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Der Israelit · 1909-06-24 · Heft 25 (24.6.1909) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 25 (24.6.1909)
Date
1909-06-24
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Feuilleton-Beilage zu Nr. 25 des „Fsraelit". euilleton. Lt>rCs. Zweierlei Bildung. Novellen von Arthur Kuh«. (Fortsetzung.) Hier war aber der Boden, auf dem zwischen Salmechen und seinem Bruder immer größere Feindseligkeiten entstanden. Jsak hatte geheiratet,- weder zur Verlobung noch zur Hochzeit Salmechen eingeladen, worüber sich dieser umso schwerer gekränkt fühlte, als Jsak nicht unterlassen hatte, seinen Bruder Leiser, der ein bekannter Arzt und reicher Mann geworden, einzuladen und auf der Hochzeitsreise mit seiner jungen Frau zu besuchen. Zwar soll der Dottor Eibinger das junge Paar sehr frostig empfangen haben — stand er doch, seitdem er „Doktor" geworden, außer jedem Verkehr mit den Geschwistern — dennoch erzählte Jsak, um Salmechen zu kränken, der „Bruder Doktor" habe gesagt, er wolle gar nichts von seinen Geschwistern, außer von Jsak etwas hören. Inzwischen war Salmechen wieder allmälig zu Vermögen gekommen und, wenn auch gerade nicht in hohem Ansehen, dennoch in ehrenvoller Weise bekannt geworden. Ein braver, anständiger Mann, wie man heutzutage sagt, und früher „bekowed" nannte, der trotz seiner zweifelhaften Manieren und offen zutageliegenden Unwissenheit überall zu finden war, wo es galt, gute Werke an Armen und Kranken zu verrichten. Von ungeschlachtem Wesen, in seiner unbedeutenden körperlichen Erscheinung ein Gemisch von komischer Figur und lebhaftem beweglichen Temperament, sah Salmechen nicht darnach aus, als ob man sich etwas besonderes über ihn zu denken brauche. Nein, sicherlich gab er keinen Anlaß, wenn man ihn so sah, ihm irgendwelche hervorragende Eigenschaften beizumeffen. So wurde er auch nicht weiter sonderlich beachtet. Als Mitglied der heiligen Brüderschaft genoß er in dieser wenigstens dann der Wertschätzung, wenn sich die Notwendigkeit herausstellte, Jemand zu finden, um einen Schwerkranken oder eine Leiche zu bewachen. Dann richteten sich sicher die Gedanken aller aus Salmechen. Er erübrigte sich dann, trotzdem er seinem Brot nachgehen mußte, Tag und Nacht Zeit, war nie müde, nie verdroffen, wenn er solche letzte und allerletzte Liebeswerke an Kranken und Toten verrichten konnte. Es gab nämlich damals keine Krankenwärter und Totenwächter wie heute für Geld und gute Worte. Sobald sich Jemand niederlegte aiffs Krankenlager, gab es stets Leute, die Besuche abstatteten, die Pflege übernahmen und im Sterbefalle die von der jüdischen Religion gebotenen Pflichten erfüllten. Rührend war die gegenseitige Hilfsbereitschaft der auf dem Lande wohnenden Juden. Mochten auch noch so häufig in der Konkurrenz, im Handel und Wandel, durch Familienverhältnisse, Klatschereien oder sonstigen Anlässen Zwistigkeiten oder gar bittere Feindschaften entstehen, — snbald es bekannt wurde, dieser oder jener im selben oder weiter entfernten Dorfe fei erkrankt, war aller Hader, jede Feindschaft vergeffen. Da ward der Konkurrent und Feind zum Bruder, der auf die Liebe der Religionsgenossen angewiesen, und nicht der seltenen Sympathie der meist gleichgiltigen Bauern überantwortet werden durfte. Da galt es der Gebote des Krankenbesuchens, der Leichenbestattung, der Tröstung der Hinterbliebenen zu achten, und darin übertrafen die Dorfjuden sehr häufig