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Der Israelit · 1909-03-04 · Heft 9 (4.3.1909) · page 24

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 9 (4.3.1909)
Date
1909-03-04
Page
– (sequence 24)
Language
German
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Seite 24 No. 9. Der Israelit. 4. Mörz 1909. Ursprünglich eine überwiegend heidnische, mit zügellosen kultischen Gebräuchen ausgestattete Neubildung, wie ihrer auf dem Boden des alten Orients so viele geworden und vergangen sind, entwickelte sich der Samaritnnismus allmählich in seiner äußeren Form dem Judentum immer ähnlicher, ihne daß darum doch die Feindschaft zwischen Juden und Samaritanern aufhörte. Die Samaritaner nahmen auch den Hauptbestandteil der Heiligen SLrift d^r Juden, die fünf Bücher Mosis, an. Uebriaens ist der samaritanische Text des Pentateuch keineswegs zuverlässig t er weist vielmehr verschiedene jüngere Einschiebungen und Entstellungen auf. Ebenso ist es natürlich erne Fabel, daß die mit althebräischen Lettern geschriebene Gesetzrolle, die der sogenannte Hohepriester der Samaritaner den Besuchern in ihrer Synagoge zu Nablus vorzeigt, von Abischua, dem Sohne des Phineas, des Sohnes des Eleasars, des Sohnes Aarons, geschrieben ist — die Samaritaner haben vielmehr ihren Pentateuch erst im Jahre 370 vor der n. Ztr. aus Judäa in hebräischer Sprache erhalten, und vier später ist er ins Samaritanische, eine aus Hebräisch und Aramäisch entstandene Mischsprache, übersetzt worden. Heutigentags spricht niemand mehr von den Samaritanern jene alte Mundart, sondern sie bedienen sich durchweg der allgemeinen modern:n Verkehrssprache, in Syrien und Palästina, des Arabischen. Am interessantesten ist es, wenn man Gelegenheit bat, die Samaritaner zur Zeit ihres Passah, das mit dem jüdischen zusammensällt, zu besuchen. Sie ziehen dann auf den Gipfel des Berges Garrzim und wohnen dort in Zelten. Erne kleine Gruppe der weißen Leinwanddächer beherbergt den ganzen, heute iwch vorhandenen Ueberrest des Volkes, das sich nur auf etwas über 130 Seelen beläuft. Zur römischen Kaiserzeit waren sie als Volk wie als Religionsgemeinschaft noch zahlreich; sre nahmen auch an dem großen jüdischen Aufstand unter Vespasian und Titus teil und verteidigten sich gegen dre Römer in ausgedehnten - Verschanzungcn um drn Tempel auf dem Garizim. Tie Römer erstürmten den Berg und hieben nach dem Bericht des Josephus gegen 12,000 Samaritaner nieder. Während aber die Masse des jüdischen Volkes nach dem zweiten großen Aufstande des Bar-Kochba im zweiten Jahrhundert aus Palästina in alle Länder der Welt zerstreut wurde, hielten sich die Samaritaner m ihrer Heimat und machten sich noch unter dem Kaiser Justian bemerkbar. So hatte z. B. Alexandria noch im Mittelalter und selbst bis in die neuere Zeit eilte kleine samaritanische Gemeinde. Jetzt gibt es keine Samaritaner mehr, außer in Nablus. Der Passahgottesdienst wird an der Stelle auf dem Gipfel des Berges gefeiert, wo der Ueberlieserung nach ihr altes Heiligtum stand. Dort ist jetzt ein aus losen Steinen einige Fuß hoch aufgehäufter Ringwall vorhanden, innerhalb dessen sich die männlichen Mitglieder der 'Gemeinde versammeln. Nur Samaritaner dürfen diesen inneren Kreis betreten. Aehnlich wie auch an den christlichen Heiligtümern in Jerusalem und Bethlehem türkische Wachen stehen, so ist auch beim Passahsest der Samaritaner auf dem Garizim ein Kommando türkischer Soldaten zugegen, das Fremde daran hindern soll, das Innere des Steinwalls zu betreten. Im übrigen nehmen diese Leute den Wachdienst mehr gemütlich and harmlos und sind bei der Zeremonie selbst interessante Zuschauer. Um Mittag versammeln sich die Samaritaner und der Hohepriester in einem langen losen Kaftan aus grüner Seide rezitiert die Festgebere. Dann werden die Pafsahlämmer geschlachtet. Die geschlachteten Tiere werden an Stangen aufgehängt, dre je zwei Männer aus den Schultern trage,», und in dieser Lage geöffnet und ausgenommen. Die rechte Schulter, zusammen mit Leber, Herz und allen Eingeweiden, wird verbrannt. Ueber einen ausgehobene., Graben