Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 20 (21.5.1909)
- Date
- 1909-05-21
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Es war ihnen jetzt klar, daß der hohe Beamte es für gut fand, heute die Stadt, die seiner Obhut anvertraut war, zu verlassen. Von der Ferne aber war bereits ein wildes Schreien und Johlen, vermischt mit Stöhnen und Hilferufen zu vernehmen. Auch einige Schüsse knallten dumpf und unheimlich. „Von hier aus wird keine Hilfe kommen", sagte der Rabbi resigniert auf das Schloß hindeutend, „und es ist höchste Zeit, daß wir zu unseren Familien zurückkehren." V. Die große Synagoge, die sonst an Tagen, an denen die Thora vorgelesen wurde, überfüllt war, war heute nur von einigen wenigen besucht und auch von diesen gingen viele hastig vor Beendigung des Gottesdienstes, sodaß der alte Synagogendiener immer von neuem eine Musterung vornehmen mußte, um festzustellen, ob noch die nötige Minjanzahl anwesend war. Als aber während des Thoralesens sich draußen ein wüster Lärm dröhnend und beängstigend erhob, ergriff auch die wenigen eine wilde Panik und sie stürzten aus dem Gotteshause. Einer blieb. Als die Betenden so eilig die Synagoge verließen, sah ihnen der alte Schalum, der im Dienste des Heiligtums ergraute Syuagogeudiener, mitleidig nach. „O Gott, stehe ihnen bei!" betete er tief bewegt, ohne das geringste Gefühl für die eigene Gefahr zu empfinden. „Sie laufen nach Hause, um ihre Familien zu beschützen. Ich aber", sagte er sich, „wo ist mein Haus, meine Familie, die meines Schutzes harrt? Meine Frau ist tot, mein Sohn aber, mein einziger Kaddisch, hat mich längst verlassen.. ich bleibe hier. Sie liefert heim und die Synagoge ist mein Heim, ich will es schützen, soweit ich es kann." Ein eigenarttg beglückendes Gefühl von heiligem Stolze und großer Erhabenheit bemächtigte sich des Alten; sein Gesicht glänzte, als er jetzt sich der Thorarolle, die noch offen auf dem Pulte lag, näherte und mit klingender Stimme den Thoraschnitt zu Ende las. Dann rollte er sic bedächttg zusammen, legte ihr das Samtgewand und den Silberschmuck an und drückte sie fest ait die Brust, sodaß er einen wohltuenden Schmerz empfand. Er trug sie dann unter fortwährenden zärtlichen Küssen zur heiligen Lade. Da blieb er nun in Tallis bis über den Kopf gehüllt und das Gebetbuch in der Hand, stehen, um das Gebet zu beenden. Draußen wurde das Chaos und der Lärm immer stärker, wilder, Hohngelächtcr und Angstgeschrei, herzzerreißende Hilferufe und dröhnendes Eisengeklirr vereinigten sich zu einer furchtbaren Symphonie. Die weihevollen Klänge der Kirchen glücken hatten sich längst in ein schauerliches Sturmgeläute verwaltdelt. Malt mordete itnd plünderte und keiner, der dem Verwüstitngswerke Einhalt gebot. Schalum hörte es kaum. Er stand vor der Lade und betete. Bereits lvar er mit dem Moraengebete zu Ende, aber er betete weiter. Verschiedene Psalmen und das Seelengebet für Verstorbene, alles enthielt seilt altes, dickes Gebetbuch. Dann kamen das S ü n d e n b e k e n n t n i s und die letzten Gebete für die Sterbende. Ter Alte hatte mit der Welt, mit dem Leben abgeschlossen, er zog seinen Tallis noch tiefer über den Kopf und betete .... Noch ein sehr wich tiges Gebet hatte er zu verrichten, ein Gebet für sein Kind, daß es der Erkenntnis und göttlichen Erleuchtung teilhaftig werde, daß ihm ein reines Herz und ein neuer Geist geschaffen werden, daß ihm der himmlische Vater die Jugendverirrungen verzeihe, wie er, der leibliche Vater, ihm in dieser Stunde alles verzeihen möchte. . . . Segnend breitete der Alte die Hände in der leeren Luft aus, als ruhten sie aus dem Haupte seines Kiildes und hörte es llicht, daß die Räuber und Mordgesellen bereits die Türe durchbrochen hatten und sich schon in seiner Nähe, bei der Demolierung des Heiligtums befanden. 4- ' * #' Unter den Plünderern in der Synagoge befanden sich auch der Schuster Karutzki und sein Freund Kuraschow. „Es graut mir!" sagte der. letztere fröstelnd, „ich weiß nicht, ich fürchte mich hier in der Judenschul so sehr." „Du bist ein dummer Teufel und kein wahrer Christ!" schimpfte der Freund, „weißt Du denn nicht, daß hier die Juden in ihren Gebetmänteln alles gegen uns aushecken?" „Aber ich fürchte mich hier", stöhnte Kuraschow. — „Die Marianka sagt immer, die Judenschul sei so heilig wie eine Kirche. Sie hat da oft die Lichter angezündet und den Ofen geheizt." „Sei Du still mit der Marianka!" ereiferte sich der Freund. „Du Weib, Du Schwachkopf!" Dieses Argument genügte, um Kuraschow zu überzeugen und kleinlaut