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Der Israelit · 1909-06-24 · Heft 25 (24.6.1909) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 25 (24.6.1909)
Date
1909-06-24
Page
– (sequence 12)
Language
German
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d)e Wart erams Abraham Lelger'r religiöser Charakter. — Bon Rabbiner Dr. Kaatz in Zabrze. (Fortsetzung.) IX. Der Herausgeber der Geiger'schen Briefe fügt diesen Bekenntniffen die Anmerkung hinzu: „Diese Ausführungen, die gewiß manchem Leser nicht genehm sind, dürfen wohl nicht als unbedingtes Glaubensbekenntnis Geigers gelten, aber jedenfalls als der treueste Ausdruck der inneren Kämpfe, die er in seiner Sturm- und Drangperiode durchzumachen hatte." (A. Z. d. I. 1896 S. 165.) Ich vermag die Begriffe „unbedingtes Glaubens- Bekenntnis" und „treuester Ausdruck der innersten Kämpfe" nicht zu differenzieren und laffe es hier dahingestellt, ob Geiger später sich im Herzen zu einem andern „unbedingten Glaubensbekenntnis" durchgerungen. ffg Hätte er, der solche Gesinnungen im Innern hegte, in seiner Sturm- und Drangperiode öffentlich und unzweideutig seine Herzensneigung zum Ausdruck gebracht und die Konsequenz aus ihr gezogen, so wäre vom sittlichen Standpunkte aus sein Verhalten ein lauteres gewesen. Aber was Geiger tat, war der Gipfel der Unwahrhaftigkeit. Im Herzen ohne jüdische Ueberzeugung, ohne Glauben an die Zukunft des Judentums, geberdete er sich in der Oeffentlichkeit als der überzeugungsvolle, zielbewußte Erneuerer des Judentums, der mit ehrlichem Enthusiasmus für deffen Umgestaltung eintrat und mit dem Brustton der Ueberzeugung verkündete, daß das Judentum dadurch eine neue Kraft und ein neues Leben gewinnen werde. Zwischen dem, was Geiger dachte, und dem, was er sprach, klaffte ein tiefer Riß. Er begründete im Jahre 1835 seine „Wissenschaftliche Zeitschrift für Theologie",') in deren Programm er die jüdischen „Theologen" aufrief, daß sie mit „glaubensstarkem Mut" (W. Z. I, S. 11) „mit froher Ueberzeugung die Wahrheit verkünden und ihr den Sieg verschaffen." (S. 12) Er bekennt sich darin zu der Hoffnung, die er standhaft bewahren wolle, „daß nun Männer sich hervortun, die einen Geist haben zu lenken, die Zeit kennen, die sie lenken sollen, das Ziel kennen, wohin sie lenken sollen." (S. 11). Selbst ohne Glauben erhebt er eine lange 1) Um sich und die Mitarbeiter an dieser Zeitschrift, soweit dieselben den philosophischen Doktorgrad erworben hatten, auch äußerlich als Theologen kenntlich zu machen, fügte er den betreffenden Namen statt des üblichen Dr., vom zweiten Bande an, ein lateinisches 1) hinzu, d. h. den eigentlich den Doktor der evangelischen Theologie bezeichnenden Titel, der nicht durch ein Examen erworben, sondern nur Ehren halber verliehe»! wird. Später hat er sich dieser kleinlichen Manipulation enthalten. Klage über den „Mangel an Glaubensinnigkeit in der jetzigen Judenheit." (S. 141 s.) Er, der seine wahre Herzensmeinung und Ueberzeugung vor der Oeffentlichkeit verbirgt, entrüstet sich in einem umfangreichen Aufsatz über die „Heuchelei, die erste Anforderung an den jungen Rabbiner unserer Zeit." (A. a. O. S. 264 f.) Man muß, um den Charakter des Autors zu würdigen, seine oben zitierten, in den Briefen zum Ausdruck gebrachten Bekenntnisse mit den Ausführungen vergleichen, die er in diesem Aufsatz macht. Darin heißt es z. B.: „Die traurigste Erscheinung ist jenes Schaukelsystem, das bald hierhin, bald dorthin sich neiget, es mit keinem verderben will, leise und schleichend auftritt, sich selbst und andere täuschen will." (S. 290.) „Was hat man nun vom Geistlichen zu verlangen? Daß er sich bewus't rvorden dieses Kampfes, daß er in sich den Balsam gefunden, der die Wunde heile, daß er den Riß in sich nicht geflickt habe und nicht zu verdecken suche, sondern, das; er ihn völlig geheilt, das Untaugliche weggeworfen und ein Ganzes in sich hergestellt habe." A. a. £>.) „Was hat man vom Charakter des Geistlichen zu fordern? Daß er Kraft besitze, den Kumpf zu führen in sich und nach außen; daß er Redlichkeit besitze, die Notwendigkeit des Kampfes einzugestchen. Ist er schrvach genug, sich selbst mit dem Schwanken zu begnügen, so mag er sich unter der Masse verlieren und selbst der heilenden Hand warten; ist er unredlich genug, den Kampf zu verheimlichen, um etwa nirgends anznstoßen, so ist er schlecht." (S. 291.) „Eine entschiedene offene Herzensmeinung hört man niemals von ihnen. Man vergleiche ne nur einmal mit den Rabbinern der Boi^eit, wie würdig diese ihnen gegenüber erscheinen! Sie traten frei und kräftig auf, erlaubten, was sie für erlaubt hielten, ohne Zagen, bewahrten strenge das ihnen wichtig Scheinende, traten in offenem Feuereifer auf gegen solche, die