wird ein Rost gelegt, und äus diesem erfolgt die Verbrennung der Opferstückr. Die zum Passahmahl bestimmten Tiere werden danach nicht weiter zerlegt, sondern an lange hölzerne Spieße gesteckt und in einem losen, nach Art eines Ofens aufgebauten Haufen erhitzter Steine geröstet. Ungesäuertes Brot und bittere Kräuter sind bereit gelegt, und sobald das Rösten des Fleisches beendet ist, was gewöhnlich "bis Mitternacht dauert, versanimclt sich wiederum die ganze männliche Gemeinde innerhalb des Walles um den Röstofen. Die Steine werden dann äuseinandergerissen und die gerösteten Lämmer an den Holzspießen, auf die sie gesteckt sind, hervorgezogen. In weniger als zehn Minuten ist alles Fleisch verzehrt; Frauen und Kinder erhalten ihren Anteil ins Zelt getragen. Nach dem Mahl werden die Ueberreste sorgfältig aufgesucht und verbrannt — damit „nichts übrigbleibe bis zum Morgen", wie sie die alttestamentliche Vorschrift mißverstehen. Da die Samaritaner nur untereinander heiraten und dal>er alle Familien schon seit langer Zeit in naher Blutsverwandtschaft zueinander stehen, so sind die Aussichten für die nationale Erhaltung des noch vorhandenen Restes begreiflicherweise sehr günstig. Im übrgien sind sie ein durchaus harmloses Völkchen, das es auch ganz gut versteht, das neugierige Interesse der Fremden, namentlich der wenig kritischen englischen und amerikanischen Touristen, durch Erzählungen über alles mögliche, die mehrtausendjähr'ge Gesetzesrolle, das Hohepriestertum usw., zu einem Singenden Backschisch auszubeuten. Tie Synagoge, in der der Pentateuch aufbewahrt wird, ist ein kleines, modern gebautes und häßliches Gebäude, uud auch die Wohnungen der Samaritaner selbst unterscheiden sich nicht weiter von denen der durch ihren Fanatismus und ihre Fremdenfeindschaft ziemlich berüchtigten niohammedanischen Bevölkerung von Nablus. Kinderecke. Die tlawöolotikme. Lange war Hawdolohkerze so von Stadt zu Stadt und Haus zu Haus gezogen und war darüber alt und runzelig geworden. Es war ihr ein hartes Lebenslos beschieden. Nirgends war ihres Bleibens mehr als wenige Augenblicke/ dann hieß es wieder: wandere. Aber es waren ernste feierliche Minuten/ der Abschied von Sabbatfrieden und -Freude hinein in sechs lange, schwere Wochentage mit ihren Mühen und Nöten. Und wo gabs die nicht? Weder Seide noch Purpur schrecken sie zurück/ weder die hohen massiven Tore prunkvoller Paläste, noch die goldbetreßten Diener und Lakaien in den langen, teppichbelegten Gängen vermögen Frau Sorge den Eingang zu den ahnungslosen unglücklichen Menschen zu verwehren. Hafdolohkerze aber hatte nicht nur Helle, scharfe Augen, sondern auch ein weiches fühlendes Herz/ und mit großen Tränentropfen in den langen schwarzen Wimpern und einem tiefen Seufzer pflegte sie dann immer Abschied zu nehmen nach ihrem kurzen Besuch. Nun war das Ende ihrer Tage gekommen, und sie wünschte stch so sehnlichst aus der Tiefe ihres Herzens, noch einmal einen Menschen recht, recht glücklich zu machen. Dann wollte sie gerne sterben. —- Es war tief im Winter. Am Fuß der Rhön liegt einsam und im Schnee vergraben ein kleines Dorf. Ganz draußen, von allen Seiten schon von weißen Feldern umgeben, steht, etwas erhöht, noch ein letztes Häuschen. Hoch hinauf sind seine Fenster mit Schnee verweht und die gefrorenen Scheiben blicken wie große trübe Augen in die Dämmerung. Drinnen aber ist ein warmes, freundliches Stübchen im Sabbatkleid, und die stürmenden Schneemassen, die vor dem Fenster wirbeln, und das Pfeifen des Windes machen das Zwielicht nur noch heimlicher und die Sabbatruhe noch tiefer und inniger. Im Ofen knistert das Feuer und spielt mit tanzenden Lichtern auf den zinnernen Tellern und Kannen gegenüber auf der alten Kommode aus Kirschbaum. Die große Standuhr tickt gleichmäßig und schwermütig. Sonst aber ist's still im sonst so munteren Kreise. In der Ecke beim Fenster nämlich steht ein Krankenbett. Schier eine Woche schon liegt klein Rahelchen im Fieber. Umsonst hofft man von Tag zu Tag auf Befferung und mit Bangen sieht man dem Abend entgegen/ denn schon beginnt