versuchen, soweit es möglich ist, indem ich seine unzusammenhängende, aber durchaus nicht gefühllose Erzählung geordnet wiedergebe, den Geist derselben treu zu bewahren, der aus einer seltsamen Mischung von Naivität und der für unsre Raffe so charakteristischen kritischen Beobachtung zusammengesetzt war. (Fortsetzung folgt.) -i i | .H jj

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