gab er zu: „Ja, ja, so ist's, bin oft schwach und dumm; man soll sich von den Weibern nicht beschwätzen lassen." „He da!" schrie plötzlich einer, „der Judas in seinem Gebetsmantel. Hierher, Freunde! Er soll bald seinen Kuß wieder bekommen!" „Nicht so eilig!" ries ein schlanker Bursche, einer der Anführer, und packte den immer noch in Gebet versunkenen Schalum unsanft am Kragen. „Jud, hast Du Geld? Hast Du die Schlüssel zum Teinpelschatz? Her damit!" Keine Antwort, nichts als ein leises Murmeln der Gebete. „Antwort! Jud!" schrie der Bandit, ihn hefttg rüttelnd. Der Schamosch betete weiter. „Den Schlüssel her! oder . . ." Schläge und Stöße regneten auf das Haupt des Greisen, während der eine ihn fest am Nacken hielt. Fast erstickend verzog der Alte das Gesicht, aber er rührte sich nicht. Krampfhaft hielt er mit beiden Händen das Gebetbuch umschlossen, und sein fester Blick, der in den versteinerten Zügen allein noch Leben verriet, war auf die heilige Lade geheftet, wo jetzt Kuraschow stand und sich auf Befehl des Anführers anschickte, die Türen zu erbrechen. „Laßt unser Heiligtum!" schrie plötzlich Schalum aus, in einem so merkwürdigen und herzzerreißend klingenden Tone, daß Kuraschow seine Eisenstange fallen ließ und der Angreifer einen Schritt zurückwich. „Mord und Grauen!" schauderte Kuraschow, indem er das Eisen wieder aufhob und gegen die Lade schlug, die sofort nachgab. „Laßt unser Heiligtum!" flehte der Greis mit erstickter Stimme, als käme sie aus dem Grabe — „laßt es doch! Nehmet sonst alles! Nehmet auch mich, mein Leben! Aber laßt die heilige Thora unentweiht!" „Mir grants, warum auch gerade ich?" — seufzte Kuraschow leise vor sich hin und ließ die erste silbergeschmückte Rolle ungeschickt zur Erde fallen. „Laßt!" sing der Alte noch einmal an. Aber er kam nicht weiter. In seinem Auge glänzte ein seltsames Feuer. Er fühlte, wie sich etwas Großes und Wunderbares in ihm vollzog, wie eine übermenschliche Macht sich über ihn ausbreitete, und ihn fortriß. Es schien ihm, als wüchse er in diesem Momente aus sich selbst, aus seinem alten gebrechlichen Körper heraus, ins Ungeheuerliche, ins Unendliche. „Laßt mich!" schrie er noch einmal, wie ein entfesseltes Wild. Der sehnige Bursche, der ihn am Nacken festhielt, flog zur Seite. Mit einem Satze stand der Alte, immer noch in den Talis gehüllt, neben Kuraschow, der zum Tode erschrocken zurückwich, und suchte die auf dem Boden liegende heilige Rolle aufzuheben. Ein verzweifelter Kampf entspann sich zwischen dem jungen stämmigen Kuraschow und dem Alten, dessen hinfälliger Körper plötzlich mit Jugendkraft erfüllt schien. Während seine rechte Hand wie mit eisernen Klammern die Thora umschlossen hielt, schlug die linke nach allen Seiten um sich her. Wie eine Löwin, die ihre Jungen verteidigt, stand er mit Aufbietung all seiner letzten Lebenskraft für das kostbare Kleinod in seinem Heime ein ... . „Hilfe! Hilfe!" schrie Kuraschow, an einem Finger blutend. Die Hilfe kam auch sofort. Ein heftiger Schlag mit einem Eisenhammer streckte den kämpfenden Alten zu Boden. „Gott sieht es und ahndet!" konnte er noch rufen, dann stürzte er, die wenigen Steinstufen mit Blut überströmend, hinunter. Die heilige Thora ließ er nicht aus der Hand. Da überkam Kuraschow eine große Angst, und er wandte sich rasch und erschrocken ab. „Gott ahndet es!" rief ihm die Leiche nach, als er aus dem heiligen Raume stürzte. Auf der Straße traf er feinen Freund Karutzki, der sich seiner annahm und ihn bald wieder zu klarer Besinnung brachte. VI. Auf dem Rasen vor der Parkallee entspann sich ein heißer Kampf zwischen einer vorrückenden Rotte roher, betrunkener Gesellen und den Mitgliedern der „Selbftwehr". Die jüdischen Jünglinge kämpften mutig und mit Todesverachtung und es gelang ihnen bald, die zügellose Horde zu zerstreuen. Ein Schreckschuß genügte, um die feigen Gesellen in die Flucht zu jagen. Ermutigt durch diesen ersten Erfolg, zogen die Jünglinge in geschlossener Reihe weiter ins Stadtinnere. Bor dem Straßeneingang stand aber ein dichter Kordon von bewaffneten Soldaten, der ihnen den Durchgang versperrte. „Wohin ihr Juden?" — schrie sie der Befehlshaber, ein rotnäsiger Uuterosflzier, an. „Unseren Brüdern helfen, sie vor Raub und Mord schützen," gab der Anführer der Jünglinge unerschrocken zur Antwort. „Brüder? Schützen?" — lachte der Soldat roh — „eine nette Schutztruppe he, he, he! Zurück, sage ich, oder ihr werdet alle über deu Hausen geschossen." (Fortsetzung folgt.) 0 s&wtöMfcir nf F'i'r hr /Vi -infimi - tri lil - i»r '-if'ir