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Der Israelit · 1909-06-10 · Heft 23 (10.6.1909) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 23 (10.6.1909)
Date
1909-06-10
Page
– (sequence 20)
Language
German
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«fette 20. Der JSraelit. Kurafchew hielt sich nunmehr an Tatsachen und erzählte überall, sowohl bei der Voruntersuchung als auch später vor dem Schwurgerichte den wahren Hergang auf dem Bodenraum im Lause des Meier Berkowitz. Er erzählte alles haarklein und gab vieles zu, worüber er gar nicht befragt wurde, sodaß die gerechten Richter nicht umhin konnten, den „dummen Kerl" für einige Jahre ins Zuchthaus zu schicken. Marianka wurde nach vier Wochen vom Spital als wiederhergestellt entlassen. Sie befindet sich seitdem mit ihren Kindern im Hause des Meier Berkowitz. Zweierlei Bildung.* * Novellen von Llrthur Kahn. I. Das warme Wetter hatte den Aufenthalt auf dem Balkon als selbstverständlich erscheinen lassen. Auf der stillen Straße, wo es weder große Läden noch geschäftliches Treiben, wie im Zentrum der Stadt gab, war es noch ruhiger wie sonst - etwas Festtägliches ruhte hier allenthalben über den kleinen Vorgärten, den weißen, großen balkonreichen Häusern und traumdämmerigen Loggien. Der Großvater sah mit dem ruhigen, resignierten Blick des Greisenalters auf die Straße, während die Finger seiner Rechten unbewußt mit der abgelegten Brille spielten. Er hatte beim Nachmittagkaffee gelesen, wie dies seine Gewohnheit war, als der Briefbote einen Brief für ihn abgab, dessen Inhalt den alten Mann nachdenklich gestimmt hatte. Aus der Türe und den offenen Fenstern des Nebenzimmers klang Klaviermusik. Ottilie und ihre Freundin Herta spielten vierhändignicht ohne musikalischen Geschmack, aber doch nicht wesentlich besser, wie man es heutzutage tausend und zehntausendmal, und deshalb überhaupt nicht mehr hört — höchstens noch mechanisch mit dem Ohr aufmmmt, etwa wie den von Wagen und Autos verursachten Lärm. So erging es sicher auch dem Großvater auf dem Balkon. Er hatte in einer Zeitung und dann den Brief gelesen ohne das stark klingende Spiel auf dem großen Flügel als Störung empfunden zu haben. Jetzt hörte das Spiel auf und die beiden Mädchen, die in ihren Hellen Kleidern anmutig aussahen, betraten den Balkon. „Hast du Brief erhalten, Gran dpa? Doch wohl nichts Unangenehmes, weil du so ernst blickst?" frug Ottilie sich über den Greis beugend, ihn zärtlich anblickend. Doch der sah sinnend hinauf zu den hohen Baumwipfeln des Nachbaraartens, die sich leise in der klaren blauen Luft hin und herwiegten. „Wenn man alle paar Monate einmal aus der alten Heimat Kunde bekommt, so ist eine solche immer ernsterer Art, sobald man selber schon hoch in den Jahren steht. Dann sind es meist Todesfälle alter Bekannter und Freunde. So schrieb man mir in diesem Brief, daß Salmechen*) Eibing gestorben ist." „Da werden wir auch heute auf die Erzählung von der, — na, wie hieß sie schnell?" frug Harta stockend. „Sorle", half Ottilie nach. „ — nun ja, der Sorle verzichten müssen." „Da Klara Simon auch nicht da ist, so wollen wir diese Geschichte später erzählen/ „Aber die Bildung? Noch ist sie an einem Beispiel von dem Jockew doch noch nicht nachgewiesen. Und Sie haben mich wirklich neugierig gemacht, wie Sie uns die alte feinere Bildung in der alten Judengasse noch weiter Nachweisen werden." Es lag ein Gemisch von Ungeduld und verstecktem Spott in der Stimme des jungen Mädchens, die den alten Mann aufblicken ließen. Er betrachtete prüfend Hertas jugendlich hübsches Gesicht. Ein feines, etwas sarkastisches Lächeln erhellte sein bisher ernstes Gesicht. *) Siehe Erzrhluug „Ung ebildete Leute" im Kl. Feuilleton No. 18—20. *) Salomo