die in der Stadt wohnenden. So hatte Salmechen es. aus seinem Dorsleben vor sich gesehen, und nachdem er in die Stadt gezogen war, weitergeübt. Eines Tages sollte er Gelegenheit finden, diese Menschenpflicht in ungeahnter Weise zu erfüllen. Sein Bruder Jsak war wieder in das alte Laster des Kartenspiels, verfallen. Spieler und Trinker geraten stets in Rückgang, finanziell, wie auch moralisch und physisch. Seit Jahr und Tag hatte Salmechen weder von seinem „Bruder Doktor" noch von Jsak mehr was gehört. Seine Schwester war inzwischen gestorben. Als Jsak einmal, lange nach Mitternacht, erhitzt vom Spiel, nach Hause kam, fand er seine Frau noch auf, am Bettchen seines ältesten achtjährigen Knaben sitzend. Das Kind rang schwer nach Luft. Auf die Frage: „Was geht vor?" gab die Mutter, die bleich und verstört dasaß, keine Antwort. Nach fünf Tagen starb der Knabe - und die Mutter lag während der Beerdigung, selber schon vom Tode gezeichnet, im Dämmerzustand zu Bett. Sie hatte sich bei der Pflege des Kindes angefteckt. Noch ehe die sieben Trauertage zu Ende waren, wurde wiederum ein Sarg aus Jsaks Wohnung getragen und noch waren die Schicksalsschläge nicht alle aus das Haupt des Heimgesuchten niedergefallen. Sein fünfjähriges Emmachen war gleichfalls von der Diphterie — die man damals Halsbräune nannte — befallen worden, und in der Wiege lag noch ein kleiner Knabe von kaum einem Jahr. Der Arzt riet Jsak, das kranke Mädchen so schnell wie möglich in die große Klinik in der Provinzftadt zu bringen, hinweg von dem jüngsten Kind und in die Hände des berühmten Chirurgen, der schon manches Menschenleben durch den Kehlkopfschnitt gerettet hatte. Und jetzt besaß der Spieler weder Geld genug zur Reise noch für eine Operation. Die Krankheit und der Tod hatten bereits viel Geld gekostet, denn auch der Tod ist nicht umsonst. Verzweifelt rannte er in der Wohnung umher. An wen sollte er sich in dieser großen Not wenden? Sein Kredit war schon längst so gesunken, daß er kein Darlehen mehr aufbringen konnte und vom Mitleid wollte er keine Hilfe suchen. Wäre er jetzt mit Salmechen versöhnt ewesen, dann hätte es keine Not gehabt. Und er wohnte doch dort, wo die letzte Hilfe in Aussicht stand. Die Hände ringend, stand er am Bettchen des Kindes, das mit hochgeröteten Wangen und fieberisch glänzenden Augen ihn hilfeslehend ansah. Er zermarterte vergeblich sein angstverwirrtes Gehirn, wo er die unerläßlichen Mittel hernehmen sollte,- aber kein Ausweg tat sich vor ihm auf. Nein, es blieb keine Wahl und mochte er sich innerlich noch so heftig dagegen aufbäumen, er mußte sich an Salmechen wenden, an seinen Bruder, den er so oft getäuscht, betrogen, beleidigt und beschimpft hatte. Er war doch noch der Rechte, trotz seines groben, ungeschliffenen Wesens, trotzdem er geschworen, was hämische Zwischenträger häufig wieder hinterbracht, daß er bei der ersten Begegnung ihm alle Knochen entzwei, wenn nicht gar ihn totschlagen werde. Mochte es dann kommen, wie es wollte und was da wollte. Die Frau und den hübschen Knaben hatte er innerhalb einer Woche verloren, und hier lag sein süßes Mädchen, das volle runde Gesichtchen in dem braunen Haargelock eingebettet,- sein Emmachen, deffen Silberstimme den ganzen Tag über in wunderbarer Reinheit. Lieder singend durch das Haus geschallt hatte. Und das Kind war von derselben fürchterlichen Krankheit gepackt, die schon zwei teure Wesen entrissen hatte,- — sein Emmachen, an dem jede