Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 26 (1.7.1909)
- Date
- 1909-07-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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eil Bn. r UM nt. Sr. rlin. ich». in. : ch [tut nte atS. u rcht (Mb* Dt. et. H nt S er kl >fe 50. Jahrgang ssä9 Sranhfurfa. Fft., flen — ERSffii M *«• >1;uäü#l ■ 'miss.1 ■1 - 4 1 Der Israelit j «tili Ein Ccntratarqan für Jas orthodoxe Judentum ((flBÜ I / II isszssä SegrOodef oon Dr. Lehmann in (llainz Abonnement Pro Vierteljahr: Gewöhnliche Ausgabe Mk. 1.50, HeftauSgabe (Kunstdruck) Mk. 3.—. Auslandspreise: Gewöhnliche Ausgabe: Oesterreich-Ungarn 2 Kr., Rußland 1 Rub., England 2 sh., Amerika 50 cts., Niederlande 1.20 fl., Frankreich Frs. 2.50. Abonnements bei allen Postanstalten, Buchhandlungen, sowie dirett bei dem Verlag. HeftauSgabe nur direkt. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate; 30 Pfennig fiir die sechsgespaltene Colonel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Jnseratenannahme nur durch Haasenstein u. Bögler A.-G.. Frankfurt a. M.. und deren Filialen. Zahlungen können außer direkt an de» Verlag erfolgen per: Conto hei dem Postscheck'Amt Frankfnrt a. M. Ro. 344. Conto bei der ft. ft. Postsparkasse Wie» Sio. 79 605. Conto bei de« ft. Postsparkassenamt Budapest Ro. 18424. Conto bei der Rigaer Conrmerzbank in Riga und deren Filialen. ver Nachdruck Ser Rrflhel und Correfpondenjen des „Israelit“ iff nur unter genauer Quellenangabe, und, soweit es fleh um größere fluHäfee handelt, nur nach vorheriger Genehmigung geftattet Judenfrage und Kultur in Russland. Der unverwüstliche Humor des Ghettojuden, der die innere Festigkeit und Erhabenheit besitzt, um nötigenfalls auch über sich selbst, über seine Leiben zu spotten, hat ein tragikomisches Witzwort von typischer Geltung geprägt. Ein reicher Mann aus Petersburg habe einst einen hohen Preis ausgesetzt, für einen echten Russen, der noch nie im Leben betrunken war und einen Juden, der noch nie geschlagen wurde. Nach langem mühevollen Suchen im ganzen weiten Reiche fand man wirklich zwei solcher Originale. Und nun machten sich, die beiden weißen Raben, der nüchterne Russe und der ungeschlagene Jude, auf den Weg nach der Hauptstadt, um ihren Lohn einzuheimsen. Unterwegs aber geschah cs, daß sich der echte Ruffe einen ersten Rausch antrank und den Juden kurzer Hand zu Boden schlug. Der Anekdote wohnt ein unverkennbarer Wahrheitskern inne, ein mo nDK 21LN1P, wie es der hebräisch denkende Jude in Rußland so treffend auszudrücken pflegt, ein Wahrheitskern, der sich jedem, der es annähernd versucht, an das heute weltbewegende russisch-jüdische Problem heranzugehen, nachgerade aufdrängt. In Rußland ist das jüdische Problem recht eigentlich das russische Problem, und die Frage der Emanzipation der Juden ist die Frage der Emanzipation des russischen Volkes auf kulturellem Gebiete. Nur einige jener erleuchteten Geister, an denen es auch im dunklen Rußland nicht fehlt, mühen sich, vorerst vergebens, dieser Erkenntnis, von der ihrer Ueberzeugung nach die Zukunft Rußlands abhängt, den Weg zu ebnen, während sich ihr die herrschenden Kreise bewußt aus kleinlichen, selbstsüchtigen Motiven verschließen und ihrer Verbreitung mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln entgegen arbeiten, indessen das Volk im geistigen Schlummerzustande apathisch die Ereignisse und Geschehnisse des auch dort nicht stillstehenden Lebens an sich herankommen läßt, den Schnaps trinkt und den Juden schlägt — so oft sich Gelegenheit dazu bietet. Zu diesen Vorläufern und Vorkämpfern, die ihrer Zeit viel zu früh vorauseilend, das jüdische Problem als eine mit dem gesamten kulturellen Leben Rußlands organisch verwachsene Angelegenheit erkannten und behandelt wissen wollten, gehörte der bekannte russische Nationalökonom I. G. Orschanskij, der bereits im Jahre 1877 in seincm äußerst instruktiven Buche „Die russische Gesetzgebung über die Juden" an Hand von lebenden Zahlen und Daten unwiderleglich nachwies, daß die Ausrottungspolitik, die immer neue Ausnahmegesetze gegen die Juden ersinnt und sie, der primitivsten Bürgerrechte bar, von jeder Beteiligung am redlichen und friedlichen Wettkampf ausschließt, ihren Unternehmungsgeist geradezu tötet, ihre Lebens- und Erwerbsmöglichkeiten unterbindet, einzig und allein am Stillstand und vielfachem Niedergang des gesamten wirtschaftlichen Lebens Rußlands schuld sei. Diesem trefflichen Buche, das der des Lesens unkundigen großen Masse des russischen Volkes unbekannt geblieben ist, von. den Gebildeten aber kaum beachtet wurde, ist nunmehr nach mehr als 30 Jahren ein zweites gefolgt von Graf Iwan Tolstoi*) der die vielen Beweise, die das viel bewegte Leben der letzten drei Jahrzehnte für die von Orschanskij aufgestellten Postulate nachträglich erbracht, gewissenhaft sammelt und übersichtlich zusammenstellt