Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 18 (6.5.1909)
- Date
- 1909-05-06
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Feuilleton-Beilage zu Nr. (8 des „Israelit" euilleton Crw Vergeltung. KnUurbild aus der jüngsten Vergangenheit in Rustland. (Fortsetzung.) „Lache nur, dummes Weib!" entgegnete Kuraschow ruhig „wirst schon auch lachen, wenn ich heute voll beladen heim komme. Es geht heute an die Juden, und die haben viel, ungeheuer viel. Nun, Marianka, warum lachst Du jetzt nicht?" setzte er triumphierend über ihre Unwiffenheit hinzu. Aber Marianka lachte in der Tat nicht mehr. Eine Zornesader schwoll ihr an und ihre Augen sprühten Feuer. „Und ich sage Dir," schrie sie, „Du gehst nicht mit, Du läßt Deine Hand aus dem Spiel! Die Juden haben Dir und dem Hallunken von Deinem Freunde nichts getan! O wäre ich damals bei den Juden int Dienste geblieben, anstatt mich mit Dir zu verbinden!" Mit den letzten Worten hatte Marianka all die schönen Erinnerungen der vergangenen Tage wachgerufen und ihr jetziges Leben stand nun in doppelter Trostlosigkeit vor ihr. Und von neuem ergoß sich nun ihr Redestrom, eine Flut von Vorwürfen, Verwünschungen und Anklagen gegen ihren Mann, gegen sich selbst, gegen ihr 'Schicksal. Kuraschow aber rührte das nicht und er bemerkte boshaft lachend: „Weißt Du, Marianka? Es wäre gut, Du gingst heute noch zu den Juden wieder und würdest mit ihnen totgeschlagen!" „Totgeschlagen? Von wem? Von Dir etwa?" „Hm," wollte Kuraschow etwas einwenden, aber ein harter Gegenstand flog ihm in diesem Augenblick an den Kopf, sodaß ihm das Reden für die nächsten Minuten verging. „Kanaille!" schrie er wütend. Und der Kampf begann. „O, die armen Kinder," schluchzte Marianka kampfesmüde. Diese armen Kinder erwachten auch durch den Kampftslärm und amüsierten sich köstlich im Bette liegend über das ihnen bekannte Schauspiel. Da ging Plötzlich die Tür auf und der Schuster Karutzki, ein untersetzter, schwarzer Mann, trat ein. „Schämen sollst Du Dich, Kuraschow," sagte der Eintretende vorwurfsvoll, „hast keinen Gott und keinen Glauben. An so einem heiligen Tage seine Frau mißhandeln! Unerhört!" „Gott ist hoch und der Zar weit," lacht Kuraschow gezwungen, „und der Teufel da von einem Weibe ist schlimmer als ein Jud!" „Na, na, wird wohl nicht so schlimm sein," wehrte Karutzki höflich ab, „gelt, Marianka, nein?" „Und auch Du, Trunkenbold," fing nun die Angeredete zur Begrüßung des Gastes an, „zum Teufel mit Euch beiden! Die ganze Nacht beisammen, nun schon wieder, die reinste Satansbrut!" „Nicht so bös, Marianka!" verteidigte der Schuster, „es ist ein guter Zweck, zu dem ich Deinen Allerliebsten führe, wirst schon sehen! Aber," setzte er höhnisch hinzu, „eine gute sichere Hand, Marianka, so wahr ich ein guter Christ bin! Die Furchen, die Du meinem lieben Kuraschow als Liebeszeichen in die Wangen gegraben, sind gut und treffend, schöne Ostereier, rot und blau, vorzüglich! Allen Respekt, Marianka! Wir könnten Dein zartes Händchen heute gut gebrauchen. Komm mit uns!" Er versuchte sie mit erheuchelter Zärtlichkeit an der Wange zu streicheln, sie stieß ihn jedoch unsanft von sich und schrie außer sich vor Wut: ,,Wenn Du nicht angenblicklich aus dem Hause