Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 24 (17.6.1909)
- Date
- 1909-06-17
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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1 icht in- Feuilleton-Beilage zu Nr. 2$ des „)sraelit". Mt 2 rein Wo ’c^ i]eteilneu ind bilft'n- 'eilen. sich hen Re- : in liev;ntür:.i 11 j.q der nne and Eö mder [Cltsere der, lach hen reie die ung das da )cm imt cei" KT' >en als delnS beailk »rdnckhn. im ier- )esnen ssr. unk \ er- ^ach des rrn nndie ran oeiinferte des »loß eint ster An euilleton Zweierlei Bildend. Novellen von Arthur Kahn. (Fortsetzung.) Vor dem Vater durste der „Studierplan" nicht mehr erwähnt werden. Er wollte, daß die Söhne so früh wie möglich selbständig würden - ein studierender Sohn mußte aber noch reichlich unterstützt werden. Salmechen merkte nun, daß die Mutter sich härmte, weil der Leiser mit seinem offenen Kopf ein Handelsmann werden sollte. Da trat er eines Sabbatmittags, als der alte Eibinger grade guter Stimmung war, vor den Vater: „Eite,*) ich will das Geld, was es kostet, wenn der Leiser Raw werden soll, schon herbeischaffen. Du sollst es nicht spüren. Laß' ihn wenigst, ns vorderhand mal aufs Gymnasium gehen. Morgens geht er in die Stadt 'nein und nachmittags kommt er wieder heimnimmt sich eill paar Stücke Brot und sonst was mit und braucht dann kein Täg essen gehen." „Und wie lange dauert dieser Stuß?" frug der Alte zurück. „Auf'm Gymnasium fünf, sechs, sieben Jahr', denk ich." „Und dann?" frug der Vater lauernd. „Dann weiß ich's nicht weiter", antwortete Salmechen ausweichend. „Gott hilft schon und ich will gern doppelt arbeiten, schon derMamme**) wegen, oie sich so kränkt." „Dann meinetwegen", willigte der Vater ein - vielleicht schon deshalb, weil die Mutter in der Zimmerecke saß und während der Unterhandlung zwischen Vater und Sohn ständig tief seufzteaber auch weil er auf Salmechens Fleiß und Tüchtigkeit vertraute. Endlich schmeichelte es auch Eibingers Vatergefühl, daß gerade sein Sohn ein „gestudierter" Mensch werden soll, was seit vielen, vielen Jahren in der weitesten Umgegend unter Juden nicht vorgekommen war. So kam denn Leiser auf die Stadtschule und bewährte sich als offener Kopf. Er trug spater eine bunte stütze. Wohl fiel es Salmechen öfters auf, daß, wenn sie sich auf dem Wege oder in der Stadt in Gegenwart anderer einmal trafen, der Leiser immer in Verlegenheit geriet und sich offenbar schämte, mit dem Bruder, der stets Ellenwaren und-Ellenmaß mit sich trug, zusammenzugehen. Salmechen war nun ein sehr empfindlicher und ebenso leicht aufbrausender Mensch. Er hatte sehr bald bemerkt, daß Leiser sich seiner als Bruder schämte. Am liebsten hätte er ihn verprügelt und sein bisher unverbrüchlich gehaltenes Wort zurückgenommen. Doch die Liebe zur Mutter, die in grenzenloser Hingebuung an Leiser hing, bestimmten ihn, den häßlichen Dünkel des Bruders ruhig hinzunehmen. Dann kam Leiser auf die Universität, was sehr viel Geld kostete und ihn bestimmte, sich durch Stundengabe seinen Unterhalt zu verdienen. Eines Tages schrieb er nach Hause, er habe die Absicht, Rabbiner zu werden, aufgegeben, und werde Medizin studieren. Wie vom Blitz berührt saß die Mutter da, als sie diese Nachricht empfing. Ihr schönster Lebenstraum, den Sohn dereinst vor einer großen Gemeinde, die in tiefster Andacht seinen Predigten *) Vater. **) Mutter, verhunztes Mama. lauschte, auf der Kanzel stehen zu sehen, seine Stimme laut und hinreißend durch den