Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1909-03-18 · Heft 11 (18.3.1909) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 11 (18.3.1909)
Date
1909-03-18
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2449352-2449364--65375-2508010
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Feuilleton. I. ■ V' ft-c. Samuel da ßagid. Eine jüdische Erzählung aus der spanisch-maurischen Zeit. (Fortsetzung.) ,>Getyiß", erwiderte Salomo, „ich leugne nicht, es geschrieben zu haben. Ich bin vielleicht zu weit gegangen, aber hat mich Dein Vater nicht hundertfach gereizt, bevor.zu solcher Reimerei ich mich verstand?" * „Aber, Salomo, nimmst Du denn gar keine Rücksicht auf die hohe Stellung meines Vaters, keine Rücksicht auf dessen fast unbegrenzte Macht? Wenn mein Vater sich auch manches gegen Dich erlaüben würde, selbst ohne daß Du ihn gereizt, darfst Du dann mit gleicher Münze zahlen?" , ‘ „Die hohe Stelle Samuels' blendet Gabirol nicht", war die Antwort des Dichters, „ja, sie fordert mich im Gegenteile noch zur besonderen Wahrung meiner Selbstständigkeit auf, auf dem Pergamente gilt nur die Schrift, hier sind alle Gegner gleich, ihre Stellungen im Leben spielen hier keine Rollen". Nun ergriffen andere junge Leute das Wort und während verzuckerter Limonensaft in köstlichen Schaaten herumgereicht wurde, verlas man Gedichte von Samuel und abwechselnd solche von Gabirol. Allgemein anerkannte man die Größe Gabirols auf dem Gebiete der religiösen Dichtung, während man Samuels Werken oen Vorwurf nicht ersparen konnte, daß er allznviele Bilder und Worte der arabischen Sprache entlehnt und hierdurch die Reinheit der heiligen Laute getrübt habe. Trotz alledem kam man überein, daß Gabirol seinen hohen Freund um Verzeihung bitten solle. Der Dichter schwankte zwischen Reue und stolzem Selbstbstbewußtsein, endlich siegte die erstere. Sofort dichtete er eine Kaside, die dem Fürsten überreicht werden sollte und die selbst deffen Sohne Joseph außerordentlich gefiel. Die Kaside begann wie folgt: „Leihe Deine Wonne, Deine Pracht mir, Zeit, Sie sei dem Fürsten als Geschenk geweiht . . . Entwinde Dich dem Schlummer, träges Herz, Und sammle die Gedanken, die zerstreut .... Bring dar ein Sündenopfer Deiner Schuld, Vielleicht, daß Dir Verzeihung angedeiht .... Doch denk nicht, Fürst, daß Gier nach Lohn mich treibt, Die huldigend ein winselnd Lied Dir beut. Mein Herz ist nicht verzagt, und führtest Du Die Sternenheere mir heran zum Streit . . ." Mit diesem Gedichte in der Hand begab sich Salomo auf den Weg zum Vezier, während die jungen Leme sich weiter in der Behausung und den Gartenanlagen der fürstlichen Sommerresidcnz belustigten. Zehntes Kapitel. Samuel war guter. Laune. Soeben' hatte er von dem größten Astronomen der Zeit, von dem Leiter der Bagdader Sterwarte Al-Hazen, ein Schreiben empfangen, worin ihm.dieser grW Gelehrte über feine. ViWrfferungen der Theorie, der atmosphärischen Strahlenbrechung berichtete, auch darüber schrieb er ihm, daß er aus den Dämmerungserschetnungen die Höhe der Atmosphäre zu bestimmen vermöge. Zugleich teilte er ihm mit, daß er einer der Astronomen sei, die vom Persersürsten Malek Schah berufen worden waren, die Länge des tropischen Jahres zu suchen und daß es ihnen gelungen sei, sie mit 365 Tagen, 