ehst, Du Lump! . . . Ich schütte den Kessel voll eißen Wassers auf Dich! Du . . .!" „Ha, ha," lachte der Schuster. „Eine Taufe an den heiligen Ostern! Komm, lieber Freund, mit Deinem Weibe ist nicht gut Kirschen pflücken!" Me beiden Freunde befanden sich auf der Straße. „Bist Du Deiner Sache auch vollständig sicher?" fing Kuraschow an, noch unter dem Eindrücke seines häuslichen Mißgeschickes etwas kleinlaut. „Von welcher Sache sprichst Du denn, Kuraschow? Zweifelst Du, ob wir zum vierten Rayon gehören? Wir wurden doch durch das Organisattonskomitee auf die einzelnen Stadtrayons verteilt." „Nein; ich meine, ob Du auch sicher bist, daß ein Befehl da ist, die Juden auszurotten?" „Du bist ein Esel mit Deiner ewigen Furchtsamkeit", ärgerte sich Karutzki, „hast Du die Gassette (Zeitung) nicht gelesen?" „Ich kann nicht lesen." „Ich auch nicht", erwiderte der Schuster, „aber im Theehause bei Jalonski hat man es gestern vorgelesen. Du warst ja auch da, hast Du nichts gehört?" „Ich weiß nichts mehr davon." „Ja, ja, wenn Du getrunken hast, Du Schw-- — dann hörst und siehst Du nichts mehr." „So ist's, Lieber", bestätigte Kuraschow. „Was hat man also vorgelesen von der Sache?" Karutzki referierte, indem er sich bemühte, den pathetischen Ton des Vorlesers möglichst nachzuahmen: „Die Juden sind revolutionär.." „Was ist das?" unterbrach Kuraschew. „Weiß ich auch nicht", gab Karutzki ärgerlich zu, „aber unterbrech mich nicht, laß mich reden — die Juden haben unfern Gott gelästert, unfern Zaren gekränkt, unsere Kinder abgeschlachtet, unsere Kirchen geplündert, unsere Priester gemordet." „Wo, wann?" „Ist mir gleich! Es steht geschrieben, so wird es auch wahr sein. Der Herr Kruschewan weiß es besser als wir dummes Volk. Und der Herr, der es uns vorgelesen — ich kenne ihn nicht. Aber ein feiner Mann! So wahr ich Karutzki heiße! Er hat ein goldenes Herz. Ein wahrer Wohltäter; hat alles bezahlt, wir konnten trinken, so viel wir wollten." Der rührselige Schuster erging sich in begeisterten Schilderungen über das Gelage, bei der auch eine kleine Keilerei nicht fehlte, und wich dadurch von seinem eigentlichen Thema vollständig ab. Aber der Freund brachte ihm den verlorenen Faden wieder „Hat der Herr nicht gesagt, wann und wo dies alles passiert ist?" „Weiß ich nicht mehr", erwiderte Karutzki, „aber sei still und höre weiter: Bedenket nur, wie es Euch selber ergeht, sagte der gute Herr zu uns, ihr habt kein Brot im Hause, wer ist schuld? Die Juden, die allen Verdienst einstecken. Der Woltka ist schlecht und teuer; wer ist schuld? Die Juden, die ihn schlecht machen und das Monopol verschulden. Der, christliche Handwerker kommt nicht vorwärts wegen der jüdischen Konkurrenz. Der Bauer kommt in die Stadt, verkauft sein Getreide und vertrinkt den ganzen Erlös; wer ist schuld? Kein anderer als der Jud, der ihm die Produkte abkaust und ihm Geld gibt. Wir müssen uns schinden und plagen und Steuern zahlen für alles, für Tabak und Tee, für Brod und Salz. Warum die;?? Man braucht in Petersburg Geld, viel Geld, um Soldaten und Polizei zu erhalten. Für was aber Soldateil und Polizei? Für uns Russen sicher nicht. Wir sind ehrbare Bürger, trinken unser» Schnaps und lieben unser Väterchen. Aber für das