Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 17 (29.4.1909)
- Date
- 1909-04-29
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton-Beilage zu Nr. \7 des „Fsraelit" euilleton Vergelt««-. Kulturbild aus der jüngsten Vergangenheit iu Rublaud. I. Es war ein kühler Morgen. Die junge Frühlingssonne schaute durch einen dicken Nebelschleier auf die noch schlafende Straße. Von der Kirchenkuppel am oberen Straßenende drangen feierliche Glockenklänge, weckten die Schlummernden und versetzten sie in eine weihevolle Festesstimmung. Sie drangen auch in das friedliche Schlafgemach der Familie Meier Berkowitz, eines der wohlhabendsten und geachtetsten Kaufleute der Gasse. Meier erhob sich langsam von seinem Lager,, auf dem er die Nacht in Schlaflosigkeit undJchweren Sorgen zugebracht, und lauschte denseierlichen Tönen. Durch die grünen Rouleau? drangen nur blaffe und verdrießliche Sonnenstrahlen ins Zimmer. Die Glocken aber klangen hell und schauerlich und erweckten bei ihm Gedanken voll Angst und trüber Ahnungen. Er dachte an vergangene Tage. Es gab Zeiten, und die waren noch nicht so lange her, da die Glocken einen Tag des regen Geschäftsganges und guten Gewinnes ankündigten, da im Städtchen Friede und Eintracht, in seinem Hause Glück und Zufriedenheit herrschten,- da Meier Berkowitz selbst Freunde unter der christlichen Bevölkerung hatte, wahre Freunde, mit denen er zuweilen Freud und Leid teilte. Und nun waren andere Zeiten gekommen, Berkowitz vermochte nicht festzustellen, wann und wie sie kamen und wie sie sich entwickelten. Aber es war nun einmal anders, ganz anders geworden, andere Vögel und andere Lieder, andere Menschen und andere Glocken . . . Ja andere Zeiten — und nicht nur draußen in der Welt, mit der Berkowitz nur äußerlich verbunden war, sondern auch im eigenen Lager, ja im engsten Kreise. Es kam eine neue Generation, die er nicht verstand, neue Worte, neue Ideen tauchten auf, die ihn abstießen, mit Sorge und Kummer erfüllten, denn sie drangen auch in sein Haus und verhießen nichts gutes ... sie vergifteten das Leben der einst so glücklichen Familie. Der Aelteste war den Herzen der Eltern entfremdet .... Berkowitz war von Natur aus Optimist. Lange wollte er das kindische Gebühren der Jünglinge, die von Befreiung, von Selbstverteidigung/ sprachen, nicht ernst. nehmen. Lange hielt er auch die Gefahr, von der sein Aeltester so tapfer und mutig, seine Frau und die anderen Kinder so ängstlich sprachen, für übertrieben und suchte sie den seinen auszureden. Allein, heute konnte auch er nicht bestreiten, daß etwas in der Luft lag, eine Wetterwolke, die sich zu entladen drohte, vielleicht heute noch, vielleicht morgen . . . Lange mußte er die Nacht daran denken. Sein Geschäft, in-dem sein ganzes Gut steckte, war wohl geschützt Wie aber, wenn der Progrom doch ausbricht und die Plünderer bei Hellem Tage, wie in vielen Städten, einbrechen, gar in die Familienwohnung eindringen? Er schauderte bet dem Gedanken, aber er mochte noch nicht daran glauben. »Wir haben noch Polizei — tröstete er sich — wir haben auch Militär und vor allem einen Gott!" Mit diesem Gedanken schlummerte er dann gegen Morgen ein, bis er durch das Glockengetöne der nahen Kirche erwachte. Lautlos stieg er aus seinem Bette und bemühte sich peinlich, beim Anziehen jedes Geräusch zu vermeiden, um seine Frau in ihrem Schlafe nicht zu stören. Diese Vorsicht war jedoch nicht mehr von nöten, denn auch Mir! war bereits wach und nur die Rücksicht auf den vermeintlichen Schlaf ihres Mannes hielt sie noch von der gewohnten Tättgkeit zurück. „Stehst Du schon auf?" fragte sie mit sorgenvoller Stimme. „Ja," erwiederte er, „aber es ist noch sehr früh und Du bedarfst der Ruhe." „Er ist wieder nicht heimgekommen," sagte Mirl nach einer Pause. „Nein" sagte der Gatte und seufzte schwer. Sie nannten seinen Namen nicht, aber es bedurfte keiner näheren Bezeichnung. War er doch seit langem der Gegenstand der Sorgen Beider, Joseph, ihr Aeltester, an den sie auch beide gleich in der schlaflosen Nacht unausgesetzt dachten. Auch er, aus den sie alle Hoffnungen setzten, wurde trotz Mahnen, Bitten und Flehen der Eltern vom Strome der neuen Zeit fortgeriffen. Er tat sehr heimlich und verschlossen in den letzten Tagen und er war in der letzten Nacht nicht nach Hause gekommen. „Sie denken und fühlen anders als wir" — sagte Berkowitz bitter — „und verwundern braucht man sich darüber nicht." „Es sind schlimme Zeiten angebrochen, in denen wir Alten noch mehr als sonst Zuflucht bei Gott suchen und finden. Die Jungen haben aber Glauben und Hoffen verlernt, Halt und Stütze verloren, sie sind verzweifelt und entmutigt und in der Verwirrung heucheln sie Mut, gebärden sich wie Helden und prahlen mit ihrer Kraft. Nichts kann mich so tief schmerzen, mit so