Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 13 (1.4.1909)
- Date
- 1909-04-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Feuilleton-Beilage zu Nr. des „Israelit". c.b.-c>. euilleton. Samuel da llagiO. Eine jüdische Erzählung aus der spanisch-nmurischen Zeit (Fortsetzung.) Zwölftes Kapitel. Nun, da unsere Erzählung ihrem Schluffe entgegeneilt, müssen wir noch einmal aus ihre Anfänge zurückgreifen, Man erinnert sich, daß, nachdem die Partei des Prinzen Bologguin mit ihrem ersten Anschläge unterlegen war, der greise Jbn Migas aus Granada entflohen war.. Er wandte sich nach Sevilla, wo er dem Kadi, der durch seine Klugheit sich zum Alleinherrscher aufgeschwungen hatte, als erster Ratgeber diente. Seinen Schwiegersohn Daud, seine Tochter Chabbiba und seine Enkelin Chefzi-bah hatte er mitgenomrnen. Dieser, einer herrlichen Jungfrau von achtzehn Jahren, war es am schwersten gefallen, sich von Granada zu trennen, denn sie hatte ihr Herz dortselbst zurückgelaffen. Zwar noch ein Kind, als jenes Ereignis iu Granada auf das Geschick ihrer Familie einen solchen Einfluß übte, war sie aber mit der Frühreife der Südländerinnen dem Sohne des Nagid in heißer Liebe zugetan. Jehauseiph wiederum liebte Chefzi-bah mit der ganzen Glut seiner schwärmerischen Seele. Ohne Wissen seines Vaters begab er sich oft nach Sevilla, wo er im Hause Jbn Migas auf das freundlichste empfangen wurde. Von einer solchen Reise zurückgekehrt, erschien einst Joseph vor seinem Vater, der inzwischen von der Liebe seines Sohnes zu Jbn Migas Tochter erfahren hatte. „Ben Naawas ha-mardus," schrie ihm.Ga-> muel entgegen, „Du Sohn der verkehrten Wider-" spänstigkeit, weißt Du nicht, daß die Tochter Rabbenu Nissims für Dich zur Gattin bestimmt ist, weißt Du nicht, daß Nissim mein Lebensretter, weißt Du nicht, was dies Mädchen mit dem hohen Geiste schon alles für Dich getan hat? Haft Du vergessen, daß sie es war, die den König bestimmt hat, Dich während meiner^Krankheit zum stellvertretenden Vezier zu ernennen? Und auf der anderen Seite wiederum: weißt Du nicht, was die Familie Migas mir getan hat, daß die Mutter und der Großvater Deiner Freundin mir nach dem Leben trachtete? Daß dieser alte Mann seine höhere Intelligenz zur Mißleitung der Schwachen und Ungebildeten benutzt hat, der Feind alles Edlen und Hohen. — Und Du willst uns jetzt diesen Kummer bereiten?" Samuel, der seit einiger Zeit herzleidend war, mußte mit der größten Schonung behandelt werden, wegen unbedeutender Dinge konnte er sich aus das höchste erregen, wichtige Ereignisse hingegen hinterließen bei ihm oft keine seelische Spur. „Mein Vater," sprach Joseph in den sanftesten Tönen, die ihm zu Gebote standen, „Du kennst das herbe Geschick, das der geistvollen Asma widerfahren. Als einst auf der Fahrt vom fernen Afrika hierher ein Unhold Nissims Gattin raubrn wollte, ließ die angsterfüllte, junge Mutter ihr Kind zu Boden fallen. Eine starke Verkrümmung des Rückens, eine kleine Gestalt ist dem Kinde hiervon zeitlebens geblieben. Von . waren frei. Du als Erbe.des größten Vezierates der Verbitterung ihres zarten Gemütes will ich I Hesperiens hast höhere Pflichten." gar nicht reden." I In vollkommener Verzweiflung verließ Josef „Ha, Undankbarer," schrie Samuel, „Du