Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 14 (5.4.1909)
- Date
- 1909-04-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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II Der Israeli Ein Centralorgan für das orthodoxe Judentum i Begründe! oon Dr. Lehmann in ülainz 50. Jahrgang, .nbh.x - m ->— 5 April 1909. anhfurfa. m., 3en 14. nifan 5669. M i«. Abonnement pro Vierteljahr r Gewöhnliche Ausgabe Mk. 1.50, I Heftausgabe (Kunstdruck) Mk. 3.—. Auslandspreise: Gewöhnliche Ausgabe: Oesterreich-Ungarn 2 Kr., rUf;Irnb 1 Lud., England 2 sh., Amerika 50 cts., Niederlande 1.20 fl., Frankreich Frs. 2.50. Abonnements bei allen Postanstalten, Buchhandlungei', sowie direkt bei dem Verlag. HestauSgabe nur direkt. [ Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate: 30 Pfennig für die sechsgespaltene Colonel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Jnseratenannahme nur durch Haasenstein u. Vogler A.--G. Frankfurt a. M., und deren Filialen. Zahlungen können chttzer direkt an den Verlag erfolgen per: Conto bei dem Postfche-^Amt Frankfurt a. 91. No. 344« Conto bei bet K. K. Postsparkasse «ie» No. 79«*5. Conto bei dem K. Postfparkastenamt Budapest No. 18424. Conto bei der Rigaer Commerzbank in Riga und deren Filialen. Der nachdru* der Artihel und Correfoonden?en des handei ..Israelis" iss nur unter genauer Quelfei t. nur nach vnrtieriger Genehmigung gi langabe, und, soweit es fich um größere Ruff&fee eftaffef Die Erneuerung des Judentums. . Bon Referendar Jfaae Breuer in Frankfurt a. M. Die moderne Wissenschaft verdankt ihre unleugbar gewaltigen Erfolge einem seit der Renaissanceeinsetzenden Differenzierungsprozeß, dessen Ende auch heute kaum abzusehen ist. Dieser Prozeß birgt aber naturgemäß neben dem ungeheuren Wert einer weitgehenden Teilung der Arbeit ohne Zweifel die Gefahr in sich, daß der Uebdrblick über das Ganze immer mehr erschwert wird und schließlich nur einzelnen erlesenen Geistern möglich bleibt, während, die große Masse der Forscher in den übeAreferten Bahnen sich mit viel Fleiß und.-Aufopferung fortbewegt, ohne doch jemals zur klaren Erkenntnis des Wertes und der Bedeutung ihrer Lebensarbeit für die Gesamter, twicklung zu gelangen. Dieses Ergebnis muß besonders beklagenswert auf einem Gebiete sein, wo vermöge der Untrennbarkeit der Teile nur die Umfassung des Ganzen wirklichen Erfolg zu versprechen vermag, wo jede einzelne Erscheinung dermalen stets ein Ausfluß des Ganzen ist, däß nur die Erkenntnis des letzteren i den Schlüssel für., das Verständnis des elfteren zu bieten vermag: Wir meinen die Wissenschaft von dem menschliche.r Handeln, besser gesagt vom menschlichen Wollen und seinen Normen. Und doch hat auch hier, zumal unter dem Einflüsse Kants, eine weitgehende Differenzierung stattgefunden. Recht, Ethik und Religion sind heute drei von einander völlig losgelöste Zweige, obgleich jeder eine Normwissenschaft für das menschliche Wollen, und dieses selbst nichts als Erscheinungsform menschlicher .Persönlich-' keit ist. Man hat diese Gefahr eingesehen und hat ihr dadurch abzuhelfen versucht, daß man einerseits der Religion gegenüber der Ethik die Selbständigkeit, andererseits dem Recht seinen Ewigkeitsgehalt völlig raubte. Das Recht wird unendlich degradiert. Seine Normen berühren den Tempel der Persönlichkeit überhaupt nicht. Nur dem Nutzen des Tages sind sie zu dienen bestimmt. Sie sind Zwangsmaßregeln, die dem Staat und dem Individuum die nackte Existenz ermöglichen sollen, sind unwandelbar tote die Bedingungen der Existenz. Was hat aber der Kampf ums Dasein mit der Menschenpersönlichkeit zu schaffen, die sich des Mysteriums ihrer Freiheit bewußt geworden ist? Und dann die Religion. Sie setzt das ethische Bewußtsein voraus. Ist ein Uebriges, unter Umständen Entbehrliches, das zur Ethik hinzutritt. Ist nichts als die Beziehung ethischer Erkenntnisse auf Gott, ohne diese Erkenntnsse selber inhaltlich zu bereichernist blos der Glaube frommer Seelen, die zu schwach sind, ihre ursprüngliche ethische Selbstherrlichkeit sich zu wahrenist historisch entweder Vorstufe zur oder Rückfall der einzig wahren Normwissenschaft menschlichen Wollens, der E t hi k. So kam man denn dazu, mühsam aus jeder Religion den „ethischen Kern" herauszuschälen, den man als das eigentlich Wesentliche und Wertvolle