und all die Daten, Zahlen und lebenden Bilder, ganz wie sein Vorbild, ohne jeden Ueberschwang, ohne jedes übermäßige Pathos nnd ohne den Nimbus eines Wahrheitsapostels für sich in Anspruch zu nehmen, einfach und schlicht und daher um so ergreifender und eindringlicher für sich sprechen läßt. Die gryse politische Lüge, auf die sich die russischen Judengesetze zum Schaden des ganzen Landes vornehmlich aufbauen, ist die Voraussetzung, daß das russische Volk vor dem Vordringen des jüdischen Elementes geschützt werden müsse, während dieses angeblich zu schützende Volk des besten befruchtenden Elementes, der treibenden und schaffenden Kraft beraubt, blut- und mutlos zusammenbricht und elendiglich zugrunde geht. Tolstoi, der die Verhältnisse des russischen Bauern- und Arbeiterproletariates wie die im jüdischen Ansiedelungsrayon zum Gegenstände jahrzehntelanger eifriger Studien gemacht hat, sagt darüber: „Diese so beliebte'Behauptung der Antisemiten, daß sie nicht aus Eigennutz, nicht im persönlichen Interesse, sondern zum Vorteil des von ihnen bedauerten Bauern (Muschik), des Handwerkers, des Mittelstandes den Kampf gegen die Juden führten, ist zur stehenden Red nsart im Munde der Gegner jeder Gleichberechtigung geworden. Un diese Behauptung ist so allgemein verbreitet, wird *) „Der Antisemitismus in Rußland" von Graf I. Tolstoi, übersetzt von Dr. Arkadius Silberst ein, Rechtsanwalt in Petersburg. Verlag von I. Kauffmann, Frankfurt a. M., 1909. Preis Mk. 1.50. so ohne weiteres als richtig angenommen, daß man ft* oft selbst von sonst durchaus gewissenhaften und ehrliche» Leuten hörm kann, ohne daß je der Versuch gemacht würbe, ihre Berechtigung zu erweisen. Bei jeder anderen Frage würde man eS für eine unbedingte Pflicht halten, sich wenigstens einigermaßen in sie zu vertiefen, tatsächliche Belege für die vertretenen Behauptungen zu sammeln und die Etnwände und Gründe von Leuten entgegengesetzter Meinung gewiflenhafr zu erwägen. In der jüdischen Frage verfährt man viel einfacher. Was ist hier w tter zu grübeln? „V. lle (?) Banken sind in der Hand der Juden; alle Juden sind reich, unterstützen einander, verraten sich gegenseitig nie und machen die Ausnützung anderer Völker zu ihrer Spezialität/' Diese Sätze sind so allgemein bekannt, daß sie gar nicht zu bewiesen werden brauchen! Und doch könnte man dem entgegenhalten, daß es ebenso viele od r richtiger weit mehr nichtjüdisch Banken gibt, daß die Juden, die die Christen angeblich ausnut en und berauben, in ihrer großen Masse selbst ein Volk nicht nur von Proletariern, sondern geradezu von Bettlern sind. In bezug auf die berüchtigte Ausbeutung könnte man auf die Tatsache Hinweisen, daß nicht nur die Bauern des no dwestlichen Gebietes arm sind, sondern auch die Bauern der Gouvernements Kursk und Tamboff und Räsan, obwohl diese nicht zu dem Gebiete der jüdischen Anfiedelungsz ne gehören. Umgekehrt aber sind die Bauern der südwestlichen Gegend, obwohl all den berüchtigte Greueln der jüdischen Ausbeutung ousgesetzt, im allgemeinen reicher als die Tamboffskyen Bauern. Der Gutsbesitzer des mittleren Rußlands kann, wenn er die Pacht für die Grundstücke heraufschraubt oder um den Betrog der Löhne feilscht, sich nicht auf den Bösewtcht „Jude" beziehen. Aber im Gebiete b t jüdischen Anstedelungszone ist der Jude ein sehr bequemer Sündenbock, sowohl für die ergenen Sünden des Grundbesitzer-,, wie auch für fremde Verfehlungenist doch der Boden für allerart Anschuldigungen gegen die Jud n gut vorbereitet) ist eS doch so leicht, dem Bauer vorzulügen, daß der niederträchtige Jude, der ChristuSverräter, dem Christen nur BöseS wünsche) gegenüber solchen Verdächttgungen ist der Jude absolut schutzlos. Seltsamerweise benutzen dieselben Gutsbesitzer, die die Juden der Ausbeutung zeihen, Juden als Boten, Vermittler, Pächter, Anwäll e usw Freilich versichern sie, daß gerade diese Juden eine Ausnahme von der allgemeinen Regel bilden. Sie find chrer Meinung nach Menschen und sogar nützliche und gute Menschen. Ueberhaupt ist es merkwürdig, daß jeder Antisemit peisönltch eine Menge guter Juden kennt und dann behauptet, daß die Ausnahme nur die allgemeine Regel bestätige. Zählte man zusammen, wieviel gute Juden im großen und ganzen den einzelnen Antisemiten bekannt stno, so würde sich als Fazit fiter ergeben, daß ihre Zahl nur wenig geringer wäre als die Gesamtzahl der in Rußland lebenden Juden. — Des Rätsels Lösung besteht natürlich darin, daß die Juden wo I nicht besser, aber auch nicht schlechter als die anderen Bürger sind." In der Tat hat denn die Regierung in ihren unermüdlichen Bestrebungen, die.russische Bevölkerung vor dem schädlichen Einflüsse der Juden zu schützen, die einzig dastehende Korrumpierung der Beamten großgezogen, die aber dann nicht mehr allein den Inden, sondern dem ganzen russischen Volke, nicht zuletzt der Regierung selbst, zum