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Der Israelit · 1909-04-01 · Heft 13 (1.4.1909) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 13 (1.4.1909)
Date
1909-04-01
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Organ des Bundes gesefresfreuer jüdischer Lehrer Deutschlands. vrzid^ung and E*el?re vie Poesie des Psalms 120 für die Schule. Bon Lehrer Guftav Bär in Geme«. Längst ist der Lehrer aus den kalten Armen des Scholastizismus herausgewachsen und nimmt seinen kühnen Aufschwung zum warmen Humanismus. Bahnen, die er früher nicht zu wandeln vermochte, sind ihm zum Lebensweg geworden. Die ängstliche Pedanterie des Schulmeisters ragt nur noch vereinzelt als Wrack aus dem weiten Meere der Erziehungskunst. Der Geist der modernen Pädagogik ist auch in die jüdische Schule gedrungen.. Auch der jüdische Schulmeister ist ein Meister der Schule geworden. Längst hat er die Ueberzeugung gewönnen, daß die methodischen und didaktischen' Erziehungsgrundsätze nur den Kompaß bilden können, daß aber das warme Wort, des Lehrers der beste Weg zum Kindesherzen ist. Diesen Weg finden wir leicht in den Psalmen. Lange hat man die Psalmen nur übersetzt. Als schwerere Uebungsstücke waren sie gerade gut genug. Aber den Geist, den jedes Pfalmenwort atmet, ließ man meistens friedlich schlummern. Unsere Weisen s. A. wußten den TlÄTD besser zu würdigen. Dies bezeugen die überall angeführten Zitate aus den Psalmen. Erft ein Herder mußte, nach den Jahrhunderten der Entfremdung, auf diese Perle der Poesie Hinweisen. Trotzdem konnte man heute noch in mancher Schule die nböfi in einen erforschten und einen unerforschten, dunklen Teil gliedern. Im Stöffverteilungsplaue selbst der kleinsten Schule dürfte beispielsweise kaum plK fehlen, — doch den Psalm 126 wird Man meistens vermissen. Natürlich verliert auch der Psalm durch die Uebersetzung, aber um die Bilder, die der Dichter zeichnet, zu veranschaulichen, möge eine wortetreue Uebersetzung hier Platz finden, die für ie Schule besonders geeignet ist und dem Kinde schon einen tiefen Blick in den Aufbau und die Schönheit der Dichtung gewährt; Stufengesang (Hochgesang, Lied, das zur Höhe trägt). Wennzurückführt der Ewige die Gefangenen Zions, dann werden wir sein gleich Träumenden. Dann, wird voll sein vom Lächeln unser Mund und unsere Zunge vom Jubel.' Dann wird man sprechen auch unter dem Völkern: „Großes hat der Ewige an diesen getan." — (Wahrhaft) Großes hat der Ewige (stets) an uns getan, deshalb sind wir auch heiter geblieben. Wenn zuiückführt der Ewiges unsere Gefangenen, dann wird, es (das Goluth) uns Vorkommen wie Wafferbäche im Südlande, (denn) die da säen in Tränen — mit Jubel werden sie ernten. Er geht zwar hin und weirst, indem er trägt die Last der Aussaat, aber kommen wird er einst mit Jubel, indem er (dann) trägt — seine Garben." Nicht umsonst ist dieser Psalm ein Lieblingslied des jüdischen Volke-. Wenn es Festkleider anlegt, wenn es Feststimmung bekunden will, dann singt es seinen nibtfön Will es die Sorge des Alltagslebens vergessen, dann will es seinen Schmerz und seine jahrtausend alte Freude—singen. Dann eilt es auf den Schwingen des Psalms zur echtjüdischen Freude hinauf, zu jener Freude, die nicht berauscht, die sich nimmer vergißt, zu jener Freude, die auch im höchsten Wonnegenuß, auf der höchsten Glücksstufe — auf die Trümmer eines tS^pttH herunterblickt. Nur im großen Garten der Thora blüht wahre jüdische Freude; nur durch seine Thora empfindet der Jude an seinem Schabbos-Tische nach beendeter Mahlzeit jenen himmlischen uy, den die Sprache nicht in Worte zu kleiden vermag. Seiner Gefangenschaft im Goluth gedenkt er — in seiner Freude. Aber einst, wenn Gott sich wieder Zions Rückkehr zuwendet, „dann werden wir gleich Träumenden sein." Wie tief erfaßt der königliche Sänger das Wesen des Traumes! Wenn wir beim Erwachen einen des Nachts gehabten Traum, in die Vorstellung zurückrufen wollen, dann werden wir stets bemerken, daß sich Vieles verstüchtigt hat, und manche Empfindung verwischt oder gar verschwunden ist. Nur das kahle Gemäuer des bis in die kleinsten Details erlebten Traumgebäudes ist geblieben, obwohl dem Traume