dieser Religion bezeichnete. Je versteckter dieser sogenannte Kern war und je umwucherter von vermeintlich historischen Zutaten, umso niedriger war der Kulturwert der betreffenden Religion einz,schätzen. Das Judentum ist einem ähnlichen Schicksal nicht entgangen. Keiner hat sich eindringlicher und begeisterter darum bemüht, im Judentum Kern und Schale zu son)ern, als Lazarus. Sein berühintes Werk „Die Ethik des Judentums" ist recbt eigentlich diesem Zweck gewidmet. Mit nicht zu verkennender Liebe zum Gegenstand stellt er in einem wissenschaftlichen System diejenigen Lehrsätze des Judentums zusammen, die sich unter dem heute herrschenden Begriff der Ethik subsumieren lassen. Diese Sätze sind ihm der Inbegriff des wahren, oder wie er es in seltsamer Geschichtsklitterung nennt, des „prophetischen" Judentums schlechthin. Alles andere ist zeitlich bedingtes Beiwerk. Und so mußte notwendig auf die „Ethik des Judentums" die „Erneuerung des Judentums" folgen. Letzteres ist der Titel einer posthumen Schrift Lazarus', die soeben erschienen ist. Die Schrift wendet sich nicht an seine westeuropäischen Gesinnnungsgenossen, denn „sie sind stumpf und mattherzig für die Sache der Religion geworden". Auch nicht an die westeuropäischen Gesetzestreuen, denn „sie sind engen und beschränkten Geistes". Sie wendet sich vielmehr an die Juden „des europäischen Ostens oder des Westens der Erde, denn dort ist die geistige Bewegung stark und groß genug, um eine Erneuerung des Judentums herbeizuführen." Armer Lazarus! Das Herz niag ihm nicht leicht gewesen sein, da er die obigen Sätze niederschrieb. An die Neige des Lebens angelangt, mußte er selber mit dürren Worten den Zusammenbruch aller Hoffnungen anerkennen, die er an die deutsche Reformbeweuung geknüpft, mußte er „stumpf und mattherzig" all die erklären, zu denen er so oft in Wort und Schrift mit ehrlicher Begeisterung und Hoffnungsfreudigkeit geredet. Er wollte die Schrift bei Lebzeiten nicht mehr erscheinen lassen. Sie ist in der Tat sein Testament. Lazarus hat der deutschen Neologie nichts mehr zu sagen gehabt. Wollte ihr nichts mehr sagen. Die Stumpfen und Mattherzigen! Warüm sind sie stumpf und mattherzig geworden? Hat sich Lazarus diese Frage nicht mehr vorgelegt? Oder fand er keine Antwort auf sie? Und diese Antwort ist doch so leicht zu geben. Stumpf und mattherzig ist das Geschlecht der Juden im Westen Europas geworden, weil es gerade die Lazarus'sche „Erneuerung des I u - tums" läng st vorgenommen, damit aber dem Judentum allen Saft und alle Kraft genommen hat und schließlich des schalen Restes überdrüssig geworden ist. All das, was Lazarus unter dem tönenden Titel der „Erneuerung des Judentums" und mit der starken Resonanz, die gefühlsmäßig der „Stimme aus dem Grabe" anhafter, vorbringt, all das hat ja die sogenannte Reform des Judentums im. vergangenen Jahrhundert bereits zu Lebzeiten Lazarus' längst verwirklicht. Diese ganze Schrift enthält ja mcht einen einzigen neuen Gedanken, nicht einen einzigen neuen Angriff, nicht einen einzigen neuen. Vorschlag. Da fehlt nichts, was seit Jahr und Tag zum eisernen Bestand der Reform gehört. Das um den Leib gewickelte Taschentuch, der verbotene Regenschirm, die fingierte Erub-Ringmauer, das verbüllte Haar der Judenfrauen, der Unsinn des zweiten Festtages, die haarspaltende Kasuistik der Talmudisten, die Bilderstürmern der Rabbiner, die Barbarei der blutigen Opfer, all die lieben, guten Bekannten grüßt man hier wieder und freut sich ihres guten Aussehens. Höchstens, daß die Sammlung auf den Stand der neuesten Forschung gebracht ist, indem jetzt auch das Verbot der Leichenverbrennung einen nicht unerheblichen Raum einnimmt. Und das Prinzip, aus dem all diese Angriffe fließen, es ist nicht minder alt. Nur die Formulierung ist vielleicht eigenartig, und diese ist es gerade, die uns zu einem ausführlichen Eingehen auf diese Schrift, die im übrigen stark enttäuscht, veranlaßt. Lazarus sieht das Wesen des Judentums in der Ethik, aber das, was er vorfindet, ist — Jurisprudenz. Gegen die juristische Behandlung" des Judentums wendet sich der Hauptteil seiner Schrift. Was hat denn auch das Recht mit seinem Zwang und. seiner lediglich auf ein äußeres Verhalten gehenden Tendenz mit der Ethik zu tun, die nichts ist als der freie Willensentschluß zum