Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 12 (25.3.1909)
- Date
- 1909-03-25
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Feuilleton-Beilage zu Nr. \2 des „)sraem". euilleton 5amuel da NaglS. Eine jüdische Erzählung aus der spanisch-maurischen Zeit (Fortsetzung.) Eine ganze leise Regung von Zorn überkam Samuel, statt dessen lächelte er nur traurig. „Ich weiß es," sprach er, „Deine Dichtungen werden in dem Munde unseres Volkes lebendig sein, wenn die meinen dahingegangen sind, wie der Schatten eines vorüberfliegenden Vogels. Wünschtest Du Dir nicht dereinst in einem Lobaedichte auf Samuel, den Nagid, den zwiefachen Anteil von dessen Geist? Siehe, Deine Erwartungen sind noch übertroffen worden. Deine Dichtungen erfreuen sich einer weit höheren Gunst, als. die meinigen." Wie so häufig, so glaubte auch diesmal der Fürst, Gabirol werde beschämt ob seines Unrechtes um Verzeihung bitten. Er hatte sich getäuscht, Gabirol ging, um den Nagid in diesem Leben nicht mehr zu sehen. 11. Kapitel. Der Fürst von Sevilla, ein Araber mit Namen Motahid, hatte verschiedene Siege über einige kleine Berberfürsten errungen und gab sich, berauscht von seinen Erfolgen, den Ausbrüchen unmäßiger Freude hin. Desto mehr fiel Badis einer immer wachsenden Angst zum Raube. Als er die Nachricht von dem schrecklichen Schicksale erhielt, welches die berberischen Fürsten der Nachbarschaft getroffen hatte, zerriß er feine Kleider und heulte vor Wut. Und als er darauf erfuhr, daß die ganze aus Arabern bestehende Bevölkerung von Ronda sich wie ein Mann erhoben habe, um ihre Unterdrücker niederzumachen, tauchten dunkle Vorahnungen in ihm auf, die seinen argwöhnischen Geist peinigten und quälten. Wer stand ihm dafür, daß seine eigenen arabischen Untertanen es nicht auch mit den benachbarten Leuten ihres Stammes, den Abbadiden, hielten und gegen feinen Thron und sein Leben sich verschworen hatten. Nächte hindurch und auch am Tage schritt er in seinem Gemache unaufhörlich auf und ab, nur von diesem einen Gedanken verfolgt und wer den König sah, mußte glauben, daß er Anfälle von Wahnsinn habe.' Bald vor Wut außer sich, schrie er, fluchte und war gegen jedermann aufgebracht/ bald verfiel er, vor Furcht ganz verwirrt und in tiefe Melancholie versunken, in dumpfes Stillschweigen, und wie ein vom Blitz getroffener Baum welkte er dahin. Eine sehr auffallende, auf nichts gutes deutende Erscheinung war auch, daß Badis nicht mehr trank. Ein furchtbarer Anschlag reifte in seinem Innern. So lange es noch Araber in seinem Reich gab, war er keinen Augenblick seines Lebens sicher/ darum hielt er es für geboten, sie auszurotten. Die Ausführung seines Planes war auf den nächsten Freitag angesetzt, wo sie alle in der Moschee versammelt waren und er sie mit einem Schlage treffen konnte. Da er aber nichts unternahm, ohne seinen Vezier um Rat zu fragen, ließ er diesen kommen. Samuel erschrak, als er den. König erblickte. Ein Bild des Jammers bot er ihm. Das vom Weine früher aufgedunsene hochrote Gesicht hatte eilte fahle Bläffe angenommen, bleierne Ringe hatten sich um die tiefliegenden Augen gelegt, aus denen ein unheimliches Feuer loderte. Der Arm, der gewohnt war, mit festem Griffe die Köpfe der Feinde vom Rumpfe zu trennen, zitterte gewaltig und nur