5 Stunden, 48 Minuten und 45 Sekunden zu finden. Nunmehr schlage Omar Chejam einen 33 jährigen Zyklus mit acht Schalttagen vor. Samuel besaß einige wichtige Abschriften von Vorträgen die sein Lehrer auf Kordobas Hochschule einst gehalten, die sich auf die Einrichtung des Zyklus bezogen und nun seinem Freunde Al-Hazen sehr zu statten kommen mochten. Er veranlaßte, daß diese ihm sofort gesandt wurden. Daß sein Freund die Kugelsegmente als Vergrößerungsgläser benutzte, wußte er schon, lange, und nun wünschte er ihm Glück, daß er diese seine Endeckung in den Dienst der Wissenschaft stellen konnte. Der junge Dichter fand deshalb den Vezier in vortrefflicher Stimmung. Er wurde äußerst verbindlich von ihm ausgenommen und die Dichtung fand des Fürsten vollen Beifall. Samuel erzählte — froh der Beseitigung der Mißverständnisse — dem wiedergewonnenen Freund allerhand Neuigkeiten. „Weißt Du schon, mein Salomo, unser gemeinsamer Freund, Rabenu Nissim will wieder hinüber nach Afrika". „Und darf man fragen, weshalb?" „Es gefällt ihm nicht in unserem Lande. Man pflegt ihm hier zu sehr diejenigen Wissenschaften, die mit unserer heiligen Lehre nichts gemein haben". „Ich versiehe Dich nicht", sprach Gabirol, der bei seiner hochgespannten Empfindlichkeit schon durch diese Worte gereizt war. „Erkläre Dich deutlicher". „Ich kann mich gar nicht deutlicher erklären, als wenn ich Dir den Inhalt eines Briefes mitteile, den ich von dem bedeutendsten und heiligsten Manne unserer Zeit erhalten habe, von dem Gaon Hai" ... „Halt ein", rief Salomo, „ich will ihn nicht hören, nach dem, was ich schon von Dir vernahm, kann er nichts Gutes bringen." „Du sollst und mußt ihn hören, denn was der Größte unserer Zeit gesprochen, es soll Nicht untergehen in wenig Wochen". „So rede", sprach Gabirol in hoher Erregung Samuel schaute seinen Besucher scharf an, dann sprach er: „Der Gaon warnt 'uns eindringlich vor aller Beschäftigung mit der trügerischen Philosophie, vor der sogenanpten „Logik", die ein Werkzeug der Sünde sei und vom rechten 'Wege führe. Möglich, so meint er, daß dieser Begriff späterhin einmal so geklärt werde, daß er auch im Judentums anwendbar wird. Heute aber noch sei es eine falsche Vorspiegelung, daß die Verbindung der Wissenschaft mit dem Talmudstudium ein verdienstliches Werk sei, das letztere allein führe zur echten Gottesfurcht und erhalte in ihr". Gabirol war heftig vom Zorne entbrannt. „Was dem Osten schädlich", rief er, „das ist es uns noch lange nicht. Dort ist die Bildung im Sinken, das Mißtrauen gegen die Wissenschaft, namentlich gegen eine aus rein geistiges Schauen sich gründe», de Erkenntnisweise hat sich mächtig erhoben, die kühne Freisinn igkeit und Feinsinnigkeit ist dort verdächtig". „Aber was der Gaon schreibt — verzeihe o Freund — läßt mich kalt. Sage mir lieber, was Du über^ den Brief des Mannes denkst". „Ich?" antwortete Samuel nachdenklich, „ich weiß, ja, daß hierzulande philosophische Studien als notwendige Bedingung zu reiner Gotteserkenntnis, mithin zur wahren Frömmigkeit gelten und ich habe deshalb auch Hai um sein Urteil gebeten. Ich muß gestehen, daß mir die einseitige Verdammung aller wissenschaftlichen Tätigkeit nicht ganz zusagt, andererseits ruft der Brief doch wohl Bedenken gegen das allzutiefe Hinabsteigen in