Syuagogenraum schallen zu hören, war zerstört. Der alte Eibinger lachte bitter auf. „Für das Geld, was das Kiwwetchen*) gekostet und nicht verdient hat, hätt' ich mir den schönsten Winzert**) in der ganzen Gemarkung kaufen können. Von dem kriegt mal keiner von Euch 'was zurück." Salmechen wandte jetzt seine Liebe mehr dem jüngsten Bruder, dem Jsak zu. Hatte der Leiser bis zum neunzehnten Lebensjahre der Familie auf der Tasche gelegen, so konnte auch einmal an Jsak etwas verwendet werden. Die Schwester, die sich durch Salmechens Opferwilligkeit gut verheiratet hatte, versprach den Eltern gleichfalls, wenn's not rut, beizuspringen. Der alte Eibingen brauchte dieses Anerbieten zwar nicht mehr für sich, denn er starb bald darauf, aber die alte Frau hätte schon manche Annehmlichkeit noch genießen können. Jndeß entbehrte sie nichts. Salmechen sorgte treulich für Mutter und Bruder. Er empfand an sich seine Unwissenheit oft sehrschmerzlich. Sein innigster Wirnsch war daher, daß sein Bruder kein Unwissender, auf die Dörfer herumwandernder Hausierer, sondern ein richtig gelernter Saucher***) werden solle, der die Buchführung, Korrespondieren, sogar französisch sprechen könne und irgendwelche tüchtige Warenkenntnisse erwerbe, um sogar als Reisender in die Welt hinein reisen zu können. So kam Jsak, der bis zum vollendeten vierzehnten Jahre auf der Schule bleiben durfte, in ein Ladengeschäit in die Lehre zu einem Kaufmann, bei dem Salmechen seinen Warenbedarf entnahm. Nach vier Jahren Lehrzeit, während deren Dauer Salmechen alljährlich noch in den ersten zwei Jahren hundert und für die letzten fünfundsiebzig Thaler Lehr- und Kostgeld dazu zahlen mußte, ward Jsäkelchen, wie ihn die Leute nannten, endlich Kommis. Inzwischen verstarb auch die Mutter und Jsak hatte nur für sich selber zu sorgen. Er besaß wohl jetzt Warenkenntnis, konnte auch die Bücher ordnungsmäßig und kaufmännisch führen, aber aus dem Französischternen und dem Reisen ward doch nichts. Er liebte mehr das Kartenspielen, anstatt abends nach Geschäftsschluß noch Sprachen zu studieren. Salmechen heiratete nach dem Tode der Mutter ein braves, steißiges Mädchen, das die sauer ersparten Groschen ihres Mannes zusammenhielt. Nach einigen Jahren waren auch zwei Kinder da, welche das höchste Erdenglück Salmechens bildeten. Der kleine, etwas zappelige Mann, mit dem bis in die Augen gewachsenen starren Bart, spielte, selbst zum Kinde geworden, mit seinen beiden Kleinen, ohne die er fast nie an freien Tagen, welche die jüdischen Feier- und Ruhetage waren, gesehen ward. Es ging ihm ja gut und so schwer er auch sein Brod verdienen mußte, wie klein der Nutzen sich auch zusammensetzte, so kam er doch vorwärts. Mit Jsak ging es aber nicht vorwärts. Der brauchte was er verdiente, manchmal noch mehr. Dann borgte er bei Salmechen, gab ihm aber nie etwas wieder zurück und bot schließlich für seine Schulden dem Bruder Wechsel an. Jsak war ein Spieler geworden. Da faßte Salmechen einen heroischen Entschluß. Er bot dem Bruder an, ihm einen Anteil an seinem Geschäft zu geben, er solle die Stadt verlassen, und zu ihm ziehen. Salmechens Gattin hatte stumm den Plan ihres Mannes angehört. Ein banges Gefühl beschlich siedie Ahnung, daß aus dieser Geschäftsverbindung nichts Gutes erwachsen werde. Aber vielleicht irrte sie doch und ihr Mann tat am Ende doch recht, wenn er sein Geschäft verrößerte und statt eines Fremden, der als Geilfe eintreten sollte, den Bruder zu sich nahm. *) Soviel wie Prachtmensch