I das Gemach seiner Mutter, kennst Deinen Vorteil schlecht." I , Verzweifelt blickte Joseph empor, er durfte I Dreizehntes Kapitel. den Vater nicht aufregen, der Arzt vertraute ihm, I Finster brütend saß Badis auf seinem Trone. daß gelegentlich einer größeren Aufregung wohl I Keiner mehr, außer Samuel und Joseph, wareii der Vater sein Leben werde lassen müssen und I imstande, es dem Herrscher recht zu machen, auf der Gedanke, daß er der Mörder seines ge- I dessen Gesichtszügen böse Triebe im Ablauf der liebten Vaters werden könne, raubte ihm schier I Jahre eine häßliche Inschrift eingemeißelt hatten, die Sinne. I Joseph unterstützte sein einiger Zeit seinen schweren weißt nicht, Vater," sprach er sanft, I kranken Vater in den Regierungsgeschäfien. Auch „daß die Liebe zu diesem Weibe und dieses! heute saßen Vater und Sohn zu Füßen des Weibes Liebe das beste ist am armen Je-! Königs, der in kurzen, rauh hervorgestoßenen hauseiph." I Worten sich zu den Berichten Josephs äußerte. „Du bist ein schwärmerisches Kind," sprach I Da ertönt Stimmengewirr in der Vorhalle, der Vater, scheinbar versöhnt.! erschreckt fragt Badis, was das zubedeuten habe. Joseph bekam größeren Mut. „Sag, Vater,! Soldaten schleppen einen Berber vor den König, willst Du der Feind der eigenen Enkel werden,! Her, rief einer der Krieger, wenn wir diesen indem Du den Sohn mit einem Knüppel ver-! da nicht mit fortgeschleppt hätten, Araber und mählst? Ermesse die Ideale, die von einem Weib! Juden hätten ihn auf der Straße zerstückelt, ich mir gemacht, an Deiner eigenen Gattin, meiner I //Wessen beschuldigt man ihn?" frug Badis. wunderbaren Mutter." I „Dieser Mensch", sprach der Soldat, „hat „Ein ide ler Liebhaber," entgegnete der Vater,! sein Haus neben des jüdischen Dichters Gabirol „ist deshalb noch kein idealer Mensch. Du »tagst! Sommerwohnung, auch er macht Gedichte, aber Dich Deiner Liebe zu Chefzi-bah ganz opfern. Deinem! lange nicht so gute, wie der Sohn Israels. Er Vater versetzest Du damit gleichzeitig einen Faust- I war deshalb eifersüchtig auf des Juden Weisheit schlag, und wer den Vater schlägt, der soll ge-! und Kunst. Er erschlug ihn und begrub ihn in tötet werden." I seinem. Garten zur Seite eines Feigenbaumes." „Und Du, mein Vater, hast Du nicht auch I „Glaubt ihm nicht", schrie der Berber, „er Deiner Liebe alles geopfert?" I lügt, Gabirol ist abgereist, man weiß nicht, wo- „Jch konnte ein idealer Liebhaber sein, denn I hin." meine Liebe ist mit meinen Pflichten als Mensch! „Es ist doch so, Emir, wie ich geredet, denn und Jude nicht in Gegensatz getreten, aber auch I siehe da, frühzeitig reifte der Baum — gedüngt ich wollte meine Liebe opfern, als die Vorsehung I mit dem edlen Blute — seine Früchte und die es zu verlangen schien, bei Dir verlangt sie es I Feigen waren von wunderbarer Schönheit. Alles wirklich, also beuge Dich." I staunte den herrlichen Baum an, der so plötzlich Joseph zeigte sich auch hier nicht als Mann,! sich umgewandelt" mit frischem gesunden Sinne, sondern in schlaffer! „Samuel", sprach Badis, „was hältst Du Träumerei, in sentimentaler Liebesschwärmerei! von dieser Geschichte?" blickte er dem Schicksale entgegen.! „Ein Märchen, o Herr", sprach Samuel, „ein Er flüchtete zu seiner Mutter. I Märchen, ersonnen von den Feinden dieses „Muter, Mutter", rief er schluchzend, als er I Mannes, ihn unglücklich zu machen. Wohl ist in ihr Gemach trat, „Du bist die einzige Person! Gabirol spurlos dahinvielleicht gar tot, aber auf Erden, der ich mich beuge, der ich folge, rate I fein Leib, den er im Leben gering geachtet, -Du mir, was soll ich tun?"