nchen. „Jede Zeit hat ihre Bildung in zweifacher Form. Die eine ist veränderlich und trägt die Maske ihrer Zeit, womit ich sagen will, daß sie von den jeweilig herrschenden äußeren Strömungen abhängtauch von den Sitten, die gerade als schön, angenehm und gut gelten. Diese sehr veränderliche, zeitlich wechselnde und als paffend und schicklich bezeichnete ist eine rein äußerliche. Herrscht gerade eine Strömung, in der alle Pietät des Glaubens als abgestanden und überlebt betrachtet wird, dann gehört es zur jeweils modernen Bildung, dem Zug der Zeit zu folgen und der Pietät zu entsagen und was damit zusammenhängt ver- .gessen zu machen. Ich will eurem eignen Nachdenken überlassen, den Wert einer solchen Bildung selber zu prüfen und einzuschätzen. Auch ohne daß ihr euere jungen Köpfchen anstrengt, werdet ihr leicht herausfinden, daß weder besonderer Verstand noch viel Wissen dazu gehört, sich eine solche Bildung baldigst anzueiqnen. Habt ihr mich verstanden?" „Ich sehr wohl", klang eine Stimme aus dem Zimmer und Marta Liebhold erschien auf der Schwelle der Balkontüre. Die Begrüßung rief keine lange Unterbrechung hervor und der Großvater fuhr dann fort: „Außer dieser von den wechselnden Anschauungen und Moden abhängigen und wandelbaren Bildung gibt es noch eine andere, über Zeiten und Wechsel hinausragende unveränderliche." „Herzensbildung?" unterbrach Ottilie fragend. „Das Wort hast du von deinem Großvater", meinte Herta spitz. „Das Wort tut nichts zur Sache", fuhr der Greis mit einer leichten, abwehrenden Bewegung fort. „Tatsächlich ist die einzig wahre, in allen Zeiten und Lebenslagen sich bewährende, die Herzensbildungwas der Mensch als schicklich und gut empfindet - der gute Ton und Takt, den man nicht erlernen kann. Keine Schule in der Welt, ob sie Universität oder Pensionat heiße, vermag ihn zu lehren, wenn er nicht im Gefühl wohnt, weil er etwas rein Innerliches ist, das weder von äußeren Verhältnissen noch von Unterricht und Wissenschaft abhängt." Die jugendlichen Zuhörerinnen sahen sich nachdenklich an. „Wissen macht frei", warf nicht ganz logisch Marta ein. „Nein", korrigierte Herta, „es heißt Bildung macht frei." Der Großvater ließ den Wortstreit der Mädchen gewähren. Es kam aber zu keiner Einigung und Marta wehrte sich dagegen, daß Ottiliens Großvater als Schiedsrichter entscheiden sollte. Seine bisherigen Ansichten bewiesen ja klar, daß er cht unbefangen sondern gegen die allgemeine moderne Bildung voreingenommen sei. „Gut", meinte der Greis, „so will ich kein abstraktes Urteil abgeben, sondern wieder, wie bei unserer letzthin gepflogenen Unterhaltung Begebenheiten aus meiner Vergangenheit erzählen, wonach dann jeder von euch selber sich den vielumstritteneu Begriff nach seiner Art deuten mag." Den jnngen Mädchen gefiel der Vorschlag. Verstand der kluge Greis doch auch seine Erlebnisse so plastisch zu schildern, daß es ein Vergnügen bereitete, ihm zuzuhören. „Eines muß ich vorausschicken, ehe ich meine Geschichte beginne", sagte der Alte schalkhaft lächelnd. „Es kommen, wenn ich, soweit ich noch gewisser Worte und Ausdrücke mich erinnere, auch solche vor, die gebildeten jungen Juden und Jüdinnen unverständlich sind. Auch ein paar jener alttestamentarischen Namen, bei deren Nennung, ein moderner gebildeter Jude erschrickt und rot wird. Wird euch das in meiner Erzählung nicht sehr stören?" „Mich gewiß nicht", versicherte Marta und blickte dabei Herta Bernauer herausfordernd an- „ich bin ja an jüdische Ausdrücke gewöhnt." Schon wieder drohte Zwietracht unter den Mädchen. Doch unbeirrt begann Ottiliens Großvater : „Machen wir ein Kompromiß. Wie ihr ja wißt, ist es für den Eindruck, den die Helden _f 10. Juni 1909. Nr. 23 eines StückMDrachen sollen, nicht