Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 15 (15.4.1909)
- Date
- 1909-04-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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I Der Israelit Ein Centralorgan ISr das orthodoxe Judentum Begründet 001 Dr.JLehnani in fflainz 50. Jahrgang. ssi Sranhfurfa. M.. Sen M is Abonnement pro Bierteljahr r Gewöhnliche Ausgabe Mk. 1.50, HestauSgabe (Kunstdruck) Mk. 3.—. Auslandspreise: Gewöhnliche Ausgabe: Oesterreich-Ungarn 2 Kr., Rußland 1 Lud., England 2 sh., Amerika 60 cts., Niederlande 1.20 fl., Frankreich Frs. 2.50. Abonnements bei allen Postanstalten, Buchhandlungen, sowie direkt bei dem Verlag. HestauSgabe nur direkt. Der Israelit erscheint jedm Donnerstag. Inserate; 30 Pfennig für die sechsgespaltene Tolonel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Jnseratenannahme nur durch Haasenstein u. Vogler A.-G.- Frankfurt a. M., und. deren Filialen. Zahlungen können außer direkt an den Verlag erfolgen per: Conto bei dem Postscheck-Amt Frankfurt a. M. Po. 344. Eouto bei der ft. ft. Postsparkasse Wie» Ro 7S 606. Conto bei dem ft. Postsparkafienamt Budapest No. 13424. Eonto hei der Rigaer Eommerzbank in Riga und deren Fllialm. Der AadidruA Ser Artikel und Correfponflenjen öes „Israelit“ iff nur unter genauer Quellenangabe, und, soweit es fldi um größere Aufsätze handelt, nur nadi vorheriger Genehmigung gestattet ... - j- ■ - . - . . ■ . . Abraham Geigers religiöser Charakter. Von Rabbiner Dr. Kaatz in Zabrze. I. Abraham Geiger gehört zu den prominentesten jüdischen Persönlichkeiten des neuzehnten Jahrhunderts. Er war ein phänomenal begabter Kopf und besaß eine fabelhafte Kynzeptionskraft und einen scharfen, bohrenden. Verstand. Erstaunlich war sein rastloser Fleiß, seine unermüdliche Arbeitslust, sein unstillbarer Wiffensdurst, seine Energie und seine Arbeitskraft. Er hatte sich eine bewunderungswürdige Gelehrsamkeit, ein universales Wissen angeeignet und war in Theorie und Praxis gleicherweise versiert. „Ich darf mir dies als einen Vorzug anrechnen, daß ich mein Gebiet vollständig zu umfaffen und es in allen seinen Beziehungen lebensvoll aufzufasfen und zu gestalten weißich kenne den sprachlichen, geschichtlichen und namentlich kultur- und literarhistorischen, den dagmatischxn und philosophischen, sowie den streng praktischen Teil meines Gebiets in ziemlichem Umfange und kann in jedem etwas leisten," so lautet ein zutreffendes Selbstbekenntnis von ihm* * * *). Sanguinisch-cholerischen Temperaments war er voll Ehrgeizes, leidenschaftlichen Betätigungsdranges, fanatischer Kampfeslust. Ein glänzender Schriftsteller, ein Meister auch des hebräischen Stils, ein vorzüglicher Organisator, ein hinreißender Redner, ein trefflicher Pädagoge, ein brillanter Gesellschafter war er als eine überragende Persönlichkeit dazu prädestiniert, über der Maffe zu stehen und eine führende Stellung einzunehmen. Geiger war ein genialer Mensch, aber er war kein großer Mensch. Ihm fehlte das Jnsiegel der Größe, die innere Harmonie und Selbstgewißheit, welche Richtung uud Ziel des Weges kennt und von der tiefsten Ueberzeugung durchdrungen ist, daß das Ziel ein gutes und notwendiges ist. Geiger war mit sich selbst im Zwiespalt,' durch sein Streben klaffte ein tiefer Riß. Er konnte nicht zur Einheit mit sich selbst gelangen. Zwar nehmen wir gerade bei großen, von der Geschichte als führende Geister anerkannten Männern wahr, daß in ihnen gegensätzliche Kräfte wirksam waren. Dieser Wahrheit hat *) »rief an Drrnbura. «. Z. d. I. 1896 S. 320. z. B. C. F. Meyer in seinem kraftvollen Gedicht „Luther" mit den markigen Worten Ausdruck gegeben: „In ferner Seele kämpft, was wird und war Ein hart verschlungen keuchend Ringerpaar, Sein -Geist ist zweier Seiten Schlachtgebiet, Mich wunderts nicht, daß er Dämonen sieht." Allein dies ist das Charakteristische und zugleich auch das Interessante an diesen Männern, daß sie das, was anderen als ein unüberbrückbarer Gegensatz erscheint, in den Tiefen ihrer Seele harmonisch vereinten, daß, wie sehr auch, rein objekttiv betrachtet, Inkonsequenz und