in sarkastischem Dinne. **) Weinberg. ***) Kaufmann. j ‘ i) ‘ i~i fr* f - Nach kaum zwei Jahren hatte Jsak beträchtliche Schulden gemacht, für die Salmechen aufkommen mußte. Fast die ganzen Ersparnisse gingen drauf. Eine unbändige Wut erfaßte ihn. Er prügelte den faulen nichtswürdigen Jsak entsetzlich, und beschimpfte ihn als Räuber, Spieler, Lump, Faullenzer und welche Bezeichnungen sonst ihm der Zorn eingab. Tot möchte er ihn sehen und am Chausseegraben sollte der treulose Mensch verenden. Salmechen war ruiniert. Nun wollte er sein Glück in der nächsten großen Provinzstadt versuchen. Alles schlug fehl. Da kamen eines Abends zwei alte Freunde aus dem Heimatsdorf, die ihn, auf ihrer Geschäftsreise begriffen, besuchten. Sie blieben bis spät in die Nacht und Salmechen bot ihnen in seiner Freude Gast-, freundschaft an. Er räumte den Freunden seine Schlafstube ein und das führte zu einem neuen Plan. Die beiden Männer wollten Salmechen helfen. Sie hatten bei ihn: gut gegessen, getrunken und geschlafen und waren erfreut über die peinliche Sauberkeit, die überall herrschte. „Du gäbest einen guten Hotelier ab, sagte der eine der Gäste. Dieser in aufrichtigem Staunen getane Ausruf, weckte wunderbare Pläne in der Seele der Frau. In der ganzen Stadt gab es keine jüdische Restauration. Daß sie zu kochen verstand, war kein Wunderdas verstanden vor fünfzig Jahre alle Frauendie Judenfrauen ganz bestimmt. Sie wollte Kostgänger aufnehmen und durchreisende Juden, die in großer Zahl die Stadt besuchten, sollten sinder,, was sie sonst oft unterwegs entbehren mußten. Kurz erzählt, der Plan ward trotz aller Bedenken und Einwände Salmechens zur Tat und in wenigen Monaten war die kräftige, gute Küche der Frau Eibinger, die blendende Sauberkeit und die geschmackvolle, in die Augen fallende Herrichtung der Tafel und Zimmer, worauf jüdische Restaurateure nie Bedacht genommen und deshalb keine Gäste anzuziehen verstanden hatten, rühmlich bekannt. Es ging alles vortrefflich und Salmechen ging roieder hinaus aufs Land, um die alten Kunden, soweit diese von dem jetzigen Wohnort aus noch erreichbar waren, wieder zurückzugewinnen. Ein nicht leicht zu übersehender Nebelst ,nd trat aber, wenn ec jetzt Freitagabends, am Sabbat und Sonntag zu Hause war und die Gäste mitbedienen helfen sollte, unliebsam zutage. Salmechen war ein recht ungeschliffener Mensch. Er sprach so laut, daß man stets meinte, er streite und schimpfe. Es entfuhren ihm öfter derbe Flüche und Verwünschungen, ohne daß er sich das geringste dabei dachte. In der steten Sorge, daß einer der Gäste vielleicht beleidigt sein könnte, wenn er sich nicht ganz besonders mit ihm unterhalte, tat er des Guten zuviel und wurde oft lästig. Er neigte sich vertraulich über die Speisenden, flüsterte ihnen ins Ohr oder klopfte ihnen wohlwollend auf die Schulter. Manche nahmen das übel, wurden unhöflich oder beleidigend und kamen nicht wieder. Trotzdem kamen die Gäste immer zahlreicher, besonders am Sabbat, wo es vortreffliche Gerichte gab, die bald den Ruf von Spezialitäten erlangten. Unter den Abonnenten, wie die täglichen Gäste hießen, waren auch einige, die als Geschäftsreisende des öftern von Salmechens Geschwistern zu berichten wußten. Darunter war ein junger Mann, dem es eine besondere Freude machte, Gespräche, die er mit Salmechens Bruder Jsak geführt haben wollte, wieder zu erzählen, obgleich er entweder übertrieb oder log und Salmechen verhetzte und in Zorn versetzte. (Fortsetzung folgt.