ganz gleichgiltig, in welcher Sprachform sie sich ausdrücken. Wie beispielsweise auf der Bühne dem Dialekt oft ein größeres Feld eingeräumt werden muß, um die Umgebung, die Heimat und die damalige Zeit möglichst getreu wiederzugeben, so muß auch der Erzähler, der wirkliche Juden und jüdische Verhältnisse vergangener Zeiten schildern will, damit auch der Leser, dem diese Dinge fremd sind, das richtige Verständnis dafür findet, die Ausdrucksweise beibehalten, welche solche Menschen, Zeiten und Sitten kennzeichnet. Wenn ich nun jetzt von Salmechen Eibinaer erzähle und ich würde die Ausdrucksweise dieses Mannes absolut nach unserer modernen gestalten, so würde das eigentlich Charakteristische verloren gehen. Wahrscheinlich würde Salmechen heute Siegbert, sein Bruder Jsak möglicherweise heute Iwan, oder Jsebrecht heißen und sein andrer Bruder, der Leiser oder Lazarus hieß, unter dem Namen Lambert, Lothar, Lodokus oder mag Gott wissen auch als Günter, Heinz oder Norbert sich so maskieren, daß er als Jude sich unerkannt dünkt. Würde euch unter diesen und ähnlichen Namen der Held mehr interessieren?" „Wie fade!" rief Ottilie geringschätzig aus. „Aber dein Vater nennt sich doch Dagobert", warf Herta ein. „Ich habe ihn nach unserem Vater Daniel genannt und bei seiner Geburt so eintragen lassen", bemerkte wie entschuldigend der Großvater. „Doch zur Sache, bitte, zur Sache, zur Erzählung", drängte Marta. Der Alte begann: „Heute Nachmittag erhielt ich die Nachricht, daß Salmechen Eibin ger gestorben ist. Er war einer von jenen Tausenden, denen das Leben nur Kämpfe brachte. Kämpfe von Kindesbeinen, bis ans Lebensende. Armer Leute Kind und der älteste von vier Geschwistern, zwei BHdern und einer Schwesterdie Eltern wohnßen im Dorfe nahe bei der Kreisstadt, in einem kleinem Häuschen, das sechs Tage in der Woche eines der Familie nicht beim andern sah. Der Vater von Sonntags bis Freitags unterwegs, Salmechen nur zweimal in der Woche zu Hause Und wie das dann so geht, ohne große Unterschiede und Abstände. Die Eltern werden alt, die Kinder groß, die Alten sterben, die Jungen trennen sich, gründen wieder ein Heim, um dasselbe Vorkommnis zu wiederholen. Also mit einem Wort: Kleine Leute, arme Dorfjuden, die sich schlecht und recht durchschlagen. Salmechen hatte es nicht besonders gut. Nach seiner Barmizwa heute heißt's Einsegnung — sagte sein Vater zu ihm, was dessen Vater zu jenem gesagt hatte: „Du mußt nun soviel wie möglich mitverdienen helfen". Die Kinder, die ganz und gar für sich von diesem Zeitabschnitt sorgen und aus Not das Elternhaus häufig verlassen mußten, hatten es womöglich noch schlechter. Salmechen ging „auf die M'dine", wie der Ausdruck für das Hausieren in den Dörfern und Höfen der Umgegend lautete. Er hatte auch Erfolg und mit zwanzig Jahren konnte er seine Schwester verheiraten helfen. Der Saiser, sein Bruder galt als ein sogenannter offener Kopf, weshalb die die Mutter sehnlichst wünschte, daß er als Rabbiner studiere. Der Vater widersetzte sich diesem Lieblingswunsch seiner Frau und frug ganz erschrocken: „Bon was und woher? Soll er ein Tägeffer werden?" Ein Tägeffer war ein armer junger Mensch, der in der Fremde dadurch erhalten wurde, daß er jeden Tag in der Woche in einer anderen Familie eine Mittagsmahlzeit erhielt. Endweder war der Tägeffer ein jüdischer Handwerker, — Lehrling oder Geselle — oder ein Schüler, der sich zum Studieren vorbereiten wollte, oder endlich auch ein Bochur oder Student. „Nein", entschied der alte Eibinger barsch, „von meinen Kindern uM> solange ich lebe, soll keines Täg effen gehen. Einen Stein, den man nicht heben kann, muß man liegen lassen." (Fortsetzung folgt.) ' $■.

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