der Stempel der Wirklichkeit und des Erlebten aufgeprägt war. Wenn einst eine bessere Zukunft für das Gesamt- Israel Heranbrechen wird, und eine schönere Sonne über Judas Geschick strahlt, dann werden die Jahrhunderte des Blutes und der Tränen vergesien sein. Die Nacht des langen Goluth wird uns nur noch Vorkommen „wie ein Traum". Die Organe, der Mund und die Zunge, werden dann wetteifern mit ihren jauchzenden Hallelujahs. §a, sogar die Völker, die an keine Zukunft sryels, an kein gottgetragenes Volk glauben wollten, die so oft den spitzen Stahl des Dolches und des Hasses gegen das jüdische Volk gekehrt haben, selbst sie wewen bekennen müssen: „Großes hat der Ewige an diesen getan." Israel braucht nicht den lachenden Himmel des Glückes über sich zu sehen,' es weiß, daß sein Gott stets seineschützende Hand über eS breitet. So mancher Leichenstein getäuschter Hoffnung zeigt sich beim Wandern durch Israels Geschichte! Gräber vergangenen Glücke- und geknickter Lebenskraft erheben sich -massenhaft am Wanderwege unseres Bolkesl Des Schicksals Stürme konnten uns nicht verzweifelnd W Boden drücken; „toft find stets heiter geblieben." Wenn aber einst «die Stunde der Rückkehr geschlagen hat, Mnn^Israel, sich mit feinem WandeÄbuche, mit seiner Thora unter das, Banner seines Gottes schart und seinohiy? iww aus Gott zu» . .y-. w. jubelnder Brust spricht, dann wird es uns Vorkommen „wie Wafferbäche im Südlande." Denken wir uns einen Wanderer, der im glühenden Wüstenfande dahinschreitet. Die durstige Zunge lechzt nach einem kühlenden Trünke. Kein schattenspendender Baum, keine Quelle winkt dem Wanderer. Die schlotternden Kniee wanken, schon glaubt er vor Durst sterben zu müssen. Doch horch — ein sprudelnder Quell treibt murmelnd seine Wasser in den Sand! „Freudig bückt er sich .nieder und erftischet die brennenden Glieder." Vergessen sind die Todesschatten, die schon an ihm vorbeigehuscht find. Vergessen ist der Augenblick, wo er der Verzweiflung nahe war, da er befürchtete, verlassen in der Wüste sterben zu müssen. Mit heißen Worten wird er Gott seinen Dank zollen, der auch in der trostlosesten Wüste noch eine Quelle rieseln läßt. Wie paßt dieses Bild zu Israels Geschick! Der Dichter eröffnet mit seinem aus D'p'fitO eine Perspektive, die Trost zu spenden vermag — einem Volke, das schon lange, lange Zeit in der Wüste der Intoleranz und der Verfolgung schmachtet. Auch ihm wird einst eine Quelle rauschen im dürren Lande. Nicht immer werden die Schatten schwarzer Nacht über Israel stehen, „denn die da säen in Tränen, — mit Jubel werden fie einst ernten." „Zwar geht er hin und weint, indem er die Last der Aussaat trägt, aber jubelnd wird er einst heimkehren mit reifen Garben." Markiger und wahrer konnte David die Geschichte seines Volkes nicht zeichnen! Eine Wahrbeit spricht der Dichter aus, die entmutigt und doch kräftigt, die weint und doch lacht! Der Psalmist vergleicht das jüdische Volk mit einem Landmanne. Dieser trägt die zur Aussaat bestimmten Körner keuchend nach dem oben chuf dem Berge liegenden Acker. Mag er auch nur mit Aufbietung seiner ganzen Straft das Feld erreichen; er wird die Last nicht empfinden, weiß er doch — und dies ist sein Trost —, daß er einst den zehnfachen Ertrag einheimsen kann. Seitdem Israel einen Schritt vom Gesetze gewichen ist, seitdem mo ntrev?1p ra min W rffobyo nv-o^ onb mn seitdem eg von Horch» Höhen wehklagend tönt: „Wehe den Menschen, die die Thora verkennen und mißachten," seitdem wandert Israel rastlos dahin und bildet gewissermaßen das „kvrpvluum mobile" der Völker. Und doch erfüllt das jüdische Volk nur durch daS Exil seine schönste und heiligste Aufgabe und erlangt durch sein Wandern und Wirken ein Anrecht auf seine Primogenitur. Den großen Weltenacker hat Israel zu bestellen und in seine Furchen Samenkörner der Wahrheit von Gott und der Menschbestimmung einzusäen. „Wohl war die Saat unter einem tränenreichen Geschicke vollzogen" (Hirsch), oft konnte Israel nur mit dem Verluste von Gut und Blut seiner Aufgabe tteu bleiben, der Erfolg aber entschädigt wieder. Schon manches Körnchen im Menschheits-

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