ihnen verderblich schienen. Dort war Redlichkeit, aber hier sind die erniedrigendsten Schleichwege. Wahrlich, würde ihnen der Prophet Elias zurusen: Wie lange hinkt ihr noch nach den beiden Seiten hin? Ist Gott der Herr, so folget ihm nach; ist es Baal, so folget ihm .... Und die Folgen? Wie sie nicht anders sein können; Gott wendet man sich nicht zu, dem Baal entreißt man sich nicht, und vielleicht eine Zeit lang, »venn die Heuchelei mit der Ulnsichtigsten „Klugheit" geübt wird, gewinnen sie die Herzen, aber es wird dennoch nicht bestehen." (S. 297 f.) Wozu die Belege häufen! Die hier zum Ausdruck gebrachte Entrüstung über die Heuchelei Anderer wendet sich als Waffe gegen den Autor selbst. Jeder Satz ein Pfeil gegen den Schützen selbst, der ganze Aufsatz ein Schauer von Geschaffen gegen ihn selbst. Auf demselben Wahrheitsniveau steht ein anderer Aufsatz: „Die Rabbinerzusammenkunft, ein Sendschreiben" (W. z. f. j. Th. III S. 313 f.) Nur einige Sätze seien daraus hervorgehoben, in denen Geiger ein Urteil über die Rabbiner fällt, die religionsgesetzliche kasuistische Anfragen (Schaaloth), die an sie gerichtet werden, nach dem Religionskodex beantworten. „dtun. Sie schlagen den Schulchan A r u ch auf und geben die religiöse (!) Entscheidung, ob das Geschirr brauchbar sei, ob der Bart noch etwas wachsen müsse und dergl. Ums Hiinmelswillen, und da wollen Sie eine kräftige religiöse Belebung erwecken? und Sie erbleichen nicht vor Scham, Sie erglühen nicht vor Zorn über sich selbst, über Ihre Unwahrhaftigkeit, über Ihr schädliches Wirken? Ich weiß, was zur Entschuldigung hiezu dienen kann; ach, ich muß »nich selbst oft in die Jrrgewinde spitzfindiger Sophistik verflechten und niein Gewissen dort hinein retten; aber es sollte auch so bleiben? .... Das Medusenhaupt der Formenstarrheit muß abgehauen werden, und mag die Arbeit noch so schwer sein." (A. a. S. S. 321.) ferner: „Mir scheinen im Allgemeinen die Begriffe über das zu gewinnende Zutrauen des jüdischen Geistlichen bei seiner Gemeinde, namentlich in der gegenwärtigen Lage des Judentums, ziemlich unklar zu sein. Sollte der Rabbiner wirklich dadurch das Zutrauen seiner Gerneinde sich zu erwerben suchen, daß er allen Verkehrtheiten und Gewohnheitsausichten, welchen einzelne oder mehrere auch die meisten Glieder derselben huldigen, sich anschmieget, so wüßte ich tvahrlich kaum, wozu er denn sein „Zutrauen" gebrauchen »vill. Wenn er durch dieses Llnschmiegen, stillschweigende oder garlaute Genehmigen solcher Meinungen die Anhänger derselben in ihren, erner freien Sittlichkeit widerstrebenden Tendenzen immer mehr bestärkt: auf welche Weise »vill er denn für die Durchdringung echter Herzensreligiosität wirken?" (A. a. O. S. 322.) So schrieb er im Mai 1837. Es sei noch bemerkt, daß er damals in einem Briefe an den vertrauten Freund schreibt, er sei „dem Gedanken an eine geeignete Aufgebung des Rabbinats, um . . . Professor zu werden, sehr befreundet." (An Dernburg. 10. April 1837. A. Z. v. I. 1896, S. 188). X. Ein Jahr später sehen wir ihn in einem Aufsatze, betitelt: „Die zwei verschiedene Betrachtungsweisen. Der Schriftsteller und der Rabbiner", geschrieben am 13. Juni 1838, den entgegengesetzten Standpunkt vertreten. Darin führt er aus, daß der Schriftsteller frei und unumwunden Kritik an dem Bestehenden üben müsse und dürfe, anders aber liege die Sache bei dem Rabbiner. Es heißt dort: „Es liegt .... in allen religiösen Einrichtilngen ein gediegener Kern, »venn auch aus diese»n heraus die äußere Erscheiirung »run sehr seltsanr sein mag. Dem Rabbiner muß es irnmer auf diesen Kern ankommen, und da sich dieser nun einmal in der bestehenden Form so äußert, so muß ihin auch die Forin von Bedeutung sein, »veil er in ihr den Anhaltspunkt hat, derr darin verhüllten Gedanken eindringlich zu machen. Es könnte ihm, ja es müßte ihm angenehm sein, »venn sich der Gedanke in einer zweckmäßigeren Form darstellte; aber er benützt eben, was da ist. Er weiß es auch, daß ein äußerer Halt notwendig ist, daß sich leichter eine geheiligte Einrichtung nehmen läßt als. geben, urrd indern er letzteres von der Zeit und von dem Ideenverkehre hofft, so muß er immer die bestehende Einrichtung nach ihrer möglichen heilsamen Auffassung bewahren .... Er und seine Ansichten bilden dem Kreise gegenüber, in welchem er auftritt, ein Einziges und Zusammenhängendes, und sein Eiufluß gründet sich vornehmlich auf das Zutrauen, welches man zu beiden hegt; sein Wort soll wirken als aus seinem Munde kommend .... Er ist ein treuer Verwalter, der da einsieht, daß er nicht alle Mängel in seinem Fache abstellen kann, nach den Verhältnissen sich richtet .... Ein Mann des Friedens nmß er

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