mit Mühe vermochte die einst hohe Gestalt sich aufrecht zu halten. „Die Araber in meinen Reiche sollen insgesamt ausgerottet werden," sagte er mit jener weinerlichen Stimme, die Männern eigen ist, die ihr Leben zum großen Teile im Rausche verbracht. Und er entwickelte Samuel seinen ganzen teuflischen Plan. „Ob Du nun Deine Zustimmung gibst oder nicht, es ist bei mir beschlossene Sache." „Ich kann Dir nur sagen, o König, daß Dein Plan schlecht ist, warte doch noch ab und denke erst reiflich über die Folgen einer solchen grauenhaften Tat nach." „Ich denke seit Wochen bei Tag und bei Nacht an nichts anderes, es ist mein unabänderlicher Wille." „Setzen wir voraus," sagte Samuel, daß alles nach Deinen Wünschen gehe und es Dir gelinge, die Araber auszurotten und bringen wir die Gefahr eines solchen Unternehmens gar nicht in Anschlag, glaubst Du, daß die Araber der anderen Staaten das Unglück ihrer Landsleute vergeffen würden? Nein, gewiß nicht, ich sehe sie schon in voller Wut herbeieilen/ ich sehe schon die Feinde unzählig wie die Wogen des Meeres auf Dich ein dringen und ihre Säbel über Deinem Haupte schwingen." Die Worte hatten nicht die geringste Wirkung auf Badis. „Verspreche mir, mein Geheimnis zu bewahren. Ich werde die Sache ohne Dich machen." Als Samuel den König verließ, erteilte dieser die nötigen Befehle, alles für nächsten Freitag vorzubereiten. An diesem Tage sollten die Soldaten, vollständig bewaffnet, sich unter dem Vorwände einer Heerschau versammeln. Samuel kämpfte unterdessen einen heftigen Seelenkampf. Er hatte dem Khakifen versprochen, dessen Geheimnis zu bewahren, hielt er aber sein Versprechen, so würde er eine unendliche Blutschuld auf sich laden. Bald indes kam er zu der Erkenntnis, daß er in diesem Falle nicht an fein Wort gebunden sei. Heimlich schickte er zu den vornehmsten Arabern einige ihnen bekannte Frauen, die ihnen raten mußten, sich am nächsten Freitag nicht in die Moschee zu begeben, sich vielmehr an. diesem Tage verborgen zu halten. So gewarnt, waren die Araber auf ihrer Hut, und am festgesetzten Tage fanden sich in der Moschee nnr einige Leute aus dem geringeren Volke ein. Badis geriet in die höchste Wut, als er seinen Plan scheitern sah. Er ließ Samuel kommen. Dieser war vollkommen überzeugt, daß ihn der König ermorden werde. Er verabschiedete sich von Frau und Kindern, traf seine letzten Anordnungen. Vergebens bat ihn seine Gattin zu fliehen. „Wohl möchte ich den Rest meiner Tage im Lande meiner Sehnsucht zubringen, Tag und Nacht mit der einzigen Sorge beschäftigt, immer tiefer in das unendliche Meer des Talmuds einzudringen. Wenn ich aber jetzt fliehen würde, so würde es keine drei Tage dauern, bis., man meiner habhaft würde. Unser Gang unter der Erde, er wäre nützlich zu einer Zeit, da nicht die allgemeine Aufmerksamkeit auf mich gelenkt ist. Immerhin ist doch auch eine Möglichkeit vorhanden, daß Badis meiner schonen wird. Man hat doch nicht vergebens ein Menschenalter hindurch. einem Reiche seine besten Kräfte geopfert." „Gehe in Frieden," sagte Fatime, „und der allmächtige Gott beschütze Dich," auf daß Du gesund wieder zu uns zurückkehren mögest. Meine Furcht vor dem Zorne Badis ist zwar groß, größer aber ist meine Zuversicht auf den Beistand des Allherrn, der Dir aus dem