die Schächte der Philosophie in mir wach." Gabirol faßte sich mit beiden Händen am Kopfe und weinte bitterlich. „Nirgends, nirgends," rief er, „sehe ich meine Ideale verwirklicht, nicht in mir, nicht bei Dir, nicht in anderen. Der brennende Durst nach Wahrheit wird nie gestillt werden, niemals. Ach, ich glaubte ihn von Dir geteilt, Du aber findest Deine Befriedigung in Deinem Werktagtreiben, in Deinem Vezierat. Du mußt Gelder eintreiben und ausgeben, mit Flachköpfen Dich herumklopfen, Kriege führen, nach oben Dich schmiegen, nach unten Dich biegen, langweilige Berwaltungsberichte anhören. Ich beneide Dich wahrlich nicht, Dich, den Schöngeist und Dichter, um ein solches Leben." „Du verkennst, mein Freund," entgegnete Samuel, „vollkommen die Wichtigkeit der politischen Aufgaben. Sollen wir uns von der Schöngeisterei in jene Lässigkeit locken lassen, die ausschließlich verderbenbringenden Mächten zu statten kommt? Wo käme dies Land hin, wo kämen wir Juden hin, wenn nicht Persönlichkeit und Talente in die politische Arena hinabstiegen? Dein Bewußtsein der Erhabenheit über die Welt könnte die Welt zum Untergange führen. Kultiviere Du nur weiter die Grundbestandteile der Menschenseele. Ich fühle mich — Du lachst — zu Höherem berufen. Auch die Politik ist eine Kunst, wie denn überhaupt jede starke und verantwortliche Tätigkeit zur Kunst werden muß, wenn sie etwas leisten soll. Auch in ihr sind tiefe Wahrheiten zu finden. Aber für den Rhytmus des Staatsgetriebes hast Du keinen, Sinn, Du siehst nur die niederen Stufen, Du 'schwärmerischer Träumer. Du bleibst dauernd ein Kind ..." Samuel hoffte, mit seinen Worten den jungen Mann zu besänftigen, aber er erzielte nur das Gegenteil. „Laß mich gehen," sprach der Philosoph, „Du öffnest die Kluft zwischen Dir und mir nur immer weiter. In Dir, dem älteren Manne, glaubte ich ein edles Vorbild zu erblicken, zu dem ich mit Bewunderung und Frieden emporschauen kann — es ist vorbei — Samuel lachte herzlich. Aber dieses Lachen zerschnitt dem armen Dichter die Seele. Der Freund suchte ihn von seinen bitteren Gedanken abzulenken. „S'mach, Bachur, bejaldusecho," sprach er sanft, „gib Dich in Jugendlust dem mäßigen Genüsse hin, begrab in leichtem Weine den träumerischen Schmerz." Ein Seitenblick, voll von der tiefsten Verachtung, strafte den Vezier für diese Worte. „Und das will Samuel sein/ rief er im Tone höchsten Spottes, „Samuel, der Fürst, den ich schmeichlerisch mit dem Propheten Samuel, dem Sohne Elkanahs, zusammenstellte! Ha, ha, ha . . . ." „Ja," rief der Vezir, „ich b i n Samuel, nicht der Prophet, doch Dein Arzt und wenn Du jetzt ein Spottgedicht auf mich machen wirst — und .Du wirst es sicher — so gib mir nur das eine Lob, daß viel von Dir zu ertragen ich lernte." „Abed,". rief er einem in der Ecke kauernden Sklaven zu, „sorge dafür, daß Gabriol in Elvira genügend Pergament und Tinte habe, er will mehrere neue Gedichte machen." „In dieser Satyre steckt wenig Geist, mein Samuel, gewiß, ich werde noch viele Lieder dichten, aber nicht mehr in Deiner Behausung und nicht mehr als Gast Samuels, Dir aber will ich zum Abschiede noch ein^n Rat erteilen, köstlicher denn Perlen und Edelgestein, fertige Du in Zukunft keine Lieder mehr an." (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.