! hat nicht in seiner Verwesung edle Früchte ge- „Jch kann Dir nur raten: folge dem Vater." I zeitigt, sein unverweslicher Geist hat Früchte der „Und das sagst Du, die ihrer Liebe die höch-! Bildung, des Geschmackes, der Gottesverehrung ften Opfer gebracht hat? Von anderer Liebe I zur Reife gebracht, an dem späte Enkel noch redest Du mir? Weißt Du denn nicht, wie ewig I dankbar sich laben werden." dies gequälte Herz. nur nach dem Wohlklang I „Wir werden die Wahrheit bald ergründet ihres Namens schlägt?" I haben", sprach Badis finster. Die Mutter schienen die Schwärmereien ihres | „Man bringe bie Folterwerkzeuge." Sohnes nicht zu rühren.! Ein markerschütterndes Geheul entquoll dem „Wohl", sprach sie, „habe ich der Liebe Opfer I Munde des Berbers und in den heiligsten Eiden gebracht, aber in jahrelangem Zusammenleben mit I beschwor er seine Unschuld, dem bedeutenden Manne, den Vater Du zu I Aber es half ihm wenig. Hände und Füße nennen, das hohe Glück hast, bin ich zu höheren I wurden ihm in jammervoller Weise zerquetscht Lebensauffassungen gelangt, was murmelst Du? I und in kurzer Zeit gestand er, den Juden eralt geworden? Du irrst, ich liebe in Dir nicht! mordet zu haben und daß dessen dort begrabener meinen Sohn, sondern den Mann, der dazu be-! Leichnam die Frühreife der edlen Früchte bewirkt rufen ist, das Judentum in seiner Vollendung I habe. zu vertreten, späteren Geschlechtern als leuchten- I „Man hänge ihn an seinen Baum", gebot des Beispiel voranziehend. Dazu bedarfst Du I Badis. einer Gattin, die an Geist nicht nur Dir gleiche,! Während des Bekentnisses des Berbers zeigte nein die mehr noch in schweren Stunden gefühl- I Samuel ein eigentümliches Benehmen. Mit weit voll ahnt, was dem Manne in rauhem Leben zu I geöffnetem Munde, mit vor Angst verzerrten erkennen unmöglich ist. Chefzi-bah dagegen hat I Zügen, kämpfte er mit einer namenlosen Atemnur eine schöne Larve ..."! beklemmung, da plötzlich ließ die Spannung nach, „O Mutter, Du kennst sie nicht, sonst würdest I immer fahler ward sein Antlitz, lautlos sank Du nicht so reden."! er zu Boden. Sein Sohn Joseph sprang schnell „Schließlich", sagte Fatime, „ist es gleich-! herbei, gültig, ob ich sie kenne oder nicht, ob ihr Geist! „Es geht mit mir zu Ende, mein geliebter nn hoher oder durchschnittlicher — wir haben I Sohn", lispelte leise der Vezier, olch schwere Pflichten gegen Nissim, daß wir! Ein neuer Anfall schien im Anzüge, mühsam einer einzigen Tochter Deine Hand nicht weigern I rang der Nagid nach Atem. 'öunen." I „Mir geht die Lickt aus", murmelte er, „aber „Und suchtest Du denn nicht auch in freier I wo wird mein Volk Lust zu atmen und Brot zu Wahl den Gatten?" I essen finden, wennn ich nicht mehr bin, wenn „Ja, wir, hin und hergestoßen von dem Schick- I dies Reich nicht mehr ist? Wenn Du mein Sohn, sal, wir genossen den Vorzug der Elenden, wir j nicht mehr bist?" (Schluß folgt.)