Judengesindel, das man fortwährend über wachen muß....." Der redegewandte Schuster betrachtete mir großer Ueberlegenheit seinen Freund und dieser sah mit großen Augen demütig zu ihm hinauf. Er schämte sich seiner Einfalt und Unwissenheit und rief voll Bewunderung: „Großarttg! Richtig! Wie Du alles so schön wiedergeben kannst! Ein Kopf wie ein Minister! Warum hast Du dies alles nicht auch der Marianka gesagt?" „Weiß sie denn das nicht?" „Nein," sagte Kuraschow beschämt, „das Weib weiß nichts und will nichts davon wissen. Sie hat (ihren eigenen Kopf. Sie hat nämlich früher bei Juden gedient und kann es niemals vergessen, wie gut und schön sie es dort gehabt hat. Eines kann auch sie, wie sie immer sagt, den Juden nie verzeihen, nämlich, daß sie ihr Geld und Aussteuer gegeben haben, um sich mit mir, dem Lumpen, zu verheiraten." „Ha, ha!", lachte Karutzki, „siehst Du, auch sie weiß immerhin etwas. So sind die besten. Nun erst die anderen. Ha, ha!" Ein wüstes Gejohl, ein Durcheinander voll wilden Stimmen wurden hörbar. Aus einen: Seitengäßchen kam eine Rotte junger Burschen, mit Stöcken und Eisenstangeil bewaffnet, auf di-.' Straße. „Kuraschow! Karutzki! hierher!" riefen einige Stimmen und die beiden Freunde schlossen sich sofort der Bande an, die vor dem Teehause Jolonski Halt machte und mit wildeni Lärm in die Wirtsstube stürzte. 111. Fünf würdige Männer bewegten sich unter Anführung des greisen Rabbiners die Straße hinauf nach der Parkallee, wo sich hinter blö henden Buchen und wilden Kastanien und von duftenden Blumenbeeten urngeben das Schloß des Gouverneurs befand. Die lange sonst so belebte Straße war wie ausgestorben, die Geschäfte waren geschlossen, nirgends tat sich eine Türe aus, nirgends sah man ein offenes Fenster. Ueberall herrschte Ruhe und Stille, eine schwüle Ruhe vor dem Gewitter. Noch war der Gottesdienst in den Kirchelk nicht zu Ende und die Scharen, die massenhaf aus den umliegenden Dörfern in die Stadt gekommen waren, befanden sich llvch beim Gebete, während die Städter, die sich aus der Kirch nichts machten, Arbeiter und noch mehr Landstreicher, die großen -Ereignisse des Tages in den Teehäusern abwarteten und die Zeit mi. Spiel und Trank totschlugen. Vom Teehause Ja lonskis kamen wilde Stimmen, ein furchtbarer Gesang aus rohen heisern Kehlen. Die füm Männer erschauerten und sahen sich gegenseitig vielsagend an, dann schritten sie stumm weiter der Parkalleee entgegen Von der andern Straßenecke tarn ihnen eine dunkle Gestalt entgegen. Es war Salum, de . alte Synagogendiener, er hielt in einer Hand die Synagogenschlüssel, in der andern seinen Talisbeutel. Er grüßte leise wie ein Trauern - der mit stummem Kopfnicken und ging weiter. Die Männer wußten, was des Alten Herz so sehr drückte. Es war nicht die Angst, die Furcht vor Plünderung oder Mißhandlung. Sein Schmer.-, saß tiefer. Es war der Sohn, sein einziges Kind, das er schon im Leben belveinte und betrauerte, dieweil es sich von ihm abgewendet, den alten Vater allein gelassen und sich voll neuer Ideen und Gedanken, die der Alte nicht verstand, nichverstehen wollte, an die Spitze einer neuen Bewegung gestellt hatte, von der er, der alte Salum, nichts gutes erwartete. (Fortsetz, folgt.) V gj&f.