Verdienste Deiner edlen Handlungen erwächst." Samuel riß sich gewaltsam los, unterwegs sprach er die Sterbegebete, das große Sündenbekenntnis und als er in das Tor der al-hambrah trat, kamen die Schemoth, in denen jeder Jude in der Stunde seines Todes die Einheit Gottes als seine höchste Ueberzeugung in die scheidende Welt ruft, von seinen bleichen Lippen. Als Samuel vor Badis stand, war eine wunderbare Ruhe über ihn gekommen / er hatte mit der Welt abgeschlossen. „Du hast das Dir anvertraute Geheimnis laut werden lassen." Der Vezier gab hierauf keine Antwort. Er sagte nur: „Man kann sich leicht erklären, warum die Araber nicht in die Moschee gegangen sind. Da sie sahen, daß Du Deine Truppen ohne allen Grund versammelst — denn mit Deinen Nachbarn lebst Du ja in Frieden — so haben sie natürlich erraten, auf wen es abgesehen sei. Statt darüber aufgebracht zu sein, solltest Du lieber dem allmächtigen Gotte danken, denn da sie Deine Absicht entdeckt hatten, konnten sie sich gegen Dich erheben und dennoch haben sie sich nicht gerührt. Betrachte die Sache mit kaltem Blute, o Herr, die Zeit wird kommen, da Du meine Ansicht billigen wirst." Badis war von der ruhigen Rede Samuels überrascht. Vielleicht hätte er sich in seiner Verblendung noch gesträubt, die Ueberzeugung seines Veziers zu seiner eigenen zu machen, hätte nicht ein berberischer Scheich die von Samuel vorgebrachten Gründe unterstützt. „Dank Dir, Charbona," sprach Samuel. „Wie heißest Du mich?" sprach der Scheich. „Dieser mein Name ist Achmed ibn Akaba." „Ich weiß es wohl," sprach Samuel, „Du gleichest aber einem Manne, der dereinst an einem persischen Hofe ebenfalls zur rechten Zeit das rechte Wort fand, sein Andenken sei gesegnet und auch Deines in alle Zeiten." „Ich sehe mein Unrecht ein," sprach Badis, „und werde nie mehr daran denken, meine arabischen Untertanen ausrotten zu wollen. Aber die Herren in Sevilla, sie sollen meine Rache spüren." Einige Wochen nach diese« Ereignissen stellte sich Badis an die Spitze der x Flüchtlinge aus Moros, Arcos, Leres und Rondü und verwüstete das sevillanische Gebiet. Samuel war nunmehr Vezier eines bedeutenden Reiches, aber die mannigfachen Aufregungen der jüngsten Jahre hatten einen nachteiligen Einfluß auf sein Befinden ausgeübt. Schwere Träume schreckten ihn von Zeit zu Zeit. Obwohl erst ein beginnender Sechziger, waren Gedanken an den nahenden Tod keine Seltenheit bei ihm. „Mir träumte," so sagte er eines Morgens zu seiner Gattin, „ich sei lebendig begraben, ich lag im Kasten wachend und konnte nicht sterben. Von Zeit zu Zeit kam einer, der ein wenig Luft hereinließ, auf daß ich immer weiter lebe, auch rückte er mich ein wenig zurecht. Endlich nach vielen Jahrhunderten wurde ich herausgeholt. Ich erwachte zu neuem Leben." „Das sind Deine Bücher," sprach Fatime, „das ist auch die Geschichte Deines Lebens. Unbeachtet standen sie in den Büchereien, dann wurden sie hervorgeholt. Deine Gedanken begannen wieder auf die Menschen zu wirken, Deine Taten sie zur Nacheiferung zu entfachen, wie zur Zeit, da Du des Lichtes Dich erfreuen durftest. Samuel war durch diese ebenso geistreiche wie schmeichelhafte Erklärung beruhigt. Mit desto größerer Besorgnis beobachteten Gattin und Kinder den früh alternden Mann. (Fortsetzung folgt.)