viel Trauer und Mitleid erfiillen als gerade dieses wahnwitzige Getue unserer Helden." „Und doch meine ich" — suchte Mirl leise einzuwenden — „daß wir auch unsererseits etwas zu unserem Schutze tun müßten. Vielleicht haben sie doch in dieser Beziehung nicht ganz unrecht." „Alles, was sich nur irgend machen laßt, haben wir versucht oder wird noch versucht werden. Das weitere müssen wir dem lieben Gott anheimstellen, der gewiß der Mithilfe dieser zweifelhaften Helden nicht bedarf. Der Pristaw nahm meine Gabe gnädig an, meinte aber, als ich ihn auf alle Fälle um Schutz bat, wir Juden seien ängstlich und machten viel Lärm um nichts. Vielleicht hat er nicht ganz unrecht. Eine Deputation soll heute zum zweiten Mal beim Gouverneur, der uns das erste Mal nicht empfangen hat, erscheinen, was sollte noch mehr geschehen?" „Ich gestehe" — sagte die Frau nach einigem Nachdenken — „meine Sorge geht viel weiter. Wie wäre es, wenn wir oder wenigstens die Kinder auf einige Tage nach Odeffa zu den Verwandten gingen? Ich mußte die ganze Nacht darüber Nachdenken." „Auch ich dachte wohl daran" — sagte der Gatte — „doch meine ich, daß wir doch lieber hier ausharren und die Kinder gerade in gefahrvoller Zeit nicht aus den Augen laffen." „Dann dachte ich" — fügte Mirl etwas unsicher hinzu — „an die Marianka — mußt nicht lachen über die sonderbaren Einfälle einer besorgten Mutter in einer endlos langen schlafloren Nacht — ich dachte daran unsere treue Marianka ausfindig zu machen. Sie war immer treu und gut und voll Liebe zu den Kindern, die sie herangezogen hat." „Und was kann die helfen. Sie ist längst aus unserem Dienste geschieden und ist Frau eines Trunkenboldes, den ich, wie du weißt, Marianka zu Liebe beschäftigt hatte und. wegen Faulheit und Diebstahls wieder entlasten mußte." „Aber Marianka ist gut und brav und wird uns ihre Dienste nicht versagen." Die Ehegatten brachen plötzlich das Gespräch ab, denn die Kleinen kamen aus dem Schlafzimmer. Sie merkten was, hatten vielleicht auch die Eltern belauscht und richteten nun angsterfüllt ihre Blicke stumm forschend nach den Eltern. Diese aber sagten nichts mehr. Berkowitz erhob sich und ging. Im Hausflur blieb er nochmals stehen und sagte ermuttgend zu seiner Frau: „Ich gehe zum Rabbiner, wo wir uns vor der Vorstellung beim Gouverneur zur Morgen- Andacht und zu einer Beratung versammeln. Ich erwarte nicht viel davon. — Aber ich halte andererseits, wie Du weißt, auch die Gefahr für nicht so groß. Ist etwas gefährdet, so kann es höchstens das Geschäft fein. Ihr seid also unbesorgt, schließt ordentlich die Türen, ohne jemand Einlaß zu gewähren. Das Geschäft bleibt vorerst geschloffen".- Auch Kuraschow erwachte beim Glockengeläute in seiner abseits gelegenen Arbeiterhütte, lauschte im Bette sitzend andächtig den feierlichen Tönen und sann über etwas nach. Dann erhob er sich rasch, bekreuzte sich und legte seine Sonntagskleider an.. „Gehst in die Kirche, Kuraschow?" fragte seine Frau, ein junges stämmiges Weib, das bereits fleißig an der Arbeit war. „Nein, Marianka! heute geht es nicht in die Kirche." „Na, na! Hörst Du die Glocke nicht?" „Weißt Du nichts, Weib?' ärgerte sich Kuraschow, „die Glocke ruft heute nicht zur Kirche." „Na, na, was sonst? doch nicht etwa ins Wirtshaus?" „Du bist dumm und weißt nicht, was jedes Kind heute weiß!" „Woher auch?" stürzte Marianke zornig heraus, „woher soll ich auch etwas erfahren? Du bist Tag und Nacht betrunken/ in letzter Zeit ist es ja nicht mehr zum Aushalten! Um drei Uhr nachts bist Du von Deinem Freund Karutzki sinnlos ^berauscht heimgebracht worden. Der Teufel mag es wiffeu, was Du mit diesem Schuster immer gemein hast. Nun bist Du von Deiner Trunkenheit erwacht und ich soll alles wiffen! O, wäre ich in meinem alten Dienst geblieben, hätte ich Dich nie in meinem Leben gesehen Du „Nicht schimpfen, Weib! ‘ unterbrach sie Kuraschow gemütlich, „wirst schon alles wiffen. Nur gemach! Wirft schon sehen/ es wird heute noch lustig!" „Lustig," lachte Marianka, „lustig Du Trunkenbold! Die Kinder haben kein Brot. Keine Kopeke im Hause, kein Holz und kein Schmalz am heiligen Osterfeste und dies ist lustig für den Taugenichts!" „Nur nicht schimpfen. Weib! Wird schon alles gut," tröstete der Gatte. „Warte nur, es gibt Brot und Fleisch und Wotka und Geld, heute noch, Marianka! heute, sage ich!" ,,Aber, woher denn nur?/ lachte Marianka, die sich immer mehr in Zorn hineinredete. „Woher, Du Faulpelz? Du arbeitest ja nichts/ aus der Fabrik bist Du entiaffen. Berkowitz hat Dich fortgejagt, weil Du ihn bestöhlen hast." „Er soll es büßen, heute noch!" warf Kuraschow ein. „Also woher auf einmal die Re chtümer?" kreischte die Frau, „woher? etwa von Deinem Freunde und Saufkumpanen, dem schwarzen Schuster Karutzki? he, he?!" (Fortsetzung folgt.)