Faser seines Herzens hing. Er faßte sich, von wahnsinniger Angst gepackt ans Haar und raufte sich und schlug sich mit geballten Fäusten ins Gesicht. Aber alle diese Ausbrüche der Verzweiflung halfen ihm nichts und noch weniger dem Kinde. Er stürzte fort ans Telegraphenamt, und bald darauf langte ein Telegramm an: „Erwarte Euch nächsten Schnellzug- Geld anbei. Salomon." Der Ansteckungsgefahr halber verbot der Arzt Salmechen, den Bruder abzuholen. Ein Wagen brachte bei einbrechender Nacht Vater und Kind ins große Provinzialkrankenhaus. Die sofort vorgenommene Operation brachte dem Kinde aber nicht die erhoffte Rettung. Bei Tagesgrauen verschied die kleine Emma. Erst am Spätnachmittag, nachdem alle Vorsichtsmaßregeln vorgenommen worden waren und Salmechen dem Bruder andere Kleider geschickt hatte, erschien dieser schwankenden Schrittes. Salmechen hatte gerade für verspätete Gäste den Tisch abgedeckt, als Jsak in der Türe erschien und verschüchtert stehen blieb, ängstlich die Augen auf den Bruder richtend. Kaum daß Salmechen den abgehärmten Mann mit dem verwilderten Bart im bleichen Gesicht erblickte, als er auch schnell die Teller, die er auf dem Arm trug auf den Tisch stieß und auf den Ankömmling zustürzte. „Salmechen?" schrie dieser, Salmechen, kannst du mir wirklich mochel fein?" Salmechen breitete weit seine Arme aus und rief laut aufweinend: „Mein armer Bruder, komm' an mein Herz, wo dein Platz ist. O, du armer, kinderloser Vater, was soll ich dir denn mochel sein! Bist du denn nit mein Bruder? Haben wir zwei denn nit unterm selben Mutterherz gelegen? Bist du denn nit im Schlemaffel, wo ich dir beistehen muß? Mein Bruder!" Laut weinend schloffen sich die Brüder in die Arme. Ihre Wangen, von denen heiße Thränen rieselten, fest aneinander gepreßt, ruhte das Haupt des einen auf der Schulter des andern. Die wenigen anwesenden Gäste hielten tieferschüttert den Atem an sich. Der Engel der Liebe schwebte durch den stillgewordenen Raum, in dem sich die beiden Brüder versöhnt, weinend umschlungen hielten/ Jakob und Esau waren versöhnt. So oft Jsak fragte: „Salmeche, bist du mir schlechtem Kerl alles Böses was ich dir schon angetan Hab' auch wirklich mochel?" antwortete er abwehrend: „red' nicht davon,- ich Hab' auch schuld, so gut wie du!" Emmachen wurde auf dem Stückchen Erde begraben, das Salmechen dereinst für sich und seine Gattin erworben hatte, ohne zu ahnen, daß das nächst daran liegende Stückchen von Jsak eingenommen werden sollte. Der Tod der Gattin und zwei blühender, schöner Kinder, war Jsak „auf die Nerven geschlagen." Salmechen begleitete ihn nach Ablauf der sieben Trauertage nach seinem Wohnort, half alle geschäftlichen Angelegenheiten ordnen und kehrte nach einer Woche mit dem stillbrütenden Bruder nach Hause zurück. Alles war so geregelt, daß kein Makel auf dem Namen der Familie haftete, worauf Salmechen mir wahrer Aengstlichkeit stets bedacht war. „Mein Vaters und Mutters Schem muß klar und rein bleiben", war seine Lebensdevise gewesen. Mit Jsak brachte er auch noch ein merkwürdig verschnürtes Bündelchen mit, das deffen jüngsten Knaben enthielt. Als Jsak dem das Kind zärtlich anblickenden Bruder sagte: „Er heißt nach unserm Ette, olew hascholom", küßte Salmechen gerührt den ruhig um sich blickenden Kleinen und beteuerte: „wie unsere eignen Kinder soll's gehalten werden, so lang du ihn bei mir läßt." (Schluß folgt.) 24. 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