langsam die Fieberhitze wieder anzufteigen. Die Mutter legt kalte Tücher auf die brennende Stirn/ der Vater sitzt am Bettrand, während das Kind, mit geschloffenen Augen, wie im Schlaf daliegend, mit seinen heißen Händchen ihn krampfhaft bei der Hand hielt. „Gelt Vater," begann es da leise zu stöhnen, während die Fieberglut mehr und mehr das schmale, zarte Gesichtchen zu bedecken begann, „du gehst heute nicht fort von mir/ nur heute nicht/ ach nein, bleib doch/ nur diesmal noch!" und fröstelnd schauderte es zusammen. „Ja mein Kind, ich bin ja bei dir", erwiderte der Vater mit seiner tiefen weichen Stimme, dann ward's wieder still wie zuvor/ nur die Atemzüge tönten rascher und schwerer aus den Kissen.-— Hatte das Kind geahnt, daß es umsonst bat? Gleich nach Hafdoloh mußte der Vater ja fort. Drei Stunden nächtliche Fahrt mit der Post zur nächsten Bahnstation, um morgen früh an Ort und Stelle zu sein. In wenig Tagen wollte er wieder zurück kommen. Aber fort mußte er, ohne Aufschub. Es stand zu viel auf dem Spiel. Selbst die Mutter hatte nicht mehr den Mut, um Verschub zu bitten. Und düstere Gedanken drängten sich in dem übervollen Herzen des schwer geprüften Mannes. „Vater, Vater, sieh dort die langen, schwarzen Männer! jetzt, jetzt fassen sie mich/ nein, nein, bleib! ach, du gehst — fort — von mir." „Nein, mein Kind, nur Hafdoloh will ich ja machen/ du weißt doch, mit der schönen leuchtenden Kerze," erwiderte sanft und bewegt der gequälte Mann, und machte sich sanft aus der zitternden Hand seines Lieblings los. — Traumverloren blickte der Vater ohne Unterlaß noch immer in die brennende Kerze, als getraute er sich nicht, sie auszulöschen. Im Geiste mochte er wohl die angeschirrten Postpferde sehen, wie sie. auf dem dürftig erleuchteten Marktplatz ungeduldig im Schnee scharrten/ unö nur die Kerze brauchte zu verlöschen, dann mußte er von seinem Liebling Abschied nehmen. Und ein banges, wehesGefühl sagte ihm ganz leise: — vielleicht für immer. Und sie, die gute Hafdolohkerze, nahm heut wirklich ihre ganze trauliche Schönheit zu ammen und leuchtete so freundlich und friedlich, als ob sie sagen wollte: „Bringst du's übers Herz, mir was zu Leid zu tun?" Und wirklich fand heut niemand den Mut dazu, und eine stille Träne rollte dem Vater in den graumelierten Bart. Da plötzlich — ein Peitschenknallen drüben vom Postgarten her! und rasch, wie jäh erwachend, drückt der Vater das brennende Wachslicht in den wein benetzten Teller, daß es laut auffchluchzt. Die Mutter wankt zur Tür, hilft dem Vater in Pelz und Ueberschuhe/ jetzt noch ein feuchter Blick nach dem Bett und — da dröhnt von der eisernen hartgefrorenen Brücke her der gleichmäßige Hufschlag der Postpferde, die im gewohnten gleichmäßigen Trabe das Dorf verlassen. — Eine Möglichkeit zur Reise gabs heute nicht mehr. — Am anderen Morgen lag das Kind in tiefem, wohltuenden Schlafe an der Brust des Vaters. Die Nacht hatte die Krise und damit die Wendung zur Besserung herbeigefirhrt. Als man dann am nächsten Sabbat Abend wieder Hafdoloh machte, saß klein Rahelchen am Tisch und blickte verklärten Auges in das Licht, als ob es wüßte, was es ihm schuldig wäre. Aber auch der Vater und der ganze Kreis ringsum blickte sinnend und innig hin,^ wie auf einen lieben alten Bekannten, der so traut zu einem sprach. Und wieder dachte keiner dran, die Kerze zn verlöschen. Die aber war nach ihrer letzten Anstrengung so klein geworden, daß man sie heute schon auf ein Hölzchen stellea mußte, um sie nur halten zu können. Und doch kam allen heut ihr Licht so freudig und glänzend vor wie noch nie. Da — mit einem mal ein Aufstauen - und aufgelöst sank sie in sich zusammen. Sie starb einen leisen Tod, umgeben von glücklichen, dankbaren Geistern, gerade so wie sie fichs gewünscht hatte. Zum ersten mal, daß sie beim Verlöschen nicht geseufzt hatte. R. l. ♦rrm '33.1 w!2N p '3X2EN D’3W ^"iron '^31 ’3Ü DX1 .'312V bv ‘nor NN3X1 n3in nnx .nnocn pw 'nxarr n3tt?s *rnx cv ♦H3m TttD -pbx X12X D'WEXI D'YTO .d'3öw nntton?xi22 ubr Kceuzrm E. Agulnick.

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