Einseitigkeit sie beherrschte, sie gar nicht zum Bewußtsein ihrer Inkonsequenz und Einseitigkeit kamen, und daß ihr Tun ein subjektiv wahrhaftiges war. Bei Geiger war das nicht der Fall. In der Oeffentlichkeit als der zielbewußte Umgestalter des Judentums austretend, war er sich im Innern über das Ziel seines Strebens nicht klar. In der Oeffentlichkeit die Wirkung der von ihm angestrebten Umwälzung als eine der jüdischen Gesamtheit heil- und segensvolle enthusiastisch verkündend, war er sich im Herzen deffen bewußt, daß sie in Wirklichkeit zu einer Auflösung des Judentums führe. Man pflegt Geiger als einen Reformator des Judentums zu bezeichnen. Aber er war weder Reformator noch Reformer. Unter einem religiösen Reformator versteht man einen Manu, der einö Religion von der tatsächlich oder angeblich im Laufe der Zeit eingedrungenen fremden und falschen Dogmen und Uebungen reinigen und sie in den Zustand zurückversetzen will, der ursprünglich in ihr geherrscht habe oder hat, der also die betreffende Urreligion, wie sie wirklich oder vermeintlich war, wiederherstellen will. Daß Geigers Streben nicht auf ein solches Ziel gerichtet war, braucht nicht erst gesagt zu werden. Er war aber auch kein Reformer, sondern er war ein Revolutionär. Um den Unterschied zwischen Revolution und Reform zu definieren, zitiere ich ein Wort Ferdinand Lassalle's, das sich auf das soziale Gebiet bezieht, das aber auch mutatia mutandis auf das religiöse übertragen werden kann: „Revolution heißt Umwälzung, und eine Revolution .ist somit stets dann eingetreten, wenn, gleichviel ob mit oder ohne Gewalt — auf die Mittel kommt es dabei nicht an — ein ganz neues Prinzip an die Stelle des bestehenden Zustandes gesetzt wird. Reform dabestehenden Zustandes beibehalten und nur zu mildern oder konsequenteren und gerechteren Forderungen entwickelt wird. Auf die Mittel kommt es dabei wiederum nicht an. Eine Reform kann sich durch Insurrektion und Blutvergießen durchsetzen und eine Revulution im tiefsten Frieden."*) Das Judentum hat nun, wie die andern Religionen auch, bekanntlich zwei Arten von Prinzipien, Formalprinzipien und Materialprinzipien. Seine Formalprinzipien bilden die aus göttlicher Offenbarung geflossenen Glaubensurkunden, die schriftliche und die mündliche Thora, wie sie beide überliefert worden sind,' die Materialprinzipien wiederum bestehen aus Lehren und Gesetzen, die aus den Glaubensurkunden resultieren. Geiger leugnete die Göttlichkeit der Offenbarungsschriften. Ihm waren die offiziellen jüdischen Glaubensurkunden menschliche Produkte ohne jede verpflichtende Kraft. Ihn beherrschte ausschließlich ein Geist der Verneinung und der Zersetzung. Was er als „wissenschaftliche Theologie" proklamierte, war lediglich und bewußt ein Ferment der Dekomposition. Er war ein Revolutionär, der einreißen wollte, ohne zu wiffen, wie das Gebäude beschaffen sei, das an Stelle des niederzureißenden erstehen sollte, ja, ohne zu wiffen, ob es überhaupt möglich sein würde, ein neues aufzuführen. Er nannte ein solches Tun ein „frisches Stürzen in den Prozeß" *) d. h. in den Zerstörungsprozeß und verhöhnte diejenigen unter seinen Gesinnungsgenoffen, die da verlangten, „daß das Judentum in ein ordentliches System gebracht ^) werde. Er persiflierte diese Forderung mit den ironischen Worten: „Zuerst nruß ein Judentum, bündig und nett, ausgearbeitet in allen seinen Details, mit der Zeit im Einklang, mit der Geschichte eng verknüpft seiend, in dem Staat ausgehend, seine Besonnenheit treu bewahrend, aufgestellt stchrden, dann werde sich's ganz sicher demonstrieren lassen". 4) Er rang wohl danach, ein einheitliches Prinzip zu finden, aber es gelang ihm nicht. Geiger war eine Proteusnatur, nicht in dem Sinne, daß er in seinen inneren Anschauungen *) Citiert bei Brandes, F. Lassalle. S. 37. *)„ Israelit des neunzehnten Jahrhunderts." S. 67f. Bergl. „Geigers Leben in Briefen", S. 175, Zeile 4. Die dort angegebene Seitenzahl 671 ist etn Druckfehler und lautet richtig 67 k. '»)'«. a. O. 4) A. a. O. Bergl. übrigens „Briefwechsel Sachs- Veit". Herausgegeben von Ludwig Geiger. ,